29. Juni 1941

Bundesarchiv Bild 183-L19427, Litauen, brennende Synagoge
Als bald nach dem Ein­marsch der deut­schen Wehr­macht in Litau­en Mit­te Juni 1941 kam es zu anti-jüdi­schen Pogro­men durch natio­nal­pa­trio­ti­sche Litau­er, wie etwa in Kau­nas. Hier das Abbren­nen einer Syn­ago­ge, 06.1941, Litau­en, Ort unbe­kannt, Foto­graf Zoll, Pro­pa­gan­da­kom­pa­nie, für Scherl-Bil­der­dienst, gemein­frei als Bun­des­ar­chiv, Bild 183-L19427 / Zoll / CC-BY-SA 3.0, 06.2016.
[410629–2‑1]

G. – Sonn­tag, am 29. Juni 1941.

Mein lie­ber [Roland]!

Es ist Sonn­tag­mor­gen – Vater [Nord­hoff] ist eben von der Post gekom­men, die muß man sonn­tags hier selbst abho­len. Für mich war nichts dabei, ges­tern bekam ich auch nichts in S., aber mor­gen kommt ganz gewiß wie­der etwas von Dir – Du!! Elfrie­de  hat vom Hell­muth eine Kar­te im Brief bekom­men, mit nur [wen]igen Zei­len. „Ich bin mit Got­tes Hil­fe gut durch die­se Tage gekom­men, – wenig Schlaf gibt es und läßt mir so alles traum­haft schei­nen..“.. [sic]

Er ist mit dabei im Osten. Ach Du!! Du!! – Ges­tern bekam ich vom Sieg­fried Post, er ist auch mit auf dem Marsch nach Osten, ist zur Zeit krank, eine Man­del­ent­zün­dung und oben­drein zahnt er Weis­heit!, hat arge Schmer­zen. Willst Du ihm [n]icht ein­mal schrei­ben, Herz­lieb? Er war­tet soo auf ein Zei­chen von Dir, hast Du ihm denn noch nicht mal geschrie­ben? Er fragt in sei­nem Brie­fe nur immer nach Dir! Offz. [Nord­hoff]: 37031. Heu­te im Lau­fe des Tages sol­len die ers­ten Son­der­mel­dun­gen kom­men über den Ver­lauf des Kampfs im Osten. Herz­lieb! Ob Du an Dei­nem Orte auch die Schre­cken des neu­en Krie­ges zu spü­ren bekommst?

Bist Du wohl wie­der ganz wohl? Ist Dir wie­der ganz gut? Du!! Ich sor­ge mich um Dich, Herz­lieb!! Gott behü­te Dich mir!

Ach – nun hab ich Dir ja soo viel zu erzäh­len mein Lieb! Du!! Wo soll ich denn nun gleich begin­nen? Ich will zuerst von mei­ner größ­ten Freu­de spre­chen, Du! Als wir ges­tern abend hier in D. anka­men, sag­te mir Elfrie­de, daß die Feld­post­sper­re auf­ge­ho­ben sei! Du!! Ich hat­te 4 Brie­fe bei mir, die habe ich sofort in den Kas­ten gesteckt, damit Du bald, bald von mir hörst, Herz­lieb! Und nun hät­te ich ja soo g[e]rn das Päck­chen an Dich abge­schickt, das Du bis zum Hoch­zeits­tag haben sollst! Aber man darf ja nur bis zu 100 g schi­cken – eben­so wenig wie Du schi­cken darfst. So muß ich nun anders mir hel­fen. Wenn Du nur recht bald wie­der ein Lebens­zei­chen von mir hast – ich glau­be, dar­über freust Du Dich eben­so sehr, ja?

Und nun von uns[e]rer Fahrt nach hier: Am Sonn­abend­mor­gen g[a]lt es in S. das Quar­tier abzu­bre­chen, es woll­ten Neue kom­men. Wir hat­ten den gan­zen Vor­mit­tag mit dem Packen zu tun. Ich bin noch­mal zur Post rauf, habe umbe­stellt! [Ich] Will doch nicht die gan­ze Woche ohne Nach­richt von mei­nem Herz­lieb sein! Dann sind wir schnell noch zum Essen gegan­gen und vor 12 Uhr rüber­ge­fah­ren zum Bahn­hof, um die Fahr­kar­te raus­schrei­ben zu las­sen. 12 11 [Uhr] ging die Fahrt los. In S. das 1. Mal umstei­gen und nach und nach erkann­te ich freu­dig ‚unse­re‘ alte Stre­cke! Du!! Nach U. – S. …. Ich habe nun Mutsch strah­lend berich­tet, wo wir über­all schon gegan­gen sind – ich muß­te mich mit mei­ner Freu­de jeman­den [sic] mit­tei­len – ich hät­te trau­rig sein müs­sen, wäre ich ganz allein gewe­sen ges­tern! Du!!

