21. Dezember 1940

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In vie­len Haus­hal­ten ver­brei­tet: der ‘Volks­emp­fän­ger’. Hier der Ve301w, Bau­jahr 1933. Foto von Hihi­man, 2004, lizen­ziert unter CC BY-SA 3.0 über Wiki­me­dia Com­mons, 12.2015

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Sonn­abend, den 21. Dezem­ber 1940.

Herz­al­ler­liebs­te! Mei­ne lie­be, lie­be [Hil­de]! Hol­de mein!

Der Weih­nachts­bo­te soll heu­te abge­hen. Die rech­te Andacht ist nicht dazu. Es gab heu­te viel Arbeit, und in der Stu­be ist es unru­hig. Ach Gelieb­te, immer in der Gesell­schaft von 10 und 20 Men­schen, das wäre see­lisch mein Tod.

Nun ist es mit einemm­al [sic] da, Weih­nach­ten, so jäh — wie sonst noch nicht. Die gan­ze schö­ne Zeit der Vor­be­rei­tung, ange­füllt mit Heim­lich­keit und Freu­de des Schen­kens und Emp­fan­gens, die schö­ne Zeit der Zurüs­tung auf das Fest — wir sehen und erle­ben sie hier nicht.

Weih­nach­ten bei den Sol­da­ten. Hat es einen Sinn? Hat es hier eine Stät­te? Wenn es nur eine Gele­gen­heit sein soll, die­ses Sol­da­ten­le­ben aus­zu­schmükken [sic], so wie wie [sic] tat­säch­lich dar­auf gerüs­tet wird, dann mag ich es nicht. Mag es nicht, weil es am Sinn vor­bei­geht, ihn ver­fälscht, und weil ich nicht mag, daß man die Waf­fen bekränzt — als nur zur sieg­rei­chen Heim­kehr. Aber sonst, Weih­nacht? Über­all ist Weih­nach­ten, wohin nur das Him­mels­licht der Weih­nacht fällt, und es fällt über­all­hin, wo sich ihm nur ein Men­schen­herz gläu­big öff­net. Und so ist Weih­nacht auch in mir. Wenn es irgend angeht, will ich am 1. Fei­er­tag zur Kir­che gehen. Du Herz­lieb, weißt den Weg, und weißt auch den Platz, den ich wie­der auf­su­chen will. Und in die­sem Sin­ne feie­re ich es mit Euch Lie­ben allen eng ver­bun­den, [^]mit Dir mein Herz­lieb aber am aller­meis­ten und tiefs­ten. Dich weiß ich an den Fest­ta­gen unter den Glück­li­chen, die mit den Engeln den Lob­preis Got­tes sin­gen dür­fen. Ich stim­me mit tiefs­tem Her­zen mit Dir dar­ein.

Wir stim­men dar­in ein, voll fro­her Gewiß­heit der Lie­be und Gna­de Got­tes, die sich zu Weih­nach­ten immer wie­der her­nie­der­sen­ken [^]will auf die­se dunk­le, lie­be­lee­re Erde. Wir haben sie so sicht­bar erfah­ren, Gelieb­te, das wol­len wir nie ver­ges­sen! Mut­ter schrieb davon, daß H. nicht eher in Urlaub fah­ren konn­te, als bis er die Weih­nachts­fei­er vor­be­rei­tet hat­te. Er hat irgend­ei­nen Raum aus­ge­stat­tet und bebil­dert. Er hat ihnen Scha­fen, Esel und Hir­ten gemalt. Die Krip­pe moch­ten sie nicht. Im Radio ist noch nicht ein Weih­nachts­lied erklun­gen, das an den gro­ßen, wei­ten Him­mels­bo­gen gerührt hät­te, von dem wir wis­sen. Ja, Herz­lieb, wenn wir uns umse­hen, wie die Men­schen das Fest bege­hen, dann sehen wir uns unter einer Mind[er]heit. Das darf uns nicht schre­cken, darf uns nicht irre machen, nicht wan­kend machen. „Ver­stand ist immer bei wen’gen nur gewe­sen.“ Was auf dem Mark­te [sic] bil­lig feil ist, es taugt meist nicht viel; so auch die lau­te, markt­schreie­ri­sche Mei­nung. Und des­sen sind wir Zeu­ge: Die­se unse­re Zeit, die sich viel­leicht viel dar­auf zugu­te tut, Gott zu ent­thro­nen oder wenigs­tens dahin zu rücken, wohin es ihr eben paßt; die­se Zeit ver­gaß nicht nur ihren Gott, sie ent­fernt sich zuse­hends au[ch] von allen gro­ßen Wer­ten (in den Reden gro­ßer Män­ner und in den gro­ßen Tönen, die zum Zwe­cke der Pro­pa­gan­da ange­schla­gen wer­den frei­lich nicht — aber in Wirk­lich­keit); die­se Zeit ward nicht nur taub für die Stim­me taub Got­tes, son­dern auch für die Stim­me des Gewis­sens, für alle fei­nen Stim­men in unse­rem Innern, in den Wer­ken aller gro­ßen Meis­ter. Sie wol­len nichts mehr wis­sen von dem Erbar­men und der Gna­de Got­tes. Frei­lich, der Mensch, der nie in sei­nem Leben streb­te, nie über sein Leben nach­dach­te, wer nur wie ein Tier dumpf dahin­leb­te, der spür­te nie mensch­li­ches Gebra[^]echen, mensch­li­che Arm­se­lig­keit, mensch­li­che Sündhaf­tig­keit — den ver­lang­te es nie nach gött­li­chem Erbar­men. Und wer selbst in sei­nem Leben nie Güte dank­bar erleb­te oder spen­den durf­te, der ver­steht sie nicht, die Bot­schaft von Got­tes gro­ßer Vater­gü­te. Und der gro­ße Dich­ter Dich­ter [sic] [Erwin Gui­do] Kol­ben­he­yer stellt fest als Cha­rak­ter­zug uns[e]rer Zeit: daß die Güte aus­ster­be. Da legt er den Fin­ger in eine böse Wun­de, in eine Herz­wun­de.

