07. Dezember 1941

[411207–2-1]

Am 2. Advents­sonn­tag 1941.

Her­zens­schät­ze­lein! Mein lie­ber, aller­liebs­ter [Roland]!

Heu­te schneit es wie­der, kalt ist’s und ein Sturm hat sich auf­ge­macht. Aber gut tut einem die Luft. Sie ist so rein. Die Eltern wol­len nach­her ein­mal nach M. lau­fen, hin­zu wol­len sie den Staub­sauger mit­brin­gen; denn nun geht doch das Groß­rei­ne­ma­chen los! Man hat’s so bis­sel leich­ter. Im Win­ter kann ich sowie­so mei­ne Bet­ten nicht so drau­ßen her­um aus­brei­ten – aber der Staub muß trotz­dem her­aus. Und ich? was ich trei­be?

Ja – zuerst schrei­be ich mei­nem Herz­lieb! Und dann? Gehe ich in die Kir­che um 1600 [Uhr]; ein Sin­ge­got­tes­dienst ist für heu­te ange­sagt. Und ich freue mich schon die gan­ze Zeit drauf – kann ich wenigs­tens mal alle uns[e]re lie­ben, schö­nen Weih­nachts­lie­der sin­gen, die man uns sonst ver­bie­tet! In der Kan­to­rei sin­gen wir ja alle auch. Doch jetzt ist auch wenig Zeit, wir üben für die Fei­er­ta­ge. Bei Herrn S. dau­ert alles ein bis­sel län­ger. Eine Stun­de wird das wohl dau­ern und dann habe ich heu­te noch etwas vor. Das verr­ra­te ich Dir aber noch nicht. Du!!!

Heu­te kam Dein lie­ber Brief vom Diens­tag an, Her­ze­lein! Du hast mich soo sehr erfreut damit! Ich dan­ke Dir viel­lieb dafür, Gelieb­ter, Du!!! Eigent­lich tanzt die Post aus der Rei­he! Denn der Sonn­tag- und Mon­tag­brief feh­len noch. Oder hast Du da gar­nicht geschrie­ben? Aber nein, das gin­ge doch aus dei­nen Zei­len her­vor – sie wer­den schon noch kom­men, die zwei Nach­züg­ler. Ich freue mich auch wenn jeden Tag etwas kommt, und nicht gleich paar Boten auf ein­mal! Du!!! Will doch jeden Tag ein Teil Dei­ner Lie­be nur haben, sonst neh­me ich jeden ein­zel­nen Lie­bes­gruß gar­nicht tief genug in mich auf! 2 oder 3 Brie­fe auf ein­mal Du! dasß ist bei­na­he zu viel Glück!!

Und ich kann Dir doch gar­nicht ausf alles Ant­wort geben – schon ist der nächs­te Brief wie­der da! Ach Her­ze­lein! Daß wir uns immer so lieb ver­stän­di­gen kön­nen! Ganz dank­bar müs­sen wir uns des Glü­ckes freu­en – wie wenig kön­nen die Sol­da­ten aus dem Osten nur schrei­ben! Und dür­fen doch auch nicht ver­zwei­feln. Du! Her­ze­lein! Wir haben ein­an­der doch sehr ver­wöhnt im Schrei­ben! Gebe Gott, daß wir immer so viel Zeit täg­lich haben zum Geden­ken anein­an­der. Ach Du! Und wenn die Zeit auch nur zu einem kur­zen Gru­ße reich­te, wir sind es zufrie­den. Aber so wochen­lang ohne ein Zei­chen sein, wie vie­le es hal­ten – ach Du!! Das könn­te ich nicht. Du, Her­ze­lein! Ich hiel­te es nicht aus! Und Du auch nicht, das weiß ich, Du!!

Merkst Du es, wie schlecht mein Brief­pa­pier wird? Aber ich ärge­re mich nicht sehr drü­ber! Du!! And[e]re Leu­te haben nicht mal sol­ches wie ich – es wird eben ganz schlecht mit dem Papi[er]. Vor allem vor Weih­nach­ten. Ich bin nur froh, daß ich über­haupt noch so viel Papier habe, wie ich täg­lich ver­schrei­be!! Auf die Qua­li­tät kann man halt nicht so schau[e]n im Krieg. Und wenn Du es nur noch erken­nen kannst, was ich Dir sagen will, dann ist’s schon gut, gelt Her­ze­lein? Ob Du es erken­nen kannst, na! Das liegt wohl zum grö­ße­ren Teil bei mir! Aber ich den­ke, in der lan­gen Zeit, die ich Dir nun schon schrei­be, hast Du Dich an mei­ne „Hand­schrift“ gewöhnt! Du!!!

Du! Heu­te erleb­ten wir ja ein Über­ra­schung! Der Post­bo­te brach­te eine Expreß­kar­te von O. A. aus B.! Ich habe lan­ge stu­diert, was der Gegen­stand wohl bedeu­ten soll, um den sich’s han­delt. Dann hat­te ich’s her­aus!!! Ein Hand­wa­gen! Ich war ganz sprach­los! Der nächs­te Gedan­ke war an Dei­ne lie­ben Eltern! Die guten! Haben sie uns wie­der solch schö­nes, prak­ti­sches Weih­nachts­ge­schenk beschert! Ich freue mich ja ganz sehr dar­über! Und du gewiß auch! Liebs­ter! Nun kannst Du mich aus­fah­ren, wenn Du zu mir kommst! Fein ist er! Auch ganz schön groß! 2- 3 Kin­del pas­sen gewiß hin­ein! Du!!!

