09. März 1941

Lübeck Dom-von-Westen 070311.jpg
Lübe­cker Dom mit Dop­pel­spit­ze. Foto von Tors­ten Bol­ten, 3/2007, lizen­ziert als CC BY-SA 3.0 über wiki­pe­dia 3/2016.

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Sonn­tag, den 9. März 1941.

Mein lie­bes, teu­res Herz! Mei­ne lie­be, liebs­te [Hil­de]!

Was wirst Du den­ken? Ich hat­te so wenig Zeit für Dich die­se letz­ten Tage. Ach Gelieb­te! Nichts Arges wirst Du den­ken, ich weiß es. [Du] Wirst Dir nur wün­schen, bei mir zu sein in die­sen kri­ti­schen Tagen und Stun­den. Herz­lieb! Du bist es auch – immer Du!!! [Du] Bist es mir zum Tros­te, zur Wach­sam­keit, als Mit­tel­punkt all mei­nes Den­kens und Sin­nens und Betens. Herz­lieb, es ringt in mir! Ich fra­ge nach dem Sinn des Neu­en – es ist die Unge­duld, ist Ver­zagt­heit, und ich bit­te Gott, er soll sie von mir neh­men. Herz­lieb, Schmerz will mich erfül­len bei dem Gedan­ken, daß wir noch ein­mal so weit und so lan­ge getrennt wer­den sol­len, wo wir uns doch so sehr seh­nen, eins zu sein und mit­ein­an­der zu gehen. Ich fra­ge Gott und bit­te ihn, er möge uns demü­tig machen in sei­nem Wil­len.

Herz­lieb, wie wirst Du alles auf­neh­men? Sei tap­fer mit mir! Halt aus mit mir! Bete mit mir! [Noch wis­sen wir gar nichts. Gott hat tau­send Wege, uns zu hel­fen.] [sie­he Abbil­dung] Wir wol­len nicht ver­za­gen, wol­len nicht zwei­feln – wir wol­len ver­trau­en und fest auf ihn bau­en. Er wird es fügen, daß wir uns wun­dern über sei­ne Weis­heit, daß wir dan­ken für sei­ne Güte und Gna­de – wie in allem bis­her! Gib mir Dei­ne lie­be Hand – Du! Mein Lebens­ka­me­rad, mein Herz­lieb! – so sehr dank­bar müs­sen wir sein für alle Güte und Gna­de, die wir emp­fin­gen bis in die­se Stun­de. Alles ging uns nach Wunsch bis­her. Daß ich ein­ge­zo­gen wür­de, es konn­te uns nicht über­ra­schen, ande­re waren es längst. Wir durf­ten vor Got­tes Altar tre­ten an eben dem Tage, da wir es wünsch­ten. Wir durf­ten uns wie­der­se­hen, so wie es unser sehn­li­cher Wunsch war – Du durf­test mich besu­chen – und in ange­mes­se­ner Zeit durf­te ich Dich zu Hau­se wie­der sehen [sic]. O Herz­lieb, an alles kann ich doch unmög­lich erin­nern, wie gütig Gott uns war. Es ist uns alles nach Wunsch gegan­gen. Das wol­len wir beden­ken! Recht ver­wöhnt sind wir von so viel Gna­de. Und nun haben wir schon wie­der Wün­sche. Einen ganz gro­ßen, unse­ren Her­zens­wunsch – könn­te es auch anders sein – ? – daß wir nun recht bald Seit[´] an Sei­te durch die­ses Leben schrei­ten dür­fen, daß wir ein­an­der ganz Hei­mat sein dür­fen – ist es ein so ver­mes­se­ner Wunsch? – ach Du!! Herz­lieb!!! wo wir ein­an­der nun so ganz erfül­len kön­nen? – frei­lich, es ist ein ganz gro­ßer Wunsch. Und wir sol­len wie­der an die den­ken, die die­sen Wunsch eben­so sehn­lich hegen wie wir – sol­len an uns[e]re nächs­ten Ver­wand­ten den­ken, an H., E., an S., bei denen wir das am leb­haf­tes­ten nach­emp­fin­den kön­nen. Herz­lieb! Es wäre Sün­de, auf­zu­be­geh­ren. Was ahnen wir und wis­sen wir davon, was Gott mit uns vor­hat? – Du!! Willst [Du] mit mir fein still wer­den und war­ten – Gelieb­te! Gläu­big und ver­trau­end war­ten? Ver­trau­end dar­auf, daß Gott uns nach unse­ren Kräf­ten beden­ken wird! Ein­ge­denk aller Lie­be und Gna­de, die wir bis auf die­se Stun­de erfuh­ren.

