15. Dezember 1940

Antoniterkirche Köln 1940.jpg
Weih­nachts­zeit 1940, hier die Anto­ni­ter­kir­che Köln, Foto von ev. Gemein­de Köln, lizen­ziert unter Copy­right­ed free use über Wiki­me­dia Com­mons, 12.2015.

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Sonn­tag, am 3. Advent 1940.

Gelieb­ter, mein [Roland]!! Herz­al­ler­liebs­ter!! Du!! Du!!!

Du!! Wie soll ich denn nun anfan­gen mit der Bot­schaft, die ich Dir brin­gen will? Ach, Du!!! Hast Du es nicht schon gefühlt heu­te früh, genau um 700, mit dem Glo­cken­schlag? Du mußt es ja doch gefühlt haben — Du — so jäh, so hef­tig und so innig, fest dach­te ich an Dich, mein Herz!! Du!! Du!!! Ach, die gan­ze Nacht schon muß­te ich Dei­ner den­ken, weil ich wie­der ein­mal nicht schla­fen konn­te, Du! Und dabei war ich so erschöpft. Hef­ti­ge Schmer­zen im Leib plag­ten mich — ich konn­te kein Auge zu tun. Ich hat­te Angst, daß ich mir etwa Scha­den getan hät­te beim Waschen. Wir haben näm­lich alles auf der Hand gewa­schen, nicht mit der Wasch­ma­schi­ne, weil’s da so über die Wäsche geht — und das strengt den Rücken und den Leib ganz schön an; aber ich habe mich doch so in acht genom­men.

Noch ein­mal habe ich mir die Gum­mi­ne [sic: wohl Wär­me­fla­sche] gefüllt, ganz mit hei­ßem Was­ser und sie auf den Leib gelegt, das tat mir auch gut. Gegen mor­gen [sic] habe ich ein wenig Ruhe gefun­den. Von Dir geträumt hab ich, Du!! Das erzähl’ ich Dir nach­her noch.

Und es muß unge­fähr ¼ vor sie­ben gewe­sen sein, als ich unter hef­ti­gen Schmer­zen erwach­te. Ich wuß­te nicht mehr was ich den­ken soll­te. Die Bei­ne hat­te ich ganz an den Leib her­an­ge­zo­gen, ich konn­te sie nicht mehr stre­cken, so krampf­ar­tig war der Schmerz. Eine Wei­le lag ich so, und da wer­den die Minu­ten ja zur Ewig­keit. Und plötz­lich lös­te sich die­ser Krampf auf im Leib und es ging wie eine war­me Wel­le über mich, die nach einem Aus­weg sucht — und da ward es mir gewiß, Du!!!, wor­an ich doch kaum

— 1 — [Blatt­sei­te, unten mit­tig]

noch glau­ben konn­te, da ward mir gewiß, daß ich krank gewor­den sei! Du!! Du!!! Kannst Du Dir den Augen­blick mei­ner Ver­wir­rung, mei­nes Schre­ckens und doch auch fro­hen Schre­ckens vor­stel­len? Du! Ach Du!!! Mein [Roland]! Ich konn­te im Moment kei­nen Gedan­ken fas­sen als den: [Roland]! Mein [Roland]! Und ich fal­te­te mei­ne Hän­de, und ich habe in den ers­ten Minu­ten der Erre­gung, so wild klopf­te mein Herz, kei­ne Wor­te gefun­den für mei­nen Herr­gott. Ich konn­te es nicht, Du!

Aber dann habe ich ihm dan­ken kön­nen, Du!!, von Her­zen dan­ken kön­nen. Mein [Roland]! Er hat unser Gebet erhört!

Er hat ja sei­nen Weg vor Augen, den er uns bei­de gehen läßt, Du! Und das wis­sen wir — wir ver­trau­ten ihm auch hier wie­der uns ihm ganz an. Mein [Roland]! Wie froh bin ich heu­te wie­der des­sen gewor­den: Unser Herr­gott dro­ben lei­tet uns, er führt uns nach sei­nem Wil­len, mit Güte und mit Weis­heit. Wie kann ihn ein Mensch, ein arm­se­li­ger Mensch nicht sehen wol­len? Er ist doch bei uns, immer — in allen Stun­den uns[e]res Lebens, auch wenn wir manch­mal glau­ben, er habe uns ver­las­sen — nein, er ver­läßt uns nie — es ist nur oft so schwer, daß sich des Men­schen Wil­le mit dem Got­tes ver­ei­nen läßt.

