26. Dezember 1941

[411226–1-1]

[Salo­ni­ki] Am 2. Weih­nachts­fei­er­tag 1941

Herz­al­ler­liebs­te! Mein lie­bes, teu­res Weib!!!

End­lich! End­lich kann ich nun zu Dir kom­men! Ja! Ich schrieb doch schon eine gan­ze Wei­le. An Kame­rad K. ein paar Zei­len. Den Neu­jahrs­brief nach O. und K. Und nun ist mein Schät­ze­lein dran. [Es] Bekommt nun was noch übrig ist: was ganz zuun­terst und zutiefst liegt im Her­zen – mei­ner Her­zens­lie­be! Du!!!!!

Ach, heu­te ist’s doch ganz anders drau­ßen: rauh und stür­misch. Am Vor­mit­ta­ge reg­ne­te es. Und nun schla­gen die Türen, der Wind braust um unser luf­ti­ges Haus. In unser[e]m Stüb­chen aber ist Behag­lich­keit. Mol­lig warm haben wir es. Ganz häus­lich sind wir heu­te. Nach dem Essen haben wir uns ein wenig lang gestreckt. Dein Buch habe ich mir vor­ge­nom­men. Ich lese dar­in mit wach­sen­dem Inter­es­se. [Ich] Freue mich auch, daß ich dann und wann auf Dei­ne Spu­ren sto­ße. In Dei­nen Pho­to­al­ben habe ich geblät­tert. [Ich] Habe ges­tern doch es gefüllt mit mei­nen liebs­ten Bil­dern! Kennst Du sie wohl, die da auf allen erscheint, immer wie­der, immer die Eine: immer nur Du! Gelieb­te! Gelieb­te!!!!! !!!!! !!!

Und nun las­sen wir den Tag aus­klin­gen, recht lieb. Ganz daheim sind mei­ne Gedan­ken am heu­ti­gen Tage – und nun sind sie es ganz – bei Dir! bei Dir!!! Oh Her­ze­lein! Es sind mei­ne liebs­ten Stun­den, zu denen ich eile, wenn ich nur irgend frei bin. Und so geht es auch Dir. Ach Her­ze­lein! Ich habe doch wie­der so viel Geduld haben müs­sen. Seit vori­gen [sic] Sonn­abend ist nun heu­te wie­der das ers­te Zei­chen von Dei­ner Hand zu mir gelangt. Wenn ich Dei­nen liebs­ten Geburts­tags­bo­ten nicht gehabt hät­te und Dei­ne lie­be Besche­rung, Du!!! Kurz vor S. [sic: Salo­ni­ki] ist ein[e] Brü­cke unpas­sier­bar gewor­den durch spü­len­de Was­ser – und nun muß die Post etwa 50 km mit dem Auto her­an­ge­holt wer­den. Leicht, daß auch Du nun manch­mal war­ten mußt. Mit des­to grö­ße­rer Freu­de und Dank­bar­keit haben wir nun genom­men, was die Post uns brach­te: von K. Geburts­tags= und Weih­nachts­wün­sche, die Nach­richt, daß Vater den Knecht Ruprecht spie­len woll­te in O., und daß mein Päck­chen angekom[me]n ist, noch zurecht zur Besche­rung.

Und ein lie­bes Päck­chen aus G.: mit Pfef­fer­ku­chen und Scho­ko­la­den­streu­sel und zwei lie­ben Buch­ga­ben: „Von Orga­nis­ten und ande­ren Musi­kan­ten” von Fran­zis­kus Nag­ler und „Aus den Auf­zeich­nun­gen der Sta­rez Sosi­ma” [wohl: Fjo­dor M. Dos­to­jew­ski, Deut­sche Rei­he Insel Büche­rei 365, 1924 oder 1931, aus: Die Brü­der Kara­ma­sow, 1878–1880]. Mit dem letz­te­ren weiß ich zunächst noch nichts anzu­fan­gen. Ich bring[‘] ja alles mit in den Urlaub, ja? Ach, so reich bin ich nun bedacht wor­den.

Und den Boten von mei­nem Herz­lieb! Den nen­ne ich zuletzt – weil er mir das Liebs­te ist, wie die ande­ren es gar nicht zu sehen brau­chen, wenn ich Dich dar­um ganz lieb an mich drü­cke und küs­se für alle Lie­be, die er mir bringt. Es ist der vom Mittwoch/Donnerstag, mein Herz­lieb hat­te so gro­ßen Hun­ger nach etwas Süßem an die­sem Tage Du! [Du] Hast wie­der so viel erlebt daheim, mehr als Dein Man­ner­li in der Frem­de. Ist doch der Rein­mach­teu­fel wie­der in Euch gefah­ren. Ich muß bald kom­men und ihn Euch aus­trei­ben – ja? Sind wohl die über­schüs­si­gen Kräf­te!!! Hat mein Herz­lieb nun mit sei­nen Buben Weih­nach­ten gefei­ert. Und ich hät­te doch mit unter ihnen sit­zen mögen und der lie­ben Stim­me lau­schen und ein paar lie­be Bli­cke erha­schen mögen – Du! Du!!!

