09. März 1941

T&Savatar[410308–2‑2]

Sonn­abend, abends um ¼ 9 Uhr.

Herz­lieb! Du!! Wie hast du mich erschreckt! Oh – Du!! Gera­de war Vater fort­ge­gan­gen nach N. Ich hat­te den Tisch eben abge­räumt vom Abend­brot. Ganz genau höre ich im Radio sagen: die heu­ti­ge Rund­funk­schau von Hans Frit­sche fällt aus – es ist genau 19 45 [Uhr]. Da schrillt uns[e]re Glo­cke. Soo [sic] lan­ge. Ich rufe zum Fens­ter hin­un­ter, wer da?

Depe­schenbo­te! Oh, mein [Roland]! Du glaubst ja nicht, wie ich erschrak – bis ins Herz hin­ein. Ich zit­ter­te am gan­zen Kör­per, als ich das Tele­gramm in die Hän­de nahm, eis­kalt waren sie im Moment, sie sind es jetzt noch, Du!!

Wie ich die Trep­pe her­auf kam – ich weiß es nicht, Du! Mein Herz klopf­te, als woll­te es mir die Brust zer­spren­gen. Du! Ich setz­te mich hin, immer noch das unge­öff­ne­te Tele­gramm in [den] Hän­den. Du! Du! Ich war zum ers­ten Male voll Furcht[,] voll schreck­li­cher Angst – ja, ich glau­be sogar[,] ich war zu feig[‘], es zu öff­nen. Ach Du! Herz­lieb! Es waren ein paar qual­vol­le Minu­ten. Wie konn­te dar­in eine fro­he, glück­li­che Nach­richt ste­hen? Nie und nim­mer – so dach­te ich. Du warst doch eben erst bei mir, Du wür­dest Dich doch nicht schon wie­der anmel­den! Und etwas ganz Wich­ti­ges müß­te es ja sein, das Du mir sagen mußt, sonst wür­dest Du mir ja nicht tele­gra­fie­ren. Ach Du! Du!! Ich sah ganz lan­ge und fest zu Dei­nem lie­ben Bil­de hin, Du!! Da zog es wie eine uner­klär­li­che Ruhe über mich hin – und nun öff­ne­te ich.

Herz­lieb! Du!!!Eine neue Feld­post­num­mer: 43460.

Ich erschrak aufs‘ [sic] Neue! Du!! Warst du fort­ge­kom­men?, weit [sic] fort? Lübeck, der Auf­ga­be­ort, also doch. Weg bist Du von Eckern­för­de, wei­ter her­ein, Du! Um 1715 [Uhr] ist es auf­ge­ge­ben – 1935 [Uhr] war es hier in O. auf­ge­nom­men – 1945 [Uhr] hielt ich es in Hän­den. So schnell, Du!

Ach, Herz­lieb!! Ich möch­te mit Dir reden – jetzt – gleich! Du!! Fra­gen über Fra­gen stür­men auf mich ein. Du ver­stehst das gewiß. Wie kommt es, daß Du fort muß­test? War­um? Wo bist Du nun? Was tust du jetzt? Bist du allein weg? Bist Du direkt in Lübeck? Ach Du!! Du!!

Geduld! Geduld!

Aber eines ist mir nun ver­ständ­lich gewor­den mit die­ser Nach­richt. Mei­ne Unru­he. Seit Don­ners­tag über­kam sie mich. Es war son­der­bar. Ich habe [mit] n[ie]manden davon gespro­chen. Du!! Ich erklär­te sie mir so, weil ich krank wur­de und Du vor­dem bei mir warst, ich mein­te, daß ich dar­um dop­pelt erregt und unru­hig wäre. Aber nun ist es gewiß gewe­sen, weil Du an mich gedacht hast, weil mit Dir eine Ver­än­de­rung vor­ge­gan­gen ist. Bald wer­de ich nun erfah­ren, an wel­chem Tag Du fort bist, Herz­lieb. Wenn ich nach mei­nem Emp­fin­den urtei­len soll, dann am Don­ners­tag, da muß­te ich am hef­tigs­ten Dein[er] [ge]denken. Und ver­gan­ge­ne Nacht fand ich über­haupt kei­ne Ruhe; Don­ners­tag nachts nur wenig.

