09. Mai 1941

Der junge Goethe, gemalt von Angelica Kauffmann 1787
Johann Wolf­gang von Goe­the, Por­trait von Ange­li­ca Kauffmann, 1787, Goe­the-Natio­nal­mu­se­um, Wei­mar, Lizenz­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 12.2016.
[410509–2-1]

Frei­tag, am 9. Mai 1941.

Mein gelieb­tes, teu­res Herz! Du mein herz­liebs­ter [Roland]!

Du!! Heu­te ist kein Bade­tag, weil Vater Nacht­dienst hat, nur Schrei­be­tag! Muß nach B. zur Sil­ber­hoch­zeit gra­tu­lie­ren, muß Vater [Nord­hoff] mei­ne Absa­ge zu sei­ner Ein­la­dung begrün­den, muß Mut­ter [Nord­hoff] nach K. schrei­ben und Dei­nen lie­ben Brief mit hin­ein­ste­cken. Will mei­nem Herz­lieb schrei­ben! Ja! Will!! Nicht muß! [U]nd da wird mein Nach­mit­tag her­um sein, sehe ich es ver­se­he. Herz­lieb Du! Heu­te kam kein Bote von Dir. Ich rech­ne auch noch nicht damit. Erst am Sonn­tag kann frü­hes­tens einer bei mir sein, wenn alles plan­mä­ßig von­stat­ten ging mit Dei­ner Rei­se. Du Liebs­ter! Unser Herr­gott wird Dich behü­tet haben, auch in die­sen Tagen – ich glau­be dar­an!

Bist nun in Fein­des­land, ich bin neu­gie­rig auf so vie­les. Auf Dei­ne Umge­bung, auf Dei­ne Unter­kunft, auf Dei­ne nun­mehro Arbeit! Auf die Ant­wort, ob Du noch mit Dei­nen bei­den Kame­ra­den zusam­men bist! Ach, es fällt mir im Moment gar­nicht [sic] alles ein, was ich manch­mal beant­wor­tet haben möch­te, wenn ich so an Dich den­ke! Du wirst‘s ver­ste­hen, Herz­lieb! Und Du erzählst mir schon lieb und aus­führ­lich, was ich wis­sen möch­te — was Du mir erzäh­len darfst! Hof­fent­lich bist Du auch ganz gesund und mun­ter, Gelieb­ter! Kannst Du das Kli­ma auch ohne jeg­li­che Beschwer­den ver­tra­gen?

Du! Ges­tern abend, als ich von der Sing­stun­de heim­ging und die vie­len Ster­ne bewun­der­te und den zuneh­men­den Mond, da dach­te ich an mein Herz­lieb und dach­te dar­an, daß Du auch den­sel­ben Him­mel über Dir hast und da wur­de die Sehn­sucht nach Dir sooo stark und groß! Du!!! Wei­ter dach­te ich, daß Du Heim­weh haben könn­test, Herz­lieb! Oh Du!! Du!!! Sei tap­fer und stark, Gelieb­ter! Ich habe den fes­ten Glau­ben, daß bald alles böse Getrennt­sein ein Ende neh­men wird, daß alles gut wird! Nur noch ein wenig Geduld, mein [Roland]!! Ich har­re mit Dir aus getreu­lich!!! Du! Ich habe auch Heim­weh, aber nach Dir – Gelieb­ter!!!

Ach,  wel­ches Heim­weh ist wohl schmerz­li­cher? Wel­ches tut weher? Dei­nes oder mei­nes? Gelieb­ter!! Gelieb­ter!! Wir hal­ten ein­an­der ganz, ganz fest in aller Lie­be und aller Treue! Du!!!!!

Wir müs­sen noch voll­ends hin­durch, durch die­ses finst[e]re Tor, Du!! Und wir wol­len uns um kei­nen Preis wer­fen las­sen! Herz­lieb! Was wir begon­nen, voll­enden wir! Im fes­ten Glau­ben an Gott und sei­ne Güte und Gna­de.

Wir wol­len ein­an­der hel­fend und lie­bend zur Sei­te steh[e]n, wenn es uns ein­mal schwer wer­den will, Herz­lieb!! Du!!! Ich lie­be Dich so innig! Ich lie­be Dich sooo tief und wahr! Gelieb­ter! Ich gehö­re Dir mit allen Fasern mei­nes Her­zens! Ich bin Dein!! Dein für die­ses Leben!!

Und Du bist mein! Oh ganz mein!! Gelieb­ter!! Welch Glück! Welch unsag­ba­res, gro­ßes Glück!

Herz­lieb! Ich habe wie­der so viel Böses und Schlim­mes gehört und erlebt, was um mich her geschieht! Umso lie­ber und sehn­süch­ti­ger flüch­te­te ich mich jetzt in Dei­ne Arme, an Dein treu­es Her­ze Du!! Mein Bes­tes! Ein­zi­ges!! Das kann zwi­schen Dir und mir nim­mer­mehr gesche­hen!! Oh Gelieb­ter, nie und nim­mer!!

Wir sehen nur unser Ziel! Unser leuch­ten­des Glück! Sonst nichts auf Erden, wor­an wir unser Herz ver­lie­ren könn­ten.

