19. November 1940

Greek Offensive 1940 41 in Northern Epirus.svg
Grie­chi­sche Offen­si­ve gegen die ita­lie­ni­sche Armee, 1940 und 1941, Foto von Ale­xi­k­oua, 10.2014, auf Basis von DEMIS Map­ser­ver, lizen­ziert unter CC BY-SA 4.0 über Wiki­me­dia Com­mons, 11.2015.

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Diens­tag, den 19. Novem­ber 1940

Mein lie­bes, teu­res Herz! Gelieb­te! Hol­de mein!

Wenn ich die­sen Brief viel­leicht und hof­fent­lich auch nicht abzu­schi­cken brau­che, so mag ich doch auf die Plau­der­stun­de mit Dir nicht ver­zich­ten, Du! Herz­lie­bes! Dein neu­es Bild! Du hast es so beschei­den bei­gelegt. Es gefällt mir so gut, Du! So eins hast [Du] mir noch gar nicht gezo­gen, solch [ein] Gesicht. Amts­mie­ne wür­dest Du bei mir sagen. Was ist es über­haupt mit der Amts­mie­ne? Es ist ein stren­ges Gesicht, aus dem ein Wol­len, Bestim­men, Herr­schen über ande­re spricht, oder auch, in dem sich eine Reser­ve, Zurück­hal­tung, Abstand gegen­über der Umwelt aus­drückt. Die­ses Amts­ge­sicht ist also wohl nicht unser wah­res, natür­li­ches Gesicht in Ruhe­stel­lung, es ist aber auch nicht als ein fal­sches Gesicht zu bezeich­nen. Die Men­schen um uns her zwin­gen uns, Gesich­ter auf­zu­ste­cken und zu schnei­den. Du! Herz­lieb! Hast [Du] dar­in gar von mir schon gelernt? Ein wenig von mei­nem Miß­trau­en Dir ange­eig­net? Seit wir uns ken­nen, haben wir etli­ches erlebt, was die­ses Miß­trau­en auf den Plan rufen muß­te. Es verdienen’s nicht alle Men­schen um uns her, daß wir uns ihnen geben, wie wir sind. Es zah­len nicht alle Men­schen mit der guten Mün­ze der Gerad­heit, Offen­heit und Wahr­heit. Vor denen muß man sich hüten. Vor ihnen spannt man sein Gesicht zur Wach­sam­keit. Die Amts­mie­ne ist ein gespann­tes Gesicht. Für mich ist die­ses Bild nicht bestimmt, Du! Ich weiß es. Aber für die Rei­se und für die Poli­zei, für frem­de Men­schen. Und das ist gut so.

Von der rei­zen­den Uni­form schreibst Du. Wenn man Men­schen in die Uni­form steckt, macht man sie zunächst äußer­lich gleich; das gereicht vie­len zum Nach­teil, das gereicht aber noch viel mehr Men­schen zum Vor­teil. Die Uni­form stellt man­che Tugend erst ins rech­te Licht, aber viel, viel mehr ver­tuscht und ver­deckt sie Unver­mö­gen, schlech­te Gesin­nung. Vie­les, was der Mensch sich in der uni­for­mier­ten Men­ge erlaubt (fei­ge

— 1 — [Sei­ten­zahl am unte­ren Sei­ten­rand, mit­tig]

omslag 21.4
Rolands Sitt­lich­keits­nor­men und Wehr­macht­pro­pa­gan­da lagen nicht immer im Ein­klang, hier anti­se­mi­ti­sche und sexua­li­sier­te Pro­pa­gan­da zur Mani­pu­la­ti­on des ame­ri­ka­ni­schen Geg­ners. Mehr Info unter psywar.org.

ist im Grun­de), was er sich im Zivil nicht erlau­ben darf und zu erlau­ben wagt. Die Uni­form ist ein Blend­werk, auf das nur dum­me oder nai­ve oder anspruchs­lo­se Men­schen her­ein­fal­len kön­nen. Damit ist nichts gegen die Uni­form gesagt, aber dar­über gegen die Unvor­ein­ge­nom­men­heit, mit der man ihren Trä­gern nicht begeg­net.

