04. Januar 1942

Sol­dat beim Lesen der Zei­tung “Das Reich”, Sowjet­uni­on, 1941. Bild: Pro­pa­gan­da­kom­pa­ni­en der Wehr­macht — Heer und Luft­waf­fe, DBa Bild 101I-018‑0011-07, über Wiki­pe­dia Com­mons, Lizenz: CC-BY-SA 3.0, 02.2018.

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[Salo­ni­ki] Sonn­tag, d.[en] 4. Janu­ar 1942

Herz­al­ler­liebs­te mein! Mei­ne lie­be, liebs­te [Hil­de]!

Schät­ze­lein, gelieb­tes! Voll Fra­gen und Span­nung und Erwar­tung ist doch Dein Man­ner­li – ganz voll, daß es ihm bei­na­he das Herz­lein beklem­men will: ob ich denn zu Dir kom­men darf? Zu Dir? Ob es denn über kur­zem schon wahr wer­den soll, daß wir ein­an­der wie­der­se­hen? Oh Her­ze­lein! Ich spü­re es: Du war­test mit mir – Du fragst mit mir – Du betest mit mir – oh Du! Du!!! Du!!!!! !!!!! !!! Gedul­dig wol­len wir blei­ben, demü­tig erge­ben in Got­tes Wil­len – bei ihm ist alles beschlos­sen! Oh sag, Du! Was läßt so tief uns fra­gen? Was macht unser Herz erzit­tern? Wor­auf war­tet es sooo in tiefs­tem bewegt? Oh Du!!!!! Du!!!!! !!!!! !!!

Daß wir ein­an­der wie­der­se­hen sol­len! Ein­an­der begeg­nen und vor­ein­an­der ste­hen mit einem Her­zen voll Lie­be und Lie­bes­seh­nen – oh Du!!! Sooo über­voll!

Oh Her­ze­lein! Ich darf das nicht näher berüh­ren, sonst mache ich uns ganz unge­dul­dig und berei­te uns Schmer­zen – und bei­des wäre Unrecht. Oh Gelieb­te! Laß uns die Hän­de fal­ten! Es ist eine unend­li­che Gna­de und ein gro­ßes Geschenk, wenn wir uns wie­der­se­hen dür­fen, Du!!! Es muß in uns tiefs­te, dank­ba­re Freu­de aus­lö­sen. Oh Her­zens­schät­ze­lein! Laß uns immer wie­der beden­ken, welch gro­ßes Geschenk uns schon mit dem Glück uns[e]rer Lie­be zuteil ward! Die­se gro­ße Gna­de soll uns nicht ängst­lich zit­tern machen – sie soll uns nur des­to zuver­sicht­li­cher und ruhig gewiß machen im Glau­ben. Gott ist so reich. Er schenkt aus vol­len Hän­den. Er muß uns lieb­ha­ben! Und wir wol­len nicht bäng­lich fra­gen und dem Zwei­fel Raum geben – wol­len ihn lie­ben und ihm uns in kind­li­cher Gläu­big­keit anbe­feh­len: „Er wird’s wohl machen!” Oh Her­ze­lein! Wem möch­ten wir die Ent­schei­dung dar­über, wann die Stun­de uns[e]rer gemein­sa­men Lebens­fahrt anbre­chen soll, ver­trau­ens­vol­ler in die Hän­de legen als dem Vater im Him­mel? Wir dür­fen uns nur stets recht an ihn hal­ten: er ist der Lot­se, der unser Lebens­schiff durch alle Klip­pen und Fähr­nis­se sicher lei­ten kann. In sei­nen Hän­den liegt unser Leben, in sei­nen Hän­den reift es – und wenn es Got­tes Wil­le ist, reift ent­ge­gen den Tagen uns[e]rer gemein­sa­men Erden­fahrt. Dar­über soll­ten wir ganz stil­le wer­den – immer, auch dann, wenn Stür­me uns ban­ge machen wol­len. Auch die Stür­me müs­sen Gott gehors[a]m sein und unter­tan und ihm dienst­bar.

Oh Gelieb­te! Wir wol­len ein­an­der zu sol­chem Glau­ben hal­ten, jetzt und immer­dar! Damit uns[e]re Her­zen stark wer­den. Nur mit star­ken Her­zen kön­nen wir lan­ge glück­lich mit­ein­an­der leben, Du!!!!! !!!!! !!! Oh Her­ze­lein! Es gibt eigent­lich kei­ne grö­ße­re und schö­ne­re Lie­bes­pflicht, als ein­an­der zu sol­chem Glau­ben zu hal­ten!

