16. November 1941

Annalie
Anne­lie, deut­sches Film­dra­ma von Josef von Báky, 1941.

 [411116–1-1]

Sonn­tag, den 16. Novem­ber 1941

Herz­lieb! Gelieb­te! Mei­ne lie­be, lie­be [Hil­de]!

Das ist der Sonn­tags­bo­te, wird aber am Mon­tag­mit­tag erst geschrie­ben. Als wir bei­den [sic] ges­tern abend schreib­be­flis­sen nach Hau­se kamen, streik­te das Licht wie­der ein­mal — und kam den gan­zen Abend nicht wie­der. So, daß wir im Dun­keln uns[e]re Brat­kar­tof­feln berei­ten muß­ten. K.s ster­ben­de Taschen­lam­pe muß­te ihre letz­ten Diens­te tun, wenn wir umrüh­ren woll­ten. Im Fla­cker­schein des Herd­feu­ers haben wir im Tie­gel gesto­chert — es hat trotz­dem pri­ma geschmeckt. Dann gab es noch ein Plau­der­stünd­chen bis gegen 10 Uhr. Und weil das Licht noch nicht der­glei­chen tat, leg­ten wir uns nie­der. Her­ze­lein! Nun soll schnell nach­ge­holt sein, was ich ver­säu­men muß­te! Ganz lieb hab[‘] ich Dein immer gedacht. Auf einen Boten habe ich gespannt — aber es kam kei­ner — und heu­te auch kei­ner — und ich hät­te doch gern gewußt, wie Dir nun ist nach dem Schwitz­bad. Ach Her­ze­lein! In der Enge des Nicht­hel­fen­kön­nens und der Unge­wiß­heit bleibt uns die fes­te Gewiß­heit, die bes­te und gewis­ses­te Nach­richt auch: Gott im Him­mel ist mit uns. Er wal­tet über unse­rem Geschick. Sein Wil­le geschieht über­all und zu jeder Stun­de, und sein Wil­le ist der bes­te. Und dazu dür­fen wir sei­ner Lie­be und Gna­de gewiß sein, und wir bit­ten ihn und hof­fen bei­de voll fro­her Zuver­sicht, ja, nach­dem wir so rei­che Gna­de schon erfuh­ren, mit demü­ti­ger Freu­de, daß Gott uns zusam­men­führt zu gemein­sa­mem Leben. Herz­lieb! Wir wol­len sei­ner Hil­fe und Gna­de auch nie ver­ges­sen, wenn wir am Zie­le uns[e]res Her­zens­wun­sches sind! Wol­len mit unse­rem Leben ihm die­nen!

Nun laß Dir vom Sonn­tag erzäh­len. Am Sonn­abend weh­te ein ganz kal­ter Wind, ein Sturm rich­ti­ger. Am Sonn­tag­mor­gen waren alle Ber­ge frisch über­zu­ckert, aber der Him­mel zeig­te sich freund­li­cher, es klar­te auf und gab ein [sic] herr­lich fri­sche Luft bei guter Sicht. Gleich nach dem Essen schäl­ten wir uns[e]re Kar­tof­feln, die wir uns vom Mit­tag mit­brach­ten. Dann sind wir los­ge­zo­gen in unser Gebir­ge. Es ist uns nun schon ein wenig ver­traut mit sei­nen Schrün­den und kahlen Buckeln und lieb mit sei­nen Aus­bli­cken über das Land, das uns als Auf­ent­halt nun eben zuge­wie­sen ist. Es ist ein Gebir­ge im Klei­nen: gar nicht weit ent­fernt, nicht sehr hoch. Die fri­sche Luft war ganz herr­lich und erqui­ckend. In Ver­folg uns[e]res Pla­nes zogen wir uns[e]re Krei­se nicht all­zu­weit [sic], son­dern steu­er­ten die Stadt wie­der an. An der Zita­del­le kamen wir her­ein. Im Begriff hin­un­ter­zu­stei­gen in die Stadt, lock­te ein offe­ner Gar­ten zum Betre­ten. Inmit­ten stand ein Kirch­lein und an ein ande­res Gebäu­de gelehnt stan­den da Bruch­stü­cke eines Reli­efs und Säu­len­res­te und mäch­ti­ge Stein­ge­fä­ße: Über­bleib­sel eines Tem­pels, der vor­her frei gestan­den hat­te. Ein Pope führ­te ein [sic] ita­lie­ni­sche Gesell­schaft, bestehend in einem Uni­for­mier­ten, ein Regie­rungs­be­am­ter anschei­nend, zwei Her­ren und zwei Damen durch die Sehenswürd[ig]keiten, und wir bei­de gesell­ten uns dazu und schnapp­ten auf, was wir konn­ten. Ein Herr trat dann noch hin­zu, der uns eini­ges Ver­dol­metsch­te [sic] und uns auf eini­ge Merk­wür­dig­kei­ten hin­wies. Er sprach gut deutsch. Wir kamen mit ihm ins Gespräch. Von der Höhe des Kirch­gar­tens die Stadt über­schau­end, haben wir uns wohl eine hal­be Stun­de mit ihm unter­hal­ten. Beim Ver­ab­schie­den stell­te er sich vor: Pro­fes­sor der Musik (Kla­vier) Lon­dos, Lei­ter des Kon­ser­va­to­ri­ums von Salo­ni­ki. Hat in Wien Musik stu­diert. Ein fei­ner Kopf, der Typ eines fein­sin­ni­gen Musi­kers. Wir haben uns über die Geschich­te der Stadt unter­hal­ten, über die Poli­tik, über die Musi[k.] Es war eine schö­ne hal­be Stun­de, die uns[e]re Gedan­ken ganz fest und lieb auch zu der Hei­mat gehen lie­ßen. Der Grie­che ver­mu­te­te in uns auch stu­dier­te Leu­te. Sind wir ja auch.

