Trug und Schein: Ein Briefwechsel

08. November 1941

 

[411108–1‑1]

[Salo­ni­ki] Sonn­abend, den 8. Nov. 1941

Her­zens­schät­ze­lein! Gelieb­tes, teu­res Weib! Mei­ne [Hil­de]!

Denkst Du wohl mein? Herz­lieb! Ich bin ganz bei Dir! Sonn­abend ist wie­der. Ein leich­ter Tag winkt – Fei­er­tag! Ach Schät­ze­lein – wär[‘] ich doch bei Dir und könn­te ihn mit Dir bege­hen! Alle Sehn­sucht will wach wer­den, Gelieb­te! Ich weiß doch, wo ich Dich suchen muß heu­te abend. [Du] Hast es mich doch lieb wis­sen las­sen. Noch nicht ganz ein Jahr ist es wohl her, daß wir mit­ein­an­der zu der näm­li­chen Ver­an­stal­tung waren, ein Chor­kon­zert war’s, das uns so gut gefiel. Ach Herz­lieb! Wie gern wär[‘] ich jetzt mit Dir! Ich müßt[‘] Dich doch immer­zu anschau­en! Mein Herz­blü­me­lein! Mei­ne Her­zens­kö­ni­gin! Zau­be­rin, Du! Die mein Herz ganz gebannt hat! Du! Wel­ches Kleid trägst Du wohl heu­te, Lie­bes, Du? Oh Her­ze­lein! Ich muß Dich doch immer­zu anschau­en! Ich lie­be Dich sooo sehr! Darf ich Dich denn anschau­en? Du! Du!!! Ein­fäl­ti­ges Gold­her­ze­lein! [Du]Weißt doch gar nicht, wie ger­ne Dich Dein Man­ner­li schaut, Du!!! Wie Du es ent­zü­cken kannst, ganz när­risch machen vor Lie­be!!! Wie reich Du bist, oh wie reich, Gelieb­te! Oh Du! Du!! Dich darf ich anschau­en – ohne daß es Unrecht ist und Sün­de. Herz­lieb! Wie sie dürs­ten, die Augen, sich satt zu trin­ken an Dei­nem Bil­de! Wie die Son­nen­strah­len zit­tern vor Unge­duld, daß sie Dich tref­fen. Ach Du! Daß Aug[‘] in Auge sich senkt. Und dann muß Lip­pe sich zu Lip­pe fügen – und Herz zu Herz lie­bend sich neigen.

Und die Musik? – Her­ze­lein, sie muß dann in unse­ren Jubel stim­men, in den Schlag uns[e]rer Her­zen! [Wolf­gang Ama­de­us] Mozart. Abso­lu­te Musik. Klas­si­sche Musik. Musik in voll­kom­mens­tem Eben­maß und bestri­cken­der Anmut. Musik, die hin­aus­weist aus den Nie­de­run­gen mensch­li­chen Has­ses, der Gemein­heit, in die etwas ein­ge­fan­gen ist von dem Glanz der Son­ne und dem unir­di­schen Blau des Himmels.

Gelieb­tes Weib! Du! Du!! Ich will doch heu­te abend gar nicht die rech­ten Wor­te fin­den – und wenn ich jetzt bei Dir wäre, könnt[‘] ich doch gar kei­ne Wor­te machen. Ach Herz­lieb! So geht es mir oft in den Tagen des Seh­nens. Dann will alles ver­stum­men! Oh Geliebte!

Ich sit­ze allein in der Stu­be. Dun­kel ist es um mich her. Die Steh­lam­pe macht einen run­den Schein. Kame­rad K. ist in der Nach­barstu­be beim Preiss­kat.

