07. Dezember 1940

Matilda Compass
8.12.1940 begann Ope­ra­ti­on Com­pass, die ers­te gro­ße mili­tä­ri­sche Ope­ra­ti­on der Alli­ier­ten des Zwei­ten Welt­kriegs in Nord­afri­ka. Das Ver­ei­nig­te König­reich und die Com­mon­wealth-Län­der führ­ten einen Gegen­of­fen­siv gegen den ita­lie­ni­schen Ein­griff aus. Bild: Bri­ti­scher Matil­da-II-Pan­zer wäh­rend der Ope­ra­ti­on Com­pass, 19.12.1940. Bild: Kea­ting G (Capt) No 1 Army Film & Pho­to­gra­phic Unit, Impe­ri­al War Muse­ums, No. 4700–32, E 1416.
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Sonn­abend, am 7. Dezem­ber 1940.

Herz­al­ler­liebs­ter!! Mein [Roland]!! Mein lie­ber, lie­ber [Roland]!!

See­manns­fei­er­tag ist schon heu­te, und Du mußt ihn wie­der allein fei­ern — Du! Wie ich mich seh­ne, bei Dir zu sein, mein Herz!! Vori­gen Sonn­abend begann er für uns zwei Unge­dul­di­ge zwar recht spät — weißt Du noch? — Doch dafür wur­de er auch drei­mal fast län­ger aus­ge­dehnt, als üblich — bis zum Mon­tag galt er! Du! Die Glo­cken vom Kirch­tur­me läu­ten eben jetzt auch den Sonn­tag ein, 6 Uhr ist es. Und damit beginnt mein Fei­ern. Ich habe alle Arbeit aus den Hän­den gelegt — jetzt sind sie nur noch für den Herz­al­ler­liebs­ten da — Du!! Sie möch­ten sich aber soo [sic] ger­ne mit viel Lie­be­rem, Schö­ne­rem betä­ti­gen — Du — als mit Feder und Tin­te und Papier!! Heu­te noch nicht aber wenn 10 Wochen ver­gan­gen sind — Du — dann dür­fen sie sich schon freu­en — auf Erlö­sung — Du?? Du!!! Heu­te früh vor 6 war ich schon ein­mal wach — ganz hell war es schon drau­ßen — wir haben wie­der Mond und auch der Schnee leuch­te­te. Du! Da muß­te ich so süß Dei­ner den­ken — es kam ganz plötz­lich über mich — ich weiß nicht, war­um — und ich woll­te die Gedan­ken flie­hen — woll­te mich nicht quä­len — und es gelang mir nicht — Du — das war so schmerz­lich süß — ich kann mich doch nicht erlö­sen — und ich hab[‘] mich ganz tief in’s Kis­sen gewühlt — hab[‘] ganz fest die Zäh­ne zusam­men­ge­bis­sen — um nicht zu stöh­nen vor Sehn­sucht nach Dir — Du!! Ich muß dann aber wie­der fest ein­ge­schla­fen sein; denn mir träum­te von Dir — ich saß mit Dir zusam­men in einem offe­nen Wagen und fuhr durch enge Gas­sen mit Dir. An bei­den Sei­ten wuch­sen Tul­pen­bäu­me so hoch über die Zäu­ne der Gär­ten, daß wir sie mit den Hän­den fas­sen konn­ten — und ein Duft war rings umher — wie im Som­mer, wenn die Rosen blü­hen. Und dann hielt das Gefährt — erst stieg ich aus und wie ich mich nach Dir umwen­de [sic], bist Du fort — weiß nicht, wohin auf ein­mal.

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Wavell’s offen­si­ve, 9. 12. 1940–7.2.1941, Liby­en-Ägyp­ten, Nord­afri­ka. Kar­te: irgend­wann nach 1938, Depart­ment of Histo­ry at the United Sta­tes Mili­ta­ry Aca­de­my, Quel­le: Map34, gemein­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 12.2015.
Erin­nerst Dich noch des Rast­plätz­chens vom vori­gen Som­mer, das wir auf­such­ten, auf einer Rad­par­tie über N. (bei der Kir­che hin­auf) nach K. zu? So sah der Ort aus, wo ich aus­stieg. Sanft gewell­te Wie­sen, ein Bäch­lein war auch da — und im Hin­ter­grun­de stan­den eini­ge Bir­ken und — Du tratst dabei und sahst zu mir her­über, und Du beweg­test Dich nicht — und ich erschrak und in mir war Stau­nen, war­um Du so fremd warst — Du — und ich war so voll Sehn­sucht zu Dir, alles dräng­te hin, nur zu Dir. Und da wach­te ich auf — Du — ich muß­te mich erst besin­nen, wo ich war. Froh merk­te ich nun, daß es ein Traum mir war.

