22. Februar 1942

[420222–2‑1]

16.

Sonn­tag­abend, 20 15 Uhr.

Her­zens­schät­ze­lein! Mein gelieb­ter [Roland]!

Um die­sel­be Zeit – heu­te vor 14 Tagen, Du! Da ging ich mit Dir die letz­ten Minu­ten Arm in Arm auf dem Bahn­steig auf und ab. Her­ze­lein! Denkst Du noch dar­an? Oh Du!!!

Ich habe so bit­ter­lich geweint als ich heim­fuhr. Ach Du! Ich muß­te doch mein Aller­liebs­tes zie­hen las­sen! Nur Du kannst ermes­sen, was das bedeu­tet – nur Du allein. Weil Du mich eben­so liebst, wie ich Dich. Gelieb­ter! Wir sind tap­fer, wir wol­len es! Wir müs­sen es! Aus tie­fer, star­ker Lie­be zuein­an­der!

Alle Gedan­ken, all uns[e]re gan­zen Kräf­te, wir opfern sie ein­an­der, unse­rer Lie­be, unse­rem Weg! Wir müs­sen uns sooo her­zin­nig fest­hal­ten, sooo lieb und treu ein­an­der den­ken – ach – wir müs­sen, Gelieb­ter! Aus Lie­be!!! Aus tie­fer, wun­der­sa­mer Lie­be her­aus. Ich den­ke immer Dein, mein Her­zens­lieb! Und ich spü­re es im Her­zen drin­nen, daß auch Du an mich denkst! Du!! Wenn ich auch bis auf den heu­ti­gen Tag noch kei­nen Boten von Dir in Hän­den hal­te. Ich war­te! Ich war­te voll Lie­be auf Dich! Und wenn es auch noch eini­ge Tage währt. Der Herr­gott wird Dich mir beschüt­zen! Du wirst mir gesund erhal­ten blei­ben! Ich bete jeden Abend für Dich, mein [Roland][!] So inbrüns­tig, so heiß bit­te ich Gott fürum Gna­de für Dein Geschick – für unse­re Lie­be. Gott behält uns lieb – wie wir ihn lieb­be­hal­ten! Das glau­ben wir bei­de zuver­sicht­lich. Und ich bin so getrost, so froh in die­sem Glau­ben. Gelieb­ter! Du bist’s auch! „Wir wis­sen aber, daß denen, die Gott lie­ben, alle Din­ge zum Bes­ten die­nen.” [Roemer 8:28]

Das Licht auf unse­rem Wege! Her­ze­lein! Es ward uns in die See­le geschrie­ben!

Du! Gelieb­ter! Wer hät­te vor 14 Tagen von uns bei­den dar­an gedacht, daß ich 14 Tage spä­ter noch kei­ne Nach­richt wie­der aus Salo­ni­ki haben wer­de? Kei­nes wohl. Aber nun sind die Din­ge anders gekom­men, als wir gedacht. Und wir wis­sen, und müs­sen es her­nach zu oft erfah­ren, daß alles hat so kom­men müs­sen und nicht anders. Unser Weg hier auf Erden ist längst bei einem Höhe­ren beschlos­sen. Und wir, Du und ich, kön­nen uns glück­lich prei­sen, daß wir [i]hn Gott-Vater nen­nen dür­fen. Wie einen ganz lie­ben, ver­trau­ten Men­schen.

Herz­lieb! Ich den­ke an Dich um die­se Stun­de. Ich suche Dich in Gedan­ken inmit­ten Dei­ner Kame­ra­den, gebor­gen in einer guten, fried­li­chen Häus­lich­keit. Ich muß so dank­bar sein. Wie vie­le ste­hen in Nacht und Käl­te, ein­sam auf Pos­ten; oder dem Feind gegen­über.

Oh, es steht jeder auf einem gewis­sen Plat­ze. Kei­ner ist unnütz, wenn ich so nach­den­ke. Oh möch­te Dich der Herr­gott vor dem Ärgs­ten gnä­dig bewah­ren! Blei­be mir! Mein [Roland]. Und damit ich gar­nicht tief­sin­nig, oder gar trau­rig wer­de heu­te Abend, so will ich Dir von mei­nem Tag erzäh­len, der doch so froh ver­lief. Und in der Haupt­sa­che ver­lief er doch nur so froh, weil ich Dich immer neben mir wuß­te in Gedan­ken, Du! Ganz eng neben mir, Her­ze­lein!

