15. Januar 1941

Hair curling irons
Brenn­sche­re, früh 20. Jh, Bild: plenty.r, 26.12.2012, 09:26:48, Lizenz: CC-BY-SA‑2.0, über Wiki­me­dia Com­mons, 09.2016.
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Mitt­woch, am 15. Janu­ar 1941.

Herz­al­ler­liebs­ter, Du!! Mein [Roland]!! Mein gelieb­ter [Roland]!!

Eben habe ich in mei­ner Brief­schaf­ten­kis­te [:Kas­ten, in dem Hil­de die Brie­fe von Roland sam­melt] mal bis­sel Platz geschafft, sie war wie­der ein­mal zu voll! Du!! Unter dem Radio hat sie nun ihren Platz gefun­den; weißt, ich muß sie doch täg­lich bei der Hand haben! Da kann ich nicht immer erst hin­über in mein Stüberl ren­nen, und wenn ich schnell mal Sehn­sucht nach Dir hab[‘], da brauch[‘] ich nur hin­zu­lan­gen und schon hab ich mei­nen Liebs­ten bei der Hand – und er plau­dert mit mir! Das ist so schön, Du!!

Und ich brau­che dabei gar­nicht [sic] bang zu sein, daß Unbe­fug­te dar­in stö­bern — ich bin ja Allein­herr­scher jeden Tag in mei­nem Rei­che! Ach – Du!! Ich paß’ gut auf! Du!!! 113 Brie­fe sind’s schon wie­der, Herz­lieb!! Seit Du beim Mili­tär bist! Viel! Nicht wahr? Es ist ulkig jetzt, als ich von 100 ab zu num­me­rie­ren begann, war die lau­fen­de Num­mer jeweils mit dem Datum der Abstem­pe­lung gleich: Also: 101. Brief am 1.I.1941 abge­stem­pelt — und so fort. Jetzt, bzw. ges­tern erhielt ich den 113. Boten, der ist auch am 13.I.41 abge­stem­pelt. Kann ich mich also in die­sem Monat gar­nicht [sic] irren!

Heu­te kam Dein lie­ber Bote noch nicht, weil ich nun von mir Dir heu­te gar­nichts [sic] zu erzäh­len weiß, als daß es mir gut geht und ich bald gesund bin, da will ich Dir nur gleich noch die übri­gen Fra­gen beant­wor­ten, damit sie nicht in Ver­ges­sen­heit gera­ten!

Oben fan­gen wir an, nicht wahr? Weil ich mir nach­her den Kopf waschen will! Und da sind wir soeben bei dem kri­ti­schen Punk­te ange­langt.

Erst muß ich mal tief Luft holen —— !

Das Haar. Damit ist es ganz eigen bei der Frau. Wer nie lan­ges Haar trug, kann schwer­lich sich dar­an gewöh­nen, einen Haar­kno­ten zu tra­gen. Das ist aber jetzt so gemeint: der Über­gang, die Zeit bis das Haar die rech­te Län­ge hat für den Kno­ten, das ist das Absto­ßen­de da[bei]. Man hat dann eben in der Zeit kei­ne ordent­li­che Fri­sur. Man sieht so unge­pflegt, bei­nah[‘] nach­läs­sig aus; denn wohin mit dem kur­zen Schwanz? Zu einer Rol­le läßt er sich dann nicht mehr fügen, weil’s zuviel ist – als Zopf ist das Haar noch zu kurz – und so auf die Schul­tern hän­gen las­sen oder in den Nacken, wie es z.B. Elfrie­de tut, das gefällt mir nicht. Ers­tens ist das auch nichts für eine Haus­frau, wenn sie beim Kochen und beim Wirt­schaf­ten immer das Haar im Gesicht hän­gen hat, wenn es bei jeder Bewe­gung mit­fällt – das ist mei­nes Erach­tens unhsau­ber.

Man könn­te ja den Ein­wand brin­gen:, dann muß sie halt beim Kochen eine Koch­hau­be oder ein Netz umbin­den, mag sein. Aber wenn sie den Tisch deckt, ser­viert, ob ihrem Man­ne oder dem Besuch, dann kann sie unmög­lich mit ver­hüll­tem Kopf umher­lau­fen — ich möch­te es nicht.

Wenn ich spä­ter die Absicht habe[,] mein Haar wach­sen zu las­sen, dann wer­de ich mei­nen Fri­seur um Rat fra­gen, wie man den Über­gang am vor­teil­haf­tes­ten unsicht­bar gestal­tet — er weiß bestimmt Rat.