Nun hielt er in Neu­kirch – umstei­gen in den Zit­tau­er Zug – in Wil­then – umstei­gen in [de]n B.er Zug – G.!!! Halt!!! [Roland]! Mein [Roland]! Wie froh war ich! Hier hat­ten wir 1 ½ Stun­den Auf­ent­halt. Obwohl wir Hun­ger ver­spür­ten, habe ich doch die Mutsch über­re­det, daß sie mit in den Ort geht. Ja natür­lich, mein­te sie – essen kön­nen wir über­all! Aber ob wir jemals wie­der hier aus­tei­gen [sic], daß [sic] ist frag­lich. Nach der Schu­le bin ich [sic]. Zuerst hat mich das Orts­bild [u]ngemein gefes­selt. Wie wun­der­hübsch es liegt, das G.! Ach – da möch­te ich sein!

Wie muß Dir’s da gefal­len haben! So reiz­voll die Umge­bung! Schön!! L.schule, ich wuß­te nicht ob die es war, wo mein Man­ner­li einst wirk­te. Bin ich zum Haus­meis­ter fra­gen, wann die Schu­le erbaut wur­de: 1929 – also war es mög­lich, daß Du hier gewe­sen bist. Der Haus­meis­ter war erst seit 5 Jah­ren da, [er] konn­te sich nicht auf Dei­nen Namen besin­nen. Gut. Ich woll­te ja nur mal das Gebäu­de sehen. Es ist die L.schule nur für Kna­ben da. Nun sind wir doch noch­mal zur Schu­le [wohl: R.] gelau­fen – viel­leicht war mein Dicker­le doch eher da? Ein älte­rer Bau – bewach­sen. Unten wohn­te eine Frau T. (schein­bar Frau Leh­rer) sie sah uns kom­men, lud uns über­freund­lich ein zu sich – ich stell­te mich vor und sag­te halt, daß wir auf der Durch­rei­se wären und gern mal den frü­he­ren Wir­kungs­ort von Dir ken­nen gelernt hät­ten. Und sie führ­te uns durch die gan­ze Schu­le! Und s[ie] behaup­te­te Dich noch zu ken­nen! Du seist bei einer Fami­lie S. in Logi [sic] gewe­sen. Nun war es ja dumm, daß ich nicht den Namen kann­te von Dei­nen Wirts­leu­ten – erst hin­ter­her, bald in D. fiel mir end­lich ein, daß sie F. hie­ßen, nicht S. – Sonst hät­te sich sofort geklärt, daß die Dame, die Frau T., hier einen Irr­tum hat. Na kurz­um: sie hat mir alles gezeigt – ich habe mich sehr gefreut! Und nun läßt sie Dich aller­bes­tens grü­ßen. Scha­de, mein­te sie, daß mein Mann nicht da ist! Hin­ter­her, als ich mit Dei­nem Vater das Erleb­nis besprach, haben wir ja noch so gelacht. Du bist doch in der L.schule gewe­sen. Also: wenn man vom Bahn­hof kommt, rechts gehen nach der Kir­che zu, dann die Kir­che lie­gen las­sen und links wei­ter die Stra­ße gehen. Es sind so hüb­sche Anla­gen vor der Schu­le. Rot gedeckt ist das Dach. Sehr sau­ber und hübsch alles. Jetzt sind etli­che Räu­me mit Düs­sel­dor­fer Kin­dern belegt.

An der Stra­ße dahin stan­den auch so schö­ne Häu­ser[,] haben die F.s auch da gewohnt?

Weißt [Du] – mir könn­te es in G. gleich gefal­len. Über­haupt fin­de ich die Lau­sitz wun­der­schön!

Ich habe so sehr bedau­ert Herz­lieb, daß uns[e]re Zeit so knapp bemes­sen war – gern wäre ich mit Mutsch noch län­ger rum­ge­stie­felt. Und Herr K., den hät­te ich bestimmt mit auf­ge­sucht! Viel­leicht, daß ich noch­mal mit Vatern hin­fah­re in die­sen Tagen? Du!! Da ist nun Dei­ne Frau all[‘] die Wege gegan­gen, die das Man­ner­li vor lan­ger Zeit schon ging! Ach – da dach­te es ja noch gar­nicht [sic] an O. und gar­nicht [sic] an eine [Hil­de].

Du!! Du!! Es war mir so ganz eigen zumu­te, als ich durch [d]en Ort ging. Ich sah vor mei­nem geis­ti­gen Auge all[‘] die Stun­den, da Du Dich mit mir von Groß­post­witz unter­hiel­test, da Du mir auch viel mehr noch erzähl­test, als nur Beruf­li­ches. Und ich sah die beschrie­be­nen Blät­ter – in Dei­nem Geheim­büch­lein – ich sah ‚sie‘ vor mir, wie ich sie auf dem Bil­de ein­mal geseh[e]n; die Kir­che, sie erin­ner­te mich an ‚sie‘. Ich möch­te mit Dir Hand in Hand noch ein­mal durch die­se Gegend schrei­ten. Ja – ich möch­te das – Herz­lieb!

