10. August 1941

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Sonn­abend, den 9. Aug. 1941

Herz­lie­bes Schät­ze­lein! Mein lie­bes, teu­res Herz!

Ätsch! Ätsch! Siehst, so tri­um­phiert Dein Man­ner­li heu­te! War­um? Ja, war­um! Weil es nun schwarz auf Weiß [sic] hat, was er erst nur schwarz in Schwarz [sic] hat­te. Noch nicht erra­ten? Die ver­wa­ckel­ten Nega­ti­ve hat Dein Man­ner­li abzie­hen las­sen. Hast [Du] Dir das gedacht? Dürft[e] ich doch nicht Dein Hubo sein und Dich so lieb haben und so neu­gie­rig sein in allem, was mei­nen Her­zens­schatz angeht! Ach Herz­lieb, gelieb­te Mein!!! In jeder Uhr ist ein Teil, der unmit­tel­bar mit der Feder in Ver­bin­dung steht und die Zahn­rä­der takt­mä­ßig wei­ter­treibt, genannt Unrast oder Unru­he.

Herz­lieb! Du bist mei­ne Unru­he, die alles in Gang hält, von der alle Impul­se kom­men. Wie habe ich nur vor­her leben kön­nen ohne Dich? Und alle Unru­he des Her­zens, Freu­de, Lust und Leid und Lie­be, sie kommt von Dir und zielt nach Dir. All[‘] mein Seh­nen und Ver­lan­gen geht so gera­de und ein­deu­tig und aus­schließ­lich nur zu Dir! zu Dir!!!!! Des[sen] sollst Du mit mir ganz froh sein: Ich bin ganz Dein! Du hältst all[‘] mein Sin­nen und Trach­ten gefan­gen! Ich kann Dich sooo ganz lieb­ha­ben. Oh Du! So sicher gebet­tet und gelei­tet ist der Strom mei­ner Lie­be! Du gebie­test so ganz allein über mein Herz! Oh Herz­lieb! Dein Blick, Dein Bild, Dein Wesen – sie wecken all[‘] mein Seh­nen über­mäch­tig – nur Dein Blick, Dein Bild, Dein Wesen. Und mei­ne Augen, mei­ne Gedan­ken, mein Seh­nen – sie suchen nur Dich! Dich ganz allein!!!!! Herz­lieb! Gelieb­te! Weil wir uns sooo sehr lieb­ha­ben! Und weil Du mich sooo lieb­hast! Oh Du! Mein gan­zer Son­nen­schein! Mein Leben! Und so ist es Daheim – so ist es hier in der Frem­de noch deut­li­cher. Du! Dich laß ich nim­mer­mehr!!!!! Dich tauscht[‘] ich nim­mer­mehr ein – weil ich auf der gan­zen wei­ten Welt kein sol­ches Schät­ze­lein wie­der­fin­de – und weil ich über­haupt nicht tau­sche – und weil Du über­haupt nicht von mir gehen magst. Oh Herz­lieb! Siehst Du, wie froh und glück­lich ich bin? Wie ich es Dir zei­gen möch­te, mein lie­bes Weib?!!! Du hast ein Man­ner­li ganz ganz glück­lich gemacht auf die­ser Welt mit Dei­ner Lie­be! Und glück­lich bin ich doch nur dar­um ganz, weil Du mir sagst und ich es füh­le, daß Du ganz glück­lich bist. Man kann doch die rech­te Lie­be gar nicht aus­ein­an­der neh­men! Mein Glück ist Dein Glück, Dein Glück ist mein Glück. Oh Herz­lieb, der Amor hat uns doch bei­de sooo tief ins Herz getrof­fen – Du bist mein Amor – und ich bin Dei­ner!!!

Ach Du! Wie lan­ge habe ich die Sehn­sucht im Her­zen getra­gen, so lie­ben zu dür­fen! – so eigen­sin­nig und hin­ge­ge­ben an eine Sache und gründ­lich, wie ich nun lie­be, so hast Du, mein Herz­lieb, mich ja schon ken­nen­ge­lernt, ehe ich Dich erkann­te. Du, ich will mich nicht loben, ich male mich bloß ab, um Dir zu sagen, daß mei­ne Lie­be zu Dir in mei­nem Wesen tief ver­an­kert ist (eigen­sin­nig und gründ­lich und hin­ge­ge­ben sein ist ja in vie­ler Augen gar kein Vor­zug!), bei denen, deren Wesen eben gera­de anders gerich­tet ist.) [sic]. Und mein Herz­lieb, das kenn[‘] ich ja nun noch gar nicht so lan­ge, [es] hat auch noch gar kei­ne so lan­ge Lebens­ge­schich­te, weil es noch so jung ist? (Du! Wenn ich wie­der bei Dir bin, mußt [Du] mir wie­der ein­mal von Dir erzäh­len.). Wen hat es denn frü­her schon so an[‘]s Herz geschlos­sen, so fest, eh[‘] es sei­nen Hubo hat­te? Gelieb­te!!! Oh Du!!! Ich brau­che kei­nen Beweis für die Grö­ße und Tie­fe Dei­ner Lie­be – Du!!! Du!!!!! Das Glück uns[e]rer Lie­be ist Beweis genug. Uns[e]re Lie­be, sie ist in den 3 Jah­ren uns[e]res gemein­sa­men Weges Schritt um Schritt inni­ger und tie­fer gewor­den, sie ist nicht ein­mal ernst­lich erschüt­tert wor­den – aber sie hält und blüht über alle Fer­ne! Du!!! Du!!!!! Und ich spü­re die Kraft Dei­ner star­ken Lie­be – sie [h]ält mich – und bannt mich – und trös­tet und beglückt – und erfüllt mich so ganz!!!