Vom Abend zuvor will ich begin­nen.

Die Fami­lie H. war also bei uns zu Besuch. Es wur­de ein ganz gemüt­li­cher Abend. Und ich habe flei­ßig an mei­nem Pull­over gear­bei­tet. Heu­te muß ich fest­stel­len, daß mein Mate­ri­al nicht aus­reicht. Erst ver­su­che ich, Garn nach­zu­be­kom­men – dann eine grö­ße­re Häkelna[d]el, denn dann wird das Mus­ter weit­ma­schi­ger und ich kann so ein­spa­ren.

Heu­te früh um 8 [Uhr] bin ich auf­ge­wacht. Um 9 [Uhr] war Got­tes­dienst, Hel­den­ge­den­ken. Der Pfarr­saal reich­te kaum aus, soviel[‘] Leu­te kamen. Auf dem Weg zum Pfarr­hau­se bewun­der­te ich etwa 40 – 50 Beam­te, Par­tei­mit­glie­der, die den hüft­ho­hen Schnee weg­schau­fel­ten. Ent­we­der in Grund­stü­cke, oder in Kas­ten­wa­gen mit Pfer­den bespannt, die fuh­ren alles nach dem Grund­stück des Bauer[n] G. an der Post, da rinnt alles gleich [i]n den F.bach wenn’s taut. Na, das hat es auch heu­te zur Genü­ge! Zu aller Wohl­ge­fal­len! Vom Pfar­rer erfuh­ren wir nun auch heu­te, daß in den nächs­ten Tagen unse­re Glo­cken für die Reichs­me­tall­samm­lung abge­lie­fert wer­den müs­sen. Also doch noch! Tie­fe Stil­le herrsch­te dar­ob. Der Tag ist noch unbe­stimmt. Am Tage der Abnah­me wer­den uns uns[e]re Glo­cken am Mit­tag noch ein­mal zum Abschied grü­ßen, durch ein ein­stün­di­ges Geläu­te. Wir wer­den sie sehr ver­mis­sen. Aber der Krieg for­dert Opfer, hier und dort. –

Strah­len­de Son­ne lach­te heu­te vom blau­en Him­mel. 4 – 6° Käl­te im Schat­ten. Es hat getaut! Auf den Son­nen­sei­ten der Stra­ßen ganz mäch­tig. Wir freu­en uns, daß des Win­ters grim­mes Regi­ment gebro­chen wird! Der Post­bo­te hat­te nur einen Brief für mich hin­ter­las­sen. Die Urkun­de vom Pfarr­amt zu Naundorf. Nun fehlt mir noch eine. Und Dein ärzt­li­ches Zeug­nis. Rasch berei­te­ten wir heu­te unser Mit­tags­mahl. Die lie­be Son­ne soll­te auch uns das ‚Fell’ aus­wär­men. Um 1 Uhr gin­gen wir schon los!! Sowas pas­siert mir nur, wenn mein Man­ner­li nicht dabei ist (ich mei­ne sowas an Pünkt­lich­keit[)]. Also schön! Vater, der Ärms­te, hat heu­te wie­der [ein]mal Nacht­dienst. Er hat geruht am Nach­mit­tag. Nach der K.er Höhe führ­te unser Weg. Geblen­det schrit­ten wir in den präch­ti­gen Win­ter­tag hin­ein! Ach Du! Du warst so oft in unser Mun­de! Es wäre auch ein Spa­zier­gang nach Dei­nem Wun­sche gewe­sen, Du! Weil der Weg dann nur noch über Fel­der wei­ter­führ­te, gin­gen wir zurück. Nach R. rich­te­te ich mein Sinn [sic], die Umge­hungs­stra­ße woll­te ich neh­men. Aber da stapf­ten wir nur den Fuß­stap­fen and[e]rer Leu­te nach, von einem Weg war kei­ne Spur. Es mach­te uns Spaß! Da, wo dann die Schre­ber­gär­ten lie­gen, war der Schnee so [ho]ch auf­ge­schau­felt, daß ich nicht dar­über­schau­en konn­te! Und ich bin gewiß nicht klein! So eine Men­ge Schnee!! Die Bäu­me gucken nur noch mit der Kro­ne her­aus auf der Land­stra­ße. Toll ist das! Scha­de, scha­de, daß ich kei­nen Pho­to hat­te. Du müß­test das [ein]mal sehen. Mei­ner ist kaputt. Über R. lie­fen wir wie­der heim­wärts. Frau und Toch­ter P. begeg­ne­ten uns. Weißt, vom P. (Matsch!) in der Kan­to­rei! Ich soll nicht ve[r]gessen, Dich recht herz­lich zu grü­ßen! Sie wür­den ger­ne wie­der [ein]mal mit Dir reden. Sie gin­gen auch an die schö­ne Win­ter­luft. Um 3 Uhr waren wir zuhaus. Ich koch­te einen guten Kaf­fee, weck­te den Herrn Papa. Und dann über­re­de­te ich Mutsch, daß sie [ein]mal mit mir ins Kino gin­ge! „Mein­eid­bau­er”  [Regie: Leo­pold Hai­nisch, 1941].

