20. Januar 1941

Lili­an Har­vey und Wil­ly Fritsch in Sie­ben Ohr­fei­gen, Spiel­film, Deutsch­land 1937, Bild: Murnau-Stif­tung, DIF, über filmportal.de, 10.2016.

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Mon­tag, den 20. Janu­ar 1941.

Herz­al­ler­liebs­te! Mein lie­be, liebs­te [Hil­de]! Herz­lieb, Du!!

Dei­ne lie­ben Boten am Sonn­abend und Sonn­tag ste­hen noch aus. Sie haben gewiß mit den Schnee­we­hen zu kämp­fen, die seit ges­tern sich auch bei uns tür­men. Es könn­te einem ban­ge wer­den, wenn der Win­ter sich so toll gebär­det, ban­ge, daß er nun die Wege zwi­schen Dir und mir ungang­bar macht. Den Weg von Herz zu Her­zen kann er nicht ver­le­gen, Du!! Und auch der Win­ter unter­steht Got­tes Gebot. Ach, wenn wir dann für immer bei­ein­an­der sind, mag er toben, so viel er mag. Na, und bis zum Urlaub – da wird ihn uns[e]re Lie­be alle hin­schmel­zen las­sen, ja? Aber ein bis­sel muß uns noch über­blei­ben zum Lieb­ha­ben, ja? Du!!!

Du! Weißt! Heut[‘] ist ganz ohne mein Zutun von mei­nem Urlaub gespro­chen wor­den – ja! Du! Der Chef selbst! Mehr kann ich noch nicht sagen. Aber das Weni­ge mag ich Dir nicht vor­ent­hal­ten. Du!! Du!!!!! Ich glau­be, ich glau­be, es wird alles, alles gut. Du!! Du!!!! Und sobald ich mehr weiß, da hört zuerst davon mein Herz­lieb, mein Herz­lieb! Bist du das? Du??! Mein lie­ber, lie­ber Bub!!!!! Ach weißt, die Unzu­frie­den­heit und der Druck von ges­tern, das war die Unge­duld, das War­ten auf den Ent­scheid, dür­fen wir uns denn nun freu­en oder nicht; denn nun möch­ten wir doch bald mit der Vor­freu­de begin­nen, ganz lei­se erst, und Du mit den Vor­be­rei­tun­gen, ich weiß es, Du!! Du!!! Die läßt Du Dir doch nicht neh­men, und sie sind ja der Aus­druck Dei­ner Vor­freu­de, und des­halb mag ich sie Dir auch nicht weh­ren. Du! Aber fein ein­tei­len, hörst? Und nicht über­neh­men, damit Du das meis­te zuran­de hast, wenn das neue Rös­lein erblü­hen will, Du!!! Mein Rös­lein, mei­nes! Du!!! Du!!!!!!! Ach, nun rede ich schon, als dürf­ten wir schon damit begin­nen. Du!! Ganz lei­se erst freu­en! Ja? Du!! Du!!!! [Hilde]lieb! Herz­lieb!!!!!

Ja, Herz­lieb! Lie­be­res kann ich Dir nun gar nim­mer schrei­ben. Alle Sin­ne rich­ten sich nun ange­strengt und gespannt auf unser Wie­der­se­hen, das, so Gott will, doch nun so oder so in greif­ba­re Nähe rückt. Du und ich, wir seh­nen uns so sehr dar­nach!!! Wir freu­en uns so dar­auf[,] als auf das Liebs­te und Schöns­te und All­er­köst­lichs­te auf die­ser Welt, Gelieb­te, Du!!!!! Ist es nicht ein Beweis uns[e]rer gro­ßen Lie­be? Du!!! Ich habe schon Män­ner äußern hören, daß ihnen gar nicht so viel dar­an lie­ge, so 14 Tage zu Hau­se zu sein! Herz­lieb! O, die armen [sic]!! Die Ärms­ten!! Viel­leicht knick­ten sie schon vie­le Her­zen – aber die Lie­be eines Wei­bes, die fühl­ten sie nie! nie [sic]!!! Sie lie­ben nicht, sie flir­ten, rau­ben nur. Sie ken­nen nicht den hei­li­gen Bezirk der Ehe, sie ken­nen nicht die Selig­keit der höchs­ten Trau­te, sie miß­ach­te­ten das Geschenk, das Höchs­te, ihres Wei­bes, tre­ten es mit Füßen, sie bra­chen die Ehe und ihr hei­li­ges Jawort. Viel­leicht sind die Män­ner nicht allein schuld dar­an.

Herz­lieb! Wo es frei­lich so steht, da kann das Wie­der­se­hen kei­ne rei­ne, tie­fe Freu­de sein.

Herz­lieb! Ich könn­te, untreu gewor­den, Dir nim­mer­mehr zurück­keh­ren! Nein! Ich könn­te es ni[ch]t! Und ich käme nicht zu dir, wenn Du die Treue gebro­chen hät­test, ich glau­be, nim­mer­mehr.