Nun ist schon wie­der Sonn­abend, Herz­lieb! Und so Gott will, ist Dein [Roland] schon auf schnells­tem Wege zur Hei­mat in 3 Wochen – und mein Schät­ze­lein? Sitzt womög­lich auch schon rei­se­fer­tig auf dem Bahn­hof? Willst [Du] mir denn ent­ge­gen­kom­men, so in Nacht und Nebel? Du, bloß, wenn Du Lust hast und Dich ganz wohl­fühlst, hörst [Du] mich, Du?!!! Und fein auf­pas­sen auf den dunk­len Bahn­hö­fen! Du! Laß Dich nicht mit­neh­men! Ganz laut schrei­en! Ja? Du!!! Ach Herz­lieb! Ich bin Dir ganz ganz ganz genau­so­gut [sic], wenn Du mich zuhau­se erwar­test! Tu[‘] nur ganz, wie Dir um[‘]s Her­ze ist! Näher und näher rückt der Urlaub. Am Don­ners­tag muß Kame­rad K. wie­der­ein­tref­fen – und zu dritt wer­den die rest­li­chen 14 Tage wie im Flu­ge ver­ge­hen. Kame­rad H. wird erst Anfang Sep­tem­ber weg­kom­men, der Ärms­te, muß am längs­ten war­ten, er war über Weih­nach­ten zum let­zen Male zu Hau­se.

Von allen Sei­ten höre ich, daß mein Her­zens­schneck­lein ganz aus dem Häu­sel ist, heut[‘] schreibt es mir Mut­ter aus K. Ach Du! Kannst es nur von mir sel­ber ver­neh­men, daß auch Dein Man­ner­li so aus dem Häu­sel ist – ganz bei sich und heim­lich! Nun kön­nen wir uns doch wenigs­tens sehen und fin­den – wir bei­den Schneck­lein – und wenn ich Dich gefun­den hab[‘], da laß ich gleich mein Häu­sel ste­hen und bitt[‘] ganz fein mit mei­nem Sprüch­lein: „Herz­lieb mein, laß mich her­ein!“ Und dann? Dann läßt mich mich mein Herz­lieb ein und wir krie­chen zusam­men in Dein Häus­lein – uh, Du!! Du!! wird das da eng und lieb und traut und warm sein, zu zweit in einem Schne­cken­häus­lein, Du!!!!! Da kön­nen nur zweie [sic] Platz drin fin­den, die ganz genau zusam­men­pas­sen, und sich ver­tra­gen und nahe sein kön­nen und ganz lieb­ha­ben – wie Du und ich!!!

Onkel M. weilt etwa auf 3 Wochen zu Besuch in K., behilft sich ganz selbst, lebt ganz regel­mä­ßig sei­nen Tag, ein lie­ber Mensch bis in sein hohes Alter! Ach Herz­lieb! Mit Dir will ich ger­ne auch so alt wer­den!!! Er hütet jetzt das Kin­der­zim­mer – und bald, bald – wird es uns gehö­ren – Du!!! Du!!!!! Ganz allein zum ers­ten, aller­ers­ten Male in K.!!! Du!! Du!!!!! Hof­fent­lich!!!

Ach, nun freu[‘] ich mich doch auch ganz sehr auf K.!

Ach, auf all[e,] wo wir auch sind, wenn Du nur bei mir bist – und wenn wir nur auch ein­mal allein­sein [sic] kön­nen!

Und Du, Gelieb­te, hast ganz den näm­li­chen Wunsch! Ach gewiß, uns[e]re Lie­be ist noch so eng und eigen­nüt­zig – Du, Gelieb­te, wir sind doch auch noch sooo jun­ge Liebs­leu­te [sic] –  müs­sen ein­an­der noch sooo oft zei­gen, wie lieb wir uns haben – und dazu müs­sen wir doch ganz allein sein – und Vater und Mut­ter und Ver­wand­te und Freun­de müs­sen hint­an­ste­hen – und uns[e]re Lie­ben ver­ste­hen das so gut – und die es gar nicht ver­ste­hen kön­nen – müs­sen wir eben drauf­drü­cken [sic] und hin­aus­sper­ren.

