24. November 1941

Medicine aryballos Louvre CA1989-2183 n2.jpg
Phy­si­ci­an trea­ting a pati­ent. Red-figu­re Attic ary­bal­los. 480–70 BC, Lou­vre, Paris. Foto: Marie-Lan Ngu­y­en, 2011. Über Wiki­me­dia Com­mons, Lizenz CC-BY 3.0, 11.2017.

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Mon­tag, den 24. Novem­ber 1941

Her­zens­schät­ze­lein! Gelieb­te! Mein lie­bes, teu­res Weib!

Die Post arbei­tet jetzt ver­blüf­fend schnell, und heu­te schon erreich­te mich Dein lie­ber Bote vom 20. Novem­ber. Dazu kam ein ver­spä­te­ter Bote vom 10. Nov.[ember], der mit dem Kon­zert­pro­gramm. Her­ze­lein! Laß Dir dan­ken für alle rei­che Lie­be, die mir so mich erwärmt und durch­sonnt und froh­wer­den läßt. Zuerst muß ich wie­der den Onkel Dok­tor spie­len. Ich rech­ne: Am Sonn­tag war mein lie­ber Pati­ent noch sehr krank, das bezeug­te auch die alte treue See­le Ilse S. Am Mon­tag such­test Du den Arzt auf. Am Diens­tag aber warst Du schon wie­der im Kur­sus, am Mitt­woch in der Kin­der­schar – und nun schon wie­der Wasch­fest. Ganz wohl und mun­ter fühlst Du Dich!  Her­ze­lein! Wenn das nur gut geht! Als ich vor einer Woche Dich leicht­sin­nig schalt – da behielt ich recht. Du hast Dich nicht genug geschont. Ich kann nicht ganz bil­li­gen, wie Du jetzt wie­der han­delst. Du müß­test Dich radi­ka­ler scho­nen. Du sagst selbst, daß es nicht leicht­zu­neh­men [sic] ist. Ich will ja hof­fen, daß die Bes­se­rung anhält, daß kein Rück­fall ein­tritt. Und ich will mich beru­hi­gen über Dei­ner Ver­si­che­rung, daß Du Dei­ne Gesund­heit mir noch mehr hüten willst. Herz­lieb! Hin­ter der Sor­ge um das Gesund­wer­den haben alle Pflich­ten rück­sichts­los zurück­zu­tre­ten, sie sind dann zwei­ten Ran­ges!!! Werd[‘] mir recht bald wie­der ganz gesund! Her­ze­lein! Wenn die­ser Bote Dich erreicht, dann hat Dich schon wie­der das Krank­sein beim Wickel! Schät­ze­lein! Ich bin so froh, daß ich Dich zu Hau­se weiß in guter Hut. Was haben wohl man­che Frau­en hart zu tra­gen! Zu ihrem Krank­sein Sor­gen um vie­le Kin­der. Viel­leicht ist schon wie­der eines auf dem Wege. Und dabei womög­lich ein­sam und unver­stan­den und inner­lich mit dem Man­ne zer­strit­ten! Man kann doch so rund­weg nie­man­dem emp­feh­len, sich eine bestimm­te Anzahl Kin­der zu wün­schen. In innigs­tem Ein­ver­ständ­nis müs­sen Mann und Frau mit sich zura­te gehen und erfüh­len, wie­viel Kind­lein sie zu tra­gen ver­mö­gen, ohne ihre Kräf­te zu über­span­nen. Und nicht die Tage des Wohl­seins, an denen uns alles leicht erscheint, dür­fen allein den Maß­stab abge­ben für die­ses Ermes­sen. Kame­rad K. erzähl­te kürz­lich ein Bei­spiel aus sei­ner Ver­wandt­schaft. Nach dem ers­ten Kind­lein hat­te der Arzt erklärt, daß ein zwei­tes eine ganz gro­ße Gefahr für die Frau bedeu­ten müs­se. Der Mann, der sich mehr Kin­der in den Kopf gesetzt hat­te, füg­te sich nicht dem erns­ten Spru­che des Arz­tes. Es ist aber trotz­dem gut­ge­gan­gen.