Mein [Roland]! Ich bin krank gewor­den, das kam wie ein Wun­der für mich, nach die­ser Zeit! 33 Tage ist es her!

Inner­lich hat­te ich mich schon so gefes­tigt für das Gegen­teil. Ich heg­te wenig Hoff­nung, daß es noch kom­men könn­te. Und ich weiß, ich wäre auch nicht ver­zwei­felt, wenn ich die Gewiß­heit des kei­men­den Lebens in mir erkannt hät­te — nein — ich hat­te mich rich­tig dar­auf schon gefaßt. Alles, was um die­ses Leben in mir noch dazu in mei­ner Umge­bung kreis­te:, [sic] die Aus­spra­che mit der Mut­ter, das Offen­bar­wer­den vor dem Vater, vor Dei­nen Eltern, vor den Bekann­ten, im Hau­se. Die vie­len, vie­len Fra­gen über das Wohin mit mir, wenn die Geburt naht, Kli­nik oder das Zuhaus — dann die Fra­ge: wo brin­gen wir Mut­ter und Kind am bes­ten zusam­men unter, in wel­cher Stu­be. Die Kos­ten des allem! Ach, wor­an ich alles schon dach­te und mir das Herz schwer mach­te, Du ahnst es nicht; es war das die­ser Tage mor­gens der ers­te und abends der letz­te Gedan­ke bei mir.

Und über allem, was auch freud­voll dabei sein kann, das stand doch die lei­se Weh­mut und Trau­er dar­über in mir, daß Du nicht bei mir sein kannst, Du! Du! Das hat mir den größ­ten [Sc]hmerz berei­tet, ja. Wie Du mir in die­ser Zeit gefehlt hät­test, Du!!! Ach, das kann außer Dir kein Mensch ermes­sen. Kei­ner. Und doch hät­te ich hin­durch gemußt — um des Kin­des wil­len. Aber schon das Kind hät­te so wie­der den Keim der unge­still­ten Sehn­sucht in sich getra­gen; das Ver­lan­gen der Mut­ter hät­te sich auch auf das Kind über­tra­gen. Und so soll es doch bei unser[e]m Kind­lein ein­mal nicht sein, mein [Roland]! Das wol­len wir doch? Es soll alles um sich haben, alle Wär­me und Lie­be, die für ein gan­zes Leben ihm gehört: bei­der Lie­be, Vaters und Mut­ters. Und das alles schon vom ers­ten Tage an da ich weiß, daß es unter mei­nem Her­zen ruht.

Ach, mein [Roland]! Du!!! Ich wäre doch so von Her­zen glück­lich und dank­bar, wenn wir unser Kind­lein ein­mal so erwar­ten dürf­ten, wie wir es uns bei­de wün­schen und den­ken: In unse­rem Heim, wo wir bei­de in inni­gem Ver­ste­hen leben, wo wir uns in vie­len trau­ten Stun­den rüs­ten kön­nen auf die­sen gro­ßen Lebens­ab­schnitt, auf unse­ren größ­ten, gemein­sa­men, Du!! So ist es am aller­schöns­ten!

— 2 — [Blatt­sei­te, unten mit­tig]

Du! Mein Lieb!! Glaubst mir, daß ich heu­te zum ers­ten Male, seit dem Tage da die Sor­ge um dies alles anbrach, wie­der ganz glück­haft emp­fand?,: [sic] wie unend­lich schön doch der Him­mel sich wölbt, wie blau!, wie hell die Son­ne strahlt, wie froh alles mich ansieht! Wie einem neu­en Gesicht dünkt mir, erschließt sich mir alles.

Sag, Du!? Ist sie Dir eine fro­he Bot­schaft, mei­ne Erkennt­nis von heut[´] mor­gen? Macht sie Dich gelöst und frei, wie mich? Stimmt sie Dich eben­so dank­bar gegen Gott, wie mich? O mein [Roland]! Ich glau­be es — ja — gewiß!