Du! Wenn ich bei Dir bin, dann lege ich als ers­tes die Rüs­tung, den Waf­fen­rock, ab. Ich will Dein [Roland], Dein Hubo, Dein Dicker­le sein wie immer. Sind ja auch soviel eiser­ne Knöp­fe dran, und das Tuch ist so dick und gera­de über dem Her­zen bau­schen sich die Taschen. Genü­gen Dir die­se Grün­de, Herz­lie­bes?!! Auf die Uni­for­men kom­me ich zu spre­chen, weil ich aus dem Mun­de jun­ger Leu­te gera­de­zu Erschüt­tern­des wie­der hören muß­te die­ser Tage. Und es war nicht nur ein Renom­mie­ren. Für die jun­gen Män­ner habe ich kaum eine mit­lei­di­ge Regung übrig, aber für die Mäd­chen, die ihnen in die Hän­de fal­len, und für uns[e]re Kul­tur über­haupt. Es wird ein Segen sein, wenn die meis­ten ihre Uni­for­men wie­der aus­zie­hen müs­sen und dann wie­der bes­ser schei­nen und vor­stel­len, was sie sind. Frei­lich darf man nicht ver­ges­sen, daß die­ses Front­le­ben für vie­le eine Not her­auf­be­schwört, drau­ßen und daheim. Und sie zu über­win­den und sich zu beherr­schen, dazu gehört jene fes­te, her­zin­ni­ge Ver­bun­den­heit, die ent­schlos­sen ist um jeden Preis, auch Wider­wär­tig­kei­ten und Schick­sals­schlä­ge auf sich zu neh­men und mit­ein­an­der zu tei­len, dazu genügt nicht jene hohe und fla­che Gemein­schaft flüch­ti­gen Genus­ses. Über­all tie­fe Was­ser und fla­che Was­ser, tie­fe, die auch eine lan­ge Dür­re­zeit über­ste­hen, fla­che, die dann ver­sie­gen.

Herz­lie­bes! Diens­tag am Abend. Auf Dei­nen Boten habe ich gewar­tet, heu­te dop­pelt unge­dul­dig — er blieb aus — mor­gen ist schon Mitt­woch — ich bin ganz im Unge­wis­sen — aber ich [^]bin voll guter Zuver­sicht: Du wirst kom­men, wirst zu Dei­nem [Roland] kom­men — Du bleibst mein — — und wenn Du nicht — — — nicht kommst — — — Du bleibst mein! — — — Du hebst mir alles auf — — — — Du bleibst mei­ne [Hil­de] — mei­ne Hol­de! — — — Und Gott bleibt mit uns! — — Aber

— 2 — [Sei­ten­zahl am unte­ren Sei­ten­rand, mit­tig]

Du wirst kom­men!

Wie es auch kommt, Herz­lie­bes, eine Leh­re für die Zukunft müs­sen wir, müßt Ihr, mußt Du dar­aus zie­hen; und Du wirst dar­über wachen, daß sie gezo­gen wird!: [sic] Wenn Mutsch noch auf Arbeit geht wochen­tags und für uns schafft, dann braucht sie jeden Sonn­tag, um ein­mal aus­zu­ru­hen!! Wie war es jetzt? N.er Kir­mes — Wäsche — Chem­nitz! Ist es denn ein Wun­der, daß sie nicht mehr kann? Ist das noch ein Leben? Sie ist zu gut, sie mutet sich zuviel zu, sie läßt sich aus­nüt­zen, sie denkt nicht an sich. Und Du mußt dar­un­ter mit lei­den! Euer Leben ist gera­de unre­gel­mä­ßig genug, durch Mut­ters Arbeit, durch Vaters Arbeit. Das mußt Du der lie­ben Mutsch ein­mal ganz ruhig aber ein­dring­lich klar machen: Sie schafft für uns, für Dich — sie will unser Bes­tes — und weil sie sich zuviel zumu­tet — macht sie es Dir ganz unge­wollt schwer. Herz­lie­bes! Dein könn­te ich auf die Dau­er nicht ruhig zuse­hen!! Wir wer­den ein­mal unser gutes Aus­kom­men haben, Gelieb­te. Und Mut­ter und Vater könn­ten sich jetzt schon das Leben etwas leich­ter und ange­neh­mer machen. Mut­ter braucht nicht mehr zu arbei­ten. Sie darf ihr Geschenk an uns kei­nes­falls mit ihrer Gesund­heit erkau­fen.

Herz­lie­bes! Ich weiß, daß Du mir bei­pflich­test. Ich weiß aber auch, daß ich Dich immer wie­der mal ermah­nen muß, der Mutsch nicht nach­zu­ar­ten und über Dei­ne Kräf­te zu gehen. Es geht nicht nur um die eige­ne Gesund­heit, Du mußt auch die grö­ße­re Ver­ant­wor­tung beden­ken. Gelieb­te! Du weißt das — und willst das — und ver­gißt es dann doch über Dei­ner lie­ben­den Für­sor­ge. Wenn wir ein­mal bei­sam­men sind, will ich schon auf­pas­sen; aber jetzt will ich es auch schon — und Du sollst es in der Zeit uns[e]rer Tren­nung nicht schwe­rer haben, als Du es bei mir hät­test. Herz­lie­bes, Du mußt mir ver­spre­chen, mei­nem Wun­sche nach­zu­kom­men!

— 3 — [Sei­ten­zahl am unte­ren Sei­ten­rand, mit­tig]T&Savatarsm

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