Gelieb­te! Der ers­te Sonn­tag im neu­en Jah­re will nun zur Nei­ge gehen. Froh bin ich erwacht. Und in der Erwar­tung Dei­nes Lie­bes­gru­ßes ging die Arbeit so leb­haft von der Hand. Die Post blieb aus heu­te für alle. Ach Herz­lieb! Ich war nicht trau­rig. Ich weiß sie doch auf dem Wege zu mir! Sie ist zu den Fei­er­ta­gen auf­ge­ge­ben, wo auch die Post gern fei­ert – und so ist die Ver­spä­tung nur zu ver­ständ­lich. Ich weiß – mein War­ten wird ganz reich belohnt wer­den, oh Du!!! Vom Mit­tag in uns[e]rer Behau­sung ange­langt, zu Fuß, die Stra­ßen­bahn ver­kehrt aus Grün­den der Strom­erspar­nis schon 14 Tage nicht mehr, haben wir unser Gemach erst ein­mal einer gründ­li­chen Rei­ni­gung unter­zo­gen, dazu den Ofen in Gang gesetzt, sodaß es am Ende uns[e]rer Anstren­gun­gen warm genug war, sich auf uns[e]rem ‘Kana­pee’ ein wenig lang zu stre­cken. Das Man­ner­li hat im Keß­ler­buch [Walt­her Keß­ler: Und eines Tages öff­net sich die Tür: Brie­fe zwei­er Lie­ben­den] gele­sen, Kame­rad H. hat einen ‚Versch’ [sic] weg­ge­macht. Ein stil­ler Tag mit bei­na­he mil­der Luft und ver­hal­te­nem Son­nen­schein war heu­te – und so wur­de beschlos­sen, um 4 Uhr einen Bum­mel zu unter­neh­men. Der Stra­ßen­bahn nach schlen­der­ten wir durch unser Vil­len­vier­tel fast bis zur End­stel­le und bogen dann in die Stra­ße ein, die ich am Toten­sonn­tag schon ein­mal allein ging, auf der man sich leicht nach Hau­se träu­men kann. Wenn ein paar schmu­cke Häu­ser inmit­ten schö­ner Gär­ten und ein paar gut geklei­de­te Men­schen eben die Hei­mat leben­dig machen – reißt die nächs­te häß­li­che Bau­lü­cke mit dem Durch­blick auf unge­bän­dig­te Wild­nis und Öde und das Gefährt mit dem klap­per­dür­ren Gaul davor und ärm­lich hocken­den Men­schen oben­auf einen jäh zurück aus jeder Illu­si­on – es ist wie­der das Gehen auf der Asphalt­stra­ße unter uns, die Löcher dar­in und ihr unge­pfleg­ter Zustand erin­nern jeden Augen­blick dar­an, daß die­se Fahr­bahn in die­sem Lan­de nicht erfun­den wur­de, daß sie her­ge­borgt ist. Oh Her­ze­lein, ich möch­te hier nicht blei­ben für ein gan­zes Leben. Schö­ne Lage und Gunst des Kli­mas [ver]mögen nim­mer­mehr aus­zu­söh­nen mit die­ser Zwit­ter­kul­tur. Ein Fremd­ling wür­de man immer blei­ben und die­se Frem­de wür­de sich belas­tend auf[‘]s Herz legen. Und Du und ich, wir hän­gen an der Hei­mat mehr als vie­le and[e]re Men­schen. Und ich weiß, auch im Osten blie­be ich ein Fremd­ling. Oh Herz­lieb! Ich wer­de alles dar­an set­zen, die­sen Wün­schen uns[e]rer Her­zen Erfül­lung wer­den zu las­sen! Ich den­ke, daß sich genug Men­schen fin­den wer­den, die frei­wil­lig in den Ost­raum sich ansie­deln, die loh­nen­de­ren Erwerb und freie­rer Betä­ti­gung nach­zie­hen, die sich von ihrem Mut­ter­bo­den der Hei­mat leich­ter lösen, die schon zufrie­den sind, wenn man ihnen ein Eigen­heim gibt, wenn sie Kino und Radio haben. Oh Herz­lieb! Mei­net­hal­ben könn­ten Kino und Radio ver­schwin­den – aber die hei­mat­li­chen Gefil­de, den Mut­ter- und Nähr­bo­den uns[e]rer Kul­tur möch­te ich nicht ver­las­sen.