Siehst Du, Herz­lieb, so den­ken wir bei­de, so treu und fest und gera­de, – Gott hel­fe uns zu solch[‘] gera­dem Sinn – und wol­len damit nur sagen, daß wir uns[e]rer gro­ßen Lie­be so glück­lich sind, daß wir sie unser Lebe­lang [sic] ganz fest hal­ten wol­len, Gott zu Dank und Ehre.

CH-NB - Bräuche, Taufe - Collection Gugelmann - GS-GUGE-LORY-E-32
Gabri­el Lory (fils), Bräu­che, Kiltgang; Aqua­rell, vor 1824 Quel­le: Schwei­ze­ri­schen Natio­nal­bi­blio­thek, Lizenz­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 10.2016.
Die­ses gro­ße Seh­nen nach unse­rem Wie­der­se­hen, es drückt sich dar­in so mäch­tig aus, „daß wir gesinnt sind, bei­ein­an­der zu ste­hen unser Leben lang.” Herz­lieb, Du und ich, uns bei­de packt es am meis­ten, wir woll­ten ja eben die ers­ten Schrit­te mit­ein­an­der gehen. War­ten und Seh­nen und Gedul­den – sie bezeich­nen deut­li­cher als bei vie­len ande­ren den Weg uns[e]rer Lie­be – so deut­lich, daß wir davon an Got­tes Füh­ren gemahnt wer­den, daß wir demü­tig in den Sinn die­ser Füh­rung lau­schen. Du! Mei­ne lie­be [Hil­de]! Und wir haben bei­de erkannt, daß die­ses Seh­nen, daß die Fer­ne zwi­schen uns die Lie­be ver­tief­te, ganz gewiß! Daß uns[e]re Lie­be dar­an reif­te. Du!! Ob sie wohl nun bald reif ist, Herz­lieb? Siehst, das Geschick hat uns[e]re Pro­be­zeit noch ver­län­gert, uns[e]re Pro­be­zeit, uns[e]re Braut­zeit, Du!! [Hilde]lieb!!! Bist noch immer mei­ne lie­be Braut?!! Und ich – Dein Laus­bub! Ja? Du!! Solan­ge Dein Laus­bub nicht immer um Dich sein kann, ist er noch Dein Bräu­ti­gam – fühlt er sich noch ––– den Satz magst du sel­ber fer­tig sagen. Aber weißt, einer aus einem Dorf in Bay­ern, Du! Wo das Fens­terln erlaubt ist, nicht bloß zum am Fens­terl ste­hen, son­dern (den Satz will ich lie­ber sel­ber fer­tig machen) auch zum Fens­terl rein­stei­gen! Ja!! Und nicht bloß, daß er sich a Woatschn holt, son­dern – – – ganz was and[e]res, kei­ne Erkäl­tung! Du!! Ach, das klingt immer so, als ob am Fens­terln bloß das Dicker­le schuld wäre. War­um ist denn a [ein] Fens­terl an der Kam­mer? Und war­um steckt dann im Käm­mer­lein mein her­zi­ges Wei­berl? Und war­um lauscht es denn hin­ter der Gar­di­ne klop­fen­den Her­zens, ob vor sei­nem Fens­terl auch ein rich­ti­ger Bub auf– u[nd]. abgeht? Und wer reicht dem Hubo denn die Lei­ter mit ihrem Seh­nen: mein süßes Evchen, mein Herz­lieb, mein über alles gelieb­tes!!

Siehst, nun wollt[‘] dein Dicker­le schon wie­der när­risch wer­den!

Ach Herz­lieb! Eines wer­den wir mit­neh­men aus die­ser Zeit des [W]artens und Seh­nens: Noch viel deut­li­cher wird uns uns[e]re Lie­be als ein köst­li­ches, sel­te­nes Geschenk von Got­tes Gna­de erschei­nen, das nur all­zeit zu Treue und Dank­bar­keit anhält. Sie [sic] wer­den wir ihren Besitz spä­ter danklos, gleich­gül­tig und als selbst­ver­ständ­lich hin­neh­men. Jeder Tag ist ein Geschenk Got­tes – den wir dank­bar wahr­neh­men und nüt­zen sol­len.

Die­ses hei­ße Seh­nen und quä­len­de War­ten – es ist etwas Unna­tür­li­ches, Unge­wöhn­li­ches, es ist nicht die fes­te, treue gewis­se Ord­nung, die wir bei­de her­bei­seh­nen. Das wol­len wir nicht ver­ges­sen, und dar­an wol­len wir den­ken, wenn uns ban­ge wer­den will und unser Herz zit­tert vor Seh­nen.

