15. Januar 1941

Franz Marc 020
Franz Marc, Rehe im Wal­de (II), 1914, Male­rei, Staat­li­che Kunst­hal­le Karls­ru­he, Künst­ler­grup­pe »Der Blaue Rei­ter«, Lizenz­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 09.2016.
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Mitt­woch, den 15. Janu­ar 1941.

Herz­al­ler­liebs­te, mei­ne lie­be, liebs­te [Hil­de], Du!! Gelieb­te!!!

Ganz schnell gehen die Boten wie­der — und pünkt­lich — und ich weiß so schnell, was Du treibst und denkst, und daß Du so froh und glück­lich bist! Und ich kann Dir so schnell wie­der­sa­gen, daß ich so glück­lich bin. Du! Herz­lieb! Kein Tag und kei­ne Stun­de ist arm und leer – auch bei mir – seit ich Dich ken­ne. Du! So viel Zeit und Lie­be und Fleiß, wie wir schon dar­auf ver­wand­ten, ein­an­der ken­nen zu ler­nen [sic] – das hat man sonst mit kei­nem ande­ren Men­schen. Jede freie Minu­te gilt die­ser Bekannt­schaft. Und daß wir nur Lie­bes und Gutes von­ein­an­der zu den­ken haben, das macht eben unser gro­ßes Glück aus. Du! Glaubst ja gar nicht, wie lieb ich Dich hal­ten mag: Mein soll es sein? Das fei­ne, gro­ße, ran­ke, schlan­ke Büb­chen? Du, so selig wie ein Kind möch­te ich alle Hän­de drü­ber hal­ten, daß nie­mand dazu kann, möch­te es immer­zu hüten, und mag selbst nur ganz leis und behut­sam mit ihm umge­hen, daß ich nichts ver­der­be und ihm nicht scha­de und es ganz ganz lan­ge behal­te! Du!! Mei­ne lie­be, lie­be [Hil­de]!!

Bist Du ein zar­tes Frau­chen? Bist Du mein zar­tes Wei­berl? Magst Du mei­ne Zärt­lich­keit? Die lei­se, scheue, die nur Dich sich zeigt? Du bist’s!! Ich weiß es!!! Mein schö­nes, lie­bes Weib!! Gelieb­te!!! Und Du mußt sie Dir alle gefal­len las­sen, die Hul­di­gun­gen und Zärt­lich­kei­ten, das ist Dei­ne Rol­le – Du!! Herz­lieb!!! Sie sind alle wahr und ehr­lich und gel­ten nur mei­nem Herz­lieb! Du!!!

Hilde posierend, bei Roland zum Besuch, Ende November 1940, Eckernförde.
Hil­de posie­rend, bei Roland zum Besuch, Ende Novem­ber 1940, Eckern­för­de.

Ach weißt; wenn Du sagst, daß Du ganz fes­tes Zutrau­en gefaßt hast zu mir, daß Dein gan­zes Sein vor mir aus­ge­brei­tet liegt – und ich füh­le bese­ligt, daß es so ist – da sehe ich Dich vor mir wie ein Reh­lein. Der Hubo ist durch den Wald gegan­gen – und da hat er das scheue Reh­lein getrof­fen, das sonst die bösen Men­schen flieht – es war ein wenig wund und hilfs­be­dürf­tig, flie­hen konn­te es nicht – und weil der Hubo, ent­zückt von dem sel­te­nen Fun­de, so ganz vor­sich­tig und behut­sam m her­an­ging – und das ver­stand er, weil sein Wesen auch solch scheu­es Reh­lein ist – da faß­te es Zutrau­en und ließ sich hel­fen. Und der Hubo, ent­zückt und selig und über­glück­lich von der wun­der­sa­men Begeg­nung und Freund­schaft, so heim­lich stolz, daß ein wil­des Reh­lein sich ihm anver­trau­te, so über­voll von solch sel­te­nem Glück!!! Bist Du mein lie­bes Reh­lein mit dem schwarz­glän­zen­den Näs­chen?