Es freut mich, daß Du Freu­de hast an Dei­nem Dienst. Du weißt, daß auch ich die Kin­der lie­be, daß mei­ne Arbeit mir auch Freu­de bringt. Ich muß mich doch bei den Klei­nen oft zwin­gen, sie in die har­te Schu­le der Arbeit und des Lebens zu neh­men. Ein wenig anders ist es schon noch, wenn man die Geis­ter dann täg­lich um sich hat, nicht nur die Kin­der, die frei­wil­lig kom­men. Wenn man an sie her­an­tra­gen muß, was sie nicht gern mögen. Und wenn sie dann aus den Jah­ren der Unschuld her­aus­wach­sen! Dann müs­sen neben der Lie­be Här­te und Stren­ge ste­hen. Und dann gibt es Tage, an denen die Stren­ge die Lie­be ver­dun­kelt wie die Wol­ken die Son­ne. Und es steht doch auch hin­ter der Stren­ge die Lie­be.

Ach Her­ze­lein! „Beim Leh­ren ler­nen wir” – der Leh­rer und die Eltern auch ler­nen nie aus. Und ich weiß, wor­auf die­ses Ler­nen letzt­lich hin­aus­füh­ren muß: auf den rech­ten Gebrauch von Lie­be und Stren­ge, und das rech­te Maß auf das Lei­ten und Füh­ren und Gewäh­ren­las­sen zur rech­ten Zeit – die Haupt­sa­che aber ist und bleibt, das [sic] hin­ter allem die Son­ne der Lie­be, die Her­zens­gü­te steht! Gelieb­te! Und zuneh­men an Her­zens­gü­te möch­te ich doch! Ach Du! Seit Du nun all mein Lie­ben und mei­ne Her­zens­freu­de ent­bun­den hast, da ich vor mir ein ganz fro­hes, glück­haf­tes Leben an Dei­ner Sei­te schaue – da weiß ich, daß ich die­se Her­zens­gü­te auch erlan­gen wer­de. Sie ist in mir. Sie lag ver­deckt unter mei­nem Seh­nen, unter dem Kum­mer mei­ner Ein­sam­keit und Hei­mat­lo­sig­keit. Ach, gelieb­tes Weib! Du! Und sie wird doch erst recht erblü­hen, wenn wir erst selbst Kind­lein unser eigen nen­nen. Ich kann doch nichts Lie­be­res den­ken, als mit Dir sie zu erzie­hen und über ihrem Leben zu wachen. Und ich weiß, welch geschick­te und glück­li­che Hand mein Herz­lieb hat zu Kin­dern – ich wer­de man­ches ler­nen kön­nen – ach Du! Du!!!

Und nun wart Ihr auch noch ein­mal bei den armen Ver­wun­de­ten. Ach Her­ze­lein, wie müß­te ich mich seh­nen nach Dir, wenn ich da so läge. Wie habe ich die Klän­ge der from­men Gesän­ge im Schwan­dor­fer Kran­ken­haus so tief emp­fun­den – und doch auch so schmerz­voll. Ich hat­te das Radio bei mir! Ich moch­te es nicht. Ach, ich moch­te gar nie­man­den um mich. Dich müß­te ich allein her­bei­wün­schen, Dich, Gelieb­te!!!

Und nun schreibst [Du] mir von dem klei­nen Erleb­nis wie­der beim Gehen. Her­ze­lein! Ich bin Dir dank­bar, so dank­bar, daß Du es mir berich­test. Und dann klopft doch mein Herz rascher und erreg­ter – Gelieb­te! Ich bin Dei­ner Lie­be gewiß! Ganz gewiß!!! – aus Sor­ge, aus Lie­be! Herz­lieb, ich bin Dir so dank­bar, daß Du mit Dei­nem Man­ner­li im Her­zen ent­schie­dest und Dich ent­schlos­sest zu gehen. Her­ze­lein! Die­ser Weg ist, die­se Absa­ge, die­ser Ent­schluß ist hart, ent­schie­den, ist ein rei­fer Ent­schluß. Er steht Dir, mei­nem jun­gen Wei­be, wohl gar nicht ganz zu Gesicht – und Du mußt in Kauf neh­men, daß man ihn Dir falsch aus­legt, daß man Dich dar­auf­hin falsch beur­teilt. Was wird der Arzt von Dir den­ken? So magst auch Du Dich schon gefragt haben. Viel­leicht meint er, Du fühl­test Dich unsi­cher, fürch­test Dich, oder seist feig, oder habest stren­ge Wei­sung von Dei­nem Man­ne – viel­leicht legt er sich Dein Aus­wei­chen als ein tie­fes, ver­bor­ge­nes, schmerz­vol­les Lie­ben aus? – Und wenn er Dir nun eines Tages begeg­net und Dich frag­te, Sicher­heit und Über­le­gen­heit aus­spie­lend, war­um Du ihm aus­weichst? – Herz­lieb! Mein lie­bes Weib. Da wünsch­te ich mir nur eines: Daß Du ganz stolz und gar nicht scham­haft, daß Du noch über­le­ge­ner und bewuß­ter ihm sag­test: „Ich wei­che Ihnen nicht aus. All mei­ne freie Zeit gehört mei­nem Man­ne!” Her­ze­lein! Daß Du sagst, so wie es ist! Daß Du Dich nicht schäm­test!

