26. November 1941

Apollon Tempel Delphi
Das Ora­kel von Del­phi. Da soll­te das Ora­kel Sokra­tes zur Weis­heit mit der Bezeich­nung geru­fen: er weiß, dass ich nichts weiß. Foto: Eka­te­rin­burg, Blick auf den Appol­lon-Tem­pel, 2001, über Wiki­me­dia Com­mons, CCA-SA 3.0, 11.2017.
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Mitt­woch, den 26. Novem­ber 1941

Her­zens­schät­ze­lein! Gelieb­te! Du!!! Mein lie­bes, lie­bes Weib!

Heu­te komm[‘] ich gleich mal zum Vor­mit­tag auf einen Sprung zu Dir. Jetzt ist es 11 Uhr. Da wird unser Lager abge­bro­chen. Alles begibt sich zum Essen und still wird’s im Haus. Ich fah­re ja mit der Stra­ßen­bahn und rich­te es so ein, daß ich kurz vor 12 Uhr im Hafen bin, um 12 Uhr ist unten Dienst­schluß und dann spei­se ich mit K. zusam­men. Und jetzt bin ich ganz fein allein mit Dir![Du] Mußt zu mir kom­men, Du!!! Denn bei Dir zu Haus[‘] ist doch jetzt die lie­be Mutsch. Ach, ein ganz lie­bes Kussel kann ich Dir schon geben, Du!!!!! Ach Her­ze­lein! Ich will immer kei­nen Schluß machen beim Schrei­ben. Ich den­ke immer, das Liebs­te sei noch nicht gesagt. Aber das läßt sich auch gar nicht sagen. Und daß wir über­haupt Wor­te machen dar­um – weil anders wir es ein­an­der nicht sagen kön­nen. Was wirst Du denn eben jetzt ange­ben? Ach, ich seh[‘] Dich doch ste­hen – mein lie­bes, gro­ßes Schät­ze­lein – kocht das Mit­tag­essen – und guckst mit den Guck­äu­geln und Mes­ser und Gabel ins Essen, ob[‘]s nicht bald gar ist. Gleich will ich mich auch auf­ma­chen. Mein ers­ter Gang unten, ob die Post nicht gekom­men ist. Und wenn sie da ist, dann kann es gut schme­cken oder nicht gut, dann kann Dein Man­ner­li nichts ver­mis­sen.

Ges­tern und vor­ges­tern habe ich Wol­le gekauft. Eine Pro­be lege ich bei. Ich habe ganz viel genom­men, [Du] kannst einen ganz, ganz dicken Herz­wär­mer [Schal] stri­cken. Ich bin nicht eifer­süch­tig auf ihn – bloß ein bis­sel benei­den könn­te ich ihn, Du!!! Ich möch­te die Wol­le nicht schi­cken. Ich brin­ge sie lie­ber sel­ber, ja? Oh, dann kann ich aber mein Schät­ze­lein umgar­nen vom Kopf bis zum Zeh – kann es gar nim­mer her­aus – kann sich gar nicht weh­ren – vor wem? Nun vorm Man­ner­li. [Es] Muß alles still und fein anhö­ren, was es ihm sagen will. Du!!!

Ich habe dich sooooooooooooo lieb, so lieb!!! Her­ze­lein! Du!!!

Herz­lieb! Nun ist es abend, da ich den Faden wie­der­auf­neh­me. Gleich noch ein­mal den Woll­fa­den. Ich zog also aus, mit Schei­nen bewaff­net. Sah links und guck­te rechts, und blieb dann in einem der klei­nen Maga­zi­ne ste­hen, die es hier mas­sen­weis[‘] gibt, nicht grö­ßer als Euer Kor­ri­dor­raum. Ich woll­te nur eben nach den Prei­sen und Qua­li­tä­ten mich erkun­di­gen. Wol­le ist gar nicht mehr so viel ange­bo­ten. Und weil mir der Ver­käu­fer oder die Ver­käu­fe­rin ver­trau­en­er­we­ckend [sic] schei­nen, sie spra­chen ganz gut deutsch, da kauf­te ich. In der bes­ten Qua­li­tät stan­den vier Far­ben zur Wahl: braun, rot, grün, und blau. Und ich mein­te, daß ich mein lie­bes Wei­berl gern mal blau sehen möch­te, blau in die­sem unge­fähr­li­chen Sin­ne. Das Braun und Grün gefie­len mir nicht recht, und rot sind ja alle Klei­del bei­nah, die ich in letz­ter Zeit her­zu­ge­bracht habe. Nun will ich hof­fen, daß die­ses gan­ze Geschäft auch dei­nen Bei­fall fin­det, die Far­be zumal.

