31. Dezember 1941

Nun danket alle Gott (1653)
Mar­tin Rinck­art, “Nun dan­ket alle Gott,” aus: Johann Crü­ger: Pra­xis Pieta­tis Meli­ca, Ber­lin 1653, über Wiki­me­dia Com­mons, Lizenz­frei, 01.2018
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[Salo­ni­ki,] Syl­ves­ter 1941

Herz­al­ler­liebs­te mein! Mein lie­bes, teu­res Weib! Mei­ne [Hil­de]!

Nur noch weni­ge Stun­den sind im alten Jah­re! Gelieb­te! Es drängt mich zu Dir! An Dei­ner Sei­te zu ste­hen, an Dei­ner Sei­te gehen. Her­ze­lein, ganz dicht an Dei­ner Sei­te, fest Hand in Hand, ein Herz und Sinn mit Dir, den Blick gläu­big und zuver­sicht­lich vor­aus gerich­tet, mit Dir zu gehen durch die Pfor­te des neu­en Jah­res. Oh Gelieb­te! Gott sieht wohl den Zug aller Men­schen, die da ins neue Jahr tre­ten. Er sieht auch uns – sieht uns so fest Hand in Hand, ein Paar, ein lie­bend Paar – und er sieht die Bit­te in unse­ren Augen, er hört das Gebet uns[e]rer Her­zen: „Oh Gott im Him­mel! Laß uns zusam­men gehen! Blei­be bei uns! Seg­ne Du unse­ren Weg!”

Mein gelieb­tes Herz! Mit die­ser Bit­te gehen wir ins neue Jahr. Und wenn auch die Wei­te zwi­schen uns ist, wir sind ein­an­der am aller­nächs­ten in unse­ren Her­zen! Du bist mein lie­bes Weib! Mein treu­er Weg­ge­sell! Du bist mei­nes Her­zens ein­zi­ger Ver­trau­ter! Du!!!

Oh Her­ze­lein! Es kön­nen zwei so eng neben­ein­an­der­le­ben – und sind sich doch so fern. Und es kön­nen zwei getrennt sein durch Gram – und sind sich so nahe, so glück­haft nahe, daß nie­mand sich dazwi­schen­drän­gen kann – und haben ein­an­der so lieb, daß sie ein­an­der die Treue hal­ten bis in den Tod. Oh Gelieb­te! Aller Reich­tum, alles Glück, alles Lie­ben ist im Her­zen. Und Du bist mein im Her­zen! Und dar­um bist Du wahr­haft ganz mein! Du!!! And[e]re Men­schen dür­fen um Dich sein, Dich schau­en, Dei­ner Stim­me lau­schen – aber im Her­zen ganz tief drin­nen – oh Du! Du!!! Du!!!!! !!!!! !!! Her­ze­lein! Da wohnt Dein Her­zens­man­ner­li ganz allein! Das ist mein gan­zes, tie­fes Glück, daß ist geliebt wer­den!

Und das ist mein Lie­ben, oh Du! Du!!! mei­ne [Hil­de]!: daß ich Dich so fest in mein Herz geschlos­sen habe, sooo fest, Dich allein! Dich ganz allein! Gelieb­tes Wesen!!! Ich lie­be Dich! Ich darf Dich lie­ben – darf ganz glück­lich lie­ben, Dich mein ein­zi­ges aller­liebs­tes, schö­nes Weib ––––– ich kann Dich lie­ben – oh Du! Ich kann’s, ich kann’s, so tief! So ganz!!! ––––– ich kann gar nie anders mehr, ich muß Dich lie­ben ––––– oh Gelieb­te! Ich bin so glück­lich dar­um, wie es Dich beglü­cken mag: ich lie­be Dich! Und Du liebst mich! Ja, Du liebst mich! Ver­wan­delt ist mein Sinn! Son­ne ist in mei­nem Leben! Ganz erfüllt ist all mein Tun und Den­ken von Dir! Oh – auf­ge­tan ist mein Herz! Befreit der Lie­be Strom! Wer wirk­te dies Wun­der anders als Dei­ne gro­ße Lie­be?!!!!! !!!!! !!!

Oh Her­ze­lein! Wel­ches Glück, sich geliebt zu wis­sen! Gehal­ten und getra­gen von der Lie­be eines guten Wei­bes! Es wahr [sic] mein tiefs­tes Seh­nen – es ist nun mein größ­tes Glück! Oh Gelieb­te! Und wie beglü­ckend zu füh­len, einem Men­schen das Liebs­te zu sein, einem lie­ben Men­schen­kin­de alles zu bedeu­ten, es ganz herz­lieb und traut an sei­ner Sei­te zu füh­len. Oh Gelieb­te! Das ist aller Reich­tum, alles Köst­li­che auf Erden.

Oh Gelieb­te! Bei Dir ist Hei­mat, Gebor­gen­heit – ist Her­zen­strau­te und Her­zens­wär­me inmit­ten der Wel­ten­wei­te und Wel­ten­käl­te. Und das ist Lie­be! Oh Du! Mei­ne [Hil­de]! Laß sie uns treu hüten und bewah­ren, die­se köst­li­che Lie­be! Laß uns treu ihrer wal­ten, sie ist Got­tes Geschenk. Oh laß uns dan­ken! Laß uns bit­ten, daß Gott sie uns sege­ne [sic] und erhal­te!

