18. Januar 1941

Waermflasche BW 1
Warm­fla­sche, Bild: Bert­hold Wer­ner, CC BY-SA 3.0, über Wiki­me­dia Com­mons, 10.2016.
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Sonn­abend, den 18. Janu­ar 1941.

Mei­ne lie­be, lie­be [Hil­de]! Mein lie­bes, teu­res Herz! Gelieb­te mein!!

Hel­le, kla­re Tage sind jetzt. Aber es ist eine stil­le Käl­te. Sie kann uns nicht weh tun, wir sit­zen warm. In mir ist ganz viel Wär­me. Du! Ich kann gut ein wenig davon abge­ben. Aber nur an einen fes­ten Kun­den­kreis: mei­nen lie­ben Buben, und dem lie­ben Packl, und der [Hil­de], und dem Herz­lieb. In wel­cher Form? Ach, das ist zu neu­gie­rig gefragt, je nach den Brenn­stel­len. Nein, nein, übrig ist kei­ne, sie ist genau ver­bucht und die Vor­rä­te sind schon beschlag­nahmt. Du!! Wirst dann noch eine Wärm­fla­sche brau­chen kön­nen, wenn ich kom­me? Du!! Ich freu mich, weil Du eine brauchst, kann ich mich [do]ch wenigs­tens nütz­lich machen und tau­ge zu etwas geschei­tem. Du!! Ich muß noch viel Wär­me spa­ren – ist doch ganz kalt, die Stu­be. Und so warm muß es doch wer­den, daß mei­nem Herz­lieb alles zuviel wird – Du!! – und dem Hubo dazu! Du!! Du!!!!!

Der getreuer Eckhart, Liebesgrund, Hildesheim. Bild: Sammlung Andrew Stuart Bergerson, D/1281, siehe idem., The Devil’s Horn in Hildesheim: or the Space and Time of Everyday Life, in: Alltag, Erfahrung, Eigensinn: Historisch-anthropologische Erkundungen, hrsg. von Belinda Davis, Thomas Lindenberger, Michael Wildt (Frankfurt: Campus Verlag, 2008), S. 255.
Der getreu­er Eck­hart, Lie­bes­grund, Hil­des­heim. Das Denk­mal ist im zwei­ten Welt­krieg ein­ge­schmol­zen. Bild:  vom Fami­li­en­va­ter 1918 genom­men, Wiss. Foto­samm­lung Andrew Stuart Ber­ger­son, D/1281, sie­he auch idem., The Devil’s Horn in Hil­des­heim, in: All­tag, Erfah­rung, Eigen­sinn, hrsg. von Belin­da Davis, Tho­mas Lin­den­ber­ger, Micha­el Wildt (Frank­furt: Cam­pus Ver­lag, 2008), S. 255.

Wärm­fla­sche und – Bade­meis­ter. Heu­te kam die Ernen­nung. Du! Weißt! Nun ist mir nicht mehr ban­ge vor der Zukunft – und wenn ich alle Arbeit ver­lie­re – wenn ich nur Wärm­fla­sche und Bade­meis­ter sein darf bei mei­nem Herz­lieb – und in der frei­en Zeit dazwi­schen wird es mich ja auch irgend­wie beschäf­ti­gen, viel­leicht als Man­ner­li. Weißt, nun füh­le ich schon die Wür­de mei­nes Amtes. Brauch[‘] ich denn dann eine Uni­form – und einen Werk­zeug­kas­ten? Weißt, Herz­lieb, Du bist dann die Prin­zes­sin – und ich bin ihr treu­er, ver­trau­ter Die­ner, der treue Ekke­hard, so sagt man wohl auch. Und die Prin­zes­sin darf sich gar nicht bücken, damit sie kei­ne Fal­ten kriegt ins Bäu­chel und kei­nen dicken Popo. Und sie darf auch gar nicht sehr han­tie­ren, damit die schö­nen wei­ßen Arme nicht durch Mus­keln und sSeh­nen ver­un­ziert wer­den. Mei­ne Prin­zes­sin – aber nur ein hal­bes Stünd­chen mag ich ihr Die­ner sein – Du!! Dann – dann will ich der Prinz sein, Du!! Ja? Nach dem Baden ist doch gar kein Dienst mehr, brauchst doch kei­nen Die­ner. Und nur zuse­hen, wie die Prin­zes­sin sich lang streckt? Du!! Das kann Dein Hubo nicht. Ein Plätz­chen möch­te er dann neben Dir – bloß eine schma­le Kan­te für den Anfang – Du!!! Der feh­len­de Platz kommt dann schon von sel­ber. Du!!! Du!!!!!

Herz­lie­bes – den Gedan­ken und Vor­schlag mit den Öfen hast wohl wie­der ganz fal­len las­sen? Ist das rich­tig, frag[‘] ich mich? Der Win­ter ist noch lang! Und solch Ofen ist immer wie­der zu gebrau­chen – laß Dir das mal noch durch den Kopf gehen.

