03. Dezember 1940

Hilde und Roland, während Hildes Besuch, Ende November 1940, Eckernförde.
Hil­de und Roland wäh­rend Hil­des Besuch, Ende Novem­ber 1940 in Eckern­för­de.

[401203–2‑1]

O., Diens­tag am 3. Dezem­ber 1940.

Herz­al­ler­liebs­ter mein!! [Roland]!! Mein lie­ber, lie­ber [Roland]!!

Mein ers­ter Gruß aus der Hei­mat wur­de ges­tern in H.W. begon­nen, er wird Dich mor­gen errei­chen. In O. ange­langt, galt mei­ne ers­te Sor­ge (Du!! Bit­te, bit­te nicht eifer­süch­tig sein!) Vaters Kof­fer, weißt? Und wirk­lich, er stand schon da, ich war ja so froh. Und ich habe ihn auch gleich an mich genom­men und habe ihn mit heim­ge­schleppt. Alle Leu­te sahen mich an, weil ich so bela­den war viel­leicht? Oder weil mir die Freu­de aus dem Gesicht leuch­te­te? Auf dem Wege gab es schon ein Grü­ßen und Zuru­fen von Bekann­ten: Na, wie­der daheim? Oho auch wie­der mal zu Haus! Und so fort. Ich war im Innern auch recht froh, daß nun alles wie­der glück­lich hin­ter mir lag und war froh, daß ich Dir tele­gra­fisch sogleich eine glück­li­che Ankunft mel­den konn­te. Du! Das woll­te doch um jeden Preis: Dir mei­ne Ankunft mel­den, damit Du, Lie­ber ohne Sor­ge ein­schla­fen soll­test. Ganz froh und unbe­sorgt um mich will ich Dich wis­sen! Um ½ 8 [Uhr] abends schluck­te es mich. Sag, hast Du um die­se Zeit das Tele­gramm erhal­ten, die Nach­richt? ½ 600 [Uhr], vor ½ 600 [Uhr] habe ich es auf­ge­ge­ben. Der Pfar­rer stand gera­de vor mir noch am Schal­ter und begrüß­te mich. Und auf sein Fra­gen nach Dei­nem und mei­nem Wohl­erge­hen erfuhr er mein Vor­ha­ben und daß ich eben von Dir käme. Er hat mir als ‘Kava­lier’ sofort den Vor­tritt gelas­sen und mein­te: um eine Frau [Nord­hoff] will ich ger­ne war­ten! So ein Schmeich­ler! Ach, nun will ich Dir erst mal von mei­nem Emp­fang erzäh­len, daheim.

Mit dem 5 Uhr Zug, wie du mir ganz rich­tig notier­test[,] kam ich an. Aber von Lud­wigs­lust an, wo ich umstei­gen muß­te[,] ver­än­der­te sich der Fahr­plan ein wenig in der Zeit, zwar nur um Minu­ten, ich hat­te län­ger Zeit zum Umstei­gen, als im Plan ver­zeich­net war. Und außer­dem bekam die­ser, ein Urlau­ber­zug war es übri­gens, im Lau­fe der Fahrt reich­lich Ver­spä­tung, sodaß ich in Leip­zig ange­kom­men nur eben ½ Stun­de Zeit hat­te. Mein Eil­zug nach Chem­nitz stand schon da und da [b]in ich natür­lich gleich ein­ge­stie­gen, hab mir einen schö­nen Platz gesi­chert ohne erst zu spei­sen, Du! Ach Du! Ich hat­te ja über­haupt kei­nen Hun­ger, muß­te den Kuchen hin­un­ter­wür­gen, eine Sem­mel. Ich konn­te eben nichts essen, ver­stehst Du das? Du, von Lud­wigs­lust ab saß ich zusam­men mit einer jun­gen Frau, die nach Wer­dau fuhr, allein in einem Abteil. Paar­mal woll­ten Sol­da­ten sich häus­lich nie­der­las­sen, die wur­den aber von der Kon­trol­le wie­der hin­aus­ge­räu­chert, „ob sie nicht lesen könn­ten? Wehr­machts­an­ge­hö­ri­ge hin­ten ein­stei­gen!”  Erst in Mag­de­burg kam eine alte Dame zu uns, die blieb auch s[i]tzen bis Leip­zig. Das war recht ange­nehm für mich, ich hab die meis­te Zeit an mei­nen Man­tel geku­schelt mit geschlos­se­nen Augen dage­ses­sen, hab zurück­ge­träumt zu Dir, zu Dir, Du!! Wie wir durch Eutin fuh­ren[,] ertön­ten da gera­de die Ent­war­nungs­si­re­nen! Ich bekam zuerst rich­tig [‘]nen klei­nen Schreck, mein­te es sei Alarm und wir müß­ten hal­ten! Du! Wie dank­bar und froh bin ich, daß wir die Nacht in Kiel gut über­stan­den. Es hät­te doch viel schlim­mer kom­men kön­nen. Und über­haupt, mein [Roland], wenn wir alle Tage ein­mal über­den­ken, die wir zusam­men waren, spü­ren wir nicht ganz deut­lich wie eine höhe­re Macht uns so güns­tig und gnä­dig beschütz­te? Kein Leid ist uns wider­fah­ren; kein Unglück trüb­te unser glück­li­ches Bei­sam­men­sein; alles ging zum Guten aus, nur zu unser bei­der Freu­de. Du Herz­lieb, das alles ist soviel Glück schon! Und nun den­ke ich an unser Glück zu zwei­en, das nur Dir und mir gehört, das nur Dich und mich bewegt! Ach Du!

