08. Dezember 1940

T&Savatar[401208–2‑1]

Sonn­tag, am 2. Advent 1940.

Herz­al­ler­liebs­ter!! Du!! Mein [Roland]!! Mein lie­ber, lie­ber [Roland]!!

Ich hat­te mich hin­gestetzt um zu häkeln ganz emsig woll­te ich sein. Der Vater schläft, die Mut­ter ist noch nicht da. So gut wür­de es pas­sen. Aber Du! Du bist es, der mir kei­ne Ruhe läßt! Du Schlim­mer! Mir brann­te rich­tig die Nadel zwi­schen den Fin­gern — ich muß­te sie weg­le­gen.

Nun sit­ze ich wie­der hier und den­ke Dein, mein [Roland]!

Dein Bote blieb heu­te aus — ich konn­te es erst kaum glau­ben, ich mein­te, Vater wol­le Scherz mit mir trei­ben — er fing näm­lich den Brief­trä­ger ab. Aber er wird mor­gen kom­men.

Ich bin nun heut[’] wie Du, eine uner­hör­te Lieb­ha­be­rin!

Meinst Du? Wört­lich genom­men könn­te ich’s nicht glau­ben!! Hast Du denn aus­ge­schla­fen, mein Dicker­le? Kame­rad­schafts­abend. Ich habe ges­tern abend noch so lan­ge wach gele­gen, ich muß­te immer an Dich den­ken. Musi­ziert hast Du wie­der ein­mal nach lan­ger Zeit; es wird Dir Freu­de gemacht haben. Du hast an sol­chen fest­li­chen Aben­den im Grun­de doch wenig Gewinn, Erbau­li­ches bie­ten sie ja kaum — Amü­san­tes, einen fri­schen Humor hast Du aber dies­mal gewiß ken­nen gelernt [sic]; nach­dem Euer Chef sich so inten­siv mit der gan­zen Sache befass­te! Und dar­um bin ich recht froh, daß Du den musi­ka­li­schen Teil über­nom­men hast, Du hat­test wenigs­tens einen Gewinn, eine beson­de­re Freu­de, ganz für Dich. Ich freue mich, wenn Du mir ein wenig davon erzäh­len möch­test!

Vori­gen Sonn­tag erleb­ten wir den schö­nen Got­tes­dienst. Ich den­ke so ger­ne dar­an zurück. Das waren aber auch die ein­zi­gen besinn­li­chen Stun­den an die­sem Tag — sonst alles ein bun­ter Wir­bel von Ein­drü­cken und Erleb­nis­sen. Die über­stürz­te Abrei­se, die Zeit in der Gesell­schaft Dei­ner frü­he­ren Kame­ra­den. Und dann saßen wir noch ein Weil­chen allein bei­sam­men — und doch — nicht allein — so vie­len Bli­cken Frem­der preis­ge­ge­ben.

In der Bahn, auf der Fahrt nach Kiel — Du! — Da wur­de mir so sehr schmerz­lich bewußt, daß die glück­li­chen Stun­den bald — o — bald — zur Nei­ge gehen woll­ten. Ich drück­te Dei­ne Hän­de, — Dei­ne so gelieb­ten, treu­en Hän­de — ich hät­te sie so von Her­zen ger­ne nie mehr los­ge­las­sen — Du! Du! Und wie­der stieg ein Wunsch auf in mir, heiß — fast inbrüns­tig: daß Du ein Stück von Dir mögest bei mir gelas­sen haben — Du — bei mir — in mei­nem Scho­ße — Liebs­ter, Du! Das Kind­lein uns gegen­über — ich muß­te es so oft anse­hen, so sehn­süch­tig schau­te ich auf das Bild — die glück­li­che Mut­ter. Und dann durf­ten wir die letz­ten Stun­den umein­an­der sein — Gelieb­ter! Über­all waren wir Fremd­lin­ge, muß­ten wir einen Unter­schlupf erst suchen, Du! Und doch — wo ich mit Dir auch bin — Du— mi[t] Dir — da ist Hei­mat! Da ist Gebor­gen­heit! Da ist Ruhe und süßes Wohl­be­ha­gen! Ob in der ärm­lichs­ten Hüt­te — ob im schöns­ten Hau­se. Wo Du bist — da bin ich daheim, da gehö­re ich hin. Du!! Du!!! Der Herr­gott sah gnä­dig auf uns her­ab.

Ruhig ging die Nacht vor­über — ich konn­te den Schlaf nicht fin­den. Du! Ich war so wach — ich bang­te um die Stun­den, die so unbarm­her­zig ablie­fen — die uns der Tren­nung näher und näher führ­ten. Ich lag mit bren­nen­den Augen, das Herz tat so weh —. Wie es doch schmer­zen kann, wenn man die Trä­nen bezwingt. Du! Du! Lie­ber, neben mir — Du muß­test zurück an den ein­sa­men Ort. Allein mußt Du nun alle Sehn­sucht ertra­gen, die­ser Gedan­ke tat so weh, so bit­ter weh, mein [Roland]!!

