13. Dezember 1940

Win­ter­land­schaft Alp­spit­ze um 1930, Foto Samm­lung J. Mei­er­hö­fer, lizen­ziert unter CC-BY-SA‑2.0‑de über Wiki­me­dia Com­mons, 12.2015.

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Frei­tag, am 13. Dezem­ber 1940.

Herz­al­ler­liebs­ter!! Mein [Roland]!! Mein lie­ber, guter [Roland], Du!!

Ein Tag folgt dem ander[e]n; gleich grau, gleich trü­be sind sie jetzt immer. Flo­cken fal­len, laut­los  Tag und Nacht. Sie decken alles zu, bede­cken die nack­te, frie­ren­de Erde mit ihrer war­men Hül­le. So fei­er­lich sieht es drau­ßen aus jetzt und beson­ders abends, wenn man ein­sam geht drau­ßen, da spürt man das Fei­er­li­che ganz deut­lich, das in die­ser Stil­le liegt  und in die­ser wei­ßen Pracht.

Ich wäre ges­tern abend nach der Sing­stun­de am liebs­ten weit noch hin­ein­ge­lau­fen in die Nacht, nach dem Wal­de zu, dahin, wo man kei­nen Men­schen begeg­net. Das tut so wohl, die­ses Gehen in der Ein­sam­keit  man fin­det sich selbst wie­der; es wird so ruhig und so still im Inne­ren. 

Aber noch mehr dräng­te es mich, mich Dir mit­zu­tei­len, mein Herz! Es hat mich erleich­tert, Du! Aber die Ruhe fand ich nicht, in die­ser ver­gan­ge­nen Nacht. Sie war so lang  end­los lang. Und kein Tages­schim­mer zeig­te die Mor­gen­stun­den an. Es wird erst gegen 9 hell. Ich habe gewar­tet, ich habe so gewar­tet, daß ich zu mei­nen Pflich­ten käme, das Stil­le­lie­gen quäl­te mich so. Die Gedan­ken  sie sind wie die Vögel, sie flat­tern immer umher, rast­los. Träu­me plag­ten mich  einer woll­te mir ein Lei­des [sic] tun  ich wuß­te Dich ganz nahe  und ich konn­te doch nicht schrei­en, die Keh­le war mir wie zuge­schnürt. Er war so wild nach mir  ich habe ihn noch nie geseh[e]n; er hat­te auch eine blit­zen­de Zan­ge in der Hand und einen wei­ßen Man­tel hat­te er an. Und er hielt mir den Mund ganz fest zu  ganz fest. Und dann  dann sah ich am Fuß­bo­den ein nack­tes Kind­lein lie­gen, so klein, und als ich nach ihm fas­sen woll­te, da war ich auf­ge­wacht. Und es war um 3 mor­gens. Ich habe gewar­tet auf den Tag, daß ich arbei­ten könn­te und nicht soviel grü­beln. Ich habe mei­ne Ner­ven zu sehr auf­ge­peitscht vor dem Schla­fen­ge­hen, ges­tern. Ich hät­te es nicht tun sol­len  ich weiß, es war doch schon immer so: wenn ich spät abends noch schrei­be, immer quäl­ten mich böse Träu­me, oder Schlaf­lo­sig­keit. Aber Du  Du!! Ich muß­te noch mit Dir reden  muß­te Dir noch mein Herz aus­schüt­ten! Ich hät­te sonst kei­ne Ruhe gefun­den.

Ich habe heu­te wie­der gewar­tet  ver­ge­bens.

Ich bin so bang, daß die Mut­ter mich fra­gen könn­te, wegen dem Baden heu­te, oder wegen der Anstren­gung bei der Wäsche mor­gen  sie weiß doch ganz genau, wann ich krank bin. Und mir wird immer ganz heiß, wenn das Gespräch ver­fäng­lich zu wer­den droht, und ich bemü­he mich so sehr, ganz unbe­fan­gen, wie sonst zu sein. Wenn ich Mut­ter bei den Mahl­zei­ten gegen­über sit­ze und sie sieht mich beim Spre­chen, oder so ganz neben­bei ein­mal fest an, dann beginnt das Herz ganz wild zu klop­fen  ach, und ich wäre da am liebs­ten sonst irgend­wo  nur nicht bei ihr. Es ist so etwas eige­nes um den Blick der Mut­ter.

Und ich brau­che gewiß kei­ne Angst zu haben, brau­che kei­ne Vor­wür­fe zu fürch­ten. Du bist ja bei mir, mein Herz!, was uns jetzt ge[sch]ieht, das müs­sen wir doch zusam­men tra­gen und Du schützt mich ja nun mit Dei­ner gan­zen Lie­be, mit Dei­nem Namen. Bin ich denn ehr­los? Bin ich denn eine unge­hor­sa­me Toch­ter, wenn ich geseg­net bin? Nein, Du! Ich bin Dein Weib! Mein [Roland]! Dein Weib!

Es ist mir nur so schwer, weil ich immer zu Hau­se noch bin und mich jetzt immer noch als der Eltern Kind nur füh­le, so wie es immer war  und ich fürch­te, daß ich jetzt mein Han­deln nicht ver­ant­wor­ten kann, vor den Eltern. Das ist, was mich bedrückt, weil ich sie noch nie im Leben betrüb­te, ernst­lich betrüb­te.

