26. Juni 1941

Heinz Rüh­mann, Para­dies der Jung­ge­sel­len, Komö­die, Deutsch­land, 1939, inkl. das Lied “Das kann doch einen See­mann nicht erschüt­tern”. Cinema.de, 01.2016

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S., Don­ners­tag am 26. Juni 1941.

Mein lie­bes, teu­res Herz! Du mein herz­lie­bes Man­ner­li! Liebs­ter!!

Es ist schon 8 Uhr heu­te, da ich erst dazu kom­me, Dein zu den­ken. Ich sit­ze auf dem Bal­kon, am klei­nen Tisch, an Dei­nem Schrei­be­tisch Herz­lieb! Und ein gro­ßer Busch Mar­gue­ri­ten steht in einer blau­en Vase neben mei­nem Brief­pa­pier. Alle Som­mer­gäs­te pro­me­nie­ren unten vor­bei nach der schat­ti­gen Allee [he]runter – der Tag war heu­te son­nen­los, aber sehr, sehr schwül! Es kam nicht zu einem Gewit­ter auch nicht zum Reg­nen. Und nun, gegen Abend ist es doch ange­neh­mer, küh­ler. Der Him­mel sieht aus wie ein gro­ßer, wei­ßer Email­le­topf – weißt, so run­de Häuf­chen­wol­ken sind zu seh[e]n! Und dahin­ter schim­mert wie­der ver­traut, das lie­be Him­mels­blau. Die lie­be Son­ne guckt nur zum Gute­nacht­sa­gen noch­mal kurz hin­ter den Wol­ken her­vor, ehe sie hin­ten hin­un­ter rutscht, wo die bei­den Elb­ufer wie zusam­men­ge­schmol­zen schei­nen durch die Ent­fer­nung. Ich schät­ze, daß es bei P. ist wo die Wen­dung kommt und mir so die wei­te­re Sicht ver­sperrt. Ach weißt Herz­lieb! Im Som­mer kann ich dies Fleck­chen Erde doch sehr lieb­ha­ben – nur im Win­ter, da ist es viel­leicht zu öde hier. Ach weißt, wenn Du mit bei mir sein wirst, dann kann die Umge­gend noch so öde sein – dann wird mir Erfül­lung in allen Din­gen – in soo rei­chem Maße! Du!!! Dann brau­che ich doch gar­nichts wei­ter als ein Stück Erde, irgend eines, das ich mit Dir schau­en will, über das ich an Dei­ner Hand schrei­ten will, froh! Selig-froh und glück­lich! Und aus­ge­füllt von dem beglü­cken­den Gefühl Dei­ner Nähe! Ach Du! Über­all wo Du an mei­ner Sei­te gehst, da bin ich zuhaus[‘], da bin ich gebor­gen, da füh­le ich mich so ganz glück­lich und zufrie­den. Herz­lieb!

Wo uns ein­mal mag das Schick­sal hin­ver­schla­gen – ich fürch­te nicht, daß ich es nicht ertrü­ge – denn Du bist bei mir! Du!! Mein Gelieb­ter! Mein [Roland]! Und das allein bedeu­tet mir alles! Leben! Inhalt! Erfül­lung! All mein Glück! Mein [Roland], Du!! Ach – wie ich Dich lie­be!!!!! Herz­lieb! Ich habe heu­te Nacht das ers­te Mal von Dir geträumt! Du!!! Sooo lieb und sooo süß, daß ich erwach­te davon. Mei­ne Uhr zeig­te 3 – ich konn­te bis zum Mor­gen nicht mehr ein­schla­fen, Herz­lieb! Ach Du!!! Es war zu schön!!! Ich schla­fe doch in Dei­nem Bett­lein – Du! in uns[e]rem!!! Weißt Du noch? Herz­lieb!!! Du!!! Weil ich zu lang bin für die Couch, mei­ne Füße hän­gen unten raus! Du!! Und ich habe mir jeden Abend vor[‘]m Ein­schla­fen all die süßen Stun­den in’s Gedächt­nis zurück­ge­ru­fen von einst – Gelieb­ter!!! Und heu­te Nacht, Du!! Da bist Du zu mir gekom­men – im Traum! Oh Du!! Sooo süß! Oh sooo ein­zig süß und won­ne­voll war der kur­ze Traum!! Mein [Roland]!