Hältst Du Dir wohl noch die Zei­tung „Das Reich”? Bekommst [Du] sie wohl nicht mehr immer. Ich sen­de Dir mit die­ser Post einen Aus­schnitt. Oh Herz­lieb! Magst Du wohl mit mir Dich hin­ein­le­sen und ‑schau­en und ‑sehen in die Schät­ze der Kunst? Zu schöns­tem Gewinn und wah­rer Her­zens­freu­de? Oh Du! Du!!! Ich weiß Dei­ne Ant­wort! Schät­ze­lein, Dein Man­ner­li steht vor all dem noch so wie Du, kein Ein­ge­weih­ter, kein Ken­ner, kein Fach­mann – und der höchs­te Gewinn wird Freu­de sein und Bewun­de­rung und das Mit­schwin­gen uns[e]rer Her­zen. Ich spü­re doch an mir, wie durch öfte­res Schau­en der Lini­en und Ryth­men [sic] die­ser gro­ßen Bau­wer­ke man ihren Gedan­ken und ihrem Inhalt näher kommt. Der unge­heu­re Form- und Schöp­fer­wil­le in die­sen Kunst­wer­ken kann eigent­lich auch nur den gereif­ten Men­schen recht anspre­chen und von ihm ver­stan­den wer­den. Und die Form­lo­sig­keit uns[e]rer Zeit erschwert uns das Ver­ständ­nis der Zei­ten größ­ter Kraft und Eigen­art des Aus­drucks, größ­ter Zucht und stren­ger Bin­dung. Oh Gelieb­te! Das Beglü­cken­de bei all die­sem Gang durch die Schät­ze der Kunst ist auch stets wie­der die Begeg­nung mit unse­rem Glau­ben. Fast aus­nahms­los sind die­se Wer­ke ein Loben und Dan­ken zu Gott, wahr­haft bered­te und leben­di­ge Zeu­gen der Kraft, die unse­rem Glau­ben inne­wohnt.

Her­ze­lein! Wir schau­en vor uns ein Leben, so reich und ver­hei­ßungs­voll. Wir füh­len in uns so viel gutes Wol­len – oh Gelieb­te! sol­chen Hun­ger mag die­ses Leben! Gott sei uns gnä­dig! Er seg­ne unser Wol­len mit gutem Voll­brin­gen!

Ich habe Dich sooo lieb! Oh Her­ze­lein! Mit Dir möch­te ich gehen, mit Dir die­ses Leben leben! Oh Gelieb­te! Seit Du an mei­ner Sei­te gehst, dünkt es mir so reich und lebens­wert! Behü­te Dich Gott! Ich den­ke immer Dein! Und den­ke in die­sen Tagen nur immer dar­an, Dir heim­zu­keh­ren – Dich zu schau­en, Dich an mei­nem Her­zen zu füh­len, Dir all mei­ne Lie­be zu brin­gen, oh! Dir zu zei­gen, daß ich Dich sooooooooooooo lieb habe. Ewig Dein [Roland]! Du! Mein!!!

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Eine Antwort auf „04. Januar 1942“

  1. Roland sieht Grie­chen­land aus sei­ner chau­vi­nis­ti­schen Betrach­tung. Er ver­gleicht alles, auch die Land­schaft, mit der Hei­mat in Deutsch­land. Dadurch fällt der Ver­gleich stets zu Unguns­ten Grie­chen­lands aus. Der Zustand der Häu­ser der Stra­ßen und die Ver­ar­mung der ein­fa­chen Leu­te sto­ßen ihn ab. Er ist nicht in der Lage zu sehen, was die Ursa­chen sind, die Grie­chen­land so viel schlech­ter erschei­nen las­sen, als Deutsch­land, dass es nach dem I. Welt­krieg und jetzt im Krieg, dem Land schlecht geht. Es herrscht Hun­gers­not in Grie­chen­land, die ver­ur­sacht ist durch die deut­sche Besat­zung und den Men­schen­ver­lust durch die poli­ti­schen Wir­ren nach dem I. Welt­krieg.
    Die “Zeit­schrift, das Reich” emp­fiehlt er [Hil­de] ob er damit die grie­chi­sche Bau­kunst meint, bleibt völ­lig unge­wiss.

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