Ganz klar war der Tag heu­te. Die Son­ne spen­de­te um Mit­tag reich­lich Wär­me. Aber die Luft war kühl. Ges­tern, am Frei­tag, haben wir seit lan­gem wie­der mal I.-Dienst machen müs­sen. Ein­fall vom Kom­pa­nie­chef. Lan­ge wird das nicht gehen. Aber vor­ge­se­hen ist also wöchent­lich ein­mal Exer­zier­dienst. Nun hieß es, das Gewehr wie­der her­vor­su­chen. Die Sache war ziem­lich harm­los. Die ver­schie­de­nen Grif­fe sind schnell wie­der auf­ge­frischt. Ich ver­lor eine Stie­fel­soh­le und riß mir ein Drei­eck in die Kha­ki­ho­se. Doch wenigs­tens ein Erfolg.

Da den­ke ich eben dar­an, daß der Hee­res­be­richt heu­te Fein­dein­flü­ge an vie­len Stel­len Deutsch­lands ver­mel­de­te. Hof­fent­lich seid ihr nicht betrof­fen wor­den. Du wirst mir berichten.

Her­zens­schät­ze­lein! Ich will jetzt schla­fen gehen – ein wenig müde bin ich – ganz lieb will ich mei­ne Gedan­ken noch zu Dir schi­cken, ganz lieb! Ach Du! Ganz leben­dig möch­ten sie heu­te abend um Dich krei­sen, ganz unge­stört vom Feder­ge­krit­zel. Mor­gen, Sonn­tag, ist erst um 7 Uhr Wecken. Da kann ich ganz lan­ge bei Dir sein. Und mor­gen früh will ich dem Boten noch auf­ge­ben, was er Dir noch bestel­len soll. Ach Herz­lieb! Ich lie­be Dich! Ich bin ganz Dein! All mei­ne Lie­be drängt zu Dir allein! Ganz traut bewa­he ich Dein Herz, uns[e]re Lie­be! Nichts kann mich von Dir schei­den! Du, Du! Jetzt will ich Dich noch suchen in mei­nen Gedan­ken – will in die Stil­le wü[n]schen und Dei­ne Lie­be spüren!

Gelieb­tes Weib! Schlaf wohl! Träum süß von Dei­nem Man­ner­li! Behalt[‘] mich lieb! Du! Du!!! So wie ich dich ewig lieb behalte!!!!! !!!!! !!!

Her­zens­schät­ze­lein! Nun ist Sonn­tag­mor­gen. Son­nen­hel­ler Sonn­tag­mor­gen. Es gibt wie­der einen schö­nen Tag. Dunst begrenzt die Sicht. Ganz glatt liegt das Meer. Weit drau­ßen ein wei­ßer Tüm­pel von Möwen. Her­ze­lein! [Du] Hast wohl geträumt? Ach Du! Du!!! Ich weiß doch, daß ich mit Dir war. Und daß ich Dir mit heim­kehr­te – und vorm Ein­schla­fen Dein letz­ter Gedan­ke. Ach Schät­ze­lein! Ich habe Sehn­sucht nach Dei­ner lie­ben Hand! Nach Dei­ner Gebor­gen­heit! Nach Dei­ner Lie­be! Und ich bin so froh, daß die­se Sehn­sucht in mir ist. Sie ist die Mah­ne­rin an uns[e]re Lie­be, an unser Glück. Wenn wir nicht jubeln, dann müs­sen wir uns seh­nen. Jubeln und Seh­nen! Du! Gelieb­te! Seit ich Dich habe, ken­ne ich die bei­den erst recht!

Alles Seh­nen geht den Weg zu Dir! Es kann nicht anders. Her­ze­lein! Du warst in mei­nem Trau­me heu­te nacht – aber ich weiß ihn nicht mehr. [Ich]Weiß nur noch die Land­schaf­ten, in denen wir uns beweg­ten – Hei­mat­land­schaf­ten, eng und traut.