Und er ist auch ganz leicht zu deu­ten. Bevor ich wie­der zu schla­fen begann, war ich mit allen Sin­nen bei Dir — hat­te aber doch bei aller Sehn­sucht die Gewiß­heit, daß es nicht sein kann! Du bist mir ja so fern! Träu­me erlö­sen nicht oft, sie bedrü­cken eher noch mehr. Und uns Frau­en brin­gen sie Erlö­sung nie­mals — das ist unse­re Not.

Eine ande­re Art der Erlö­sung muß ich mir aber suchen — viel Arbeit — damit ich abge­lenkt bin — ver­ges­sen kann ich so leicht nicht. Und das tat ich denn auch — da hat es auch kei­ne Not hier bei uns! Heut[‘] früh um 8 ist Mutsch nach G. gefah­ren, zu Tan­te M.. Es war bis Frei­tag abend [sic] noch nicht ent­schie­den, ob sie fah­ren wür­de. Ers­tens: weil sie sich bes­ser die bei­den letz­ten Tage vor der Arbeit noch aus­ru­hen soll­te. Zwei­tens: weil das Schnee­trei­ben und der Sturm noch immer anhal­ten. Nun mein­te sie aber, es sei die bes­te Gele­gen­heit noch ein­mal vor ihrer Nie­der­kunft sie zu besu­chen, weil sie dann spä­ter nicht frei bekommt, so kurz vor Weih­nach­ten. Und an den Fei­er­ta­gen will sie bei uns zu Hau­se sein. Hin und her — her und hin.

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Pho­to­gra­phie einer Dop­pel­sei­te des Taschen­ka­len­ders “Zeit­wei­ser 1941”, mit “Ein­topf­sonn­tag” neben NS-Fei­er- und Jah­res­ta­gen. Bild: Onetimeuser04, 6 Febru­a­ry 2015, lizen­ziert unter CC0 über Wiki­me­dia Com­mons, 12.2015.

Papa sag­te: ‚mach’s wie du denkst — komm mir bloß nicht krank wie­der!’ Und ich hab[‘] dann sämt­li­che Woll­sa­chen ihr auf­ge­re­det! War mir das eine Won­ne, mal das Amt zu ver­se­hen, daß sie sonst ver­sieht! Mor­gen gegen abend [sic] ist sie wie­der da. Sie will ihr auch gleich mal unse­ren Stand­punkt klar machen von wegen der Wochen­pfle­ge! Nach Mit­tag war ich fer­tig mit der übli­chen Sonn­abend­ar­beit. Und Papa ging Ein­topf sam­meln. Das war für mich der gege­be­ne Moment, mei­ne Weih­nachts­ar­beit vor­zu­ho­len [sic]. Ich habe die Strei­fen zusam­men­ge­hä­kelt, nun fehlt oben und unten noch ein Gebind[‘] Garn her­an, das wer­de ich in 2 Tagen unge­fähr haben, dann noch umhä­keln und dann? Ist sie fer­tig! Ich wer­de froh sein. Wenn man sich die Zeit immer so wegmau­sern muß! Besuch kam heu­te gegen 200 auch. Der G. unten von K.s, er woll­te sich mal mei­ne Ahnen­ta­fel abschrei­ben, sie müs­sen das in der Schu­le haben. Er hat es gleich bei mir abge­schrie­ben, ich habe ihm gehol­fen. Aber viel kann er ja nicht gebrau­chen — nur die K.-Linie. Die­se Woche wäre ganz unver­hofft Schul­rat E. zur Tür her­ein­ge­schneit! Ihr Leh­rer (S.) sei ganz blaß gewor­den! V., bei dem sie dann Geschich­te hat­ten, wäre an dem Tage die Lie­bens­wür­dig­keit sel­ber gewe­sen. Wie er das so vor­bringt! Drol­lig! Ich wünsch­te, Du könn­test das mal hören.

Die Kon­fir­man­den­stun­de ist ja auch ein Kapi­tel für sich, wie ich höre. Die Jun­gen wür­den dau­ernd auf­ste­hen und sagen: „Herr Pfar­rer, ich glau­be das nicht, daß Jesus gebo­ren ist – und daß dies oder jenes wahr ist.” Und er wüß­te manch­mal gar­nicht mehr, wie er ihnen bei­kom­men soll­te. „War­um haben wir denn in der Schu­le kei­nen Reli­gi­ons­un­ter­richt mehr?” “Ja — ja, das ist Pri­vat­sa­che!” — Denk Dir — so ant­wor­tet der Mensch!! Und wenn der Pfar­rer dann fragt, wel­cher Leh­rer ihnen denn sol­che Sachen erzählt, wie ich oben auf­führ­te, dann schwir­re es durch­ein­an­der: nicht ver­ra­ten! Nicht ver­ra­ten! Das ist heu­te Kon­fir­man­den­un­ter­richt! Die reins­te Ver­schwö­rung.

Und ½ 400 kam mein liebs­ter Besuch — Dein Bote von Don­ners­tag! Herz­al­ler­liebs­ter!! Sie recht herz­lich bedankt!! Du!

