10. April 1941

Bundesarchiv Bild 183-L22515, Griechenland, Parthenon, Deutsche Soldaten
Grie­chen­land: Deut­sche Sol­da­ten besich­ti­gen den Par­the­non, Athen, April 1941. Foto­graf Dick, All­ge­mei­ner Deut­scher Nach­rich­ten­dienst — Zen­tral­bild, gemein­frei über Bun­des­ar­chiv, Bild 183-L22515 / CC-BY-SA 3.0, 04.2016.
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Don­ners­tag, d. 10. April 1941

Mein lie­bes, teu­res Herz! Herz­al­ler­liebs­te! Mei­ne lie­be [Hil­de]!

Mor­gen ist Kar­frei­tag. Fei­er­abend ist, [es ist] gegen 5 Uhr am Nach­mit­tag. Ich sit­ze in der Schreib­stu­be, im geheiz­ten Zim­mer. Kalt ist es seit 2 Tagen. Es hat ein wenig gereg­net, der Wind weht aus Wes­ten. Es ist sehr frisch. Aber nun sind die Bäu­me grün, die Blät­ter kön­nen nicht mehr in ihre Hül­len zurück­krie­chen. Ich bin jetzt 2 Tage nicht mehr aus dem Bau gekom­men. Es macht kei­ne Freu­de bei die­sem Wet­ter. Uns[e]re Lewa sind fast alle – und es ist unge­wiß, ob wir davon noch ein­mal nachbgekom­men [sic].

Die Käl­te macht sich nach den som­mer­li­chen Tagen dop­pelt emp­find­lich bemerk­bar, und ich bin froh, daß ich hier im Zim­mer eine Arbeit habe. Viel ist nicht zu tun. Ich bin jedoch über [sic] eine Lis­te gera­ten, die mich etli­che Tage beschäf­tigt.

Im Zusam­men­hang mit dem sieg­rei­chen Vor­drin­gen uns[e]rer Trup­pen ist es wahr­schein­lich, daß wir eines Tages von hier abge­ru­fen wer­den. Du hast die Ereig­nis­se hier unten sicher mit beson­de­rer Span­nung und Auf­merk­sam­keit ver­folgt. Die unse­ren [sic] sind ja mit sol­chem Schwung vor­ge­gan­gen, daß es aus­sieht, als soll­te die­ser Feld­zug [Bal­kan­feld­zug] schon in weni­gen Tagen been­det sein. Der uns hier am nächs­ten gele­ge­ne Schau­platz mit dem wich­ti­gen Hafen­platz Salo­ni­ki („S.“) ist schon aus­ge­schal­tet. Die hier kämp­fen­de grie­chi­sche Ost­ar­mee hat kapi­tu­liert. Heu­te spricht man schon davon, daß unter dem Ein­druck der Wucht des deut­schen Angrif­fes die gan­ze grie­chi­sche Armee die Waf­fen gestreckt habe – es ist noch unver­bürgt, aber durch­aus wahr­schein­lich. Wir hat­ten hier bestimmt mit feind­li­chen Flie­gern gerech­net, seit Sonn­tag ist die Stadt ver­dun­kelt, aber bis jetzt hat sich hier kei­ner sehen las­sen, wäh­rend wir gan­ze Schwär­me deut­scher Flie­ger beob­ach­te­ten, die gegen den Feind flo­gen. Du darfst also ganz beru­higt sein, Herz­lieb! Von dem gan­zen Krieg sind wir bis jetzt nicht im min­des­ten berührt wor­den.

Battle of Greece WWII 1941 map-fr.svg
Grie­chen­land­feld­zug 1941. Kar­te von Eric Gaba, Wiki­me­dia Com­mons user Sting, 10.2015, gemein­frei über CC BY-SA 3.0, 04.2016.