Wenn er doch bald ein­mal wie­der Wirk­lich­keit wer­den könn­te! Du!! Du!!! Du!!!!! Herz­lieb!

Ich habe Dich ganz bei mir gespürt ganz nahe bei mir! Ach Du!! Wenn ich jetzt dar­an den­ke, dann rie­selt es durch mei­nen gan­zen Kör­per so wun­der­sam, so süß! Gelieb­ter!! Ich könn­te Dich nie ver­ges­sen!

Mein [Roland]! Heu­te früh mit dem 1. Schiff fuh­ren wir nach B.. In der zehn­ten Stun­de kamen wir an. In T. [in Böh­men] ver­lie­ßen wir das Schiff, um auf den [sic] Rück­weg in B. das Schiff wie­der zu bestei­gen, da kann man noch eher auf einen Sitz­platz hof­fen. Nun konn­te ich mit Mutsch zusam­men ein Stück der schö­nen Elb­fahrt genie­ßen, die wir bei­den Glücks­kin­der vor 2 Jah­ren soo reich­lich genos­sen! Am liebs­ten wäre ich wie­der bis S. gefah­ren!! Glaubst, sie ist immer auf’s Neue schön und reiz­voll, eine Fahrt auf der Elbe. Mutsch gefiel es so sehr! Vor allem war das Wet­ter sehr geeig­net heu­te, daß man den Luft­zug beim Fah­ren gera­de­zu ange­nehm emp­fand. Weißt, es fah­ren jetzt lau­ter älte­re Herr­schaf­ten und es lau­fen auch nur älte­re Leu­te umher über­all. Die jun­gen Mäd­chen sieht man allei­ne geh[e]n. Die jun­gen Män­ner feh­len über­all im Bil­de. [Es] Ist nicht ver­wun­der­lich. Doch trifft man ab und zu auch noch einen – doch das hat auch [se]inen bestimm­ten Grund, weil er noch nicht wehr­dienst­pflich­tig ist. Im gro­ßen und gan­zen spürt man über­all den Krieg dar­an, daß kei­ne Män­ner mehr rum­lau­fen. Außer blut­jun­gen oder alten.

[Du] Mußt nicht dum­me Gedan­ken haben jetzt – Herz­lieb! Mir fiel das nur heu­te in den bei­den Städ­ten wie­der auf. Zuhaus[‘] bist du das Stra­ßen­bild und die Bewoh­ner so gewöhnt – hier in der frem­den Umge­bung fällt einem man­ches rich­tig auf.

Wir stie­fel­ten nun erst [ein]mal durch T.. So zwei Wei­bel, die haben viel zu schau[e]n. Die inter­es­sie­ren sich für jeden Kram!! Und in T. hab[‘] ich mir einen fei­nen Dirndlstoff gekauft Du!! Blau-weiß kariert- ganz klei­nes Mus­ter. Schön! Lei­nen – dar­auf spe­ku­lier­te ich schon lan­ge. Ich las­se den Stoff lie­gen bis Hubo da ist, bei mir!!

Du!! Wenn Du woll­nen Stoff kriegst, kauf nur!! Hier gibt’s nix! Und kau­fe mög­lichst dunk­le gedie­ge­ne Far­ben – damit ich[‘]s lie­gen las­sen kann und ver­ar­bei­ten wenn Du wie­der da bist – oder wenn ich mei­ne alten Klei­der abge­tra­gen habe. Dann bin ich doch schon bis­sel alter [sic], Du!! Und da möch­te ich wohl auch dunk­le Far­ben tra­gen? Ach – Du weißt ja am aller­bes­ten was mich klei­det! Du siehst mich doch bes­ser, wenn ich etwas tra­ge, als ich selbst mich sehen kann. Und so wie’s mein lieb’s Man­ner­li wünscht, so will’s doch Dei­ne [Hil­de] tun!!