Ich weh­re mich ganz und gar nicht gegen Lang­haar und gegen eine sol­che Kno­ten­fri­sur; im Gegen­teil, ich fin­de sie sogar recht frau­lich – aber erst den Zopf dazu haben – nicht, daß es aus­sieht als woll­te ich und könn­te nicht. War­um ich mein Haar dem Fri­seur anver­traue und nicht natür­lich las­se?

Zum ers­ten:, (ein­ge­stan­den!) aus einer gewis­sen Eitel­keit her­aus. Eine Frau, die sich nicht pflegt im Äuße­ren, wird in uns[e]rer Zeit von ande­ren wenig geschätzt. Nicht von Män­nern allein! Zum zwei­ten: ich habe nicht soviel eige­nes Geschick, mich so zu fri­sie­ren, daß ich vor ande­ren bestehen könn­te. Und weil mein Haar ver­hält­nis­mä­ßig rasch fet­tig wird, kann ich unmög­lich ohne jede Pfle­ge (also, ohne dem Zutun des Fri­seurs) her­um­lau­fen. Mein Haar ist viel zu dünn, um es unge­brannt zu las­sen, das klei­det mich nicht, sehe ich aus wie eine geba­de­te Maus; ach – viel schlim­mer! Kurz: wenn ich so gehen soll wie es von Natur aus ist, erschei­ne ich mir ein­fach unmög­lich. Wie ein Schul­mä­del, kind­lich, bes­ser kin­disch. Wenn ich mich nun vom Fri­seur behan­deln las­se, so ist das kei­ne Pro­ze­dur, die mich her­nach ganz ver­stellt, ent­stellt schei­nen läßt – das kann man nicht behaup­ten – außer, dem ers­ten Tag, wo ich mich noch nicht selbst gekämmt habe. Ich las­se mir schon kei­ne unmög­li­che Fri­sur anbrin­gen, die abso­lut nicht zu mei­nem Gesicht paßt. Aber, wie gesagt, Fas­son muß der Fri­seur her­ein brin­gen – sonst geht’s eben nicht. Das Haar wird gepei­nigt, wenn man es zu oft mit der Brenn­sche­re behan­delt, gewiß – wenn man zu oft hin­ter­ein­an­der Dau­er­wel­len machen läßt. Aber ein guter Fri­seur wird stets auch ein guter Bera­ter und Fach­mann sein der Kund­schaft gegen­über und wird wis­sen, was er einem jeden Haar zumu­tet. Ich habe mich bei mei­nem Fri­seur noch nicht bekla­gen kön­nen, daß er unver­nünf­tig mit mei­nem Haar umge­gan­gen sei in den 5–6 Jah­ren, da ich hin­ge­he. Ja, mein Dicker­le, so ist das eben mit einem Wei­berl.

Nicht, daß ich zu Ver­jün­gungs­me­tho­den grei­fen müß­te — nein! — aber ich kann mich so unge­pflegt – so natür­lich, wie es mei­net­we­gen hei­ßen muß – nicht erse­hen.

Wenn ich mein Haar mal soweit habe, daß ich’s zu einem Kno­ten win­den kann – dann mag ich viel­leicht auch im Gesamt­ein­druck gut aus­se­hen, wenn es schlicht den Kopf umschießt. Ich gebe das zu. Aber jetzt – wenn ich die paar Fran­sen hin­ten abste­hen sehe, so erbärm­lich – nein – aus­ge­schlos­sen – dazu von vor­ne auch noch glatt! Du!! Wir wol­len bloß nun auf­hö­ren – ich könn­te mich rich­tig in Eifer reden!! Und eines will ich noch berich­ti­gen, Du Schlau­mei­er!!

Du sagst: „nur, daß ich es dann (also unge­du­delt) etwas furcht­lo­ser zu packen krieg­te.“ Das Köpf­chen! Weißt, wenn Du den Drang ver­spürst, mich beim Schop­fe zu fas­sen, dann tust Du es in jeder Wei­se, Du Laus­bub!! Mit oder ohne Locken! Das hab ich ja schon erlebt!! Du bist ein Schelm!! Ein schlau­es Luder­chen!! Dicker­le, Du!! Hab ich mich nun nicht brav gestellt? Ich knei­fe nicht, Du!! Du!!!? Du fragst mich, ob ich es noch weiß, wie ich Dir zum ers­ten Male auf dem Schoß geses­sen hab. Du!!! Ja – ich weiß! Ist es nicht son­der­bar, Herz­lieb? Alles, was von ein­schnei­den­der Bedeu­tung war auf unserm Weg bis­her, es geschah zum größ­ten Teil im Zuge! Du!!

Zuerst hab ich mir einen Kuß gestoh­len – im Zuge.

