25. Oktober 1941

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Sonn­abend, am 25. 10. [19]41.

Her­zens­schät­ze­lein! Gelieb­tes, gutes Man­ner­li!

Eben bin ich zur Tür her­ein, aber nun für ganz, heu­te! Seit dem Mor­gen besor­ge ich nun Wege, es nahm kein [E]nde. Vom Flei­scher zum Bäcker, zum Bau­er!, zum Elek­tri­ker, zum Wäsche­fa­bri­kant, der mir Schlüp­fer näht für Tante’s Jun­gen, dann lief ich mir fast die Bei­ne ab nach Wol­le. Ich hat­te doch von Dei­ner Mut­ter die 2 Gebin­de wei­ße Wol­le bekom­men, weißt? Und die reicht nicht aus zu mei­nem Pull­over. End­lich fand ich etwas eini­ger­ma­ßen [p]assendes. Dann zum Buch­händ­ler, zum Opti­ker einen Film bekam ich für Dich! Zum Holz­bu­den­mann, zum Milch­mann. Und jetzt war ich noch mit Mut­ter in der Stadt nach einem Woll­kleid für sie, ver­ge­bens. Auf die alte Punkt­kar­te kauf­ten wir uns jedes Stoff, Bar­chent für ein Nacht­hemd. Die neue Punkt­kar­te ist auch schon da. Nun ist Mutsch anschlie­ßend noch nach M., die Jun­gen abho­len, sie haben uns noch­mal drum gebe­ten, sie zu behal­ten. Ich bin neu­gie­rig, wa[n]n sie ein­tref­fen. [Es] Kann alle Minu­ten sein, Mut­ter ist mit dem Bus ¼ 6 [Uhr] run­ter; jetzt geht es auf sie­ben.

Und ich will die ruhi­ge Zeit nüt­zen, Dein zu den­ken. Es ist ganz scheuß­li­ches Wet­ter drau­ßen heu­te, es reg­net mit Schnee ver­mischt, und da sitzt man am aller­liebs­ten im war­men Stü­bel. Bei uns ist es so fein warm, seit der Ofen umges[et]zt wur­de. Und er läßt sich auch spar­sa­mer hei­zen. Wir häng­ten heu­te noch die Dop­pel­fens­ter im Schlaf­zim­mer ein; denn das konn­ten wir erst heu­te rei­ne­ma­chen, als Vater auf­stand. Der arme hat auch heu­te Nacht­dienst. Es wird nun wie­der ein schlech­tes hal­bes Jahr für ihn. Und ich mer­ke es schon an sei­ner Lau­ne, daß es ihm nicht behagt. Na, da hilft nun alles nichts, er muß sich durch den Win­ter bei­ßen. Wir tun [u]nser bes­tes, um ihn alles so wenig wie mög­lich spü­ren zu las­sen. Wir ver­sor­gen ihn gut. Er hat immer das Rei­ßen so bei der Wit­te­rung.

Mit Mut­ter bin ich so ganz noch nicht zufrie­den, sie sieht sehr schlecht aus um die Augen, weißt, so dunk­le Rin­ge. Wenn sie kom­men­de, oder über­nächs­te Woche wie­der zum Arzt fährt, will ich mal mit­ge­hen und mit ihm reden. Ich möch­te doch wis­sen, was eigent­lich mit ihr ist. –

Herz­lieb! Heu­te bist Du wie­der zu mir gekom­men, Du!! Ich habe mich so sehr gefreut! Und möch­te Dir von gan­zem Her­zen dan­ken! Du!! Hast mich ja sooo lieb! Mein Her­ze­lein! Ach, Du!!! Ganz fest drü­cke ich ihn an’s Herz, den lie­ben Boten von Dir! Von Dir wur­de er abge­sandt! Dei­ne Lie­be, Dei­ne Ver­eh­rung, all Dei­ne Glück­se­lig­keit mir zu kün­den! Dei­ne g[el]iebte Hand füll­te die Bogen, mir zur höchs­ten Freu­de und Selig­keit! Oh Du! Gelieb­tes Leben! Was bedeu­ten sie mir doch, Dei­ne gelieb­ten Boten!! Ganz heim­lich muß ich sie sogar auch küs­sen, Du!! Wenn es ein­mal so ganz warm und hell her­vor­strahlt, was Dein Her­ze bewegt! Du!! Ich habe doch nie­man­den, den [sic] ich mei­nen Über­schwang am Glück und Selig­keit zei­gen mag. [Du]!! Nur Dir, Dir ganz allein mag ich mich so zei­gen, wie mir um[’]s Her­ze ist, seit die Lie­be dar­in­nen glüht, Du!! Du!!!

