05. Dezember 1940

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Don­ners­tag, am 5. Dezem­ber 1940.

Herz­al­ler­liebs­ter!! Mein [Roland]!! Mein lie­ber, lie­ber [Roland]!!

Grau ist der Him­mel, es stürmt und schneit. Bei uns wird es nun Win­ter mit aller Macht. Ich war noch kei­nen Schritt an der Luft heu­te, mir graut die Mutsch hat die Wege besorgt. Aber ich muß noch mal hin­aus heu­te, ich frie­re so, ich kann mich kaum erwär­men und dabei ist es so warm drin, meint Mutsch. Es fehlt mal [ein] bis­sel [sic: biss­chen] Sauer­stoff; es wird dann schon anders mit mir.

Jetzt ist Mutsch zum Arzt, sie will sich gesund schrei­ben las­sen. Es ist um 2 Uhr. Papa steht eben auf, er hat Hun­ger. Du mußt jetzt auch wie­der zum Dienst, Liebs­ter! Hast denn die Mit­tags­pau­se auch für Dich genützt, Du? Ein wenig geruht? Tu das nur, Herz­lieb! Hörst? Du hast es nötig! Ich kann mor­gens bis um 8 [Uhr] oder gar ½ 9 [Uhr] schla­fen, Du! Das reicht aus, da brau­che ich kein Mit­tag­schläf­chen. Aber ich bin schon immer eher wach, gleich nach 6 [Uhr] und dann kann ich nicht mehr fest ein­schla­fen und ich fan­ge an zu frie­ren, so beim Wach­lie­gen. Ich brau­che eine Wärm­fla­sche, Du!

Einen Apfel­ku­chen habe ich im Ofen ste­hen, wir müs­sen die Äpfel ver­brau­chen, sie wer­den uns näm­lich welk doch im Geschmack ver­lie­ren sie nicht. Ich will Dir trotz­dem wel­che in’s Weih­nachts­päck­chen ste­cken. Ja wir sol­len uns heut[‘] abend etwas zu Essen selbst mit­brin­gen es wird dies Jahr nichts mit Stol­len aus der Kas­se! Wenn sie gleich Geld hät­ten, doch die Zuta­ten?

Rich­ti­ge Lust habe ich nicht heu­te abend, ich seh­ne mich nicht nach ihrer Gesel­lig­keit aber ich seh­ne mich, etwas zu hören Musik Weih­nachts­klän­ge etwas von dem zu hören, seh­ne ich mich, wo Du, mein Herz mir ent­ge­gen­kommst; das ist immer so zau­ber­haft schön, wenn durch die Türe plötz­lich ein Bild, eine Stun­de aus der Ver­gan­gen­heit in die Gegen­wart geru­fen wird. Dar­um zieht es mich auch immer wie­der hin wie an tau­send Ban­den; ich lebe, ich zeh­re von die­ser heim­li­chen, süßen Gedan­ken­welt, wenn Du nicht bei mir bist. Das ist mir jede Woche wie ein klei­nes Fest im Grun­de weiß das nie­mand, was mir die Sing­stun­den jetzt, wo Du ja nim­mer bei uns bist, trotz­dem noch bedeu­ten. Man wür­de mich ja auch ver­la­chen dar­um, wie kann einer so vom Träu­men, von Ver­gan­ge­nem leben?

Aber das ver­steht kei­ner das soll auch kei­ner ich las­se mir aber die­se heim­li­chen, kost­ba­ren Stun­den der Erin­ne­rung durch nichts ver­lei­den. Und wenn nach dem Sin­gen der gesel­li­ge Teil folgt, dann füh­le ich sowie­so immer, daß ich nicht mehr zu ihnen gehö­re weil ich nicht mit dem Her­zen dabei sein kann. Trau­rig bin ich dar­über nicht, nein. Es ist kein Mensch unter allen denen, den ich krän­ken könn­te, der schmerz­lich emp­fin­den müß­te, daß ich mich zur Mit­freu­de zwin­ge. Der ein­zi­ge, mit dem sich [me]in gan­zes Inne­re befaß­te, ist mein aber er ist nicht in unse­rer Mit­te zu ihm allein strö­men all mei­ne Emp­fin­dun­gen und Gedan­ken. Um ihn allein hat sich frü­her mein Herz gequält, wie es wie­der sich quä­len wird, Du! Und ich kann auch nie und nim­mer aus­lö­schen, was in mir brennt.

Sieh, mein [Roland]! Es kommt wohl jede mit ihren eige­nen Emp­fin­dun­gen in uns[e]re Sing­stun­de. Wer kann in allen See­len lesen? Und ich kom­me so, wie ich bin, und ich ände­re mich auch nicht und wenn ich doch einen Men­schen den­noch krän­ken könn­te, weil ich für mich blei­ben will, dann tut mir das leid wohl aber mich ändern? Nein das kann ich nicht, das will ich nicht. Ich will nur Dein sein und blei­ben! Mein [Roland]!!

Ich kann eben­so eigen­sin­nig sein wie Du! Du!!

Von der Mutsch soll ich Dir was ver­mel­den!!