Herz­lieb! Am Frei­tag als ich geba­det hat­te, habe ich Dei­nen Brief selbst zur Post getra­gen. Weil es so sehr schön drau­ßen war und selt­sam, ich konn­te noch nicht heim­ge­hen, mei­ne Schrit­te lenk­ten gewalt­sam mich wei­ter – hin­aus ins Freie. So bin ich – es war kurz nach 5 Uhr – nach R. zu, die neue Stra­ße her­über, durch den Wald und am Jahn­haus her­ein gegan­gen. Ich dach­te immer­zu an Dich, gar­nichts Bestimm­tes. Nein. Es war mir, als müß­te ich jetzt unbe­dingt, mit allem, was ich habe[,] Dir gehö­ren – mit all mei­nen Gedan­ken bei Dir sein. Ich wur­de so ruhig und froh dabei. Nur – als ich abends im Bett­lein lag, da war sie wie­der da, die son­der­ba­re Unrast. Ich fand kei­ne Ruhe, ich däm­mer­te nur so hin im Halb­schlaf. Heu­te früh, als ich erwach­te – ich hat­te ein schwe­ren Traum, das weiß ich und soviel ich mich besin­ne – ich fin­de ihn nicht zurück, ich fin­de ihn nicht. Viel Was­ser war dabei – oh viel Was­ser und Du und ich. Mehr weiß ich nicht. ich war wie zer­schla­gen beim Erwa­chen. Und wie­der schob ich‘s auf mein Unwohl­sein, daß ich die Ruhe nicht fand.

Aber nun weiß ich es, Liebs­ter! Zwei Men­schen, die sich ganz fest ver­bun­den sind, die tra­gen und erle­ben ihr Schick­sal gemein­sam, auch über die Fer­ne hin­weg. Was Dich wohl Neu­es bewegt haben muß – es nahm auch mir die Ruhe, das Gleich­maß.

Und heu­te nach­mit­tag, Lie­bes! Du wirst an mei­nem Brie­fe erken­nen, daß es lan­ge, lan­ge währ­te, ehe ich ganz zu dir fand mit allen Sin­nen. Soviel Gleich­gül­ti­ges geht vor­aus, ehe ich ganz zu Dir fin­de. Ob er Dir zuge­stellt wird, der Brief? Und der Kuchen? Und die ande­ren Brie­fe?

Du! Es war 5 Uhr, als ich end­lich ganz mit mei­nen Gedan­ken bei Dir war, heu­te nach­mit­tag. Ich weiß gar­nicht [sic] wie es kam: min­des­tens 4 mal bin ich auf­ge­sprun­gen, hab[‘] aus dem Fens­ter geschaut, wonach? Ich weiß es nicht. Nach dem Brief­trä­ger, ja nach ihm. Ich war­te­te, war­te­te und wuß­te nicht wor­auf.

Ach Du! Du!! Dein Don­ners­tags­brief ist noch nicht bei mir. Aber er kommt ja mor­gen, soviel Frist ist noch gestellt, wenn er nor­mal beför­dert wird. Wenn er mor­gen nicht kommt, dann ist es mir Beweis, daß das Dein Rei­se­tag war, dann hat­test du nicht Zeit. Ach – wenn nur erst ein Wort von Dir käme, über Dein Geschick. Ich sor­ge mich so um Dich, solan­ge ich nicht Dei­ne Umge­bung ken­ne – nicht weiß, wo Du Dich auf­hältst, wo mein Herz­lieb schla­fen wird! Ach Du!!! Möge der Herr­gott mit Dir sein! Mein lie­ber, lie­ber [Roland]. Du! Du!! Ganz lieb will ich Dich in mein Gebet ein­schlie­ßen, will Dich unse­rem Herr­gott anbe­feh­len. Du! Mein Herz­lieb!! Ich bin so fest bei Dir! Ganz innig den­ke ich Dein! Mit all mei­nen Gedan­ken bin ich bei Dir! Du!!

Lesen kann ich nun heu­te abend nicht. Du hast mich aus [A]llem her­aus­ge­ris­sen mit Dei­ner Nach­richt.

Ist es nun eine gute, [sic] oder eine böse?

Bis jetzt besagt mit die­se Zahl gar­nichts. Das wer­den mir erst Dei­ne Wor­te sagen, Du! Alles wirst Du mir erzäh­len – nichts ver­schwei­gen. Ich weiß es. Ach Herz­lieb ! Mein Herz­lieb!

Es ist eigent­lich gar­nichts Außer­ge­wöhn­li­ches, so eine Ver­set­zung beim Mili­tär. Ich den­ke dabei an Dei­ne Brü­der: S. – H.

Nur – mir ist dabei ein wenig unbe­hag­lich zumu­te. Ich kann mir gar kei­ne kla­re Ant­wort geben, war­um. Nun hat­test Du Dich so gut ein­ge­ar­bei­tet dort in Dei­ner Bat­te­rie. Dei­ne Kame­ra­den, sie waren Dir nun zum gro­ßen Teil bekannt mit ihrer Art. Und erst vor weni­gen Tagen schickst Du mir, daß Du nun Dei­nen Platz Dir gewon­nen hast, Dei­nen Platz unter ihnen – das ist so leicht nicht und ehe es soweit kom­men kann, müs­sen vie­le, vie­le Tage ins Land gehen. Das ist nun alles zusam­men­ge­stürzt – ver­wischt – als wäre es nie gewe­sen. Das ist eher Sol­da­ten­art. Wei­ter, immer wei­ter. Neu­es, neu­es erle­ben, ken­nen ler­nen, sehen. Konn­test Dich nun schon so frei und froh bewe­gen unter allem Druck die­ses Sol­da­ten­le­bens. Und jetzt? Vor­bei – von vor­ne begin­nen. Von vor­ne – ein­ge­wöh­nen – ein­le­ben in die neue Kame­rad­schaft – in die neue Arbeit.