Herz­lieb! Es ist der Rat des erfah­re­nen Schif­fers: den Klip­pen aus­zu­wei­chen. Her­ze­lein! Du sollst Dich ganz sicher füh­len bei Dei­nem Ent­schluß. Gelieb­te! [Du] Sollst ganz fest an Dein Man­ner­li den­ken dabei. [Du] Sollst Dich ganz als sein Weib füh­len. Die ande­ren mögen es wohl an Dir noch nicht immer erken­nen: [Du] bist noch so jung, [Du] hast noch nicht Kind und Heim – äußer­lich, Her­ze­lein! Inner­lich, Du! Da hast Du es, da haben wir es schon, schon lan­ge, und haben und hal­ten es so lieb fest: unser Heim – und auch unser Kind­lein – Du! Du!!!!! !!!!! !!! Und so geschwind und selbst­ver­ständ­lich wie dann, wenn Du sie haben wirst, so bist Du nun auch heim­ge­gan­gen nach dem Dienst der Lie­be – zu Dei­nem Man­ner­li, der Dein war­tet daheim! Du! Du!!! Du!!!!! !!!!! !!! Gelieb­te! Ich dan­ke Dir so sehr! Du wirst recht ver­ste­hen, was ich Dir sagen woll­te.

Oh Her­ze­lein! Ich bin Dein ganz gewiß, Dei­ner treu­en Lie­be. Oh Du! Wenn ich es nicht wäre, ich müß­te mich ver­zeh­ren im Zwei­fel, in Unru­he – ach, ich könn­te dann nicht mehr lie­ben! Und ich weiß, daß Du mit mir den Schatz uns[e]rer Lie­be hütest, lieb und treu und tap­fer. Es ist har­te Zeit. Und dop­pelt auf der Hut sein heißt es. Ganz fest­hal­ten, was wir haben. „Hal­te, was Du hast, daß nie­mand Dei­ne Kro­ne neh­me!” [Offen­ba­rung des Johan­nes 3: 15–20]
Böse, wil­de Stür­me toben. Und vie­les Mor­sche bricht und fällt, und alle schwa­chen Men­schen fal­len. Ganz fest­ste­hen wol­len wir und hal­ten, was wir haben: Unse­ren Glau­ben und unse­re Lie­be! Herz­lieb! Wie­vie­le Men­schen, die bei­des nicht mehr haben, die daste­hen mit lee­ren Hän­den. Die sich bei­des ent­rei­ßen lie­ßen von den Stür­men uns[e]rer Zeit! Wie sie noch leben kön­nen! Oh Gelieb­te! Wenn ich sie ver­lö­re, ich könn­te nicht mehr leben! Ich muß glau­ben und lie­ben – und eines nicht ohne das ande­re. Gott sei uns gnä­dig: Du bist mei­ne Lie­be! Lie­be, die mich zum Glau­ben geführt hat. Und dar­um bist Du mein Leben!

Oh Herz­lieb! Und ich bin das Dei­ne! Ich weiß es, ich füh­le es – ich habe Dei­ne gan­ze Lie­be, Dein gan­zes Ver­trau­en, Dei­nen gan­zen Glau­ben – ich füh­le sie auf mir ruhen; glück­lich, bese­ligt, süße La[st]! – Lie­be! Lie­be! Gro­ße, tie­fe, gan­ze Lie­be! Sie erfüllt mich so ganz und bewegt mein Herz zu fro­hem Lebens­mut – sie allein! Und so wie ich Dei­ne Lie­be füh­le, muß ich Dich wie­der­lie­ben, so groß und tief und ganz!!! Oh Her­ze­lein! Ich weiß mir kei­nen bes­se­ren Wunsch nun, an der Schwel­le zum neu­en Jah­re als den: Wir wol­len hal­ten, was wir haben, unse­ren Glau­ben und unse­re Lie­be! Gott schen­ke uns Kraft und gnä­di­ges Gelin­gen zu sol­chem Tun!

Oh Gelieb­te! Ich befeh­le Dich ihm an! Gott erhal­te Dich mir! Froh und gesund! Er seg­ne uns[e]re Lie­be und mache uns[e]re Her­zen stark. Oh Gelieb­te, mein teu­res Weib! Du sollst es wis­sen: Ich bin Dir zur Sei­te! In Lie­be und Treue! Dir gehört all mei­ne Lie­be! Dei­ne Lie­be ist mei­ne Kraft, mein Glau­be, mei­ne Hoff­nung, mein Lebens­mut, mein Frie­den, mei­ne Hei­mat; in die ich zurück­keh­ren möch­te, Dir heim­keh­ren! Hilf, Gott im Him­mel! Ich lie­be Dich! Ich drü­cke Dich an mich ganz fest, Du! Mein Weib! Mein lie­bes Weib! Mein Herz­lieb! Mein! Ganz mein!!!Und ich bin Dein! Ganz Dein!!! Ewig Dein [Roland]!

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