Viel­leicht hüpft unser Herz dann nicht mehr so hoch vor Freu­de, ist un[e]sre Erwar­tung nie mehr so aufs höchs­te gespannt. Herz­lieb! Du!!! Ich seh­ne sie trotz­dem her­bei, die Zeit der treu­en, gewis­sen Ord­nung, die Zeit an Dei­ner Hand, an Dei­ner [Hand] Sei­te, die Zeit der lei­se­ren, dafür auch fei­ne­ren, inni­ge­ren Freu­den, die Zeit der Bewäh­rung, des gemein­sa­men Schaf­fens. Du!! Gott wird sie uns schen­ken zu ihrer Zeit. Herz­lieb! Kann es bei uns denn leer und freud­los wer­den? Du!! Wird sich nicht Herz an Herz, Freu­de an Freu­de immer neu ent­zün­den? Mein Herz­lieb, es ist ja so reich, so reich!! Und Got­tes Welt und der wei­te Him­mel dar­über so reich, so reich!! Will doch Dein Hubo noch alles mit Dir bestau­nen und mit unsere(m) [sic] Kind­lein! Du!! Du!!!!! Weißt, Du! Herz­lieb, süßes, von dem „m” müs­sen wir uns bei­de mal ganz leis was sagen, Du!!! Wenn ich Dir ganz nahe bin!! Aber schön der Rei­he nach, weißt – 1, 2 Du!! Du!!!! Ach Herz­lieb! Ich sehe kei­ne Öde, kein Lee­re, Du! Du!! Ich spü­re nur das gro­ße Seh­nen nach die­ser Ord­nung, der Hei­mat, und des treu­en Eins­seins!!

Und das wird uns gar nicht schwer fal­len, weil wir es doch schon jetzt sind, Du!! Dein Hubo ist Dir ganz treu und hat Dich so sehr lieb!!! Und Du bist bist [sic] mein lie­bes, treu­es, gol­di­ges, her­zi­ges Wei­berl!! Das aller­bes­te und aller­liebs­te und aller­schöns­te und allertreu[e]ste!! Und ich weiß es, Du bist von mei­nem Schlag, Du sehnst dich eben­so nach die­ser Ord­nung, nach dem Heim, dem Nest, unse­rem Nest, Du!!, in dem uns[e]re Lie­be erst recht sich bewäh­ren, betä­ti­gen und erfül­len kann. Bist mein lie­ber, aller­liebs­ter Weg­ge­sell!

Von E. erhielt ich heu­te einen Schrei­be­brief – von der E. [Nord­hoff]! – Hast mich jetzt auch mal geneckt, Du! Bub!! mit [sic] einem Freun­de – einem recht lie­ben, den soll ich Dir wei­ter­ge­ben, was hier­mit geschieht. Von dem Zer­debber­ten hast mir gar nichts geschrie­ben. Am Sonn­abend schrieb ich nach S. Auf die Ant­wort bin ich gespannt. Herz­lieb! Im nächs­ten Boten sagst mir noch mal die Tele­fon­num­mer von S.’s, ja?

Und nun? Behü­te Dich Gott! Halt Dich warm und bleib gesund! Du!! Und ich bin immer um Dich und mit Dir – lebst ja in mei­nem Her­zen, ganz allein, nur Du!! und gebie­test ihm, nur Du!! Und ich woh­ne in Dei­nem, Du!! ganz [sic] allein! Kann ja gar nie­mand anders mehr her­ein, der Hubo braucht doch so viel Platz! Du, Du!! Wenn ich bei Dir bin, dann will ich sehen, ob er auch schon ganz drin ist, und ob das Herzl auch zulangt – sonst – sonst muss ich es ganz lieb und lang noch drü­cken und küs­sen – Du!! Du!!! Könnt ja auch an dem Dum­mer­le und Dicker­le sel­ber lie­gen – das ist aber dann Dei­ne Sache!! Ach Herz­lieb! Wir wol­len nicht ver­ges­sen zu dan­ken und zu bit­ten! Du! Daß wir auch dar­in eins­ge­hen mit­ein­an­der, das macht mich so froh! Und daß wir uns dar­in so kind­lich und geschwis­ter­lich ver­ste­hen, das macht uns[e]re Trau­te nur inni­ger und tie­fer. Du, Kin­der sind wir, Kin­der vor dem Glück uns[e]rer Lie­be – und Kin­der vor Gott, unse­rem Vater!

Auszug aus dem Brief mit seitwärts geschriebenem Grußwort.
Aus­zug aus dem Brief mit seit­wärts geschrie­be­nem Gruß­wort.

Ich lie­be dich! Du! Mei­ne lie­be, liebs­te [Hil­de]! Alle Lie­be und Treue brin­ge ich Dir! Du!! Mit Dir will ich das Köst­lichs­te tau­schen und tei­len: die Lie­be, das Herz! Eins­sein möch­te ich mit Dir! Nur mit Dir!!! Mit mei­nem lie­ben teu­ren Herz­lieb und [Hilde]lieb!!!!!!!!!!

Du!! Du!!!!!

T&SavatarsmBit­te grü­ße die lie­ben Eltern!

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