Sind wir nicht zwei rech­te Glücks­kin­der?

Demü­tig wol­len wir blei­ben in unse­rem Glück, Du!

Dem Herr­gott wol­len wir immer wie­der von gan­zem Her­zen dan­ken und ihn aufs Neue bit­ten um Gna­de, um sei­nen Schutz und Bei­stand; Er möge ihn seg­nen, unse­ren Bund.

Und was in den Son­nen­ta­gen des Glücks Schmerz­li­ches unser Inne­res auf­wühl­te, Du Herz­lieb, das kam nicht so von, [sic] außen an uns her­an. Nein — es war unser eige­nes Suchen und Tas­ten nach dem Letz­ten, nach dem Ursprung unse­rer Lie­be. Die­sem nach­zu­ge­hen ist wohl nicht aller Lie­ben­den Wunsch, so den­ke ich, weil es kei­ne leich­te, köst­li­che Plau­de­rei ist, [^]jene die eher zu ganz Glück­li­chen paßt. Nicht, daß wirs’ [sic: wir es] nicht wären! Grüb­lern, ein wenig schwer­mü­tig ver­an­lag­ten Men­schen, die allem Gesche­hen bis auf den Grund der See­le schau­en wol­len, liegt das eher.

Gedenkstein für die deportierten Wiener Juden am Ort des ehemaligen Aspangbahnhofs in Wien (Herbst 2015)
Mit einem Schrei­ben von Reich­statt­hal­ter Lam­mers an den Wie­ner Gau­lei­ter von Schi­rach am 3. Dezem­ber 1940 begann die Depor­ta­ti­on der Wie­ner Juden, die bis 1942 abge­schlos­sen war. Hier ist der Gedenk­stein für die depor­tier­ten öster­rei­chi­schen Juden am Ort des ehe­ma­li­gen Aspang­bahn­hofs zu sehen. Foto Ralf Kau­pen­jo­hann, 10.2015, ver­öf­fent­licht im digi­ta­len Kul­tur­gü­ter­ver­zeich­nis der Gemein­de Wien unter der Num­mer 67505 unter Crea­ti­ve Com­mons, 12.2015.
Und zu denen gehö­ren auch wir bei­de; Du viel­leicht mehr noch als ich. Uns ist die Gewiß­heit, daß wir uns lie­ben, daß wir eins sind, gar­nicht [sic] genug. Immer tie­fer wol­len wir gehen, immer mehr ver­su­chen, unser gro­ßes Glück, uns[e]re Lie­be zu ergrün­den. Um uns[e]res Besit­zes immer inni­ger, immer fes­ter bewußt zu wer­den. Um die­sen Schatz uns[e]rer Lie­be immer köst­li­cher, immer wert­vol­ler zu emp­fin­den. Um immer wie­der aufs’ [sic] Neue von dem hei­li­gen Wil­len und Wunsch bewegt zu sein, die­ses wun­der­ba­re Geschenk uns[e]rer Lie­be, die­ses Got­tes­ge­schenk ganz fest, ganz rein zu bewah­ren in unse­rem Her­zen. Sind wir denn nicht die Reichs­ten unter allen Glück­li­chen? Auch wenn wir es uns manch­mal schwe­rer machen, als es in Wahr­heit ist? Du! Du!! Ganz gewiß! Sich vom güti­gen Geschick beschen­ken las­sen macht glück­lich. Aber die Grö­ße und den Wert die­ses Geschen­kes immer wie­der ein­mal ermes­sen zu suchen macht noch viel, viel glück­li­cher. Du, mein [Roland]!, so wie wir sind, so wie wir unser Leben sehen, so ist es gut und recht; ich lern­te es erst