Ich erken­ne es immer wie­der zutiefst beglückt, mein Son­nen­schein, was uns unse­re Lie­be bedeu­tet! Was sie uns ist, wert ist! Oh Du!! Du!! Nichts gibt es auf der gan­zen Welt, daß [sic] ich mit mei­ner Lie­be zu Dir ein­tau­schen möch­te! Gelieb­ter! Ich muß mich so oft fra­gen: gibt es über­haupt in die­ser Welt noch ein Paar, das so treu, so hin­ge­bend, so aus­schließ­lich ein­an­der liebt und ver­ehrt, wie wir es tun? Ich muß die Fra­ge bei­na­he ver­nei­nen – wohin ich bli­cke, sehe ich nur Mas­ken, ver­häng­te Gesich­ter – Treu­lo­sig­keit und Unzucht wuchern um mich her.

Aus­zug aus dem Brief

Und bin ich ent­setzt, was ich ges­tern erfuhr über ein Ehe­paar, das ich gera­de beson­ders schät­ze. Wo ist noch Wahr­heit und Ehr­lich­keit? Woer zeigt sich [u]ns noch ein Vor­bild?

Ich zweif­le manch­mal an die­ser gan­zen Welt um mich her, und ich bereue, daß ich aus mei­ner Zurück­ge­zo­gen­heit mich wag­te, um Stre­bens­wer­tem nach­zu­ge­hen, wo ich doch nur Lüge und gemach­tes Wesen fin­de in Wahr­heit.

Gelieb­ter! Was taugt mir die­se Welt? Lie­ber, oh viel­tau­send­mal lie­ber bin ich Ttag­aus tag­ein nur mit Dir zusam­men, mit allem Den­ken, mit allem, was mich bewegt! Herz­lieb! Bei Dir keh­re ich nie ent­täuscht zurück!! Nie! nie!!!!! Du!! Du und ich, wir fin­den uns wohl viel zu schwer­fäl­lig in uns[e]re moder­ne Zeit, Gelieb­ter! Was sind wir nur für Men­schen? Wie wol­len doch nichts als klar sehen, als die Wahr­heit, als ein ehr­li­ches, unver­bo­ge­nes Gesicht von einem jeden, der uns nahe­tritt. Ist denn das so viel? Daß man es uns über­all ver­wehrt? Ach Herz­lieb! Die meis­ten sind eben schon ver­gif­tet, sie kön­nen Gut und Schlecht – Recht und Unrecht schon nicht mehr aus­ein­an­der­hal­ten.

Wohl dem, der sich vor der Welt ohne Haß ver­schließt“ die­se Wor­te klin­gen jetzt in mir auf. Ich weiß es, Herz­lieb, Du schriebst sie einst in einem Dei­ner ers­ten Brie­fe.

Sag, macht es uns die Welt nicht sehr schwer, nach die­sem Wort von Goe­the zu leben?

Ach, mein Lieb! Die­ser Brief soll doch kein Kla­ge­lied wer­den! Ich ken­ne die da drau­ßen, die nicht in uns[e]re Gemein­schaft gehö­ren, nicht auf­ge­nom­men wer­den kön­nen, weil sie sich dar­in gar­nicht wohl füh­len wür­den und ich rich­te mich dar­nach.

Mein Herz und mei­ne See­le gehört so oder so ja nur ganz Dir! Und ich will mich nur inni­ger und fes­ter an Dich hän­gen und an Dich anschlie­ßen, daß mir aus die­sem glück­haf­ten Sich­ge­hö­ren immer mehr Kraft wächst, das Leben zu ertra­gen, wie es nun ein­mal ist, mei­ne Rol­le zu spie­len — bis, ja bis der Ein­zi­ge kommt, der mich erlö­sen kann!! Du!!! Du!!!!! Wie unsag­bar ich mich freue mein [Roland], auf die Zeit, da wir gemein­sam wei­ter­schrei­ten dür­fen! Du!! Das glaubst Du ja nicht! Oh Gelieb­ter!!

Ich sehe Son­ne! Son­ne! Oh Du! Nichts als hel­le, strah­len­de Son­ne des Glücks! Daß Du dann ganz ganz mein bist! Für ganz und immer!! Du!! Oh Du!! Jeder Tag wird mir ein kost­ba­res Geschenk bedeu­ten, den ich an Dei­ner Sei­te erle­ben darf. Ach, möge unser Herr­gott Erbar­men haben mit unser[e]m Herz voll hei­ßer Sehn­sucht und Ver­lan­gen!

Möge er mir Dich erhal­ten! Du!! Und bald, bald fu[e]r immer heim­keh­ren las­sen!

Mein [Roland]! Ich bin sooooo voll Sehn­sucht nach Dir!!! Ich lie­be Dich! Oh! Du!! Her­zin­nig­lich!

Gelieb­ter! Auch nach dem Schlüss­lein seh­ne ich mich – oh ja Du!! Auch nach dem Schlüss­lein!!

Herz­lieb! Gott schüt­ze Dich!

Ich bin Dein – Du bist mein!!

Unnenn­ba­rer Jubel und sooo viel Glück und Freu­de!

Mein Herz­lieb! Mein lie­ber, guter Bub!

Dei­ne [Hil­de]! Dein!!

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