Aber das ist wohl ganz abwe­gig, womit ich mich hier zer­mar­tern will. Denn, Herz­lieb! Du! Ist es denn nicht so?:

Mit dem Jawort, das die Eltern Dir gege­ben haben, als Du um mei­ne Hand sie batest, haben sie mich Dir ja ganz zu Eigen gege­ben, ganz zu Eigen! Und nun bin ich doch mehr Dein, als ihnen [sic]. Aber noch mehr: Gleich­zei­tig, mit ihrem Jawort gaben sie doch auch zum Aus­druck, daß Du, mein Lieb!, jetzt auch als ihr Kind, als ihr lie­ber Sohn giltst. Du! Und sie haben Dich ja genau so lieb wie mich! Das weiß ich! Du! Du? War­um habe ich denn nur noch Ban­ge? Ach, es ist mir, weil es ein Geheim­nis ist  mein Geheim­nis  uns[e]res, Du! Und es ist auch das Scham­ge­fühl, was es [m]ir so schwer macht, wenn ich dar­an den­ke, daß ich eines Tages der Mut­ter sagen müß­te  oder ein­ge­ste­hen müß­te: ich wer­de ein Kind­lein haben.

Sie wis­sen es dann, Du! Die Eltern, daß wir uns so sehr lieb hat­ten, als ich bei Dir war. Ach, mein Lieb! Bit­te, ver­steh’ mich nur recht! Du!!! Nicht, daß ich mich Dei­ner schä­me, Du! Nein, nein, nein! Daß ich mich unse­rer Lie­be schä­me, auch das nicht! Aber es fällt mir so schwer, einem ande­ren Men­schen  und sei es die eige­ne Mut­ter, einen Blick tun zu las­sen in unser Heim­lichs­tes, Köst­lichs­tes, daß [sic] uns ver­bin­det, und daß [sic] nur uns bei­de angeht, Du! Herz­lieb! Ver­stehst Du das? Kannst Du das nach­füh­len?

Ach, soviel Sor­gen und Kopf­zer­bre­chen mache ich mir. Und dabei habe ich noch kei­ne fes­te Gewiß­heit. Aber, mein [Roland]! Ich kann auch nicht sein, die Hän­de im Scho­ße, gleich­gül­tig,  ja, es wäre in mei­nen Augen gewis­sen­los , und mich mei­nem Schick­sal erge­ben. Ich will alles mit ganz wachen Sin­nen füh­len, was mit mir vor­geht; es geht ja hier nicht nur um mich und um mei­ne Gesund­heit  es geht um viel, viel mehr, ich will mich nicht nur Dir erhal­ten, auch das Neue, das so Gott will, aus uns her­vor­ge­hen wird. Und ich habe es mir zum Vor­satz gemacht, daß ich jetzt ganz genau auf mich ach­te, auf die gerings­te Regung im Kör­per­li­chen, und ich will auch nicht mehr so rück­sichts­los, wie ich es gern tat bis­her, im Gebrauch mei­ner Kräf­te vor­ge­hen. Ich will alles beden­ken, mein [Roland], es ist bes­ser so und auch, wenn es nicht so wäre mit mir. Ich weiß, daß Du das nicht ger­ne siehst und ich sehe auch ein, daß ich mir so mit Gewalt scha­de.

Herz­al­ler­liebs­ter!! Heu­te nach­mit­tag kam Dein so lie­ber Bote vom Mitt­woch. Du! Ich dan­ke Dir ja so sehr, mein Lieb!! Ich schen­ke Dir einen ganz lie­ben, lan­gen Kuß dafür! Was Du mir schreibst, Du!! Wie es mich beglückt! Du hast mich ja so, so sehr lieb, Du!! Und ich kann doch das Wort Untreue gar­nicht [sic] in den Mund neh­men vor Dir, geschwei­ge denn, Dich auf Treue prü­fen! Dich!! Du!!! Glaubst Du, daß ich ganz im Erns­te mich um Dich sorg­te, wenn auf die­sem Fest Frau­en gewe­sen wären? Ach, es ist doch nur zu natür­lich, daß man gleich ein wenig eifersüchti[g] denkt!, wenn man sich so sehr lieb hat, wie wir uns, Du!!

Ich glau­be an Dich. Mein [Roland], das mag Dir alles bekun­den, was Du mir bist. Und wenn ich nicht in Dein Herz gese­hen, wenn ich nicht Dein Wesen erkannt hät­te, da müß­te ich viel­leicht manch­mal mich ver­zwei­felt fra­gen: ob er ganz mir gehört? Ob er denn nur mich liebt? Das brau­che ich mich nicht zu fra­gen, Du!! Du!!!

Ach, wer ist wohl glück­li­cher als ich, auf die­ser Erde?

Die Treue, das ist eine ganz sel­te­ne Blu­me in die­ser bösen Zeit. Daß sie mir blüht!!! Mir! Du!! Und Dir! Mein [Roland]!!

Wenn ich um mich bli­cke, im Krei­se der Frau­en und Mäd­chen, so schau­dert mich. Es ist gera­de, als ob auf einem Bee­te das Unkraut jeder Blu­me die Nah­rung ent­zieht, daß vie­le, vie­le ster­ben, wel­ken müs­sen  aber zwei Blu­men ken­ne ich, Du, die blü­hen so schön! Die las­sen nichts, auch nichts Häß­li­ches und Böses an sich her­an­kom­men.

Ich ken­ne dich, das sagt man oft so leicht hin. Ich ken­ne dich, das bedeu­tet alles, alles was zu einem Men­schen gehört an schwa­chen und star­ken und guten Sei­ten. Und ich ken­ne Dich, Du! Mein Herz­lieb! Und ich will Dich noch viel tie­fer und inni­ger ken­nen ler­nen und damit  lie­ben ler­nen, ja Du!, so wie ich Dich ken­ne, so lie­be ich Dich!T&Savatarsm

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