Und Du bist mir so fer­ne jetzt – doch die Zei­chen von Dir, sie sind doch auch ein Stück von Dir, brin­gen mir einen Hauch von Dir mit – nein, viel mehr! Sie brin­gen mir Dein gan­zes Wesen so greif­bar nahe, daß ich oft mei­ne, Du redest mit mir, Gelieb­ter! Und dar­um bin ich oft so bewegt, so froh [un]d glück­lich, daß ich ihn an mei­ne Lip­pen pres­sen muß, den Boten, den Dei­ne Hand schrieb, ach, all Dei­ne gro­ße Lie­be spü­re ich dar­in­nen, Du!!! Du!!! Gelieb­ter! Wenn er ein­mal ganz aus­blie­be, dein Bote, oh Du! Ich wüß­te nicht, wie ich ohne ihn sein könn­te! Ich müß­te ver­zwei­feln, Du!! Herz­lieb! Auch bei Dir kommt jetzt [d]ie Post unre­gel­mä­ßig an, so wie hier auch. Wor­an das lie­gen mag?

Ja, wenn sie mir über­haupt noch kom­men, die Brie­fe; daß sie nicht etwa ver­lo­ren gehen, wir wol­len gedul­dig war­ten. Du! Wir ler­nen es ja immer bes­ser, das Gedul­dig­sein! Heu­te bekam ich einen Boten vom Sonn­abend den 18. und einen von Mon­tag, den Diens­tag! den 21. Okto­ber. Dein geplan­ter Sonn­tags­aus­flug, von dem Du mir im Sonn­aben­brie­fe schreibst, hat sich doch nicht etwa bis zum Mon­tag­abend hin­ge­zo­gen?! Nein, das ist wohl unmög­lich! Ich wäre Dir gar­nicht böse drum! Immer nützt die paar schö­nen Tage noch aus, der Win­ter wird Dir lang genug wer­den Herz­lieb! Hof­fent­lich hast Du in Eurer Biblio­thek noch eini­ge gute Bücher. Zeit­ver­treib machst [Du] Dir schon allein, gelt? Über’s Brie­fe­schrei­ben geht Dir doch nichts. Ach, wir sind doch paar so rech­te Sc[hr]eiberseelen, wir brau­chen gar kei­ne Neben­be­schäf­ti­gung im Leben! Du!!! Nur paar Blö­cke schö­nes Brief­pa­pier und paar Liter Tin­te, dann schlie­ßen wir die Tür vor ande­ren zu. Bums! In dem Sonn­abend­bo­ten berührst Du auch die geschäft­li­chen Sachen noch­mal. Du!! Zer­brich Dir mal nicht den Kopf über Oma’s [sic] Gar­di­nen, das ist zwei­ten Ran­ges. Wenn die eben kaputt sind, muß sie sich eine Per­son vom Bezug­schein­amt [a]nsehen, dann kriegt sie neue. So ist es doch über­all. Du kannst nicht noch für die Ver­wandt­schaft ein­ho­len – das führt zu weit. Und da wer­de ich ener­gisch! Jetzt denkst Du zual­ler­erst mal an Dich! Wenn Du wie­der ‘was flüs­sig hast. Du weißt doch noch gut, was ich Dir alles auf­zähl­te, ja? Und wenn Du zum nächs­ten Male wie­der­kommst und hast alles für mich ver­tan, dann hau’ ich Dir den Popo aus! Hörst Du?!!! Ich habe es heu­te wie­der gese­hen, als ich durch die Geschäf­te ging. Alles leer. Kei­ne Stof­fe, nur Ersatz. Kei­ne Wol­le, nicht ein­mal Woll­er­satz! Kei­ne Wäsche oder Stoff, man kann von Glück reden, wenn man noch etwas erwischt. Und mir wird Angst, wenn Du mal schnell zurück in Dei­nen Beruf kommst, wie­der Zivil­sa­chen trägst und ich kann Dir nichts nach­schaf­fen. Du bist in allen Sachen ziem­lich nahe am Ende. Strümp­fe, Unter­wä­sche, Schu[h]e, auch Ober­klei­dung! Und es ist kein schö­nes Gefühl, wenn man gern vor­sor­gen möch­te und es ist doch ver­ge­be­ne Mühe! Herz­lieb! Noch ein­mal: den­ke an Dich!!! Ich mein[’] es doch soo gut! Sieh, was nützt uns im Rei­che Geld und Punkt­kar­te, wenn es kei­ne Ware gibt. Und ich weiß genau, daß man uns auch nach dem Krie­ge in allem knapp hal­ten wird. Gewiß, es geht dann allen ander[e]n auch so – aber, war­um sollst Du die Gele­gen­heit, etwas Gutes, Soli­des zu kau­fen nicht wahr­neh­men?