Ver­mut­lich wer­den wir über die Fei­er­ta­ge noch hier sein. Wenn wir kei­ne Wache haben und das Wet­ter schön ist, wol­len wir auf einen der Gip­fel der nähe­ren Umge­bung stei­gen. Ich wür­de so gern einen Got­tes­dienst besu­chen. Muß mich gleich mal umtun, ob hier am Orte eine evan­ge­li­sche Gemein­de ist. Sonst wer­de ich ver­su­chen, einem katho­li­schen Got­tes­dienst bei­zu­woh­nen, einem römisch-katho­li­schen. Die Mehr­zahl der Ein­woh­ner hier gehört zur grie­chisch-katho­li­schen Kir­che (der auch die Rus­sen ange­hö­ren. Ihr Kreuz sieht so aus:  [gezeich­ne­tes Dop­pel­kreuz, sie­he Abbil­dung]), und soviel mir erin­ner­lich ist, fei­ert die­se das Oster­fest, ihr Haupt­fest, um 14 Tage spä­ter. So bunt wie die Bevöl­ke­rung ist also auch ihr Bekennt­nis. Wir wer­den die Fei­er­ta­ge hal­ten wie in der Hei­mat. Mor­gen gilt also die Sonn­tags­ord­nung: Wecken 8 Uhr! Da wird wohl mein Herz­lieb schon im Kleid­chen ste­cken, mor­gen hat es wohl Dienst in der Kir­che. Ach, die­ser lie­be, die­ser schöns­te Dienst, an den Fei­er­ta­gen zumal; der rei­che Schatz an Wer­ken, in denen die Fröm­mig­keit so vie­ler gro­ßer Vor­fah­ren Gestalt gewon­nen hat! Wenn er doch wie­der zu sei­nem Anse­hen erho­ben wür­de! Wenn ich doch wie­der in die­sem Dienst ste­hen könn­te! Herz­lieb! Viel­leicht wird ein­mal Gele­gen­heit, daß wir bei­de wie­der sin­gen gehen wie einst, Du!!

Weißt [Du], wenn wir jetzt noch in Deutsch­land wären und in unse­rem Kalen­der leb­ten, da wür­de sie wie­der groß auf­ste­hen, die Sehn­sucht nach Hau­se, nach den Fei­er­ta­gen, den Oster­spa­zier­gän­gen, wie man sie nir­gends schö­ner als zu Hau­se erle­ben kann. Aber nun sind wir im frem­den Lan­de – und das Bewußt­sein hat irgend­wie geschal­tet, hat vor alle Hei­mat­ge­dan­ken einen Rie­gel gescho­ben: Unmög­lich. Gelieb­te! Ein­mal wird er wie­der zurück­ge­scho­ben, die­ser Rie­gel! Und in die­sen Tagen, da der Sie­ges­sturm von neu­em auf­hebt und sich erhebt, da scheint die­ser Tag der Freu­de wie­der in greif­ba­re Nähe gerückt!! Vie­le wer­den ihn noch mit ihrem Leben erkau­fen müs­sen.

In den letz­ten Näch­ten sind Kiel und Ber­lin Ziel star­ker eng­li­scher Angrif­fe gewor­den. Möch­tet ihr Lie­ben daheim von sol­chem Unheil ver­schont blei­ben! Von Dir, Herz­lieb, hat mich noch kei­ne Post wie­der erreicht. Aber es hapert all­ge­mein damit und ich bin auch gar nicht beun­ru­higt des­halb. Heu­te hat unser ‚Postbüt­tel’ sich sel­ber auf den Weg gemacht zur nächs­ten Feld­post­stel­le, um dem Man­gel an Ort und Stel­le abzu­hel­fen. Mal sehen, ob es hilft. Ich hät­te doch zu gern zu Ostern einen Gruß von Dir. Ach, und die größ­te Oster­freu­de wäre mir doch zu hören, daß Du nun von Dei­nem lie­ben treu­en Aus­har­ren erlöst wur­dest! Gelieb­te!

Wenn Dich die­ser Bote erreicht, ist wahr­schein­lich auch schon Dein Geburts­tag vor­bei! Herz­lieb! Mußt ihn ohne mich fei­ern! Ach, Du!! [W]ir wol­len nicht die Trau­rig­keit Herr wer­den las­sen über uns. Wol­len stark und tap­fer war­ten und aus­hal­ten mit den vie­len – ein­mal muß es doch dem Ende zuge­hen – ein­mal muß doch Frie­den wer­den! Das Schick­sal der Tren­nung, wir tei­len es ja mit so vie­len! Und die Hoff­nung auf den Frie­den, sie bewegt alle, auch alle Sol­da­ten.