Es ist recht lieb von Dir, daß Du Dich bei allem eige­nen Unwohl­sein auch um die lie­be Mutsch beküm­merst. Der Vater ist mit sei­nem unmensch­li­chen Dienst doch ver­hin­dert, es zu tun, wie es nötig ist. Ist die Erfah­rung, die Du, in bes­ter Absicht han­delnd,  mach­test, nicht erschre­ckend? Daß die Ärz­te so über­las­tet sind, daß sie ihr Pen­sum sche­ma­tisch her­un­ter­ar­bei­ten müs­sen, eben ihre Kunst­grif­fe anwen­den und Rezep­te schrei­ben, im übri­gen aber den Kran­ken see­lisch kein biss­chen näher­tre­ten kön­nen? So in der Sprech­stun­de – und so natür­lich auch bei ihren Haus­be­su­chen. Und der Blick, den der Kran­ke von sei­nem Hel­fer erwar­tet[,] ist min­des­tens eben­so­viel [sic] wert wie die Medi­zin, die er ihm ver­ord­net. Ich­bin [sic] mit Euch recht froh, daß Mut­ter den Ope­ra­ti­ons­arzt wird zura­te­zie­hen [sic] kön­nen. Ich glau­be nicht, daß der jet­zi­ge Arzt gera­de etwas Wich­ti­ges ver­heim­licht hat. Gibt es denn auch einen Krebs in die­sen Tei­len des Unter­lei­bes? Herz­lieb! Wir wol­len mit­ein­an­der hof­fen und beten, daß alles ins rech­te Geschick kommt. Recht, daß Mut­ter [ein]mal aus­spannt. Nur – wie lan­ge wird sie mit sich selbst Geduld haben? Und wird sie sich recht scho­nen und hal­ten? Du schreibst und sag­test schon manch­mal, daß sie mit den Ner­ven her­un­ter ist. Ich habe es ja schon mit­er­lebt, daß sie man­ches zu schwer nimmt, sich zu sehr annimmt, daß sie sich über­trie­ben sorgt. An sei­nen Wur­zeln gepackt wird das Übel wohl erst recht, wenn sie die gan­ze Näh­ar­beit ein­mal hin­le­gen kann. Herz­lieb! Wir wol­len nicht zudring­lich sein und uns auch nicht geschei­ter dün­ken als die lie­ben Eltern. Sie sind bei­de so gut in ihrer Art – und es fehlt zwi­schen ihnen doch an der inni­gen Ver­bin­dung und Gemein­sam­keit, die viel­leicht bei­der Gesund­heit und Ner­ven­kraft för­der­lich wäre. Ich glau­be, die lie­be Mutsch ent­behrt das rech­te Ver­stan­den­sein und die Zärt­lich­keit am meis­ten. Du! Schät­ze­lein! Wie wird es zwi­schen uns sein, wenn Du ein­mal in Mut­ters Alter bist – und Dein Man­ner­li ist 56 oder gar 58 Jah­re alt? Ob dann die Küs­se noch schme­cken, und die Zärt­lich­kei­ten noch sind zwi­schen uns? Wer soll­te uns Ant­wort geben auf die­se Fra­gen? Herz­lieb! Du!!! So nahe wir ein­an­der jetzt schon sind, ein­an­der so lieb ver­ste­hen – es soll nicht weni­ger wer­den – es wird mehr wer­den – Du!!! Schät­ze­lein! Die Lie­be zuein­an­der wird inni­ger wer­den! Das Ver­ste­hen immer grö­ßer und tie­fer. Und unser Lieb­ha­ben? Oh Schät­ze­lein! Ich kann mir gar nicht den­ken, daß es sich abnutzt, daß alle Süßig­keit schal wer­den soll, daß wir uns eines [T]ages ein­an­der nicht mehr so selig und selbst­ver­ges­sen umschlin­gen soll­ten, daß uns eines Tages der Glau­be an uns[e]re Lie­be ver­lo­ren gehen könn­te. Du! Du!!! Wir haben ein­an­der sooo lieb! Wir sind ein­an­der sooo gut – wie auch die lie­be Mutsch es weiß. Gott im Him­mel erhal­te uns ein gläu­bi­ges, ein­fäl­ti­ges Herz! Er las­se die lie­ben Eltern noch recht lan­ge an unse­rem Geschi­cke und Glü­cke teil­neh­men!