durch Dich, mein Herz, die­ses Sehen mit dem Blick in’s Wei­te, und es hat mich unend­lich berei­chert. – Vor Got­tes Ange­sicht brau­chen wir nicht mit nie­der­ge­schla­ge­nem Blick zu ste­hen, wir ste­hen in sei­ner Hut, in sei­ner Gna­de. Sei­ne gan­ze, gro­ße Lie­be zu uns wur­de auch in die­sen Tagen wie­der offen­bar. Das ist das größ­te und schöns­te Bewußt­sein: in Got­tes Gna­de und Schutz zu leben. Es steht über allem irdi­schem Glück. Wir wis­sen bei­de dar­um. Unse­rem Lebens­weg so zu gehen, daß uns die­se Gna­de nicht ver­sagt bleibt, ist unser bei­der größ­te, höchs­te Pflicht, die wir freu­dig erfül­len wer­den.

Und mit die­ser inne­ren Erkennt­nis, mit die­sem fes­ten Wil­len zu leben, will es uns da nicht leicht wer­den, allem mutig in’s Auge zu seh[e]n, was kom­men will? Ich bin nicht ban­ge vor der Zukunft, Herz­lieb, seit ich bei Dir war erst recht nicht. Du!! Du!!! Was Du mir bist!!! Du weißt es.

Ach, wir wis­sen ja so fest, so genau, was wir ein­an­der bedeu­ten! Du!! Du!! Aber Du hast recht, wenn Du meinst, [Du] müß­test mich, Dein Weib[,] ein­mal mehr ver­si­chern, wie so lieb Du mich hast. Es ist so wun­der­bar, so beglü­ckend, so ganz unbe­schreib­lich schön, das Geständ­nis aus dem Mun­de des Man­nes, aus Dei­nem Mun­de zu hören. Glaubst mir das? Ganz unsag­bar wohl tut mir das, Herz­lieb! Und ich kann Dir immer nur zuhö­ren, wenn Du mir von Dei­ner Lie­be sprichst, — immer nur zuhö­ren, Du!!! Du Lie­ber, Guter!!! Ach, von mei­ner Heim­kehr woll­te ich schrei­ben!

Ich stand nun erwar­tungs­voll vor der Haus­tür, bela­den wie ich war. Die bekann­ten Schrit­te klapp­ten die Stu­fen her­ab und – Vatern blieb gleich der Mund offen ste­hen, wie er mich sah! Sie hat­ten mich noch nicht erwar­tet. Sie sind aus unse­rem Brief gar­nicht [sic] klug gewor­den. Mutsch hat noch einen los­ge­las­sen an Dich! Wirst schön lachen, mußt ihn nun allein lesen!

Na, aber froh waren sie, froh, daß ich wie­der daheim war und dazu gesund und mun­ter. Denk nur: um 400 [Uhr] waren die [S]protten ange­kom­men – um 500 [Uhr] das Mädel sel­ber! So ulkig! Besuch war da, K.’s, aus der Nach­bar­schaft, die besuch­ten Mutsch. Und die hal­fen die „freß­ba­re Sel­ten­heit” mit aus­schä­len hel­fen. Wie ich nun ‚Alarm’ klin­gel­te haben sie das Gan­ze über­stürzt hin­aus­ge­räumt, in der Annah­me, es  sei ein Frem­der. Wir haben dann alle so gelacht. Na, die übli­chen ‚Drü­cker’ waren schnell erle­digt, schnel­ler als bei Dir, Du!!! Eine Tas­se Kaf­fee im Ste­hen hin­un­ter­ge­kippt, die Grü­ße bestellt, schnell die nötig[st]en Fra­gen beant­wor­tet und dann? Zur Post!!