Du hast mich noch ein­mal lieb gehabt — ganz lieb gehabt — wie nie zuvor — Du!! Das dan­ke ich Dir! Du!!!

Das dan­ke ich Dir! Mein [Roland]!

Du hast mich damit so reich, so glück­lich gemacht! Du!! Du!! Ich weiß nun, daß Du es bist, der zu mir gehört — ein gan­zes Leben lang! Daß nur Du es bist, der mir das schöns­te Glück, die höchs­te Erfül­lung brin­gen kann — Du!! Du!! Mein[Roland]!!! Waren wir schon so glück­lich mit­ein­an­der, je zuvor? Sag? Du! Im Her­zen reich und hell voll Freu­de und Glanz uns[e]rer gro­ßen Lie­be gehen wir durch die Advents­zeit, hin zum Weih­nachts­fest. Mein [Roland]! Und die­ses rei­ne, köst­li­che Licht, das in uns brennt wird uns erwär­men, wenn ein wenig der Schmerz um unser Allein­sein kom­men will, am Fest. Mein [Roland]! Mein [Roland]! Ich bin bei Dir — alle­zeit!!

Ich habe noch nicht den Advents­kranz gebun­den, ich will ihn bis zu Weih­nach­ten fer­tig machen, wir wol­len in die­sem Jah­re kei­nen Baum machen; sie sind hier ganz rar, Papa hat heu­te mit einem Händ­ler gespro­chen, der sag­te sogar: die kin­der­rei­chen Fami­li­en wür­den vor­ge­hen. Wir freu­en uns am Kranz eben­so und der ist bei uns des Plat­zes wegen sogar noch lie­ber gese­hen, als ein Baum. Wir sind vori­ges Jahr so weit gelau­fen nach einem so ein­fa­chen Fich­ten­bäum­chen, das Geschäft mag heu­er kei­ner wie­der über­neh­men. In K. wird wie­der solch schö­ner, gro­ßer ste­hen. Ach mein [Roland]! Du! Kann ich Dich ein wenig trös­ten mit mei­ner Lie­be, wenn Du dies Jahr zum ers­ten Male nicht Weih­nach­ten daheim sein kannst? Du hast sonst immer den Baum ange­putzt, sagt die Mut­ter.

Du bringst es am schöns­ten! Ach Du! Wenn mein [Roland] erst den unse­ren schmü­cken wird!! Du!!

Nächs­tes Jahr wird es wohl sein, Du! Ich ahne es!

Ach, ich könn­te vor über­gro­ßer Freu­de wei­nen, wenn ich dar­an den­ke — an unser Heim — an unser Heim! Du!! Und ganz allein für mei­nen Herz­al­ler­liebs­ten will ich es schmü­cken und rich­ten — für ihn allein!! Er soll so gern drin woh­nen, daß er gar­nicht [sic] mehr fort will dar­aus. Du! Wie ich mich freue!

Der Vater steht auf, er hat Hun­ger — er weiß näm­lich, daß Kuchen im Haus ist! Na, ich will ihn nur ver­sor­gen, sonst läß[t] er mir ja auch kei­ne Ruhe. Er will dann noch­mal auf den Kusche — Han­del geh[’]n — ver­stehst Du? Und anschlie­ßend die Mutsch abho­len. Ich will heu­te noch an Frau P. schrei­ben — so aus aller­lei Grün­den. Nächs­te Woche habe ich dann alles wie­der allein zu machen, wenn Mutsch arbei­tet. Und zum nächs­ten Wochen­en­de gibt’s gro­ße Wäsche! Ich drü­cke dar­auf! Es ist gra­de so genug da. Schi­cke nur gleich alles Schmut­zi­ge noch weg!!

Nun ist der Sonn­tag bald wie­der vor­bei — es schneit, schneit was vom Him­mel kann. Bei Euch auch?

Ich den­ke an Dich, mein Herz! Wo wirst heu­te ste­cken? Erzäh­le mir!

Nun behü­te Dich mir Gott!! Bleib froh und gesund!

Herz­al­ler­liebs­ter!! Mein gelieb­tes Herz!! Du!! Ich lie­be Dich!! Ich lie­be Dich aus tiefs­tem Her­zen!! Ich bleib Dir treu!!

Ich gehö­re ganz Dir!! Nur Dir allein!!

Dei­ne Hol­de.

T&SavatarsmHerz­li­che Grü­ße von Papa! Du sollst an uns den­ken – er will auch an Dich den­ken. Er möch­te Dich ger­ne zum letz­ten Boh­nen­kaf­fee ein­la­den!!

Plea­se fol­low and like us:
error

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.