Nein Gelieb­te! Recht fei­ern wir es! Das ist gläu­bi­ge Gewiß­heit in mir, von der ich nicht las­sen mag, in die ich mich aber immer [m]ehr ver­sen­ken will! Und will mich jemand dar­in irre machen, er soll kom­men, ich will ihn mir erst ein­mal anse­hen: Ver­steckt er sich hin­ter irgend­ei­ner pro­pa­gier­ten oder ange­le­se­nen Mei­nung, dann will ich sagen: Du wirst mich nie­mals irre machen! — Hat er aber eine eige­ne Mei­nung, so will ich ihn anhö­ren und will mir sein Leben anse­hen — und dann will ich ihm, wenn er es ehr­lich meint, sagen davon, wie Got­tes Güte und Gna­de über unse­rem [L]eben lag. Ach Gelieb­te! Das lie­ße sich wohl gar nicht erzäh­len. Das muß man erfah­ren haben! Bei die­sem Erzäh­len gäbe es soviel Wor­te des Miß­ver­ste­hens. Man kann sol­che Men­schen nur immer wie­der auf den Weg hin­wei­sen.

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Aus­zug aus dem Brief

Das wich­tigs­te Miß­ver­ständ­nis, bei dem man sich all­zeit nur zu leicht selbst ertappt: Ich hal­te zu Gott, weil er mir hilft. Das ist Nütz­lich­keits- und Krä­merglau­be. Der Glau­be ist viel mehr als eine Ver­si­che­rung, er ist kei­ne Ver­sor­gungs­an­stalt — die Bot­schaft ist [sie­he Aus­zug: dop­pelt durch­ge­stri­chen] des Glau­bens ist nicht die Bot­schaft des Schla­raf­fen­landes. Oh nein! „Ich bin der Weg, die Wahr­heit und das Leben, und nie­mand kommt zum Vater, denn durch mich!“ Der Weg, das ist der Weg des Got­tes­soh­nes — und die­ser Weg ist Lie­be, Güte, Treue, Gehor­sam bis in den Tod, die­ser Weg ist Kampf mit der Sün­de, mit mensch­li­cher Beschränkt­heit und Unzu­läng­lich­keit und Eige[^]nwil­lig­keit, die­ser Weg ist ein Rin­gen um das bes­se­re Teil — bedeu­tet Ent­sa­gen, Über­win­dung — oh, es ist ein stei­ler, schma­ler Weg, ein schwe­rer Weg!! Wir Men­schen kön­nen ihn allein nicht gehen, wer­den müde, fal­len immer wie­der zurück, schwin­deln vor sei­ner Steil­heit. Nur den Gläu­bi­gen gilt der Rat: „Rufe mich an in der Not!“ So schwer es ist — so groß der Wider­streit mensch­li­cher und gött­li­cher Ein­sicht auch manchma[l] schei­nen mag, so greif­bar deut­lich geht doch Gott durch unser Leben, so deut­lich und wahr­haf­tig ^wie sich [sie­he Aus­zug: dop­pelt durch­ge­stri­chen] der Him­mel sich über uns wölbt in sei­ner Grö­ße u.[nd] Wei­te und Fer­ne und Rät­sel­haf­tig­keit, in sei­ner Schick­sals­schwe­re.