Eines muß ich Dir auch noch sagen hier­zu: Wenn ich [den] Weg uns[e]rer Lie­be betrach­te, die Zeit uns[e]rer Ehe, die Zeit uns[e]res gemein­sa­men Zusam­men­le­bens davon, so kommt mich die Fra­ge an: Bist du denn gereift genug schon zum Mut­ter­sein? Ich mei­ne das jetzt nicht kör­per­lich, mein [Roland]! Seid ihr bei­de denn schon so ganz innig ver­ket­tet, ver­schlun­gen mit­ein­an­der? In uns[e]rer Lie­be, in unser[e]m Gefühl gren­zen­lo­ser Zunei­gung, Hin­ge­bung und im Gefühl des Iman­dern [sic] auf­ge­hen da ste­hen Fra­gen und Zwei­fel, ach so weit ab! Du! Doch in unser[e]m gemein­sa­men Zusam­men­le­ben der Pflich­ten nur mit­ein­an­der, nur ganz auf uns ein­an­der selbst ange­wie­sen und im geis­ti­gen Zusam­men­le­ben und ‑har­mo­nie­ren, wie ist es da, was ergab eure Prü­fung? Ja — und das ist es, was mir noch Zwei­fel ankom­men läßt, ob mei­ner Fähig­keit zum Mut­ter­tum. Wir konn­ten uns im Ehe­le­ben, im Gemein­sam­le­ben noch nicht bewäh­ren, wir haben noch kein eige­nes Heim. Aber, was uns jetzt fest anein­der [sic] bin­det: Lie­be, Ver­ste­hen, Ver­trau­en, Ach­tung, der Wil­le zum Guten, zum Bes­ten, was uns[e]re gro­ße Auf­ga­be, unser Bund erfor­dert, das alles läßt uns ver­trau­ens­voll und gläu­big schon jetzt wis­sen, daß es eine gute, ech­te Lebens­ka­me­rad­schaft sein wird, die sich hier anschließt. Und vom Hören­sa­gen, vom Lesen allein bil­det sich auch nicht die Har­mo­nie zwei­er Men­schen, die rech­te See­len­ge­mein­schaft, die für ein Kind der Nähr­bo­den sein soll. Vor die Tat­sa­che gestellt, mit­ten hin­ein­ge­stellt in die Auf­ga­ben, müs­sen wir uns zu bewäh­ren mühen, müs­sen wir den Wil­len haben und hal­ten: daß [sic] zu errin­gen, was uns vor­schwebt, was wir uns erhof­fen von unser[e]m Bund, Du! Ich bin voll von gutem Wil­len, ich will alle mei­ne bes­ten Kräf­te, mei­ne liebs­ten Gedan­ken ihm wei­hen, unse­rem Bund, Du! Und wor­an es mir noch fehlt Herz­lieb, Du! Da bist Du ja von Her­zen ger­ne bereit mir zu geben, es mich zu leh­ren mit soviel Geduld und Lie­be. Und wo das Ver­ste­hen der Frau nicht her­an­reicht, Du! da schlägt die Lie­be ganz fes­te Brü­cken, unse­re gro­ße Lie­be, Du! Muß ich mir Sor­gen machen, daß ich viel­leicht nicht die rech­te Mut­ter Dei­ner Kin­der bin? Daß ich noch lan­ge Zeit brau­che, bis ich es sein wer­de?

Du! Du! Ich muß Dich ein­mal fra­gen dar­um, es hat mich so lan­ge bewegt in die­sen Tagen.

Und nun will ich noch von ande­rem mit Dir plau­dern, Du! Es ist heu­te der 13. Brief, den ich an Dich schrei­be, seit ich wie­der fort von Dir muß­te! Der 13. — ein besond[e]rer muß das sein Du! — ist er auch, ja? Du!!! Ein freu­di­ger! So son­der­bar war das heu­te: Was in Dei­nem Brie­fe steht, den Du am Don­ners­tag geschrie­ben hast, der mich heu­te, am Sonn­tag erreich­te, das träum­te ich heut[‘] früh. Und ich wuß­te gleich gar­nicht [sic], was ich den­ken soll­te, als ich mei­nen

— 3 — [Blatt­sei­te, unten mit­tig]