Herz­lieb! Ver­steh[’] mich recht, Du sollst Dir nicht die Bei­ne abren­nen und nach dem, [sic] Aller­bes­ten jagen, ja kei­ne Gele­gen­heit aus­las­sen – so soll es nicht sein! Aber was in Dei­nen Kräf­ten steht, das tue. Du wirst es mir spä­ter ein­mal wie­der­sa­gen, wie wert­voll und wie [wohl: von] Vor­teil es für unser Fort­kom­men ist, wenn wir am Anfang uns[e]res gemein­sa­men Lebens und Haus­we­sens kei­ne gro­ßen per­sön­li­chen Aus­la­gen haben. Das wirft uns näm­lich in den ers­ten Jah­ren kolos­sal zurück. Wir haben noch vie­le Wün­sche offen, die zur Gestal­tung uns[e]res Hei­mes gehö­ren! Du wirst sagen: das kann auch nach und nach geschafft wer­den. Zuge­ge­ben. Aber ich sage, wenn wir schon soo lan­ge dar­auf war­ten müs­sen die­ses, unser Heim zu grün­den, dann soll auch die War­te­zeit recht genützt wer­den; indem wir mit Über­le­gung han­deln und schon vor­rüs­ten!

Daß uns wäh­rend uns[e]rer Tren­nung soviel Erspar­nis­se zusam­men­kom­men, und sofort, wenn Du heim­kommst alles nach unser[e]m Wun­sche geht. Es hängt nun ein­mal auch die­se Erfül­lung mit am Finan­zi­el­len. Ich bin so ein­ge­stellt: die Zeit, die für uns bei­de jetzt taten­los ver­streicht, die uns wertlos scheint [i]n gewis­sem Sin­ne, die wol­len wir auch hier­in zu einer wertvol­len Zeit wan­deln, nicht nur inner­lich wol­len wir bau­en und rüs­ten für unser[e]n Lebens­bund, auch äußer­lich; denn die äuße­re Har­mo­nie und Trau­lich­keit för­dert die Har­mo­nie der Her­zen, ohne Fra­ge. Das spür­te ich schon in vie­len Ehen! Und Du!? Schät­ze­lein, lie­bes? Gibst Du Dei­nem Haus­müt­ter­chen recht? Ja? Ach, das sind alles nur Klei­nig­kei­ten in einer Ehe, wenn man auf das gro­ße und gan­ze schaut, näm­lich: das rest­lo­se Ver­ste­hen, das rück­halt­lo­se Ver­trau­en und die beglü­cken­de Lie­be, die zwei Men­schen durch das gemein­sa­me Leben tra­gen. Aber wo in einer Ehe der Sinn fehlt, auch die­se Neben­säch­lich­kei­ten ernst und doch wich­tig zu neh­men, da kön­nen sie bald zu Eck­stei­nen wer­den; zum Anstoß klei­ner Miß­stim­mig­kei­ten, aus denen spä­ter auch gro­ße wer­den kön­nen. Ohne Zwei­fel, in der Haupt­sa­che muß ein Ehe­le­ben inner­lich gefes­tigt sein das kann vie­les and[e]re über­brü­cken.

