13. Februar 1942

Pieter Bruegel the Elder - The Tower of Babel (Vienna) - Google Art Project - edited.jpg
Der Turm­bau zu Babel, 1563, von Pie­ter Brue­gel der Älte­re, ursprüng­lich aus dem Goog­le Art Pro­ject., Gemein­frei, Link

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Wien, den 13. Febru­ar 1942

Herz­al­ler­liebs­te! Mei­ne lie­be, liebs­te [Hil­de]!

Auf dem toten Gleis, so kommt man sich hier vor, abge­stellt. Ach, wie man­cher, der jetzt so bös mit dran muß, wünsch­te es sich viel­leicht so. Es ist eben kein Mensch zufrie­den mit dem, was er gera­de hat. Und wir soll­ten es doch sein, ganz zufrie­den und dank­bar. Oh ja, ganz zufrie­den und dank­bar.

Ich sit­ze wie ges­tern in mei­nem Früh­stücks­lo­kal, in der Nähe des wär­men­den Ofens. Es ist heu­te etwas käl­ter drau­ßen.

Die Uhr geht schon auf 11 Uhr. Bei der Befehls­aus­ga­be heu­te war von einer Abfahrt über­haupt nicht die Rede. Ich habe die­se Nacht bes­ser geschla­fen. Den gest­ri­gen Nach­mit­tag ver­brach­te ich mit der ver­geb­li­chen Suche nach einem Sol­da­ten­heim. Ich will sie heu­te noch ein­mal auf­neh­men. Gegen Abend bin ich in uns[e]re Höh­le zurück­ge­kro­chen und habe den Dicken, den Honig­ka­me­ra­den aus Pom­mern noch ein­mal aus dem Bau gelotst auf eine Tas­se Tee. Ich mag die Stun­den wachen Bewußt­seins um kei­nen Preis in die­sem Loch ver­brin­gen. Dem Kame­ra­den habe ich schon ange­kün­digt, daß wir ihn nach dem Krie­ge zu unse­rem Honig­hof­lie­fe­ran­ten ernen­nen wol­len. Er ist ein­ver­stan­den. Heu­te mor­gen habe ich auch mal kos­ten müs­sen: es ist ein etwas schar­fer, aro­ma­ti­scher Hei­de­ho­nig.

Mein Tages­lauf heu­te? Nach mei­nem Schrei­ben will ich mich erst mal rasie­ren las­sen. Dann pil­ge­re ich zu mei­ner Kar­tof­fel­sup­pe, sie war ges­tern etwas durch Toma­ten­mark gerö­tet. Nach dem Essen suche ich das Sol­da­ten­heim. Ich wer­de mei­ne Kurz­schriftbücher her­zu­su­chen und dar­in ein wenig stu­die­ren. Das ers­te der Hef­te habe ich übri­gens auf der Bahn­fahrt in 2 ½ Std. durch­ge­le­sen. Es [ist] nicht schwer, sich in die neue Kurz­schrift ein­zu­ar­bei­ten. Eine Anzahl Kon­zer­te ste­hen in Aus­sicht, ich wür­de auch gern ein Thea­ter besu­chen, müß­te die Kar­ten aber natür­lich im Vor­ver­kauf erste­hen – aber der Tag uns[e]rer Abrei­se ist doch eben ganz unbe­stimmt.

Wien bie­tet ja doch auch sonst viel des Sehens­wer­ten. Aber bei die­ser Wit­te­rung und dem dro­hen­den Unbe­ha­gen uns[e]rer Unterkunf[t] ver­geht einem auch dar­an alle Lust. Ich könnt mir doch auch mein Schät­ze­lein her­be­stel­len. Meinst, ich hät­te dar­an nicht gedacht, gleich im ers­ten Augen­blick? Du!!! Es ist mir zu unsi­cher. Und dann wür­den wir mit­ein­an­der hier so hei­mat­los umherzigeu­nern – es wäre nicht schön, gelt? Ja, wenn Som­merzszeit wäre!

Ach Her­ze­lein! Wir brau­chen uns nicht an die Hast weni­ger Stun­den zu hän­gen – wir hal­ten uns lie­ber an die Gewiß­heit und Hoff­nung, die uns unser Glau­be lehrt. Nie­mals ste­hen wir auf dem toten Gleis. Jede Stun­de, jeder Augen­blick gehört zu unse­rem Geschick, das wir in Got­tes Hand wis­sen. „Dul­de, gedul­de Dich fein!, Über ein Stünd­lein ist Dei­ne Kam­mer voll Son­ne.“ Du! Gelieb­tes Herz! Gelieb­tes Weib! Du gedul­dest Dich mit mir! Du war­test mit mir! Das macht es mir sooo viel leich­ter!

Und heu­te abend wird Dein lie­ber Bote bei mir sein! Ein paar Kar­ten lege ich bei, die Gemäl­de eines berühm­ten Malers wider­ge­ben [sic], ich glau­be, man sagt P. Brueg­hel = Peter Breu­gel. Die Wie­ner Gale­rie ist berühmt dar­um, daß sie vie­le Arbei­ten die­ses Meis­ters birgt. Wenn es irgend geht, will ich die Gale­rie besu­chen. Frei­tag ist wie­der gewor­den über dem War­ten. Du wirst der Häus­lich­keit zulei­be gehen.

Mein lie­bes Weib! Möch­te es bald dahin kom­men, daß Du und ich alle Kraft und alle Lie­be der eige­nen [H]äuslichkeit, dem eige­nen Nest wid­men kön­nen.

Herz­lieb! Behüt Dich Gott!

Ich den­ke immer Dein! Bin ganz voll Glück und Son­ne ob Dei­ner gro­ßen Lie­be. Und sin­ne und har­re aus und lebe, weil ich Dich lie­be, dich von Her­zen lie­be! Du!!!

Ich blei­be ewig Dein! Ganz Dein [Roland].

Bit­te grü­ße die lie­ben Eltern.

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