Traum las heu­te, aus Dei­nem Brief!! Nun, Dein Wunsch — mein Traum. In dem Schat­ten eines gewis­sen Hau­ses in der Schrö­der­stra­ße steht ein Mann ver­bor­gen — es ist nacht [sic] — kei­ner sieht ihn. ‘Sie’ kommt!, kommt von K., wo sie ‘ihn’ abho­len woll­te und ‘ihn’ doch nicht antraf! Und wie sie vom Bahn­hof her­kom­mend, oben in die Schö­der­stra­ße ein­biegt, da denkt sie: jetzt ist es nun bald soweit!! Daß Du ihn wie­der hast — wie­der hast!! Sie erschrickt vor ihren Gedan­ken. Nein — er kommt ja nicht — kann nicht kom­men, du soll­test ihn doch in K. erwar­ten! Und er kam nicht. — Und näher und näher geht sie dem Hau­se ent­ge­gen, schließt das Gar­ten­tor auf — wie­der zu — fins­ter ist es — sie sucht nach ihrer Lam­pe, steigt suchend in sich ver­sun­ken die Stu­fen zur Haus­tür empor und — da fühlt sie sich von zwei Armen umschlun­gen!! Ein Mund sagt ganz deut­lich die Wor­te: Liebs­te! Du bist end­lich da! Und dann preßt er sich so heiß auf den ihren — sie kann vor Selig­keit, vor Glück, vor die­sem lan­gen Kuß kein Wort her­vor­brin­gen! Sie gibt sich ganz dem süßen Augen­blick hin! Du! Und sie fühlt mehr noch plötz­lich, als den Kuß! O Du!! Du!!! Viel mehr noch und aus dem wo[hl]igen Schau­er, der sie durch­rinnt dabei, wird ein wil­der Schmerz, er wird so hef­tig und — läßt sie erwa­chen, sie blickt um sich — in die Wirk­lich­keit, sie sieht ihr Käm­mer­lein, ihr Bett­lein, sieht sich selbst in Schmerz ver­krümmt dalie­gen. Mein [Roland]! Du! Aus die­sem Gefühl der Won­ne, aus die­sem Gefühl des Ver­lan­gens [nach] Erlö­sung bin ich zur Wirk­lich­keit erwacht und fand die Erlö­sung wirk­lich! Du!! Aber eine ande­re, Du!! Wie selt­sam.

Herz­al­ler­liebs­ter mein! Gott behü­te Dich mir!

Er erhal­te Dich mir froh und gesund!

Sei froh immer, auch wenn ich zu Dir kom­me mit einem Leid, mit Sor­ge — ich will Dich nicht betrü­ben, mein Herz! Ich möch­te mich nur so ger­ne anleh­nen an Dich — es tut mir so unsag­bar wohl, Du! Und ich weiß, daß ich kom­men darf, daß Du mir tra­gen hilfst, Du! Hab Dank! Du! Mein [Roland]! Einen fro­hen Sonn­tag wün­sche ich Dir! Und einen Sonn­abend dazu!, da hast ja schon Fei­er­tag!

Ich will an Dich den­ken immer, immer — ich brau­che es mir doch gar­nicht [sic] extra vor­zu­neh­men — Du!! Du!!! Das kommt von ganz allein!

Mor­gen Sonn­abend ist Wasch­fest, es wird nicht so schlimm. Am Sonn­tag will ich mit Mut­ter für die ‘Väter’ ein­kau­fen gehen. Mal sehen, was es gibt ohne viel Punk­te!

Nun will ich schla­fen geh[e]n, es ist schon 10 [Uhr] vor­bei, mor­gen früh heißt es bei­zei­ten: aufsteh[e]n!! Geis­ter auf Sta­ti­on!! Licht an!! Und wei­ter kann sie’s nicht. Oder will sie’s nicht? Wer weiß? Ich fang’s von hin­ten an!

Jetzt end­gül­tig: Gute Nacht, mein liebs­ter [Roland]!

Träum’ schön — von mir Du!!

Ich lie­be Dich! Ich lie­be Dich aus tiefs­ter See­le!!

Ich blei­be in unwan­del­ba­rer Treue immer­dar

Du mein lie­ber, liebs­ter [Roland]!

Vie­le herz­li­che Grü­ße von den Eltern!

Daß mich je etwas von Dir rei­ßen könn­te? Du!! Du!!! Ich ken­ne nur eines, mein Herz, nur eines, das ist das Letz­te, der Tod. Aber dar­an wol­len wir jetzt noch nicht den­ken, die wir das Leben erst begin­nen! Du!!

Ich sage Dir immer und immer wie­der: kei­ne Macht der Erde löst mich von Dir! Du mein Leben!!