Du! Mei­ne lie­be, liebs­te [Hil­de]! Gelieb­te! Die­se Gedan­ken allein kön­nen mich Frie­den fin­den las­sen, sie allein kön­nen mir Trost spen­den – daß wir den Him­mel über uns wis­sen, es ist eine gro­ße Gna­de.

Aller­lei Neu­es drängt auf mich ein – am meis­ten aber bis­her doch die Gedan­ken.

Neue Kame­ra­den – ja nur auf ein paar Tage, dann ist die Grup­pie­rung wie­der eine ande­re. Ich kann kaum erken­nen, wie sie das alles ertra­gen. Sie sind schon knapp 14 Tage hier. Sie schaf­fen sich alle Stun­den des Beha­gens mit [S]naken [sic: schnacken], Trin­ken, Kar­ten­spiel, mit den Gedan­ken an Genüs­se, sie schaf­fen sich Minu­ten des Genie­ßens mit dem Rau­chen. Du weißt: das hilft mir nicht, das kann ich nicht, dazu bin ich nicht jung genug, dazu beschwe­ren mich zu sehr die Gedan­ken an die Linie unse­res Lebenss, an unse­ren Weg. Ach ja, ich tra­ge an allem schwe­rer, ich weiß es; aber Du hilfst mir tra­gen.

Unter denen, die zur Schreib­stu­be gehö­ren, erkann­te ich einen wie­der, der mit in Bül­te war. Ich habe ihn eben nur flüch­tig begrüßt. Neue Umge­bung: Dar­über kannst Du ganz beru­higt sein, wir sind ganz ordent­lich unter­ge­bracht in einem ganz neu­en Lager – ein biß­chen dicht, aber das ist erträg­lich. Nun hieß es nur für mich, den ver­spä­te­ten Neu­an­kömm­ling, einen Platz fin­den mit mei­nem gan­zen Hucke­pack. Ich schlep­pe zuviel mit mir her­um, wenn es fort­ge­hen soll­te. [Ich] Bin doch so reich­lich und neu erst aus­ge­stat­tet von Dir gekom­men. Zudem wer­de ich nun im Lau­fe die­ser Woche ganz neue Sachen fas­sen sol­len, viel, viel, wahr­schein­lich alles Grau­zeug abge­ben müs­sen, viel neue Wäsche dazu. So muß ich nun, was ich nicht unbe­dingt brau­che, heim­schi­cken – den klei­nen Kof­fer mit Wäsche und noch ein Päck­chen mit Dei­nen Brie­fen. Den guten Kof­fer wer­de ich mit­neh­men, um dort die unent­behr­lichs­ten Din­ge und die immer zur Hand sein möch­ten, unter­zu­brin­gen. Für alles übri­ge gibt es ja dann anstel­le des Tor­nis­ters einen Ruck­sack, da paßt viel rein. [Du] Hast ja wel­che in Kiel auf dem Bahn­hof gese­hen. Noch ist es nicht ganz so weit. Noch läuft Dein Hubo faßt [sic] als ein­zi­ger grau­er Spatz unter den Blau­ja­cken [Mari­neuni­form].

Es wird natür­lich viel davon gere­det, wohin es gehen könn­te. Ich kann Dir nur sagen: daß es allen Anzei­chen nach nach einem Ort geht, in dem die Mari­ne gezeigt wer­den soll und auf­tre­ten. Alles Mann sind näm­lich mit allen Para­desachen aus­ge­rüs­tet – und so gut wie gewiß ist, daß es mit der Eisen­bahn fort­geht.

Herz­lieb! Fein still abwar­ten, Du!! Willst [Du] das mit mir? Mein lie­bes, teu­res Herz! Gott weiß und sieht, wie wir zuein­an­der ste­hen – er wird uns nicht ver­las­sen!!

Ein grau­er, reg­ne­ri­scher Sonn­tag ist. Falls es nach dem Essen sich auf­klärt, will ich ein Stück hin­aus­ge­hen – Du wirst in Gedan­ken mit mir sein, immer, immer!! Und so oft ich kann, will ich Dei­ner den­ken und Dir schrei­ben. Und bald, darf ich hof­fen, kommt auch wie­der ein Bote von Dir!!

Gott behü­te Dich! Er ste­he uns bei und stär­ke uns[e]re Her­zen. Ich bin Dein [Roland] und habe Dich so lieb wie mein Leben, das ich mir nur noch an Dei­ner Sei­te den­ken kann, Du mei­ne lie­be, liebs­te [Hil­de]! Herz­lieb mein!!!

 

Sonn­tag­abend.