Aber nun hast Du wie­der­um auch schon Erfah­rung, hast gelernt in die­sem ½ Jahr, das Du dienst.

Und im Grun­de, wir haben ja bei­de gewußt, daß frü­her oder spä­ter der Tag kommt, da Du ein­mal dort weg mußt. Nie­mand sitzt beim Mili­tär jah­re­lang an einem Platz. Und je mehr ich es beden­ke, ich kom­me am Ende zu der Ein­sicht: ich muß und Du mußt dank­bar sein, daß Du nicht viel wei­ter, viel­leicht ins‘ [sic] Aus­land, wer könnt’ es sagen, wohin? ver­setzt [sic] wor­den bist.

Mein [Roland]! Es ist doch ein Wort von uner­schüt­ter­li­chem Bestand: Herr schi­cke was du willst.…. .

Müs­sen wir nicht demü­tig stil­le steh[e]n vor dem gött­li­chen Wal­ten über uns? Und dank­bar sein? Herz­lieb! Ja wir alle, und sie alle, die Dir vor­ste­hen, die Men­schen sind nur Werk­zeu­ge Got­tes. Sein Plan und sein Wil­le geschieht [sic] nach wie vor. Und was uns auch gestellt wird an neu­en Auf­ga­ben, Herz­lieb! Der Glau­be und die fro­he Zuver­sicht an das Gute, die sol­len Dich nie wan­kend machen. Und ich weiß, Du weißt die­se Wen­dung recht auf­zu­neh­men: mit gläu­bi­gem, ver­trau­en­dem, dank­ba­rem Her­zen.

Wir wis­sen aber, daß denen, die Gott lie­ben, alle Din­ge zum Bes­ten [sic] die­nen.“ [Röm 8:28]

Mein [Roland], nun steht er wie­der vor mir  an die­ser Weg­wen­de, unser Leit­spruch fürs‘ [sic] gemein­sa­me Leben. Wir wol­len ihn uns fest ein­prä­gen, Herz­lieb.

Ich habe mich beru­higt, mein Herz­lieb. Und ich möch­te so ger­ne ein wenig davon auf Dich über­lei­ten. Ach Herz­lieb! Das alles sind ver­gäng­li­che Wol­ken nur an unse­rem blau­en, rei­nen Glücks­him­mel. Meinst Du nicht auch? Unse­re unbe­ding­te Zuver­sicht! Unser fes­ter Glau­be an das Gute! Unser Ver­trau­en auf Gott! Und unser beglü­cken­des Wis­sen um uns[e]re treue Liebe!Das alles wird Dich und mich das Neue tra­gen las­sen mit der gesam­ten Kraft uns[e]rer Her­zen. Ich weiß es, Du!! Gott wird uns nach unse­ren Kräf­ten beden­ken. herz­lieb! Mit Zuver­sicht und Ver­trau­en will ich den Tag erwar­ten, der mir ein Zei­chen von Dir bringt. Und auch wei­ter­hin soll mich die­se Zuver­sicht nicht ver­las­sen.

Ich den­ke ganz lieb und fest Dein! Und weiß froh, daß uns der Herr­gott führt. Das ist mir Trost genug. Rei­cher Trost. Herz­lieb! Blei­be stark mit mir! Du!!Einmal muß die­ses Leben, wie wir es jetzt ertra­gen müs­sen, ein Ende neh­men. Und dann ist alles gut. Wenn end­lich Frie­de in der Welt ist, dann wird auch Frie­den in uns[e]re See­len ein­zie­hen und ich will dank­bar mit Dir zurück bli­cken, auf die Zei­ten, da wir ein­an­der so fern und doch inner­lich ganz nahe, Trost zuspra­chen.

Mein Herz­lieb! Ich will nun ver­su­chen zu schla­fen. Ich bin so müde. Du! Du!! Ich küs­se Dich! Ich bin Dein! Gut[’] Nacht! Mein Son­nen­schein, Du!

Gott schüt­ze Dich!

Dei­ne [Hil­de].

Mein Herz­lieb! Es ist Sonn­tag, ehe der Mit­tag da ist, will ich den Boten auf den Weg schi­cken zu Dir. An den neu­en Ort. Ich kann es nicht anders glau­ben, als daß Du an einem neu­en Ort bist. Ich lese immer wie­der den Auf­ga­be­ort Dei­nes Tele­gramms: Lübeck.

Bald wer­de ich mehr hören von Dir, mein [Roland]! Am Nach­mit­tag will ich noch ein Stünd­chen mit Dir plau­dern, Du! Für heu­te, auf Wie­der­se­hen! Du!!

Gott behü­te Dich mir! Mein Herz­lieb!

Ich bin und blei­be immer­dar

ganz Dei­ne [Hil­de].

Einen herz­li­chen Gruß von Vater!T&Savatarsm

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