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“Ahnen­ta­fel zum Nach­weis ari­scher Abstam­mung für 5 Genera­tio­nen, Ari­er­nach­weis. Für Adolf Hit­lers Holo­caust (Juden­ver­fol­gung) genützt,” Bild: Jens Lie­benau, 16.10.2008, gemein­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 12.2015.

Hast war­ten müs­sen? Du? Auf mei­nen Boten, Armer! Ja, wenn Mutsch daheim ist, wird es immer erst abends etwas aus mei­ner Stun­de für Dich! Und dann fürch­te oder graue ich mich, noch zur Post zu lau­fen; kommt dar­auf an, wie das Wet­ter ist. Du ver­stehst das — ich weiß, Dicker­le! Du ver­langst das auch gar nicht, daß ich noch bei Dun­kel hin­aus­lau­fe. Schrei­ben tu ich! Jeden Tag! Und wenn’s nur mal ein Gruß wäre, soll­te ein­mal etwas Beson­de­res vor­kom­men, was mich auf­hält. Außer denn, ich fah­re nach Eckern­för­de und es geht Kopf über Hals zu — da kanns’ [sic] vor­kom­men, daß auch der Gruß noch aus­bleibt! Du!! Den ver­füh­re­ri­schen Fahr­plan will ich mir fein säu­ber­lich abschrei­ben und zu den Akten legen, wenn .…. wenn.…!! Sonst muß ich erst ‘ne [sic] Men­ge Brie­fe durch­su­chen, Du!! Wo ich unter­kom­me? In das Loch, was Du mir da vorschl[äg]st gehe ich ja nicht, Du!! Ich habe genug von Mäu­sen! Du hast doch selbst gese­hen, wie gut mir dei­ne Uni­form paß­te – also, Du! Halt immer eine parad [sic]!! Und ein Bett ist nun nicht mehr frei? Ach, Matro­se [Nord­hoff], der Selbst­lo­se, er tut ja auch kei­nen Dienst, so aktiv wie wir! Er wird schon den ‚Neu­en’ mit in’s Bett­lein krie­chen las­sen!! Hm?? Ach bit­te, bit­te!! Ich ver­halt mich auch ganz still, ich tu kei­nen Mucks!! Aber alles darfst Du natür­lich auch nicht mit mir anstel­len! Kit­zeln — u.s.w. da muß ich lachen und quie­ken! Es wird schon geh[’]n!! — Ach, ja! Du! Am Don­ners­tag im Lichtlabend, da stand sie wie­der vor mir, die schö­ne Zeit, bei Dir sit­zen sah ich mich — Du, das war zu schön! Und wir waren uns so nahe — und dann auch so nahe anders, süßer, köst­li­cher noch als auf dem Sofa, beim Schrei­ben. Ach, Du!! Du!! Das Herz klopf­te mir zum Zer­sprin­gen in die­sen Minu­ten, da all die kost­ba­ren Stun­den vol­ler Glück vor mir stan­den. Du weißt, wie das ist, Liebs­ter! Auch Du kannst noch zit­tern vor Glück, vor ver­gan­ge­ner Selig­keit. Und die­se unsag­bar stol­ze, heim­li­che Freu­de, daß der Mann, den alle hier im Krei­se ver­eh­ren, schät­zen — immer noch — mich, mich liebt! Mein ist!! Du!!! Das Wis­sen über­strahl­te den gan­zen Abend in ihrer Run­de. Es war schön — wir haben erst rich­tig Sing­stun­de gehal­ten. Dann kamen Pfar­rers mit run­ter. Recht gemüt­lich saßen wir bei­sam­men — viel schö­ner, als im Gast­hau­se war’s — die Män­ner kamen auch dar­um nicht!! Wor­te zur Adventszeit sag­te uns der Pfar­rer, ganz schön — aber ich war nicht befrie­digt, er brach­te soviel Welt­li­ches her­ein, das paß­te nicht hin. H. S. erzähl­te über Sit­ten u.[nd] Gebräu­che in der Weih­nachts- u.[nd] Vor­weih­nachts­zeit, das fes­sel­te mich unge­mein. Durch sei­ne Ahnen­for­schung ist er sehr weit vor­ge­drun­gen auf die­sen Gebie­ten. scha­de [sic], daß wir nicht mehr hören konn­ten. ½ 12 erst war ich daheim! Nun für heut[’] genug, mein Gelieb­ter! Schlaf auch Du süß! Hof­fent­lich kom­men die Eng­län­der nicht so oft, weil wie­der Mond ist.

T&SavatarsmBehü­te Dich Gott, erhal­te er Dich froh und gesund! Mein lie­ber, gelieb­ter [Roland]!! Du!! Ich lie­be Dich!! Du!! Ich lie­be Dich aus tiefs­tem Her­zen!! Mein Glück, mein Leben!! Ich bin Dein!! Ich blei­be Dein!! Ganz dei­ne Hol­de!! In Treue immer­dar!! Du!!

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