So – nun konn­te es mei­net­we­gen wei­ter­ge­hen!

Papa muß­te dann in den Dienst, der Besuch ging schon eher fort. Und nach­dem wir Abend­brot geges­sen und ich die Kof­fer ent­leert hat­te, haben wir zwei noch eine Wei­le geplau­dert. Aber ich war soo [sic] müde mit einem Male. Es kam nun doch über mich, das Anstren­gen­de der lan­gen Fahrt, die schlaf­lo­se Nacht, nicht nur die eine, Du! Und Mutsch steck­te mich ins war­me Bett neben sich; ach, sie ist ja so froh, daß ich da bin. Sie ist wie­der ganz wohl, es ist nur die Ruhe, die ihr fehlt. Am Mon­tag will sie viel­leicht wie­der arbei­ten; denn sie wird nun zum Ver­trau­ens­arzt kom­men müs­sen, das tut sie aber nicht. Ich wer­de ja sehen wie es ihr bekommt, sonst set­ze ich einen Punkt. Ja Du! Punkt 800 [Uhr]  lag Dei­ne [Hil­de] in den Federn, und sie dach­te noch ein­mal ganz lieb, ganz fest, ganz innig Dein und sprach ihr Abend­ge­bet – allein – und schlief wohl auch ganz rasch ein – ich weiß nichts mehr dann, vom Uhren­schlag, oder wenn [sic] Mutsch kam. Bis heut mor­gen um 1000 [Uhr]!!, habe ich tief geschla­fen, so tief. Mutsch lach­te, wie ich ver­fitzt zur Tür her­ein­trat: War­um has­te [sic: hast Du] mich nicht geweckt? Ich soll nur nach­ho­len und mit einer Nacht wäre das nicht abge­tan! Sie ist doch gut, nicht? Ich war ein wenig schwin­de­lig heu­te den gan­zen Tag[,] ich den­ke, es kommt vom lan­gen schla­fen [sic]. Ein komi­sches Gefühl hat­te ich im Magen schon ges­tern, auch auf der Fahrt, es schmeckt gar­nichts [sic] recht. Es wird vom über­näch­tigt sein her­rüh­ren. Nach Mit­tag bin ich mit Mutsch ein Stück in die Son­ne spa­ziert, es war kalt und Schnee liegt hier. Es ist mir aber auch in der Luft nicht bes­ser, frei­er gewor­den. Es wird schon wer­den. Sorg Dich nicht Herz­lieb!! Bit­te, bit­te Du!! Aber sagen will ich Dir alles, wie mir ist, das möch­test Du doch auch? In weni­gen Tagen wer­de ich Gewiß­heit haben, mein [Roland]. Heu­te habe ich auch das lang­ersehn­te Bad genom­men, Du!, wie wohl das tat. Hast [Du] auch geba­det? Nun sit­ze ich noch mit Mutsch, die an ihrem Pullo[ver] strickt in der war­men Küche und will Dei­nen Brief been­den. Es ist schon 800 [Uhr] vor­bei, nein, gleich 9 Uhr. Was wirst Du wohl jetzt trei­ben? Schreibst mir wohl auch? Herz­lieb, Du? Ich freu mich so sehr auf ein Wort von Dir, Gelieb­ter!

Du!, um 500 [Uhr] kam der Fracht­brief von Eckern­för­de, unser Por­zel­lan! Papa hat die Kis­te mit dem Wagen geholt so groß ist sie, wir haben sie der­weil im Wasch­haus ein­ge­schlos­sen; packen sie mor­gen unten aus, weil sie zu groß ist um sie erst her­auf­zu­schlep­pen. Tau­send herz­li­che Grü­ße u[nd] gute Wün­sche von d[en] Eltern. Mein [Roland]!! Ich bin Dir in unend­li­cher Lie­be und Treue innig und fest ver­bun­den, ganz fest!! Du!!! Behüt Dich Gott! Mein Herz!!

[In unwan­del­ba­rer Lie­be] und Treue immer Dei­ne Hol­de. Du!!!T&Savatarsm

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