Dann haben wir Du zuein­an­der gesagt – im Zuge. Nein eher saß ich noch auf Dei­nem Scho­ße! Du!

Die Ver­lo­bung haben wir fest gesetzt – im Zuge.

Ach – so vie­les war es, ich kann’s jetzt nicht alles auf­zäh­len. Wenn Du in der Eisen­bahn sitzt, dann bist in Dei­nem Ele­ment, so ist es! Dann bekommst Du auch Mut, dem Mäd­chen [Hil­de] gegen­über, stimmt’s?

Ach Du!! Was damals mein Blick Dir sag­te? Ich weiß es nicht. Du!! Du sagst es: nimm mich ganz! Herz­lieb!!! Du!!!

Wenn ich Dich zuerst mag ein bis­sel ver­schämt ange­schaut haben — aber dann, Du!!! Als ich es fühl­te – Du – als ich es fühl­te – Du!! – so süß – so won­nig süß – Dein Schlüss­lein – da ist er gewiß her­vor­ge­bro­chen, unge­hemmt, der Strahl mei­ner Lie­be und Sehn­sucht!! Du!!! Ich wer­de das nie ver­ges­sen!, da habe ich Dich wohl zum aller­ers­ten Male so gespürt — dann spä­ter, in L. auch – Du! Herz­lieb!! Auch Dir ist so wun­der­sam zumu­te, wenn Du mich fühlst, auf Dei­nem Scho­ße — es ist so selt­sam, es durch­zuckt mich dann wie ein ganz süßer Schlag und ich möch­te mich immer fes­ter, immer enger an Dich schmie­gen. Du!! Es ist wahr, was Du sagst: es ver­liert die Lust das Böse, wenn wir uns so eigen­sin­nig lie­ben – nur Du mußt es sein, mit dem ich alle Trau­te tei­le – und so ist es umge­kehrt auch. Du!!

Du!! Weißt wor­über ich so froh bin? Du!!? Daß Du erkannt hast, daß ich Dich nur um Dei­ner selbst wil­len lieb­te, um Dein Wesen, eben um Dei­ner selbst. Du!! Nie habe ich in Dir die gute Par­tie gese­hen, wie man sagt. Glaubst – was das eigent­lich noch für Kon­flik­te geben konn­te, mit Dei­nem Stand, das wur­de mir erst ganz deut­lich, ganz kraß deut­lich, [al]s sich die Mut­ter mit mir dar­über aus­ein­an­der­setz­te. Ja. — Und ich habe Dich doch fest­hal­ten müs­sen – ich hät­te müs­sen, Du!!! Und wenn ich Dei­nen Namen, Dei­nen Beruf nicht gekannt hät­te – wenn Du ein beschei­de­ner Arbei­ter gewe­sen wärst – ich hab Dich geliebt – und lie­be Dich eben so, wie Dein Wesen ist – Du!!

Und ich habe noch an eines gedacht in die­sen Tagen ein­mal: Herr P. aus der Sing­stun­de, er war es, der unbe­wußt uns näher gebracht hat. Er war vom Schick­sal wie aus­er­se­hen, uns[e]re Wege sich kreu­zen zu las­sen. Er war es, der mich über­re­de­te zur Kan­to­rei zu kom­men, er lud mich indi­rekt zu dem Fest in B., wo ich Dich fand. Und Du hast ihn das Geld über­mit­telt, wor­an Du eine lei­se Hoff­nung knüpf­test, daß sich möge etwas anspin­nen – und eine Zeit war er sogar der Trä­ger unse­rer Boten, Du!! Wie son­der­bar es doch zugeht.

Aber heu­te will ich nun schlie­ßen mein Lieb!!

Will den Boten gleich mit­neh­men, wenn ich Wege besor­ge. Vatern muß ich noch eine Sup­pe kochen für die Nacht. Es ist heu­te wie­der käl­ter. Und dann muß ich den Kopf mir waschen. Möch­test Du ihn mir nicht waschen? Aber rich­tig! Nicht mora­lisch. Du!!!

Mein Herz­al­ler­liebs­ter!! Gott behü­te Dich mir! Blei­be gesund u[nd]. froh! Ich bin ganz Dei­ne [Hil­de]! In Lie­be, in Treue, in aller Anhäng­lich­keit! Du!! Ich habe Dich sooo lieb!! Mein lie­bes, gutes Dicker­le!! Nun sind es nur noch 4 Wochen! Dann kriegst kein Tin­ten­kus­sel! Du!!! Du!!! Ich seh­ne mich so nach Dir!! Ich lie­be Dich!!!

T&SavatarsmImmer Dei­ne [Hil­de].

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