Weil ich eben an das Wär­men den­ke – blau ist ja nicht gera­de eine war­me Far­be – möch­te ich noch ein­mal mah­nen: sei doch gescheit, und benut­ze das neue Öfchen, Her­ze­lein, auch vor dem 1. Janu­ar! Und was die Licht­rech­nung höher ist, bezahlst [Du] von unse­rem Gel­de, ja? Ich war ja einen Augen­blick so ungehalt[en], als Du mir schriebst, daß du Dei­ne kal­ten Füßeln auf einem Zie­gel­stein wärmst. Bit­te! Bit­te! Den­ke groß­zü­gig! An den 10 M ist nichts, rein nichts gele­gen – wohl aber an dem Koh­len­vor­rat im Kel­ler und an Dei­ner Gesund­heit! Schät­ze­lein! Bit­te! Fol­ge mir hier­in!

Das Man­ner­li war heu­te zur Unter­su­chung. Sie wol­len einen Unter­of­fi­zier aus mir machen – und zu dem Vor­schlag bedarf es einer Unter­su­chung. Heu­te star­te­te deren ers­ter Teil: Durch­leuch­ten der Lun­ge. Der Befund ist gut. Mor­gen früh soll ich zur ande­ren Unter­su­chung gehen. Es kam ganz schnell, sonst hät­te ich Dir schon ein­mal davon geschrie­ben.

Mor­gen früh erwar­ten wir Kame­rad H.  zurück.

Kame­rad K. ist schon wie­der zum Kino. Er wird wohl bald eine Phi­lo­so­phie des Kinos schrei­ben kön­nen. Aber er geht nur dahin, wo es nichts kos­tet, ins Sol­da­ten­ki­no, wir haben jetzt zwei hier. Das eine schaff­te er nicht mehr. Zwei Kinos und 1 Front­thea­ter, die lau­fend spie­len – für Zer­streu­ung ist also genü­gend Sor­ge getra­gen. Wenn ich sie alle mit­neh­men soll­te, müß­te mein Tag län­ger sein. Ach, ich brau­che die­se Zer­streu­ung nicht – ich ver­mis­se sie über­haupt nicht – meist gehe ich ihr aus dem Wege. Zer­streu­ung und Ablen­kung bringt der Tag genug. Nach Samm­lung und Besin­nung sehnt man sich.

Schät­ze­lein! Ich bin so glück­lich zu wis­sen, daß auch Du die besinn­li­che Stil­le und Ruhe mehr liebst als das ver­wir­ren­de Getö­se, daß Du so wie ich ver­langst, Dich wie­der­zu­fin­den, den eige­nen Herz­schlag und Rhyt­mus [sic] des eige­nen Lebens  zu füh­len – daß Du die Muße nicht fürch­test und fliehst. Vie­le Men­schen kön­nen das nicht mehr. Sie fürch­ten die Lan­ge­wei­le, die eige­ne Lee­re und Hohl­heit, sie füh­len sich zur Her­de gezo­gen, sie mögen [s]ich auch nicht mehr selbst stel­len. Ich bin immer wie­der erstaunt, wie schnell die jun­gen Men­schen fest­fah­ren in ein Gleis, sich Alt­män­ner­ma­nie­ren zule­gen und sich dar­in gefal­len, wie schnell sie zu Typen und Ori­gi­na­len ver­hol­zen oder ver­kal­ken, wie man will, wie wenig sie Kri­tik an sich selbst üben. Aber das liegt dar­an, daß sie es nicht übten, daß ihnen die rech­ten Maß­stä­be feh­len und daß der Satz : “ich weiß, daß ich nichts weiß“ nicht zu ihrem täg­li­chen Umgang und zur täg­li­chen Beich­te gehör­te wie uns auf den Schu­len. Wer kei­ne Vor­bil­der kennt, wonach soll der sich stre­cken, wonach soll er stre­ben? Und neue Erzie­hung meint ja, daß man nicht früh genug damit begin­nen kann, dem jun­gen Men­schen ein mög­lichst gro­ßes Selbst­be­wußt­sein ein­zu­re­den, das ihn erha­ben macht über die Auto­ri­tä­ten und Weis­hei­ten der Alten – und gefü­gig und urteils­los für die Leh­ren der Jun­gen.