Auszug aus dem Brief
Aus­zug aus dem Brief
Auszug aus dem Brief
Aus­zug aus dem Brief

Du!! [ganz lan­gen Strich] —— oder ich sehe Dich vor mir als eine Blu­me. Warst selbst schon Zeu­ge, wie Dein Hubo sich freut, wenn er eine sel­te­ne oder abson­der­li­che ent­deckt hat [ganz lan­gen Strich] —— als sol­che sel­te­ne Blu­me sehe ich Dich, so weiß, wie Dein Herz­lein, und so voll und rund — und der Hubo ent­deckt sie – und es durch­zuckt ihn freu­dig: die ist ganz, ganz sel­ten, und daß ich sie ent­deck­te, ist ein ganz gro­ßes Glück – aber das Wun­der ward noch grö­ßer: Die Blu­me, Knos­pe noch – sie rief ihn keusch und leis her­an: “Komm, Men­schen­kind, nei­ge Dich zu mir, erblü­hen will ich, Dir will ich erblü­hen, unter Dei­nen Augen, will in Dei­nen Augen mich spie­geln, es ist mein gan­zes Lebens­glück, mein Lebens­sinn, mich zu spie­geln in einem guten Augen­paar, und die­ses Augen­paar zu ent­zü­cken.“

Bist Du auch mein Herz­blü­me­lein? Du!! So sel­ten und lieb und scheu? Du!! Du!!!!! Dein Hubo ist so glück­lich, daß er die wun­der­sa­me Mär­chen­freund­schaft mit dem scheu­en Reh­lein hat – und sein kost­ba­res, fei­nes, zit­tern­des Zutrau­en! Du!!! Du!!!!! Gelieb­te!! Hol­de mein!!

Er gibt es nie und nim­mer preis!!! Er hält es so ent­schlos­sen fest wie nur ein Kind sei Liebs­tes!!! Du!!!!!

Winterlandschaft, nähe Kiel, 1940
Win­ter­land­schaft, nähe Kiel, 1940

Und nun ist Dein Hubo doch aber so froh, daß sein Herz­lieb gar kein Reh­lein ist –  nein so rank und gera­de und auf­recht und froh und frei wie die Bäu­me im Win­ter­mär­chen­wald (weißt, ich den­ke an das Bild, das ich habe) ein Men­schen­kind, – und wie im Wuchs so auch im Sinn – und soll mir gehö­ren? – und will mir ganz allein gehö­ren? Du!!! Du!!!!! Und schaust so drein – so fern und selb­stän­dig und uner­reich­bar – und ist mir doch so ganz ver­traut – ganz, ganz, Du!! Das lan­ge, lie­be Packl, zuge­knöpft bis oben­hin – dem Hubo gehört es, Du!! Du!!! – Er darf sie lösen, die vie­len Kno­ten und Schnü­re!! Und alle Kost­bar­keit und Süßig­keit im lan­gen, lie­ben Packl, die soll ihm gehö­ren! Er besitzt das Köst­lichs­te, das ein Mann auf die­ser Erde erlan­gen kann, das Ver­trau­en eines guten Wei­bes! Herz­lieb! Wie­viel Reich­tum ist das! Wie­viel Lie­be schenkst Du mir! Wie­viel hohe, sel­te­ne Lie­be, Du!!!!! Du! Dein [Roland] wird ihrer nicht müde! Laß ihn um Dich sein in dem Son­nen­schein und in der Wär­me Dei­ner Lie­be! Laß ihn wei­ter­hin teil­ha­ben an dem Wun­der, an der Schön­heit, an dem Geheim­nis die­ser Lie­be! Du!!!!!

Herz­lieb! Seit 9 Uhr hat­ten wir Alarm bis 11 Uhr.

Du! Ich muß die Feder weg­le­gen heu­te. Sei mir nicht bös des­halb. Leicht könn­te es ein­mal sein, daß der Bote noch unfer­ti­ger kommt, gar nicht rich­tig ange­zo­gen.

Mußt ihn gleich ganz warm ste­cken, damit er sich nicht ver­kühlt. Wo steckt er doch am liebs­ten und am wärms­ten? Ich weiß, Du!!! Gott behü­te Dich! Mei­ne lie­be, lie­be [Hil­de]!

Ich bin Dir soo soo gut und habe Dich über alle Maßen lieb! Ich freue mich auf Dich, auf mein lie­bes Weib, auf mei­ne lie­be, gute [Hil­de]!! Bleib froh und gesund.

Mor­gen plau­de­re ich schon wie­der mit Dir!

Ich bin in Lie­be und Treue ganz Dein [Roland]!!

Ganz Dein! Du!!! Fest ein­ge­schlos­sen in Dei­nem Her­zen. Und Du bist mein!!! Mei­ne Gebie­te­rin, Du!!! Mei­ne lie­be, liebs­te, herz­al­ler­liebs­te [Hil­de], Du!!

Ich lie­be Dich, Du!! Ich küs­se Dich!! Gut Nacht, Herz­lieb!

T&SavatarsmBit­te grü­ße die lie­ben Eltern!

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