Wir hal­ten uns fest ein­an­der, Du! Für ein gan­zes Leben!! Wie Du nicht ohne mich leben kannst, so kann ich es nicht, ohne Dich! Du!! Ich lie­be Dich!!!!! Du weißt es.

Du war­test mit mir! Du! Ich spü­re es, mein Herz!

Du bist für mich da, Du! Du bist bereit, Dich ganz für mic[h] ein­zu­set­zen, mit Dei­ner gan­zen Kraft und Güte! Du bist bereit, mich in Dei­ne Lie­be ein­zu­hül­len! Du! Du!! Du!!! So jauchzt es in mir!, Du bist bei mir, mein [Roland], mein Licht, mein Son­nen­schein! Und über die­ser seli­gen Freu­de da leuch­tet uns mild und tröst­lich ein Licht: unser güti­ger Herr­gott, der immer mit uns war und ist und blei­ben wird. Du! Ich bin mit Dir zuver­sicht­lich mein [Roland], wie es auch kom­men mag!

Dein Sonn­tags­gruß wird die­ser Bote wer­den, Dein Sonn­tags­gruß von mir. Mein lie­ber, guter [Roland], Du!! Möch­te er Dich auch ein wenig erfreu[en], ach, so sehr wün­sche ich’s mir! Trotz der Sor­gen, die ich hin­ein schrieb, Du! Mein Herz! Du wirst mich ver­ste­hen kön­nen, Dei­ne [Hil­de], die sich immer ein­mal anleh­nen muß an ihren lie­ben, guten, gro­ßen Hubo, zu dem sie so gläu­big auf­schaut, von dem sie alles Wun­der der Lie­be und Güte erhofft und von dem sie weiß, daß er sie, nur sie allein liebt; zu dem sie in gemein­sa­men Ver­trau­en blickt, dem sie ihr gan­zes, jun­ges, hilf­lo­ses Herz aus­brei­tet wie kei­nem Men­schen sonst auf Erden, Du wirst sie ver­ste­hen, Du!!! Mein [Roland]! Ich brau­che Dich! Du mußt bei mir blei­ben, Du!!! Ich könn­te nicht mehr leben ohne Dich! Ich könn­te es nicht.

Heu­te Mit­tag, gleich nach dem Essen bin ich mit Mutsch nach L. gegan­gen, uns[e]re weni­gen Ein­käu­fe zu erle­di­gen. Es war ein herr­li­cher Win­ter­tag drau­ßen. Kalt, bit­ter kalt — aber ganz blau der Him­mel und die Son­ne schien so hell. Man konn­te gar­nicht [sic] tief Atem holen, gleich gefror einem die Nase zu! Wir sind gelau­fen wie die Schnei­der, bloß damit wir schnell wie­der heim­ka­men. Für Papa Fritz II erstan­den wir 1 Schlim­pus [sic] und ¼ D[u]tz[en]d Taschen­tü­cher (mehr geben sie nicht raus jetzt!) und für Vater Fritz I das­sel­be. Mehr kön­nen wir auch nicht … [sic: Punk­te] opfern, Papa [b]raucht eine Som­mer­ja­cke für die Arbeit. Und Mutsch ihre sind alle weg­ge­schnit­ten bis auf die paar, die erst im Janu­ar gel­ten! Mei­ne? Na, mei­ne brauch ich doch für mei­nen Hubo u[nd] für mich! Ein schö­nes Interlo[c]k-Hemd erwisch­ten wir für Mutsch noch, das ist so wie Wol­le, weißt [Du]? Und weißt Du, was ich noch gekauft habe? Für die Kin­der in Bar­kels­by? Eine Pup­pe für Mag­da, einen Holz­zug einen bun­ten, für Hei­ni. Ich war so voll Freu­de heut[´], und ich dach­te an die bei­den klei­nen, denen ich vom Weih­nachts­mann so viel immer erzäh­len muß­te, und weil ich ihnen eine Freu­de machen [m]öcht[´], so will ich ihnen die Sachen schi­cken. Ich hät­te es ja so ger­ne, wenn Du ein­mal sehen könn­test, was ich für sie aus­wähl­te und ob sie sich auch dar­an freu­en und damit spie­len mögen! Magst nicht ein­mal nach dem Fest, so im Vor­bei­ge­hen hin­ein­gu­cken zu ihnen? Ach glaubst [Du], wenn man so Spiel­sa­chen kauft, da wird einem erst so rich­tig wie Weih­nach­ten; es ist, als ob man sel­ber wie ein Kind sich freut, rie­sig freut. und das kommt aber auch daher, wenn man ande­re erfreu­en will, wenn man mit gan­zer Lie­be etwas sucht und schenkt, dann zün­det man auch in sei­nem Her­zen die Freu­de an. Ich bin so froh, daß mir Oma Peter­sen

