6. Oktober 1941

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Mon­tag, den 6. Okto­ber 1941

Herz­al­ler­liebs­te! Mein lie­bes, teu­res Weib!

Darf ich Dir noch ein bis­sel vor­phi­lo­so­phie­ren? Ich lag heu­te von 5 — 6 Uhr wach und habe an den Gedan­ken von ges­tern wei­ter­ge­spon­nen.

Ich führ­te ges­tern Kla­ge über die Form­lo­sig­keit unse­rer Zeit. Alle Begrif­fe schwan­ken, wer­den in Zwei­fel gezo­gen, alle Ord­nun­gen sind erschüt­tert, alle Bin­dun­gen sind gelo­ckert. Es gibt kei­ne bin­den­den gesell­schaft­li­chen For­men mehr, kein unan­ge­fein­de­tes Sit­ten­ge­setz, kei­nen gül­ti­gen Glau­ben, kei­ne aner­kann­ten For­men in der Kunst. Alle Gren­zen flie­ßen, alle fes­ten Gestal­ten zer­flie­ßen in Nebel. Nichts ist der Zeit hei­lig. Man sieht dafür auch oft das Schlag­wort “Umbruch aller Wer­te”. Von der neu­en Welt­an­schau­ung her soll alles nun aus­ge­rich­tet, sol­len alle Wer­te nun gemünzt wer­den. Aber unter­des­sen geht die Welt ja wei­ter und die Men­schen zer­schmel­zen immer mehr zu einer form­lo­sen Mas­se. Form ist etwas Fes­tes, Erstarr­tes. Sie geht mit der Rei­fe und dem Alter des Men­schen. Form­lo­sig­keit, Beweg­lich­keit geht mit der Jugend. Sie ringt um die Form, um ihre Form. Alte For­men wer­den morsch — neue For­men kom­men. Der Sinn für Form und Ord­nung und Klar­heit und Bin­dung ist in den Men­schen ver­schie­den stark. Der form­lo­se Mensch gibt sich gern den Anschein der Frei­zü­gig­keit. Er ver­steht jeden Stand­punkt. Er paßt sich über­all an. Er ist erha­ben über die Gren­zen. Er schweift frei. Er spot­tet der Men­schen, die sich Gren­zen set­zen, sieht hoch­mü­tig auf sie her­ab. Aber sei­ne Frei­heit geht auf Kos­ten der Stär­ke und Zie­le. Einer, der immer nur über die Zäu­ne sei­nes Gar­tens sieht, ver­säumt wohl, ihn lie­be­voll zu bestel­len und Früch­te zu bau­en. Einer, der über­all zu Haus ist, ist es wohl nir­gends gründ­lich. Einer, der die Gren­zen und die Hoheit des Bun­des der Ehe nicht ach­tet und aner­kennt, kann auch nie deren Glück und Erfül­lung erle­ben. Form ist Gefäß. Und wo ich Erfül­lung sehen will, brau­che ich ein Gefäß. S Der Mensch, der Gren­zen und Bin­dung und Form bejaht, ist in Wahr­heit der stär­ke­re. Wir Men­schen kön­nen nur Meis­ter sein, wenn wir uns Schran­ken set­zen. Zu die­ser Ein­sicht kann der Hoch­mü­ti­ge nicht gelan­gen. Gott allein meis­tert auch die unend­li­che, schran­ken­lo­se Fül­le. Alles zu kön­nen, in allem Meis­ter zu sein — das ist ein alter Ehr­geiz der Men­schen und auch der Jugend. Aber wer die­sem Ziel nach­jagt, dem zer­rinnt alles in den Hän­den, dem bleibt zuletzt nichts.

Gleich­nis­haft paßt dazu fol­gen­de Beob­ach­tung: A spielt Kla­vier. Man kann ihm hin­le­gen, was man will, er spielt es, spielt es vom Blatt, er frißt gewis­ser­ma­ßen jedes Noten­stück. Das ist gewiss ein Ide­al, daß man alles spie­len kann, alles vom Blatt spie­len kann, voll­kom­men, voll­endet. Aber das kann nie­mand.

B spielt Kla­vier. Er stu­diert ein Stück. Das ist in Anbe­tracht der unge­heu­ren Aus­wahl eine furcht­bar anmu­ten­de Beschrän­kung. Aber er stu­diert es, bis er es aus­wen­dig kann mit allen Fein­hei­ten, bis es Gestalt gewinnt, bis er auch sei­nen Stil erfasst hat. Wer von den bei­den wird tie­fer in das Wesen der Musik ein­drin­gen, wer wird es zur Meis­ter­schaft brin­gen, wer wird mehr Freu­de und Glück erle­ben? Kei­ne Fra­ge. Gro­ße Per­sön­lich­kei­ten und Men­schen­schick­sa­le kön­nen nur in einer form­vol­len Welt her­an­wach­sen, sei es, daß sie die For­men meis­tern oder an ihnen zer­bre­chen. Der Wil­le zur Form wohnt aller Schöp­fung inne. Und so hat auch der Mensch vie­le For­men aus­ge­bil­det. All sein Wir­ken in die Natur hin­ein ist ein For­men, Bin­den und Bän­di­gen, Zwin­gen zu Gestalt. Der Lehm wird zum Zie­gel, der Ton zum Gefäß, die Höh­le zum Haus. Und dar­in unter­schei­det er sich vom Tier, daß er so for­mend und ord­nend die Erde sich unter­tan macht. Die höchs­ten For­men aber sei­ner Kul­tur sind die der Küns­te und des Glau­bens. Gro­ße, schöp­fe­ri­sche Zei­ten brach­ten viel neue For­men her­vor, die alle zusam­men­ge­nom­men den Stil der Zeit aus­ma­chen. Form­lo­se Zei­ten sind schwar­ze, stil­lo­se Zei­ten. Jede Genera­ti­on über­nimmt von der vor­an­ge­hen­den einen gan­zen Schatz von For­men. Sie muß die­se For­men begrei­fen, erfül­len und für ihre Bedürf­nis­se um- und wei­ter­bil­den. So ist auch unser Glau­be eine Form zunächst, ein Gerüst nur, ein Gefäß: die Leh­re, das Gebot, das Dog­ma. Wenn der Glau­be leben­dig wer­den soll, müs­sen wir [d]iese Form anfül­len mit unse­rem Glau­bens­le­ben, mit unse­rem Bit­ten und Dan­ken, mit unse­rem Stre­ben und Trach­ten.