Du siehst mich for­schend an, wie es mit dem Urlaub steht? Ich hab[‘] mal lei­se ran­ge­fragt [sic] – es ist noch nicht ganz an der Zeit – er hat nicht ja und nicht nein gesagt. Fein Geduld haben. Dein Hubo ist ein guter Anwalt, er wird auch Dich gut ver­tre­ten.

Du! In dem Brief der lie­ben Mutsch steht doch wahr­haf­tig schwarz auf weiß zu lesen: Seit 4 Wochen hel­fe ich in M. – – – – wenn es mir auch zu viel wird. Die lie­be Mutsch fragt, was ich gesagt haben wür­de, wenn sie Dich gestraft hät­te für das lan­ge Aus­blei­ben zur Ski­par­tie. Was die lie­be Mutsch macht, ist noch viel straf­ba­rer. Wider ihr gutes Wis­sen rackert sie sich ab – sie meint, sie sei not­wen­dig, die Küche ste­he oft allein. Weißt, jetzt habe ich fast den Ein­druck, als bil­de sie sich ein, sie müs­se Dei­ne ent­schlos­se­ne Ableh­nung durch ihre Hil­fe­leis­tung abbit­ten; denn wärest Du nicht zu Hau­se, sie könn­te nicht jeden Sonn­tag da hin­un­ter­ren­nen, das wür­de Dein Vater schon nicht zulas­sen. Nun fehlt nur noch, daß Du eines Tages den Vor­wurf zu hören bekommst, Du lie­ßest die Mut­ter sich abra­ckern und bleibst sel­ber zu Haus und pflegst Dich. Von frem­den Leu­ten las­sen wir uns kei­ne Vor­wür­fe machen, recht so. Aber auch das ist schon ein erns­ter Vor­wurf: drau­ßen ist es kalt und unheim­lich, die Mutsch, erschöpft und unmu­tig, macht sich ver­dros­sen auf den Weg. Herz­lieb! Möcht[en] wir dem nicht die Spit­ze abbie­gen bei­zei­ten? Kannst Du denn nicht den Vater zu einem ener­gi­schen Wort bewe­gen? Du! Bedenk mal, was ich hier anrüh­re. Und Dei­ne Hal­tung wirst Du wei­ter­hin ent­schlos­sen und eif­rig ver­tei­di­gen. Weißt! Sie ver­schie­ben Dei­ne Mut­ter. Unab­kömm­lich da unten? Wärest Du nicht zu Hau­se, müß­te es auch ohne sie gehen. Dann müs­sen sie eben die paar Ver­trau­ens­pos­ten selbst beset­zen (Was tut denn die jun­ge Frau?) und in die Gast­stu­be sich Leu­te neh­men. Du warst so weit, zu schwei­gen zu die­ser gan­zen Ange­le­gen­heit, um die Mutsch nicht in Kon­flik­te zu brin­gen. Über­leg doch mal, ob es nicht nötig ist, noch ein­mal dar­über zu spre­chen. Ich kann das aus der Fer­ne nicht beur­tei­len.

Lever arch file
Leit­zord­ner, Bild: Pavel Krok. CC BY-SA 2.5  über Wiki­me­dia Com­mons, 10.2016.
Weiß nicht, ob es mir noch gelingt heu­te abend, den Faden von ges­tern fort­zu­spin­nen. Ich hat­te es vor. Du! Hast denn jetzt mal nach­ge­schla­gen im Leit­zord­ner? Sind ja mei­nes Erin­nerns zwei sol­che Brie­fe drin, einer lag mal in einem Zei­tungs­ver­lag in Z. und war­te­te auf sei­nen Emp­fän­ger. Du! Dein Hubo mit sei­nem treu­en Gedächt­nis für man­che Din­ge klam­mer­te sich schon damals an einen fei­nen Faden. Die­se Anzei­ge gab ich ½ Jahr nach der Begeg­nung auf – weit, weit weg im Erz­ge­bir­ge saß ich schon – als mich dort in der Öde das Seh­nen pack­te, ganz mäch­tig und gläu­big, daß ich an die Mög­lich­keit glaub­te, es könn­te sich etwas anspin­nen. Es war ein gol­de­ner Herbst­abend, als ich den Brief auf Umwe­gen zur Post trug – Du!! Du!!! Dein [Roland] ging bei der Lie­be zur Schu­le – – heu­te weiß er’s – damit er reif wür­de für die Lie­be zu sei­ner [Hil­de], zu mei­nem teu­ren Herz­lieb! Ein paar­mal hat ihn das Seh­nen so gepackt – nicht das sSeh­nen nach einem Aben­teu­er – oh nein – das Seh­nen nach einer Hei­mat sei­nes lie­be­be­dürf­ti­gen Her­zens, das Seh­nen nach einem ech­ten, tie­fen Glück. Und in Dei­ner und nun auch in mei­ner Hei­mat, da hat sein Herz geirrt, ist es umher­ge­irrt, fühl­te es sich frem­der und ver­las­se­ner als anders­wo. O ja! Fühl­te es sich unver­stan­den. Ist doch eine so schö­ne Gegend, die Ort­schaf­ten nicht gerech­net, ich kann sie ganz sehr lieb gewin­nen – und fühl­te mich so unver­stan­den, so ver­las­sen manch­mal. Herz­lieb – es ist umher­ge­irrt, mein Herz; Herz und Blick, die sonst so scharf waren, sie wur­den trü­be.