Du!! Ich glau­be, Du hast rich­tig Heim­weh gehabt, als Du von P. fort muß­test. Ich könn­te es so gut ver­ste­hen! Du!!

Ach, Herz­lieb! Wenn ich nun an all den lie­ben Orten bin – allein – dann seh­ne ich mir Dich soo heiß her­bei! Ach, wenn doch erst Frie­den wäre! Du!! Und Du könn­test wie­der bei mir sein!

Herz­lieb! Sie wol­len Mit­tag essen! Ich muß erst mal auf­hö­ren! Die Mädels haben ja nur am Sonn­tag mal Zeit gemäch­lich bei­sam­men zu sein – wochen­tags hat jede ihren Dienst – ich aber habe die­se Woche noch Feri­en! Und da will ich Dir noch viel schrei­ben – all[‘] das, was Du nun noch nicht weißt! Alles der Rei­he nach! Wenn Du bei mir wärst! Ach – da hät­te ich Dir in 1 Stun­de viel erzählt – dann möch­te ich gar­nicht [sic] mehr reden – reden mit dem Mun­de! Du!! Du!! Da möch­te ich nur von Herz zu Herz mit Dir reden – ach Du[!!] Mein lie­bes, lie­bes, herz­li­ches Man­ner­li! Du! Mein!! Ich den­ke immer – imm­ner [sic] Dein!

Ich hab[‘] Dich sooo lieb! Sooo lieb!

Ich bin Dei­ne [Hil­de], ganz Dein!!!

Ich küs­se Dich! Du! Ich lie­be Dich!

Ich blei­be Dein!

Ewig Dei­ne [Hil­de].

Vie­le herz­li­che Grü­ße von allen, allen, allen!

Herz­lieb! Schnell will ich noch­mal die Gele­gen­heit beim Schop­fe fas­sen. Wir haben eben die letz­ten Spu­ren vom Mit­tags­tisch besei­tigt. Die 4 weib­li­chen Wesen hal­ten Mit­tags­ru­he. Vater [Nord­hoff] auch – Dei­ne [Hil­de] kann nicht schla­fen – nein! Nein!! Sie muß soo, sooo lieb Dein den­ken – ach soo lieb! Mir bren­nen heiß die Wan­gen, Du! So muß ich mich seh­nen nach mei­nem [Roland]! Ob Du wohl auch an mich denkst Herz­lieb? Du?!!

Ilse Werner.jpg
Ilse Wer­ner spiel­te die Haupt­rol­le in Die schwe­di­sche Nach­ti­gall, 1941. Foto UFA, als Fair use über wikipedia.co, 06.2016.

[D]er Rund­funk­ap­pa­rat geht schon seit heu­te früh, ich höre alle Son­der­mel­dun­gen ab – ich bin so ganz voll Span­nung dabei. Eben mel­det man wie­der eine Mel­dung an. Ist ja phan­tas­tisch, was die Wehr­macht schon geleis­tet hat! Und wir kön­nen bestimmt ganz zuver­sicht­lich der wei­te­ren Ent­wick­lung zuse­hen in die­sem Kampf mit den Sowjets. Vor Kow­no ist eine gro­ße Pan­zer­schlacht ent­schie­den wor­den zuguns­ten der Deut­schen, [m]eldete der Rund­funk eben. Ich möch­te am liebs­ten heu­te immer am Appa­rat sit­zen – die Mädels wol­len ger­ne nach Löbau in’s Kino fah­ren, nach­her mit dem ½ 3 [Uhr] Zug. Ich fah­re mit, wie kann ich auch anders! Ich rede mor­gen wei­ter mit Dir, Du!! Mein Lieb! Mein Herz­lieb!! „Die schwe­di­sche Nach­ti­gall“ spie­len sie in Löbau. Es singt die Ber­li­ner Sän­ge­rin Erna Ber­ger. Soll sehr schön sein. Mal sehen. Heu­te ist ein tol­les Wet­ter hier. Es reg­net in Strö­men[.] Wir müs­sen uns halt gut anzie­hen, damit wir tro­cken hin­kom­men. Wir kön­nen ja fah­ren, das ist gut. Eben kom­men die Damens [sic] her­un­ter aus dem Schlaf­ge­mach, es ist Zeit – wir wol­len noch ein Po Täss­chen Kaf­fee trin­ken, ehe wir gehen.

Nun mein Herz­lieb! Muß ich end­gül­tig Auf Wiederseh[e]n sagen. Bis Mor­gen! Du!! Du!! Lie­bes! Süßes! Mein Herz­lieb! Du!! Ich muß Dich sooo lieb­ha­ben! Ich den­ke alle­zeit nur Dein!! Gelieb­ter!!

Sei froh und glück­lich mit mir uns[e]rer Lie­be!

Der Herr­gott seg­ne sie! Er schüt­ze Dich!

Ich küs­se Dich!

Ich blei­be Dei­ne [Hil­de].

Du!! Mein Son­nen­schein.T&Savatarsm

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