Nun, die Wurf­schau­fel [sic] Got­tes wird säu­ber­lich Spreu vom Wei­zen schei­den und allem hoh­len, auf­ge­bläh­ten Wesen und Getue wird die Geschich­te bald das ver­dien­te Urteil spre­chen.

Herz­lieb, wenn man all das so sieht und sich von jun­gen, neu­en Strö­mun­gen in die Oppo­si­ti­on gestellt drängt sieht, kommt man sich manch­mal recht alt­mo­disch vor. Und Du erlebst es ja mit mir: alt­mo­disch ist unser Lie­ben, unser Glück­träu­men, alt­mo­disch und abson­der­lich schei­nen uns[e]re Anschau­un­gen und Mei­nun­gen von die­sem und jenem. Aber Her­ze­lein, sie schei­nen es nur, sie sind [es] nicht – und dar­in las­sen wir uns auch nim­mer durch die Mei­nung einer Mehr­heit beir­ren. Wir sind nicht alt im Her­zen und alt­mo­disch, aber wir mögen uns nicht an den Paro­len des Tages­ge­schreis hin- und her­zer­ren las­sen – wir fin­den unse­ren Weg ganz von selbst nun. Und ich bin so dank­bar für die Erzie­hung, die wir genos­sen haben, wie sie uns urtei­len lehr­te, weil sie uns Mög­lich­kei­ten und Ent­schei­dun­gen zeig­te. Herz­lieb! Und ich bin wie­der und wie­der so froh, daß wir ein­an­der dar­in so gut ver­ste­hen. Und ich weiß und füh­le es, daß Du nich[t] nur etwa mir zulie­be so gesinnt bist, son­dern aus eig[e]ner Über­zeu­gung. Ach, mein Herz­lieb hat auch sei­ne eige­nen Gedan­ken und sei­nen eige­nen Kopf und einen star­ken Wil­len – das weiß ich recht gut – aber auch einen gesun­den Ver­stand, der es befä­higt, abzu­wä­gen und zu urtei­len. Her­ze­lein! Das ist doch ein Teil unse­rer glück­li­chen Gemein­sam­keit, daß wir mit­ein­an­der den Weg suchen und uns aus­tau­schen und unse­ren Blick üben und schär­fen für die Erkennt­nis des Guten und Bösen! Gelieb­tes Herz! Nun ist es schon wie­der 11 Uhr. Ich muß schla­fen gehen. Ich lie­be Dich! Ich habe Dich so fest in mein Herz geschlos­sen!

Gott behü­te Dich! Er seg­ne unse­ren Bund! Und er las­se die­ses böse Kriegs­ge­wit­ter recht bald gnä­dig vor­über­ge­hen! Werd mir recht bald wie­der gesund! Komm immer zu mir! Lehn Dich an mich! Ich mein[‘] es so gut mit Dir! Ach, ich möch­te Dir der Aller­liebs­te sein auf die­ser Welt, so wie Du mir der aller­al­ler­al­ler­liebs­te [sic] Her­zens­schatz bist auf die­sem Erd­engrund! Du!!!!! !!!!! !!!

Dein [Roland]

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