Jetzt wer­det Ihr in lie­ber Run­de um den Kaf­fee­tisch sit­zen. Ich wär[‘] doch so gern dabei! Möch­te[‘] neben Dir sit­zen, ganz dicht neben Dir! Und dürft[‘] mich an Dich leh­nen nur Dir ein ganz lie­bes, heim­li­ches Mor­gen­kus­sel geben, wenn Mutsch und Pappsch eben nicht her­se­hen. Ach Her­ze­lein! Du!!! So groß Dein Man­ner­li nun ist – es will doch noch all die Zärt­lich­keit – Du!!! Magst Du sie auch? Her­ze­lein! Ich kann gar nicht den­ken, daß sie auf­hört zwi­schen uns. Oder daß ein­mal eine Zeit käme, da wir sie „unpas­send“ fän­den. Du!!! Sehen’s ja nur Du und ich! Und uns[e]res Ver­liebt­seins und Glück­lichseins schä­men wir uns doch nicht, ja? Du!!! Das Man­ner­li zieht wohl dann gar ein dum­mes Gesicht. Und mein Wei­berl? Ich weiß es nicht. Ich schau[‘] doch dann nur das Glück in sei­nen Augen­ster­nen und [f]ühl[‘] dann nur das seli­ge Leben allen Glück­lichseins! Du!!! Du!!!!! Ach Du, Her­ze­lein! Das Man­ner­li hat doch soviel Zärt­lich­keit auf­spa­ren müs­sen! Und will und wird ganz jung blei­ben dar­in! Ja? Du!!!!! Ach Du, Herz­lieb! So still neben­ein­an­der leben wie Pappsch und Mutsch, das kön­nen wir nicht! Und wenn mein Feins­lieb ein­mal sag­te, heut[‘] abend brauch[‘] ich aber eine Wärm­fla­sche – Du!!! Du!!!!!! Dazu kommt es doch über­haupt nicht! Eher zum Gegen­teil! Na, ich will nicht groß­spre­che­risch sein und zuviel ver­spre­chen! Aber alle Lie­be, die ich habe, die in mir ist – die hast Du auf­ge­weckt und ange­zün­det! Herz­lieb! Nun brennt sie lich­ter­loh! Und die Flam­men schla­gen all zu Dir! Und Du mußt nun mit­bren­nen! Ach, daß Du mei­ne Lie­be immer möch­test! Und bei Dir fin­den die Flam­men sooo rei­che, rei­che Nah­rung! Sie kön­nen gar nim­mer aus­lö­schen! Oh Du! Du!!! Ich lie­be Dich aus der Tie­fe mei­nes Wesens mit Leib und See­le! Gelieb­te!!!!! Und Leib und See­le kann ich doch gar nim­mer tren­nen! Und alle Won­ne und Lust und Selig­keit uns[e]res Eins­seins ist doch nur, weil ich Dich auch von gan­zer See­le lie­be! Oh Herz­lieb! Du! Bist Du so wie ich gefan­gen in uns[e]rer Lie­be? Bist Du ihr so wie ich ganz ver­haf­tet? Oh Herz­lieb! Hast Du wie ich in Dir das unbän­di­ge Ver­lan­gen nach letz­tem Eins­sein, nach tie­fer Gebor­gen­heit? Oh Her­ze­lein! Her­zens­schatz! Du!!!

Ich gehö­re Dir ganz! Ich will mit Dir die tiefs­te Tie­fe des Glücks! Ich lie­be, lie­be Dich!!!

Gott seg­ne unse­ren Bund!

Er sei mit Dir auf allen Wegen!

Gleich geht die Post!

Und ich mag doch sie nicht verpassen!

Mein Bote soll ganz schnell gehen! Damit Du es weißt und erfährst, wie­der und wie­der, wie sooooooooooooo lieb ich Dich habe! Oh Du!!! Und wie so lieb ich Dich küs­sen möch­te und hegen und Dir ganz nahe sein!!!

Oh Du!!! Du!!! Mein Son­nen­schein, mein Leben!

Ewig Dein [Roland]! Du !!!!! !!!!! !!!

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08. Novem­ber 1941

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