Lui­se Ull­rich, Anne­lie, UFA, 1941, Foto: IMBd.

Recht ange­regt von die­ser sel­te­nen Begeg­nung stie­gen wir nun hin­ab — um den Lecker­mäul­chen ihr Recht zuteil wer­den zu las­sen. Aber der Kuchen war schon alle. Schnur­stracks sind wir nach Haus[‘] gefah­ren. Dort wink­te guter Boh­nen­kaf­fee und eine fes­te Schnit­te. Auf unse­rem Pro­gramm stand nun Kino­be­such: Anne­li [Josef von Báky, 1941], die Geschich­te einer Fami­lie. Ent­täuscht kehr­ten wir zurück. In sei­nen bes­ten Stel­len und sei­ner Anla­ge erin­ner­te der Film an “Mut­ter­lie­be” [Gus­tav Uci­cky, 1939], reich­te aber nicht im ent­fern­ten her­an und hat­te ein paar ganz unmög­li­che Stel­len. Eine Nie­te. Wie so vie­le Fil­me. Wir haben uns noch lan­ge den Kopf zer­bro­chen über die Grün­de des Ver­sa­gens eines ernst ange­leg­ten Fil­mes und waren also wie­der ange­regt. Und freu­ten uns nun auf die Brat­kar­tof­feln und die anschlie­ßen­de Schreib­stun­de. Der Licht­streik ent­täusch­te uns wie­der Herz­lieb! Wie wirst Du den Sonn­tag ver­lebt haben? Ob Du wohl wie­der gesund und mun­ter bist? Ich habe Dein oft den­ken müs­sen. [Ich] Bin jetzt schon ein paar Tage früh ganz zei­tig mun­ter und den­ke dann Dein. Aber ich mer­ke, daß Du schläfst um die­se Zeit. Die dun­kels­te Woche des Jah­res ist ange­bro­chen. Buß­tag. Er wur­de bei Euch zu Hau­se schon am Sonn­tag, also ges­tern, gehal­ten. Bei uns ist am Mitt­woch abend eine Abend­mahls­fei­er ange­setzt — ich habe mir vor­ge­nom­men, sie zu besu­chen. Ich neh­me Dich mit. Ganz nahe wirst Du mir sein. Und kom­men­den Sonn­tag Toten­sonn­tag.

Vor einem Jah­re ver­leb­ten wir ihn zusam­men in Bar­kels­by. Weißt Du es noch? Wir mar­schier­ten zur Stadt. Ich habe sie in Erin­ne­rung als eine etwas küh­le, unheim­li­che Stadt. Unheim­lich wohl des­halb, weil man des abends immer schleu­nigst wie­der der Bat­te­rie zustreb­te, um bei Alarm zur Stel­le zu sein. Die Unru­he des Alarms geis­ter­te in der Stadt. Wann wird der Frie­den wie­der über allen Lan­den lie­gen ein­mal? Alle Men­schen seh­nen ihn her­bei — aber mäch­ti­ger als die­ses Seh­nen ist der Haß und der Wil­le und die Gier nach Macht und Gewinn.

Herzelein![Du] Mußt Dir nun an die­sen raschen Zei­len genü­gen las­sen. Die Mit­tags­pau­se geht zu Ende, gegen ½ 4 Uhr kommt der Pos­til­li­on und wird den Boten mit­neh­men. Heu­te abend, in ein [p]aar Stun­den schon, will ich Dei­ne lie­ben Hän­de wie­der fas­sen. Gott im Him­mel schüt­ze Dich! Er sei unse­rem Bund gnä­dig. Herz­lieb! Ich möch­te wie­der bei Dir sein! Möch­te mich son­nen in Dei­nem lie­ben Wesen und wär­men in Dei­ner Her­zens­gü­te und Her­zens­lie­be, möch­te ganz daheim sein und mit Dir leben! Ich möch­te Dir all mei­ne Lie­be und Ver­eh­rung zei­gen, möch­te Dein Her­zen­schatz sein und Dein Man­ner­li! Ach Du! Die­ser Wunsch ist immer mit mir — er läßt mich nie los — er ist die Brü­cke in uns[e]re Zukunft, zu Dir! An die­sen Wunsch knüp­fen sich die liebs­ten und geheims­ten Gedan­ken. Und ich hege ihn und näh­re ihn! Er ist das Köst­lichs­te, das ich mit mir habe in der Frem­de. Oh Gelieb­te! Ganz fest und tief bist Du in mein Herz geschlos­sen. Ich habe Dich soooooo lieb. Werd mir recht bald wie­der gesund! Mein Her­ze­lein! Gold­her­ze­lein!

Mein Son­nen­schein! Mein Leben! Mein Ein und Alles! Du!!!!!

Ich bin ganz Dein! Ewig Dein [Roland]!

Ich habe Dich sooooooooooooo lieb! Du

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