Herz­lieb, ich muß an einen Aber­glau­ben den­ken,den Du Du [sic] mir sag­test. Mein Gesicht brennt, ges­tern auch um die­sel­be Stun­de. [Ich] Weiß gar nicht, was das bedeu­tet. Es ist nur eben, weil ich von der fri­schen Luft drau­ßen in die etwas über­heiz­te Stu­be kom­me.

Ach Gelieb­te, daß ich Dich zu Hau­se weiß, das ist so tröst­lich! Zu Hau­se!!

Es litt mich nicht im Lager. Ich ließ mich nach dem Mit­tag­essen in die Urlaubs­lis­te ein­tra­gen – leg­te mich ein Stünd­chen lang und mach­te mich dann fer­tig. Grau und trü­be blieb es heu­te. [A]ber es hör­te auf zu reg­nen. Ich muß­te mich ein wenig aus­lau­fen und lenk­te mei­ne Schrit­te nach der Stadt. Unter­wegs muß­te ich dar­an den­ken: Vor 3 Wochen war der Tag ähn­lich trü­be, aber da waren wir so froh bei­sam­men. Lübeck ist eine schö­ne Stadt, eine über­aus schö­ne Stadt, eine über­aus reiz­vol­le Stadt, eine Stadt mit gro­ßen Kir­chen. Weit­hin sicht­bar ragen wohl min­des­tens 7 spit­ze Tür­me, mäch­ti­ge, wuch­ti­ge Tür­me gen Him­mel, davon 2 Dop­pel­tür­me. Vie­le male­ri­sche Win­kel, der Stadt­kern ein altes geord­ne­tes Stadt­we­sen, man fühlt sich so schnell hei­misch und ein­ge­nom­men wie mei­net­hal­ben in K. oder in einer wohn­li­chen Stu­be. Dazu ein Hafen­vier­tel mit sei­nem eige­nen Gesicht und Geruch, vie­le schö­ne Anla­gen mit altem Baum­be­stand am Was­ser ent­lang fast rund um die Stadt. Ich wäre hier sofort hei­misch. Ach Herz­lieb, wie ich mich all der Schön­hei­ten hät­te von Her­zen freu­en mögen, aber Du hät­test müs­sen dabei sein oder sonst eine fro­he Nach­richt hät­te mich erfül­len müs­sen. Wo ich umher­ge­stri­chen bin, traf ich nur wenig Sol­da­ten, son­dern meist zivi­le Sonn­tags­spa­zier­gän­ger. Und sie mögen mir mit ihren Bli­cken begeg­net sein wie wir frü­her auf unse­ren Spa­zier­gän­gen manch ein­zel­ge­hen­dem Sol­da­ten begeg­net sind. Herz­lieb, Du weißt, was mich bewegt, ich muss suchen nach unse­rem Weg, muß mir Rechen­schaft legen, wo wir ste­hen. Solch Bum­mel drau­ßen, er beru­higt mich immer ein wenig, weil ich die Bei­ne set­zen muß, fin­de ich auch leich­ter das inne­re Gleich­ge­wicht wie­der. Alles, was künst­lich mich betäu­ben könn­te oder auf Stun­den könn­te ver­ges­sen las­sen, das wür­de ich weit von mir wei­sen.

Herz­lieb, ich habe so oft Dei­ner den­ken müs­sen! Auch an unse­ren Trost. Und auch dar­an, daß Gott uns nicht ver­ges­sen wird. Herz­lieb, ich bin ganz ruhig heu­te abend. Mei­ne Schrei­be­rei hat eben vor­hin auf mehr als eine Stun­de geruht, ich wur­de von Kame­ra­den in ein Gespräch gezo­gen, aus dem ich mit Zufrie­den­heit ent­nahm, daß doch ein paar ganz paten­te Ker­le dar­un­ter sind. Das stimmt mich ein wenig zufrie­de­ner.

Gelieb­tes Herz! Wir wol­len fein still war­ten, ja? Du!!! Nicht unnütz sor­gen, nicht unnütz Gedan­ken machen! Mein lie­bes, teu­res Herz! Ich habe Dich so sehr lieb!

Du bist mein Ein und Alles! Um Dich kreist all mein Sin­nen und Den­ken! Wir wol­len ein­an­der ganz fest hal­ten, ganz lieb und innig ein­an­der den­ken, dann wer­den wir durch­hal­ten, was auch kom­men mag. Nun will ich mich schla­fen legen. Herz­lieb! Ich bin Dein, Du bist mein – das ist uns[e]re Lie­be, unser fes­ter, hei­li­ger Wil­le! Gott seg­ne ihn! Er behü­te Dich! Er schen­ke uns star­ke, fes­te Her­zen!

Bit­te grü­ße die lie­ben Eltern und erzäh­le ihnen.

Dein [Roland]T&Savatarsm

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