Ich hab[‘] ihr erzählt, was wir bezahlt haben für die Tage bei Frau P.. Und da hat sie sich so ent­setzt! Wir sei­en ver­rückt, das wäre doch viel zu viel. Wo ich alles selbst gekauft hät­te, Früh­stück, Mit­tag, Abend­brot sogar das Brot, die Sem­meln[,] den Kaf­fee[,] Malz- und Boh­nen­kaf­fee u[nd] Tee hät­te ich auch noch selbst gege­ben. Sogar die But­ter zum Bra­ten! Sie hät­te auch nicht mal das Bett machen brau­chen und bei mir auf­räu­men? „Na sagt mal? Was habt ihr denn da bloß gedacht?” „Wenn ihr mir das gebt für so paar Tage, da tät ich das gan­ze Jahr nicht wei­ter­ma­chen!” So sag­te sie Du!! 3,50 M[ark] pro Tag da hät­te ich woan­ders in vol­ler Pen­si­on woh­nen kön­nen, ohne mich selbst um’s [sic: um das] Essen zu küm­mern! Ja, viel zu viel hät­ten wir ihr gege­ben. D[a]rum hat sie gar so gestrahlt, Du! Und ist um uns [he]rumgerannt am letz­ten Tag! D[a]rum frag­te sie auch noch­mal:  „und das hier auch noch, fürs’ [sic: für das] Essen und Waschen, extra?” Als Du ihr noch etwas hin­leg­test. Na ja es ist nun gesche­hen.

Und ich hab Mutsch beschwich­tigt, so gut ich konn­te. Sie kam aber nicht gleich drü­ber hin­weg. Ich hät­te doch das auch wis­sen kön­nen, sie sagt wir sei­en zu gut, wir wären nicht genug hin­ter dem Geld her. Ich soll eben jetzt in der Zeit auch was spa­ren, und ich soll es eben genau so zusam­men neh­men, wie Mutsch auch. Bit­ter­bö­se war sie dar­um nicht, aber es war halt nicht in ihrem Sin­ne. Und ich weiß genau, sie hat im Innern gedacht, wenn sie es auch nicht sag­te:

Ich hän­ge alles an Dich und Du, gibst beden­ken­los aus.

Das hat mich ein wenig gekränkt. Ich hab mir aber nichts anmer­ken las­sen; was nützt es, wenn ich mich über­wer­fe mit ihr. Es ist unser Scha­den, ich weiß und wir waren sicher auch zu groß­zü­gig. Es soll uns eine Mah­nung sein fürs nächs­te Mal, Du! Wir müs­sen nun zusam­men ste­hen für das, was geschieht und wir wol­len das auch.

Auszug aus dem Brief, runder Punkt.
Aus­zug aus dem Brief, run­der Punkt.

Papsch hat sie nun noch auf ihre Sei­te zu zie­hen ver­sucht: er meint er wis­se da nicht so Bescheid, was es kos­te in der Frem­de, aber 20 M[ark] wären genug gewe­sen, wenn wir alles sel­ber gekauft hät­ten. Wenn wir immer so han­tie­ren woll­ten, kämen wir aber zu nichts 

Du!! Wenn sie das wüß­te von den [sic] 20 M[ark] Schein, ich möch­te bloß ihr Gesicht da mal sehen!! Du? Sag, hast Dus’ [sic: Du es] wie­der, Dicker­le? Bei mir war nichts, nichts zu fin­den. Na, und wenn es weg ist  ver­zwei­feln kön­nen wir auch nicht des­halb. Bes­ser, als wenn uns etwas Schlim­mes gesche­hen wäre. Wir wol­len uns aber vor­neh­men, ganz fest vor­neh­men, in Zukunft ganz pein­lich genau auf alles zu ach­ten, ja? Wir wol­len uns gleich ein­an­der d[a]ran erin­nern, wenn ein’s mal sün­di­gen will!!

Weißt, wor­an das jetzt liegt? Wir sind ver­liebt!

Ja  bestimmt  wir sehen und hören nichts, als ein­an­der

Aber das ist auch nichts unnüt­zes [sic], ja mein [Roland]?

Du, auf unse­rem Kon­to sind mit dem Dezem­ber­ge­halt 237 M[ark][,] davon ist aber auch schon das Por­zel­lan in K. bezahlt, ich hab es heut[‘] früh weg­ge­schickt u[nd] auch einen lie­ben Brief geschrie­ben.

Aber 50 M[ark] schul­de ich Papsch noch, weißt [Du] die Anschaf­fun­gen in der letz­ten Zeit, wo ich nichts abhe­ben woll­te. Das will ich nach und nach absto­ßen. So ganz ‚ohn’ [sic] sind wir nicht, Hubo! Und … ach so!!! Mund zu.

Heut[‘] kam Dein lie­ber Bote noch nicht, er wird mor­gen kom­men. Du!! Herz­lieb! Nun gehe ich noch­mal hin­aus in die Luft und brin­ge mei­ne Bil­der mit. Du, ich bin sonst ganz wohl, bis auf Klei­nig­kei­ten. Aber Herz­lieb, sorg’ Dich nicht!!! Heut abend will ich fest, ganz fest Dei­ner den­ken Du!! Ich wer­de uns bei­de auf dem Sofa sit­zen sehen in Bar­kels­by, im Stüb­chen! Herz­lieb!! Du!! Dei­nen Brief will er vor­le­sen!!!! Ich lie­be Dich!! Du!! Mein Glück mein Leben!!

Behü­te Dich Gott auf allen Wegen! Erhal­te er Dich froh und gesund! Du!! Du!! In unwan­del­ba­rer Lie­be und Treue bin ich all­zeit ganz, ganz Dei­ne Hol­de. Nur Dein!!!

Vie­le Grü­ße von den Eltern!T&Savatarsm

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