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Aus­zug aus dem Brief

Herz­lie­bes! Wir gehen unse­ren Weg wei­ter unbe­irr­bar, dank­bar und treu alle­zeit. „Sei getreu — — —!” „An Got­tes Segen ist alles gele­gen!“ Weil wir das wis­sen und füh­len, stre­cken wir uns nach der Hand Got­tes. Und der uns die­se erbar­men­de Hand Got­tes wies, das ist unser Herr und Meis­ter, des­sen Geburts­tag wir wie­der fei­ern. Gelieb­te! Wie­viel [sic] Schön­heit und Reich­tum, inne­ren Reich­tum, haben die bes­ten und größ­ten Men­schen die­sem Geburts­tag geweiht, weil sie von die­sem Wun­der erfaßt waren und sich gläu­big dar­ein ver­sen­ken, weil das Licht der Weih­nacht ihnen auf­ging! Schon die­se Geburts­tags­ge­schen­ke wären Beweis genug für die gewal­ti­ge Tat­sa­che der Weih­nacht, wenn es des­sen bedürf­te. Und die­ses ewi­ge Licht, das wirk­lich und ein­zig ewi­ge —es leuch­tet noch immer den Men­schen zum Hei­le —so nahe und tröst­lich, uns Men­schen zu erhe­ben — so ehern und fern ^aber auch wie die blit­zen­den Ster­ne, erha­ben, hoch erha­ben über allem Gezänk und Gespött und allen Anfein­dun­gen die­ser Erde. Welch[’] gewal­ti­ges Gleich­nis, die­ser bestirn­te Him­mel, welch gewal­ti­ge Pre­digt, welch Fin­ger Got­tes! Zuver­sicht­lich und demü­tig wer­den wir all­zeit zu ihm auf­schau­en.

Herz­lieb! Dein [Roland] wird nicht trau­rig sein zu Weih­nach­ten! Und Du sollst es auch nicht! Wir müs­sen nur Geduld haben! Und kommt doch ein­mal eine trü­be Stun­de, dann wis­sen wir, es ist nur eine leich­te Wol­ke, die sich vor die Son­ne schob. Die Wol­ke geht, die Son­ne bleibt! Die [So]nne uns[e]rer Lie­be, Hol­de!, die Son­ne uns[e]rer inni­gen Gemein­schaft, uns[e]rer Lebens­ka­me­rad­schaft, Gelieb­te! Die­se Son­ne, wel­che Wol­ke möch­te sie aus­lö­schen?

Unter der gro­ßen Gna­den­son­ne Got­tes, im Auf­blick zu ihm, dür­fen wir dann auch an unse­rem Glück bau­en, dür­fen dar­an den­ken, wie wir das Weih­nachts­licht in unser Heim pflan­zen wol­len, in uns[e]re Kin­der, wie wir als schöns­tes mensch­li­ches Gleich­nis zu dem gött­li­chen sie beschen­ken wol­len, damit sie die Güte ken­nen ler­nen sol­len und erfah­ren für ihr gan­zes Leben.

Mei­ne lie­be, lie­be [Hil­de]! Ich sehe Dich unter dem Lich­ter­kranz — Trä­nen schim­mern in Dei­nen Augen — dies­mal nicht von einem beglü­cken­den Geschenk, ich habe kei­nes, — son­dern weil Du zu mir denkst, weil Dein Herz zu mir schlägt, weil Dein Seh­nen in die Fer­ne geht, Dein Seh­nen, Dein Ver­lan­gen, weil Du zu mir willst, weil Du zu mir gehörst —— und so geht es mir, weil mein Herz zu Dir schlägt, weil ich zu Dir gehö­re — Gelieb­te! Es sind wohl Trä­nen, aber Trä­nen des Glü­ckes, wer sie hat, ist reich, so reich und glück­lich! Gelieb­te! Mei­ne lie­be [Hil­de]! Ich fas­se Dei­ne lie­ben Hän­de, lan­ge, und wer­de ganz ruhig und schaue mit Dir auf zum Him­mel, zum Gebet: Gott, Herr­gott im Him­mel, sieh uns hier ste­hen, sei uns gnä­dig, seg­ne unse­ren Bund!

Mei­ne lie­be, lie­be [Hil­de]! Ver­le­be mit Dei­nen lie­ben Eltern und Dei­nem [Roland] ein fro­hes, stil­les Fest! Ich bin immer bei Euch, bin immer bei Dir, Du mein Glück, mein Leben! Ich bin ganz Dein! Dein in aller Lie­be und Treue! All­zeit Dein, ganz Dein!! Und Du war­test auf einen — er sitzt jetzt ganz allein noch mit beson­de­rer Erlaub­nis, hat alle Lär­mer [sic] über­dau­ert mit sei­ner Schreib­wut — auf einen allein — und gera­de auf ihn — und war­test auf ihn mit Dei­ner gro­ßen Lie­be, Du!! — Du!!! Wirst nicht ver­ge­bens war­ten! Er kommt! Ach, er käme gleich! Er kommt!!! Und will zu Dir!! Allein nur zu Dir!!! Zu mei­nem lie­ben, rei­chen Weib! Zu mei­ner [Hil­de]!!! Zu mei­ner lie­ben, guten [Hil­de]!!!!!

Dein [Roland].

Die lie­ben Eltern will ich mor­gen mit einem Brief beden­ken. Grü­ße sie recht herz­lich von mir!T&Savatarsm

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