Kein Men­schen­kind begeg­ne­te mir, dem ich auch nur von wei­tem mein Seh­nen anhän­gen konn­te, und das ist so schwer zu ertra­gen wenn man jung ist. Du weißt, wie ich irr­te, wie ich such­te, und wie es mich schmerz­te, das unge­still­te tie­fe Seh­nen. Sovie­le Men­schen­kin­der umstan­den mich und plag­ten mich und ver­folg­ten mich, deren kei­nem mein Herz laut und freu­dig ent­ge­gen­schla­gen konn­te. So ver­las­sen und ver­irrt fühl­te ich mich, daß ich in mei­ner Not zu Gott rief und ihn bat, er möge mich sehend machen. Das war kurz vor mei­nem Weg­gang nach L. Du!! Er hat mein Gebet erhört!

Ein Men­schen­kind folg­te mir mit sei­nem Her­zen. Und so inbrüns­tig wie mein Gebet, so sprach es mich an. Und noch in Erin­ne­rung an die­ses Gebet und im Glau­ben an die Ver­hei­ßung: „Bit­tet, so wird euch gege­ben: hör­te der [Roland] Dein Rufen als ein schick­sal­haf­tes Zei­chen, so konn­te er es nicht über­hö­ren.

Ein Got­tes­ge­schenk ist uns[e]re Lie­be, Herz­lieb! Und Du bist ein Got­tes­ge­schenk […]. Und Du heg­test sie schon lan­ge in Dei­nem Her­zen, und mach­test Dich bereit und lit­test schon dar­um und wur­dest stark davon – noch ehe Dein [Roland] dar­um wuß­te – wun­der­sam, als sei­est Du geru­fen wor­den, Herz­lie­bes!! Ein Got­tes­ge­schenk ist uns[e]re Lie­be! Und das Glück davon leuch­tet in unse­ren Augen, daß wir gar nicht hin­dern kön­nen, daß auch ande­re es sehen. Du! Die andern – was mögen sie den­ken von unse­rem Glück? Ach, sie ahnen gewiß nicht, was uns bei­de so innig und unverbr[üch]lich ver­bin­det, weil sie es selbst noch nie­mals so tief emp­fan­den.

Auszug aus dem Brief mit langem Strich und größerem Schrift.
Aus­zug aus dem Brief mit lan­gem Strich und grö­ße­rem Schrift.

Und sie raten ja gewiß ganz falsch – weil sie den Hubo gar nicht ken­nen – daß er sich auch seh­nen kann, und daß er lieb und lie­be­be­dürf­tig und zärt­lich und när­risch sein kann, und daß er ein ganz treu­er und sinn­li­cher Lieb­ha­ber sein kann – und daß er auch gern nascht – und daß er bau­en kann an einer star­ken, unver­brüch­li­chen Freund­schaft [lan­ger Strich] —  Du! Du!!! Das ver­steht nur die eine – das weißt nur Du!! Die mein Herz bezwun­gen hat, die über mein Herz gebie­tet, stolz und glück­lich. Du, Herz­lieb! Du bist die Köni­gin meine[s] Her­zens! Aber Dein Herz­lein gehört mir, ja! Und wenn ich kom­me, will ich es ganz lieb strei­cheln und küs­sen und drü­cken, Du!!! Brauchst Dich nicht zu fürch­ten des­halb.

Und mein lie­bes Weib, mei­ne [Hil­de], –  auch bei ihr raten sie ganz falsch, und es wird ihnen rät­sel­haft sein, wie sie sich den Hubo erober­te – weil sie sich nie Mühe gaben, sie zu ver­ste­hen – und weil sie von all den Tugen­den wenig ver­ste­hen, mit denen mein Herz­lieb sein Man­ner­li an sich fes­sel­te, und ket­te­te und schmie­de­te — Gelieb­te! Du!! Sie bleibt unser Geheim­nis! Unser hei­li­ger Bezirk, uns[e]re Hei­mat, uns[e]re innigs­te Trau­te und Zwei­sam­keit, die­se Lie­be!! Unser gro­ßes, rei­ches Glück! Mein köst­lichs­ter Platz! Hei­mat! Frie­den! Erfül­lung! Das bist Du mir, Gelieb­te!!!!! Gott behü­te Dich! Du! Ich hal­te Dei­ne lie­be Hand ganz fest! Ich küs­se Dein teu­res Herz­lein und träu­me von uns[e]rem Lie­ben u[nd]. Sich­ver­schen­ken! Mein lie­bes, teu­res Weib! Mei­ne über alles gelieb­te [Hil­de], Du!! Ich habe Dich so sehr lieb! Du!! Du!! T&SavatarsmDein [Roland] will ich sein! Dir gehö­ren, ganz!! Sonst mag ich nichts!! Du, lie­be, lie­be, liebs­te [Hil­de]! Hol­de, Gelieb­te mein!!!!!!!!

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