Ich als Frau füh­le mich ver­ant­wort­lich daß alles im Haus­we­sen rei­bungs­los abläuft. Da bin ich viel­leicht schon von zuhau­se her zu prak­tisch erzo­gen.

Sieh, Herz­lieb! Was nützt es, wenn ich Dich in mei­ne Arme schlie­ße und Dich mei­ner unend­li­chen Lie­be ver­si­che­re, wenn aber alles umher ver­hun­gert und ohne Geschick und ohne Plan ver­läuft. Klei­dungs­sor­gen und Nah­rungs­sor­gen eben die Wirt­schaft, das ist Ange­le­gen­heit der Frau, sie ist ver­ant­wort­lich für dies alles und darf die­se Pflich­ten über aller Lie­be nicht ver­säu­men.

Sie erweist dem Gefähr­ten auch Lie­be, wenn sie ihm die­se Sor­ge abnimmt.

Herz­lieb! Ich gehe mit so guten und erns­ten Vor­sät­zen an unser Lebens­werk, ich möch­te sooo furcht­bar gern, da[ß] ich Dich nicht ent­täu­sche! Ich möch­te mit Dir etwas ganz Eige­nes dar­stel­len. Und alle Kräf­te, die mir zur Ver­fü­gung ste­hen, die will ich dazu anspan­nen. Du bist ein Spät­ling in der Ehe, bes­ser unter den Ehe­män­nern. Bei Dir wuch­sen Sehn­sucht nach Gebor­gen­heit und Heim­ver­lan­gen erst mit den Jah­ren der Rei­fe. Und Du hast nur zu of[t] erlebt, wie die gro­ße Mas­se von der Ehe spricht, wie sie urteilt über den Bund, den höchs­ten, den Men­schen vor Gott ein­ge­hen kön­nen.

Alles ist so wider­lich, so häß­lich, wie durch fre­che Buben­hand durch den Schmutz gezo­gen. Unter vie­len Män­nern wird die Ehe her­ab­ge­wür­digt zu einer beque­men, guten Ver­sor­gung und anders, schlim­mer noch. Und wenn man so als Zuhö­rer Zwei­fel in die Ehe setz­te, so muß man doch [e]rkennen, daß sie bei den Men­schen lie­gen. Du behiel­test wie ich den Glau­ben an das Gute, merk­test doch aber auch, daß es sel­ten ist. Und so gewann man eigent­lich nach und nach die rech­te Vor­stel­lung davon, daß der Schritt zum gemein­sa­men Leben einer der wich­tigs­ten ist in die­sem Leben.

Und wenn wir nun heu­te so glück­lich sind, Gelieb­ter! So wis­sen wir, daß wir anein­an­der den Men­schen gefun­den haben, der zum Glü­cke führt, die­sen sel­te­nen Men­schen! Oh Du!! Oh Du!! Mein [Roland]! Mein Her­zens­schatz! Mein uner­setz­li­cher Lebens­ge­fähr­te! Ich muß Dich ewig lieb­ha­ben!

Alles in mir drängt, Dich zu beglü­cken, ganz auf­ge­schlos­sen bin ich Dir, so wie Du auch mir, Gelieb­ter mein! Ich bin sooo glück­lich mit Dir!!! Ich lie­be, lie­be Dich!

Ich füh­le es, Du bist mir alles, Gelieb­ter! Alles! Du!! Mein Leben! Ich bin so froh heu­te abend, Du!!! Weil ich Dich bei mir füh­le mit all Dei­ner gro­ßen, tie­fen Lie­be! Oh Du! Wie wohl sie tut! Wie traut und gebor­gen füh­le ich mich in ihr!

Ich bin wohl das glück­lichs­te Weib auf Got­tes Erde, weil Du mein b[is]t! Gelieb­ter! Behal­te mich immer lieb! Ich kann nicht sein ohne Dich! Du!!!!! !!!!! Gott schüt­ze Dich, mein Leben!

Gute Nacht Schät­ze­lein lie­bes, die Buben schla­fen schon! Oh! Ich lie­be Dich!!!!! Die Mutsch grüßt herz­lichst!

Immer Dei­ne Hol­de.

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