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den Gefal­len tut, für mich den Boten der Lie­be zu machen! Und ich möch­te mich ihr dafür erkennt­lich zei­gen, wie soll ichs? Ich glau­be, indem ich’s den Klei­nen so zukom­men las­se, berei­te ich auch ihr eine Freu­de. Und ich habe gese­hen, wie rie­sen­groß ihre Freu­de an einem Spiel­zeug ist, sie haben ja fast nichts zum Spie­len und ich habe auch an etwas Fes­tes gedacht bei mei­ner Wahl. Tan­nen­rei­sig für den Kranz brach­ten wir noch mit, wann ich den bin­de ist noch gar­nicht [sic] bestimmt, sicher erst am nächs­ten Wochen­en­de, wenn aller Rei­ne­mach­kram hin­ter uns liegt. So viel Arbeit mache ich mir nicht! Und die Fens­ter sind so gefro­ren, daß ich sie gar­nicht [sic] put­zen kann. Und wenn Mutsch merkt, daß ich krank bin, darf ich sowie­so nicht so lan­gen und han­tie­ren.

Bundesarchiv Bild 183-2004-0123-501, Bei Goldap, Vorweihnacht im Bunker.jpg
Vor­weih­nacht im Bun­ker, Ostap, Dezem­ber 1944. Advents­kranz aus Tan­nen­rei­sig im Hin­ter­grund. Foto von Wehr­macht-Bild­be­rich­ter Tie­menn, Bun­des­ar­chiv, Bild 183‑2004-0123–501 / CC-BY-SA 3.0. Lizen­ziert unter CC BY-SA 3.0 de über Wiki­me­dia Com­mons, 12.2015.

Mor­gen sol­len nun die letz­ten Pake­te zur Post, nach K., nach Bar­kels­by und noch­mal. Vom H. kam heu­te eine Kar­te von daheim aus K.; S. unter­schrieb mit 1000 Grü­ßen, der ist nun heu­te wie­der fort. Und E. schrieb mit dar­un­ter u[nd] sie freut sich der fro­hen Tage, die vor ihnen lie­gen — ach, ich kann’s ihr nach­füh­len. ‘Wir’ wür­den über­all feh­len, mei­nen sie! Ja wir 2 machen mal wie­der ’ne [sic] Aus­nah­me ja? Wir wol­len eben immer ganz, ganz mit­ein­an­der zusam­men sein, Du!! Du!! Aber Dir hät­te ich’s so sehr ver­gönnt, mal wie­der mit Dei­nen Brü­dern zusam­men zu sein! Wer weiß wann [es] nun wie­der mal klappt mit dem Urlaub. — Du! Ich woll­te noch so vie­ler­lei berüh­ren in mei­nem Brie­fe heu­te, von Dei­nem Boten, die ich schon vor Tagen erhielt! Es ist aber schon 10 gewor­den jetzt. Ich muß mich hin­le­gen, es ver­langt mich nach Ruhe, ich hab noch arge Schmer­zen heu­te, hab schon einen wol­le­nen Schal um den Leib gebun­den. Es wird bes­ser wer­den mein Lieb! Sor­ge Dich nicht!! Bit­te! Du! Es ist doch alles gut! Alles gut! Mein gelieb­ter [Roland], Du!! Dein ist mein gan­zes Herz! Dir allein schlägt es, voll Lie­be! Voll Treue! Voll Seh­nen! Ich seh­ne mich ganz sehr nach Dir, mein [Roland]!! Nach Dei­ner Lie­be, nach Dei­ner Zärt­lich­keit! Du!! Du!!! Behalt mich lieb! Wie ich Dich ewig lie­ben wer­de! Gott beschüt­ze Dich mir! Mein Leben! Mein Glück! In Lie­be

ganz Dei­ne Hol­de, Du!!!T&Savatarsm

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