Dei­ne lie­be Mut­ter mach­te mich in ihrem letz­ten Brie­fe dar­auf auf­merk­sam, die­ser Film habe sie mit den bei­den letz­ten Nie­ten aus­ge­söhnt. Sie hat­te Recht! Es war ein schö­ner Film. Das Sprich­wort: „unrecht’ Gut gedeiht nicht gut” oder: „auf unehr­lich [E]rworbenem liegt kein Segen”, die waren dar­in ver­kör­pert. Ein Bau­er bringt durch Mein­eid den Hof sei­nes ver­stor­be­nen Stief­bru­ders an sich und stößt damit des­sen Weib und zwei vater­lo­se Kin­der ins Elend. Und es zeigt sich, wie immer auf Erden, ein­mal bringt die Son­ne alles an’s Licht, auch die ärgs­te Schuld und Sün­de.

Ein Men­schen­le­ben ver­geht in trost­lo­ser Ver­zweif­lung, zu Unrecht dazu ver­ur­teilt. Kin­der wach­sen her­an, rei­fen in der har­ten Schu­le des Lebens. Zwi­schen Eltern­lie­be und Lie­be zum ande­ren Geschlecht müs­sen sie sich hin­durch­rin­gen auf den ein­zig rech­ten Weg, den Weg der Wahr­heit. Lüge zer­bricht, Wahr­heit aber siegt. Und Gott läßt kei­nen unge­straft, der gerech­te Stra­fe ver­dient.

Der Film war gut.

Gegen ½ 7 [Uhr] abends kamen wir heim. Unser Vater war schon gegan­gen. Und wir brach­ten ihm das Abend­brot noch hin, erzähl­ten ihm, was wir gese­hen. Und nun sit­zen wir zwei Frau­en noch hier und schrei­ben. Mut­ter an ihre Schwes­ter nach G.. Und ich? Das kann ich Dir nicht ver­ra­ten[!] Ich hab[‘] einen Herz­al­ler­al­ler­liebs­ten! Dem schrei­be ich!! Du kennst ihn schon, den Her­zens­dieb! Du! Man­ner­li! Weißt, was es heu­te bei uns noch zum Abend­brot gab? Rate!!

Ewig Dei­ne [Hil­de].

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Eine Antwort auf „22. Februar 1942“

  1. Hil­de erhielt noch kei­ne Brie­fe von Roland nach sei­ner Abrei­se Rich­tung Salo­ni­ki. Sie berich­tet: die ört­li­che Kirch­glo­cken wer­den kon­fis­ziert fur die Reichs­me­tall­samm­lung, das Win­ter ist sehr schnee­reich, und ihr gefällt der Film „Mein­eid­bau­er“ von Leo­pold Hai­nisch.

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