Von Vater erreich­te mich heu­te ein Brief über die alte Feld­post­num­mer. Ich sehe dar­aus, daß es ihm recht schwer fällt, daß er am liebs­ten wie­der zurück­möch­te. Er teilt unser Schick­sal der Frem­de, und es trifft ihn viel­leicht am här­tes­ten. Ich habe es deut­lich gese­hen, wie er geal­tert hat [sic] in der letz­ten Zeit. Die Sor­gen um uns, die Unru­he der letz­ten Jah­re, die­se Unru­he, sie läßt die Eltern schnel­ler altern. [Bei] Unse­ren Eltern kommt das beson­ders schwer an, weil sie uns so lan­ge um sich hat­ten. Sie haben es sich so schön geträumt, uns, wohl­ver­sorgt, besu­chen zu kön­nen und sich mit­zu­freu­en an unse­rem Glück. Und nun ist es so anders gekom­men. Der poli­ti­sche Umsturz, die Sor­ge um H., die Ver­set­zun­gen, und nun die­ser Krieg – es ist zu viel! Und ich gön­ne es unse­ren Eltern bei­den von Her­zen, daß sie sich noch recht vie­le Jah­re mit uns freu­en kön­nen, daß wir uns ihnen dank­bar erzei­gen kön­nen. Vater schreibt auch von sei­nen Besuchs­plä­nen, „Palma­rum wahr­schein­lich nach O.“. So schreibt er mir – und Dich lädt er nach C. ein – das ist zwei­er­lei Spra­che, nicht ganz recht von Vater – war­um schreibt er mir nicht so wie Dir – und schafft damit eine kla­re Situa­ti­on, mit der ich bei rech­ter Begrün­dung doch gern ein­ver­stan­den sein könn­te!

Für Sonn­abend hat Vater 2 Par­si­falkar­ten besorgt.

Herz­lieb! Ich muß Dich wohl wie­der ein­mal ermah­nen, daß Du über dem getreu­en Her­ren nicht ver­gißt, auch an Dich, an Euch zu den­ken. Auch das sind Pflich­ten. Gön­ne Dir etwas, Herz­lieb! Ein Kino, ein Thea­ter! Wenn Du sonst niemande[n] hast, nimm Vater und Mut­ter mit. Wie wird Dein [Roland] den­ken: ‚sie’ amü­siert sich der­weil. Gelieb­te! Wir kön­nen bei­de ein­an­der nicht ver­ges­sen, kön­nen uns gar nicht amü­sie­ren, und gera­de, wenn wir etwas Beson­de­res erle­ben, dann wer­den wir des­to leb­haf­ter anein­an­der gemahnt. Wenn das Wet­ter so wei­ter hunst [sic], will ich ein Kino besu­chen. Es wer­den hier lau­ter deut­sche Fil­me gespielt.

Mein lie­bes, teu­res Herz!

Ich möch­te so lan­ge mit Dir plau­dern – möch­te bei Dir sein – und dann wür­den wir wohl bald auf­hö­ren mit dem plau­dern – Du!! Du!!!!!

Behü­te Dich Gott! Er seg­ne unser[e]n Bund und füh­re uns recht bald zuein­an­der! Du! Mein lie­bes, treu­es Weib. Ich lie­be Dich von gan­zem Her­zen! Du bist mei­ne Hei­mat, mei­ne Zuflucht auch in die­ser Fer­ne, mein bes­ter Kame­rad, mei­nes Her­zens Ver­trau­te. Ich möch­te Dir alle Lie­be soo dan­ken, sie Dir erwi­dern – wir müs­sen war­ten, Gelieb­te! Gott schen­ke uns Kraft und Geduld und star­ke Her­zen! Gelieb­te! Ich den­ke immer Dein! Du wohnst ganz tief in mei­nem Her­zen, mein Leben, mein Herz­schlag, Du!!! Ich gehö­re Dir, immer und ewig, ich mag nichts sein als Dein [Roland]!!!

Mei­ne Lie­be, liebs­te [Hil­de]!!!!!!!!!!!!

Bit­te grü­ße die lie­ben Eltern recht herz­lich.T&Savatarsm

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