Ich will viel­mehr Dir gefal­len – als mir!

Na, soweit aus­ein­an­der geht unser Geschmack doch gar­nicht, gell? Du!

Was Du mir schenkst, das gefällt mir immer!

[Ich] Will Dir hier nur gleich noch­mal alle mei­ne Num­mern sagen!!

Aus­zug aus dem Brief mit Klei­dungs­gros­sen in zwei Spal­ten

Kleid­grö­ße: 44.

eben­so Unter­wä­sche: 44.

Handschuhgr[öße].: 6 ½ — 6 ¾ .

[neue Spal­te]

Schuh­grö­ße: 39.

Strumpf­grö­ße: 9 ½ .

Und Wol­le?

Und das nötigs­te wäre ein Win­ter­man­tel­stoff, für einen Som­mer­man­tel Stoff begrü­ße ich eben­so sehr! Denk’ auch an Dich! Dicker­le! Du brauchst auch einen Som­mer­man­tel – einen Win­ter­man­tel wenn Du die Uni­form aus­ziehst!! Ich will Dir, sobald die Post wie­der nor­mal geht, Geld schi­cken!

Was soll ich mir wün­schen? Du!! Ich freue mich über alles – alles , was mein Herz­lieb mir schenkt aus sei­nem über­vol­len Her­zen voll Lie­be! Du!!!

Ich freue mich ja sooo sehr, wenn Du mich beschenkst! Ach – es ist ein ganz gro­ßes Glück für mich!

Ich kann es unmög­lich so in Wor­te fas­sen, wie ich es inner­lich erle­be! Ach Gelieb­ter! Du weißt es.

Du!! Ich hab[‘] Dich sooo lieb! Du!!

So wie Du bist! Oh Du!! Du!!!

Kom­me bald heim zu mir! Herz­lieb!!!

Ach — ich hab[‘] Dich ja sooooo lieb!!

Du!! Du!!!

Gott behü­te Dich! Mein [Roland]!

Grossdeutsches Reich NS Administration 1944
Kar­te der admi­nis­tra­ti­ven Glie­de­rung des Groß­deut­schen Rei­ches durch die NSDAP 1944, mit Gren­zen des Alt­reichs, 1937. Quel­le: Ben­net Schul­te, 1 Sep­tem­ber 2010, Wiki­me­dia Com­mons, CC-BY-SA-3.0-DE, 01.2017.
Mein Herz­lieb! Gegen Mit­tag waren wir in B. drü­ben, dort hiel­ten wir Mit­tag im „Cafe C.” hör­ten da öffent­li­che Nach­rich­ten durch den Laut­spre­cher. Um 2 Uhr öff­ne­ten die Geschäf­te wie­der. Es war alles so wie einst, da Du und Mut­ter [Nord­hoff] mit waren. Und zum „Z.” sind wir natür­lich auch! Dort kauf­ten wir für Frau [H.] zum Geburts­tag 3 schö­ne Ein­weck­glä­ser – mor­gen, ehe wir zu ihr gehen, kau­fe ich in S. noch paar schö­ne Blu­men dazu. Da wird sie sich freu­en. Mutsch woll­te gern paar Por­zel­lan­töpf­chen an den Herd zu hän­gen, die waren aber rich­tig „böh­misch”, und die moch­ten wir nicht. Du!! Wir kön­nen froh sein, daß wir alles noch kauf­ten damals! Es gibt nichts mehr, lau­ter Geplär­re und alt­mo­di­sches Zeug. Was meinst [Du], wie die Ber­li­ner hams­tern! Mit gro­ßen Kof­fern fah­ren die ‚rüber’ ein­kau­fen!! Und als Frau S. sich letzt­hin einen Blu­sen­stoff kau­fen woll­te, hat sie kei­nen bekom­men: an das Alt­reich ver­kau­fen wir nichts mehr. Siehs­te [Siehst Du], da haben sie’s also gemerkt! Es ist über­all das alte Lied: wo es noch ‘was’ gibt, da sam­meln sich bald Lieb­ha­ber. Ich sag[‘] mir immer: [Du] ver­suchst es mal – was nicht ist, das ist nicht. Und da las­se ich mir kei­ne grau­en Haa­re drü­ber wach­sen! Wenn ich nichts mehr anzu­zie­hen habe, dann bin ich’s nicht allein, dann geht’s ander[e]n eben­so.