Her­ze­lein! Nun geht es doch stramm auf Weih­nach­ten. Die nächs­te 24 bedeu­tet doch schon den Hei­li­gen Abend! Ich freu[‘] mich doch schon auf den Got­tes­dienst am kom­men­den Sonn­tag, in dem dann die ers­ten Weih­nachts­lie­der erklin­gen. Weih­nachts­lie­der und Weih­nachts­ge­dan­ken, deren Ver­ban­nung aus dem Kin­der­her­zen Euch Kin­der­s­char­t­an­ten in der Chem­nit­zer Ver­samm­lung wahr­schein­lich erneut zur Pflicht gemacht wird. Erbo­se Dich nicht unnö­tig dar­um, Gelieb­te! Gott läßt die Bäu­me nicht in den Him­mel wach­sen! In unse­rem Heim und Her­zen wer­den wir Weih­nach­ten fei­ern, solan­ge wir leben, wir kön­nen nicht anders. Und das Man­ner­li wird sie mit jedem Jah­re her­vor­su­chen und klin­gen machen, die from­men Wei­sen. Und Du, gelieb­tes Weib, wirst den Advents­kranz win­den – und er wird uns nicht irgend­wie Sym­bol sein, son­dern eben die­ses eine bestimm­te. Und nun ist der Kranz schon auf dem Wege, lie­bes treu­es Weib! Ich wer­de nie ver­ges­sen, wie Du mir das ers­te­mal den Advent brach­test – Her­ze­lein! Du bist so gut, so her­zens[-, ] see­lens­gut! Du hast mich so lieb!!! „Ich schi­cke Dir bis Weih­nach­ten noch meh­re­re Säckel, ich habe so aller­lei noch vor!”  Weih­nachts­mann, Weih­nachts­mann! Sei nicht zu gut zu mir! Ich kann doch gar nicht so gut fol­gen! Und brav sein! Mein Herz­lieb macht auch schon die Guckerl groß wie die Kin­der um Weih­nach­ten. Paß mir gut auf! Er muß gleich [ein]mal vor­bei­ge­hen in den nächs­ten Tagen, der Weih­nachts­mann. Sei schön brav! Halt Dich fein gesund! Dann freut er sich! Und sei nicht zu neu­gie­rig, sonst gibt’s [ein]mal einen Nasen­stü­ber! Ach Schät­ze­lein! Weißt, ich freu[‘] mich ganz sehr auch auf uns[e]re Weih­nachts­fes­te ein­mal, und wenn dann gar ein Kind­lein mit in den Lich­ter­baum schaut – – Du!! Aber die größ­te Freu­de und das kost­bars­te Geschenk wird m[ir] all­zeit Dei­ne Lie­be blei­ben und unser inni­ges Ver­ste­hen! Du!!! Am Weih­nachts­abend wird es immer zu neu­em Glü­cke uns recht bewußt wer­den! Herz­lieb! Her­ze­lein! Ich möch­te Dich doch ganz lieb beschen­ken, und zuerst doch mit mei­ner Heim­kehr. Sie wäre ja auch mir das schöns­te Geschenk! Gott im Him­mel wol­len wir unse­ren Her­zens­wunsch anbe­feh­len. Er erhal­te Dich froh und gesund! Herz­lieb! Du! Mein lie­bes Weib! Ich küs­se Dich! Ich lie­be Dich aus tiefs­tem Her­zen und blei­be ewig

Dein [Roland]! Dein Man­ner­li!

Einen Aus­schnitt aus uns[e]rer Front­zei­tung mit hüb­schen Anek­do­ten aus dem grie­chi­schen Alter­tum lege ich bei. Nun wird’s doch tat­säch­lich ein dicker Brief ein­mal, von Dei­nem Dicker­le. Aber die von mei­nem Wei­berl sind noch dicker – Dick­di­cker­le – Du! Muss auch so sein! – Und was noch nicht ist, kann noch wer­den – Du!!! Schät­ze­lein! Ich hab[‘] Dich sooooooooooooo lieb! Ich den­ke Dein voll Lie­be und Sehn­sucht! Ich bin so unend­lich froh und stolz und glück­lich Dei­nes Besit­zes – Du gehst mit mir! Du ver­traust mit mir! [Du] Hast Dein Leben dem mei­nen ver­bun­den! Oh Du!!! Du!!!!!!!!!!!!! Du liebst mich! Ich lie­be Dich!!!!!!!!!!!!!

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