Auszug aus dem Brief
Aus­zug aus dem Brief

So, jetzt habe ich aber einen gro­ßen Punkt gesetzt, könnt[‘] bei­nah[‘] ein Kussel bedeu­ten. [sie­he Abbil­dung] Wenn wir uns davon wel­che schi­cken könn­ten! Aber dann wäre es nur noch ärger­li­cher, wenn die Brie­fe geöff­net wür­den.

Mein lie­bes, lie­bes Schät­ze­lein! Sonn­tag­mor­gen ist, da ich mei­nem Boten die letz­ten Instruk­tio­nen ertei­le (oh wie furcht­bar klingt das!) – ges­tern abend über­fiel mich die Müdig­keit, ich leg­te die Feder bei­sei­te und nahm mir noch ein paar Dei­ner lie­ben Brie­fe vor. Das will ich jetzt jeden Abend so hal­ten – oh Gelieb­te! Du mein ein­zi­ges, liebs­tes Weib!!!!! Und nun scheint der lie­be Sonn­tag­mor­gen in die Stu­be. Ges­tern erleb­ten wir seit lan­gem den Anblick eines wol­ken­be­deck­ten Him­mels (seit 5 Tagen ist auch die gro­ße Hit­ze gewi­chen), schwül war es am Nach­mit­tag, und in den Abend­stun­den ent­lud es sich in der Umge­bung, wir beka­men nur einen schö­nen Gewit­ter­re­gen, der in sei­nem gleich­mä­ßi­gen Rau­schen so hei­mat­lich anmu­te­te. Obwohl ich doch nun so müde war, habe ich unru­hig geschla­fen, war des öfte­ren mun­ter, habe wir­res Zeug geträumt, dann wie­der wach gele­gen und Dein so lieb und süß den­ken müs­sen! Du!!! Bald geht es auf 9 Uhr! Und in drei Wochen – in drei Wochen – das ist doch mein liebs­ter Gedan­ke – da darf ich mein Her­zens­schät­ze­lein viel­leicht schon rich­tig küs­sen! Du!!! Du!!!!!!

Gott im Him­mel schen­ke uns in Gna­den ein fro­hes Wie­der­se­hen!

Und heu­te kommt doch der Bote von mei­nem Schät­zel wie­der. Ges­tern blieb er aus, weil Du noch in Glauchau warst. Ach Du! Ich bin doch ganz gedul­dig, wenn ich weiß, war­um er aus­bleibt, der Bote. Und böse? – Böse sein kann ich Dir doch über­haupt nicht – nein das kann ich nicht – das sollst Du für immer wis­sen, Gelieb­te! Weil Du mich in Wahr­heit auch nie betrü­gen kannst und wirst. Herz­lieb! Und ich bin doch immer bei Dir – und Du nimmst mich doch immer mit über­all­hin! Gelieb­te! Ich darf Dir am aller­nächs­ten sein!!! Und Du bist mir am aller­nächs­ten!!! Ich wohn[‘] doch in Dei­nem Her­ze­lein! Und das Her­ze­lein, Dei­nes Du!!!, das sicht­ba­re auch, das lieb[‘] ich doch sooooo sehr und ganz när­risch! Bist [Du] mir bös[‘] dar­um? Du!!!!! Oder eifer­süch­tig? Du!!! Du!!!!!

Oh Herz­lieb! Du!! Du!!!

Nun beginnt der Dienst! Ach heut[‘] ist er nicht streng und lan­ge und es liegt nicht viel an – und ich werd[‘] an mein Herz­lieb den­ken kön­nen dabei – und ich werd[‘] vor­ar­bei­ten ein bis­sel auf den Urlaub hin, der wird mir die Arbeit ein wenig lieb machen.

Nun leb wohl, Herz­lieb!

Gott behü­te Dich mir! Er seg­ne unse­ren Bund! Ich bin so froh und glück­lich mit Dir! Und Du sollst es auch sein! In weni­gen Stun­den fas­se ich Dei­ne Hand wie­der ganz lieb und fest!

Du! Ich habe Dich sooo sooooooooooooo lieb!

Und ich möch­te ich Dich küs­sen und her­zen und ganz lieb­ha­ben!!! Ich bin ganz Dein!

Dein Man­ner­li! Ach wohl das glück­lichs­te und reichs­te auf der gan­zen Welt mit Dir!!! mit Dir!!!!! !!!!! !!!

Dein [Roland] – mei­ne [Hil­de] u.[nd] [Hil­di]!!!!!

Viel[e] lie­be Grü­ße den lie­ben Eltern!T&Savatarsm

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