Ach — es sind das soo klei­ne Sor­gen! Wenn ich Dich nur habe! Du!!

Und wenn Du nur bei mir bist – und dazu brau­che ich ja nicht mal etwas Anzu­zie­hen – wenn’s drauf ankommt, Du!! Ja? Du!! Herz­lieb? Ist’s nicht wahr? Du!!!

Nein . Punkt – jetzt wird’s ver­füh­re­risch!

Aus­zug aus dem Brief mit Punkt­zeich­nung.

Mit dem Schiff um ½ 4 fuh­ren wir wie­der zurück. Und wir hat­ten es ganz schön satt, von dem rum­lau­fen in der hei­ßen Stadt. Nach­dem ich nun Dei­nen lie­ben Boten zu Haus in Emp­fang genom­men hat­te, den soo lie­ben vom Mon­tag zum Diens­tag in der Nacht geschrie­be­nen! Du arm’s Hascherl! Herz­lieb!

Wel­cher Affe ist das, der so mit Euch ver­fah­ren darf? Aber – im Grun­de genom­men: Dir hat er mit die­ser Stra­fe kein’s aus­ge­wischt, Du!! Im Gegen­teil!! Ach – wenn der den Hubo ken­nen tät’, da wüß­te er gar bald, daß der sich aus einer Stra­fe einen Pfif­fer­ling macht. [Es] Ist ja lächer­lich, wel­che Grün­de die­ser ‚Herr’ zu sei­nen [sic] Straf­voll­zug her­vor­sucht! Naja – es gibt sol­che und sol­che.

Du!!

Das kann doch einen See­mann nicht erschüt­tern! Und jetzt muß ich, ob ich will oder nicht Schluß machen mein Lieb! Mir geht’s eben­so wie Dir: es wird nun fins­ter und ich kann kein Licht bren­nen, weil kei­ne Verdunk[e]lung da ist.

 

Also für heu­te: Auf Wie­der­hö­ren! Du!! Schät­zel, mein lieb’s, her­zi­ges! Mal seh[e]n, wann wir mor­gen aus L. wie­der­kom­men, da denk’ ich noch­mal Dein! Denn Sonn­abend ist ja schon Rei­se­tag!! Scha­de! Aber auf die Lie­ben all in D. freue ich mich auch.

Jetzt! Komm Hubo – husch! In’s Nacht­hem­del!

Oder brau­chen wir kei­nes? Psst!! wird nicht ver­ra­ten! Ich hab[‘] Dich sooo lieb! Ich bin Dein!! In Lie­be ganz Dei­ne [Hil­de]!! Mein Glück!! Gott sei mit Dir alle­zeit! Ich blei­be Dei­ne

[Hil­de], ganz Dein.

Eine Antwort auf „26. Juni 1941“

  1. Zu “weil kei­ne Verdunk[e]lung da ist”: Hil­de meint viel­leicht, dass sie kein Zube­hör zur Ver­dun­ke­lung hat, des­we­gen muss sie den Brief schlies­sen, da sie kein Licht anma­chen darf. Oder, sie hat “kei­ne” statt “eine” geschrie­ben und Ver­dun­ke­lung bezieht sich auf einen Luft­alarm.

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