3 fährst Du im Hand­wa­gen und eines fah­re ich im Kin­der­wa­gen! Aber dann ist’s genug! Mehr mag ich nit. Ach Gelieb­ter! Ein Stück reiht sich ans ande­re – wenn ich Dich nur erst bei mir hät­te, mein Lieb! Dann erst hät­te ich an allem voll­kom­me­ne Freu­de! Du!!! Eine Wirt­schaft haben wir schon bei­sam­men! Wie umfang­reich!! Daß wir bald eine eig[e]ne Woh­nung brau­chen! Die Mutsch schlug die Hän­de über dem Kopf zusam­men, als sie nun den Hand­wa­gen sah in sei­ner Statt­lich­keit!! „wohin! wohin bloß damit?!!“

Sie haben ihn gleich mit zur Oma genom­men, da kann er oben im alten Ver­eins­zim­mer ste­hen ohne, daß etwas dran geschieht. Denn hier bei uns im Schup­pen, Kel­ler, oder sonst ist es viel zu feucht, da wur­de er mir bei­zei­ten ver­mo­dern. Ei, Du!! Wenn wir mal von O. weg­zie­hen – das wird eine schö­ne Füh­re wer­den! Wir wol­len nur alles vor­her zusam­men­tra­gen von der gan­zen Ver­wandt­schaft! In jedem Orte haben wir – weiß der Kuckuck – etwas and[e]res rum­ste­hen! Und benei­det haben ’sie’ mich im Hau­se auch schon um den schö­nen Wagen! Sie haben schon ein Jahr lang auf­ge­stellt, bekom­men aber kei­nen.

Mein Her­ze­lein! Es ist nach 5 Uhr, eben bin ich aus der Kir­che heim. Es war recht schön! Ich lege Dir die Bogen bei, auf denen alle Lie­der gedruckt ste­hen, die wir san­gen. Ich habe auch noch einen für mich. Der Sin­ge­got­tes­dienst war so arran­giert, daß der Pfar­rer zwi­schen jedem Lie­de eine Lesung hielt, so bekam alles einen Zusam­men­hang, einen Sinn. Vie­le Müt­ter mit ihren Kin­dern waren heu­te in der Kir­che. Ich war ganz allein, von mei­nen Alters­ge­nos­sin­nen. Frl. W. sang Solo und Herr Leh­rer F. aus L. Es war eine fro­he Stun­de und ich bin glück­lich, daß ich sie nicht ver­säum­te.

Nun sit­ze ich zuhaus im War­men. Der Sturm heult um’s Haus. Mein Kranz duf­tet nach Tan­ne, die Lich­ter bren­nen. Unser Rauch­ti­schel habe [ic]h eben her­ein­ge­tra­gen, schön weih­nacht­lich schmück­te ich ihn. In der Mit­te unser Gesel­le! Ihn umge­ben 4 Laternchen, sol­che, wie mei­ne Buben bas­tel­ten. Eine rote, eine grü­ne – so im Wech­sel. Wie warm, wie leben­dig und trau­lich läßt sich[‘]s anschau[e]n! Wie froh läßt sich’s sein beim Ker­zen­schein! Unter alles habe ich eine wei­ße Decke gebrei­tet. Ach Du!!! Du!!! Und wenn Du erst nach Neu­jahr – im Febru­ar, März! zu mir kom­men kannst, Her­ze­lein!! Unse­re Lichtlaben­de, die hal­ten wir trotz­dem, ja? Ach Du!! Ich möch­te ja sooo ger­ne auch ein­mal mit Dir, mei­nem Her­zens­schatz die [lie]be Vor­weih­nachts­zeit erle­ben! Oh wie ger­ne!!!

Gelieb­ter! Ob Du heu­te auch so froh im Her­zen bist wie ich? Ob auch Du ein wenig von der Advents­zeit erlebst im frem­den Lan­de? Ach! Ob denn mein Kranz nun bei Dir ist? Du, Schät­ze­lein!! Heu­te muß ich schlie­ßen! Ich muß noch mit jeman­den ganz lieb plau­dern heut[‘]! Ob Du ihn kennst? Ei frei­lich! Es ist der, der bei­nah ein Christ­kind gewor­den wäre! Und dar­an den­ke ich schon heu­te!!! Denn – wie schnell ist Weih­nach­ten! Dann ist zu spät wenn ich da erst dran den­ke. Und heu­te bin ich noch so schön allein! Oh Du!! Wie ich Dich lie­be! Mein [Roland]! Mein [Roland]! Gott behü­te Dich mir alle­zeit!

Ich blei­be in Lie­be und Treue ganz Dei­ne [Hil­de] Dein!

[An den Rand geschrie­ben] Her­ze­lein! Mor­gen früh fah­re ich mit Mutsch nach B. Mal sehen, wann wir zurück kom­men.

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