Her­ze­lein! Ein Sauer­teig ist die Lie­be. Sie durch­dringt alles! Eine Son­ne! Sie erhellt alles! Läu­tern­de Glut: oh, sie bringt so viel Freu­de und Ord­nung ist in unser Leben!!! In Lie­be erbli­cken wir alles auch um uns: Eltern und Geschwis­ter – Ver­wand­te und Freun­de – alle Krea­tur und die schö­ne Got­tes­welt – das gan­ze Leben! Eine Himmelsma[cht], ist die Lie­be!

Und führt uns hin zu Ver­trau­en und Glau­ben, sie öff­net uns[e]re Augen und Her­zen für die Got­tes­lie­be. Gelieb­te! Ich ver­traue mich ganz Dir an! Ich glau­be an Dei­ne Lie­be! Und ich füh­le Dein Ver­trau­en, Dei­nen Glau­ben. Ver­trau­en und Glau­ben von mir zu Dir – von Dir zu mir – sie sind der Lie­be fes­tes Band. Lie­ben, Ver­trau­en und Glau­ben – die­se drei sol­len auch sein im Ver­hält­nis zu Gott. Oh! Wer nie Lie­be erfuhr, erleb­te wohl auch nie Ver­trau­en und Glau­ben. Wer nie noch lieb­te, kann wohl auch nicht recht ver­trau­en und glau­ben! Oh Her­ze­lein! Ein wenig habe ich es doch an mir selbst erfah­ren. Oh Gelieb­te! Wer im Dun­kel lebt, der liebt das Licht! Dun­kel ist die­ses Erden­le­ben, die­ses Men­schen­le­ben mit sei­ner Ver­gäng­lich­keit und Hin­fäl­lig­keit, mit sei­ner Bos­heit, sei­nem Haß, mit sei­ner Schuld und Ver­stri­ckung! Oh Gelieb­te! Dun­kel ist der meis­ten Men­schen Herz in unse­ren Tagen: daß es hart ist, ver­här­tet und ver­stockt, hof­fär­tig und hoch­mü­tig, ver­lo­gen: daß es nicht mehr unter­schei­den will licht und dun­kel, daß es das Dun­kel nicht sehen und wahr­ha­ben will, daß es den Glau­ben des Lich­tes miß­ach­tet und schmäht. Erbar­me sich Gott uns[e]rer Welt! Uns[e]re Welt kann nicht mehr lie­ben! Oh, daß sie es wie­der ler­nen möch­te zu ihrem größ­ten Gewinn und Segen!

Licht ist alle Lie­be unter den Men­schen. Und Him­mels­licht und Him­mels­gna­de ist die Bot­schaft von der Got­tes­lie­be, die Bot­schaft, die (die Lie­be) uns Men­schen die Lie­be zum höchs­ten, ers­ten Gebot setzt. Aus uns Men­schen kommt wohl ein­mal eine Bot­schaft, die eine Herr­schaft oder Gewalt kund­tut – auf uns[e]rer Erden [sic] tobt wohl der Haß in schreck­li­chen Krie­gen – aber eine Bot­schaft der Lie­be muß eine Him­mels­bot­schaft sein! Oh Gelieb­te! Wir erken­nen sie! Wir öff­nen ihr uns[e]re Her­zen! Wir ver­trau­en und glau­ben! Laß uns auch immer wie­der zuein­an­der­fin­den und ein­an­der hal­ten zu rech­tem Glau­ben!

Oh Gelieb­te! Mit die­sem Gelöb­nis, daß unser lie­ben­des Herz uns ein­gibt, wol­len wir mit­ein­an­der ins neue Jahr tre­ten: In Treue fest­hal­ten, was wir haben: unse­re Lie­be und unse­ren Glau­ben! Her­ze­lein! Damit fas­sen wir unser Leben bei sei­nes Wesens Mit­te, bei sei­nes Wesens Kern! Damit blei­ben wir uns sel­ber treu. Damit gelan­gen wir zu rech­ter Her­zen­sin­nig­keit und Her­zens­fröh­lich­keit. Gott schen­ke uns Kraft und sei­nen Segen, sol­ches recht aus­zu­füh­ren.

Herz­lieb! Die Zei­ger rücken fort auf 12 Uhr. Spürst Du mit mir der Lie­be Band? Von mir zu Dir – und zu den lie­ben Eltern bei­den – zu unse­rem Sieg­fried – Hell­muth – zu unse­ren Lie­ben allen – und von ihnen zu uns? Oh Gelieb­te! Die Trä­nen drän­gen mir zu den Augen! Gott seg­ne uns das neue Jahr! Ich weiß mich in aller Lie­ben Mit­te – und Du gehörst zu uns – bist mir zu aller­nächst!

Ich lie­be Dich! Ich lie­be Dich von gan­zem Her­zen immer­dar! Gott sei mit Dir! „Der ewig rei­che Gott woll uns und unserm Leben ein immer fröh­lich Herz und rei­chen Frie­den geben!” [“Nun dan­ket alle Gott,” Cho­ra­le, Mar­tin Rinck­art, 1636, J. S. Bach, BWV 192, Leip­zig, 1730] Her­ze­lein! Jetzt zün­de ich die Ker­zen an – mit Euch Lie­ben daheim! Und nun hat es schon begon­nen! Her­ze­lein! Mit den lie­ben Eltern wün­sche ich Dir ein geseg­ne­tes, fro­hes Jahr! Dein Herz­al­ler­liebs­ter möch­te ich sein und blei­ben – wie Du mir die Herz­al­ler­liebs­te bist! Mei­ne Lie­be! Mei­ne Son­ne! Ich bin und blei­be Dein! Ganz Dein! Ewig Dein [Roland]! Dein Her­zens­man­ner­li! – Gelieb­tes Weib!

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