22. Oktober 1941

[411022–2-1]

Mitt­woch, am 22. Okto­ber 1941.

Mein gelieb­tes, teu­res Herz! Gelieb­ter!!! Mein [Roland]!

Heu­te geht es bei b mir drun­ter und drü­ber! Der Ofen­set­zer ist zu Mit­tag fer­tig gewor­den, anschlie­ßend habe ich gleich das Haus von oben bis unten gewischt: Damit sich nie­mand über den Schmutz beklagt. So ein gro­ßer Dreck! So schlimm hat­ten wir’s uns nicht vor­ge­stellt. Es sah aus, in uns[e]rer Küche, als wäre eine Bom­be ein­ge­schla­gen! Ein gro­ßer Bot­tich voll Lehm, gan­ze Hau­fen von Zie­gel und Abfall!

End­lich ist nun wie­der der Fuß­bo­den zu erken­nen. Ich habe nun gleich noch auf­ge­wa­schen, damit Mut­ter das nicht zu tun braucht. Ich muß doch in 20 min. zur Kin­der­schar, um 3 Uhr fan­ge ich an, bis 5 Uhr. Lore hat heu­te Gäs­te, sie hat Geburts­tag. Mir liegt gar­nicht viel dar­an, wenn ich nun fort­ren­nen muß, wo alles so schmut­zig her­um­liegt. Ich muß gleich wenn ich wie­der­kom­me, tüch­tig wei­ter­ma­chen mit Mutsch.

Also mein Lieb! Ich schi­cke den Brief noch nicht fort, viel­leicht reicht’s he[u]te abend noch zu einem Plau­der­stünd­chen. Auf Wie­der­se­hen jetzt! Gelieb­tes Herz­lein! Und tau­send fro­he Grü­ße von

Dei­ner [Hil­de].

Her­zens­schatz! Ges­tern abend wur­de nichts mehr dar­aus. Du nimmst es mir nicht übel, ja? Um 5 [Uhr] kam ich aus der Schu­le, bin anschlie­ßend gleich in die Stadt, u[m] Ofen­lack zu kau­fen – da über­leg­te ich mir doch, daß ich Lore G. mit paar Blüm­chen zum Geburts­tag gra­tu­lie­ren müß­te. Also, gedacht – getan. Und gleich lief ich noch hin zu ihr, daß ich noch vor’m Dun­kel­wer­den heim­kom­me. Eine gro­ße Run­de Gäs­te waren schon ver­sam­melt und ich konn­te nicht umhin, eine Tas­se Kaf­fee mit zu trin­ken.

Es war sehr nett, dies hal­be Stünd­chen bei ihr. Kurz nach 6 [Uhr] war ich daheim. Mut­ter arbei­te­te schon! Glaubst, es sah [a]ber auch fürch­ter­lich schmut­zig aus! Von der Decke bis zum Fuß­bo­den – nichts als Staub und Ruß! Ich zog mich gleich um, berei­te­te das Abend­brot und danach ging’s mit ans Werk; alle Gegen­stän­de absei­fen. Ach und das gan­ze drum und dran – kannst Dir schon vor­stel­len, ja? Um 11 [Uhr] abends mach­ten wir Schluß. [Wir] Wuschen uns und gin­gen zu Bett. Son­der­bar, alle bei­de klag­ten wir über Kopf­weh. Und nach­dem 2 – 3 Stun­den ver­gan­gen waren, hör­te ich Mut­ter umge­hen. Ihr war ganz elend. Schlecht, sie erbrach sich und wahn­sin­ni­ge Kopf­schmer­zen plag­ten sie. Ich koch­te Tee, gab ihr Kar­me­li­ter­geist ein. Es wur­de nicht bes­ser. Sie liegt noch jetzt im Bett – es ist vor­mit­tags gegen 10 Uhr, end­lich ist sie ein­ge­schla­fen!

Ich wecke sie auch nicht. Wer­de sie im Geschäft ent­schul­di­gen. Ich den­ke mir nur, sie hat so schlech­te Gase ein­ge­at­met, als die [sic] den Ofen putz­te. Weil sie den Abzug nach der Esse hin zuge­scho­ben hat­te. Der Ofen war ges­tern mal kurz gefeu­ert. Es roch auch wirk­lich schlecht ges­tern abend, mag auch der Lack gewe­sen sein. Jeden­falls glau­be ich fest, daß hier der Grund des Übels­eins liegt. Mut­ter atmet nun viel durch den Mund ein und s[o] ist alles in den Magen gegan­gen. Auch ich spü­re noch ein dump­fes Gefühl im Kopf, aber das wird sich geben. Dann, wenn ich Fens­ter put­ze, bin ich viel an der fri­schen Luft.

Gleich will ich mal nach der Apo­the­ke gehen, Mut­ter Bal­dri­an­tee kau­fen und paar Spalt-Tablet­ten. [Ich] Bin neu­gie­rig, wann sie erwacht. Herz­lieb! Jetzt muß ich erst mal auf­hö­ren, ich muß auch noch Gemü­se put­zen, daß wir heu­te etwas zu Mit­tag essen kön­nen!

Ich den­ke, daß mir trotz der vie­len Geschäf­te, die hier über­all noch war­ten, soviel Muße bleibt heu­te noch­mal Dein zu den­ken! Ich nehm[’] den Brief dann gleich mit.

Oberl. [wohl: Ober­leut­nant] G. aus Weh­len ver­langt wie­der mal 6.- [R]M, den Jah­res­bei­trag. Ich will’s ihm über­wei­sen nach­her.

So! Mein Schät­ze­lein! Das ist aber heut’ ein rich­ti­ger Geschäfts­brief, gelt? Gott behü­te Dich mir!

Ich bin in Lie­be und Treue ganz

Dei­ne [Hil­de].

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