So, Herz­lie­bes! Erst ein­mal genug damit für heu­te, ja? Hast [Du] fein zuge­hört? Hat es Dich auch ein wenig inter­es­siert? Dann Gan kannst [Du] Dir etwas dar­un­ter vor­stel­len? Ich glaub[‘] schon.

Ach Gelieb­te! Wenn ich bei Dir sein könn­te, da wür­den wir uns doch wie­der ganz ande­re Geschich­ten erzäh­len müs­sen zuerst. Unse­rem Glücks­brun­nen müss­ten wir lau­schen, müß­ten hören, wie es rauscht, so tief und mäch­tig und dun­kel: im Schla­ge uns[e]rer Her­zen, im hei­ßen Ver­lan­gen und seli­gem Ver­schen­ken und Beglü­cken.

Gelieb­tes Weib! Mei­ne lie­be [Hil­de]! Ich habe mich heu­te doch zum ers­ten Male wie­der recht seh­nen müs­sen nach Dei­ner Nähe — in der Mit­tags­stun­de, auf dem Wege zum Mit­tag­essen — da kam sie über mich — und auf mei­nen Lip­pen muss­te ich es immer­zu bewe­gen: “Gelieb­tes Weib.”

So schnell gehen die Boten jetzt zwi­schen Dir und mir, heu­te erhielt ich schon den von Mitt­woch mit den ers­ten Bil­dern. Trotz des gerin­gen Erfol­ges habe ich doch auch mei­ne Freu­de dran. Ein ein­zi­ges Bild bis jetzt, auf dem ich uns bei­de wie­der­erken­ne. Nun bin ich doch gespannt auf die ande­ren.

Ich bin froh, daß Du nun schon Gewiss­heit hast, daß ich wie­der gut ange­kom­men bin. Kame­rad K. fand ich sehr wohl vor. Ges­tern ging es ihm aber gera­de wie­der ein­mal schlecht. Er muß­te immer­zu bre­chen: ein Ärger, der sich auf den Magen gelegt hat. Kame­rad H. schrieb uns heu­te, daß er sich zu r Ope­ra­ti­on ins Kran­ken­haus begibt, dort 3 Wochen mit der Hei­lung zuz­brin­gen [sic] gedenkt und dann auf noch ein­mal 14 Tage Erho­lungs­ur­laub hofft. Er hat es rich­tig ange­stellt. So wer­den bei­na­he noch 6 Wochen hin­ge­hen, in denen wir zwei mit­ein­an­der ver­kom­men müs­sen. Das wird ganz gut gehen, den­ke ich. Heut[‘] abend i[st] Kame­rad K. im Thea­ter.

Sieg­frieds Brief schi­cke ich wie­der mit zurück. Daß ich mich doch auch klar genug aus­ge­drückt habe: Ich ent­deck­te also einen Form­feh­ler. Es muss form­voll hei­ßen: “und dann wür­de es mich beson­ders freu­en, wenn ich Dich, lie­be Schwä­ge­rin, in K. sehen wür­de.” So ist alles gut. Und ich mei­ne nun, daß sol­cher Form­feh­ler oft auch eine Unklar­heit der Begrif­fe ver­rät, in die­sem Fal­le, daß der Dir zukom­men­den Hoheit als Frau nicht Genü­ge getan wur­de.

Mein lie­bes, teu­res Her­ze­lein! Du bist doch mein Ein und Alles, mein Aller­liebs­tes auf die­ser Welt, mei­nes Her­zens Köni­gin! Ich lie­be Dich so sehr! I[n] Dir fand ich das Men­schen­kind, dem ich alle Ach­tung, Ver­eh­rung, all mein Ver­trau­en und mei­ne Lie­be schen­ken kann. Daß ich einem Men­schen­kin­de so bei­de Arme hin­stre­cken könn­te in letz­tem Ver­trau­en, das war doch mein gan­zes Seh­nen und Glück­sträu­men, an des­sen Erfül­lung ich kaum glau­ben konn­te. Und nun bin ich sooo glück­lich mit Dir, oh Herz­lieb! So unsag­bar glück­lich! Und Du bist es auch! Gott blei­be mit uns. Er behü­te Dich! Ich bin in Lie­be und Treue immer­dar

Dein [Roland], ganz Dein!

Gelieb­tes Weib!

Viel lie­be Grü­ße auch den Eltern!T&Savatarsm

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