18. November 1940

Italo-Grecian War 1940-1941 - political map of operations
Poli­ti­sche Kar­te der Mili­tär­ope­ra­tio­nen im Ita­lie­nisch-Grie­chi­scher Krieg, 1940–1941. Kar­te: Peri­klis* at the Eng­lish lan­guage Wiki­pe­dia, CCA-SA 3.0 Unpor­ted Lizenz.
[401118–1‑1]

Mon­tag, den 18. Novem­ber 1940.

Mein lie­bes, teu­res Herz! Herz­al­ler­liebs­te! Hol­de mein!

Ein glück­li­cher Zufall will es, daß ich die Anschrift Dei­ner Hal­ler Ver­wand­ten bei mir habe. Du hast sie mir nicht mit­ge­schrie­ben. Wenn die Post pünkt­lich arbei­tet und Du glück­lich hast abrei­sen kön­nen, dann kommt die­ser Bote recht­zei­tig in Dei­ne Hän­de. Mon­tag­abend ist. Dein Bote vom Frei­tag erreich­te mich erst heu­te. Und ich sit­ze nun im Unge­wis­sen, aber mit fes­ter Zuver­sicht und Hoff­nung. Gelieb­te! Ich schwank­te einen Augen­blick, ob ich nicht einen Boten nach O. abschi­cken soll­te mit der Annah­me, daß Du nicht habest abrei­sen kön­nen. Ich will auf Dei­nen Boten von mor­gen war­ten.

Nun soll ich die­sen Brief schrei­ben in der Annah­me, daß Du nun glück­lich auf dem Wege bist zu mir, soll Dir mei­ne Freu­de, mei­nen Jubel, mei­nen Will­kom­men brin­gen! Und es wird mir doch nicht gelin­gen heu­te Abend, weil ich Dei­ne Sor­gen tei­len muß und mich gefaßt machen dar­auf, Dir Trost und Geduld zuzu­spre­chen. Herz­lie­bes! Daß Dich die­se Rei­se auch noch das Opfer so anstren­gen­der Vor­be­rei­tun­gen kos­tet, daß tut mir sehr leid. Daß sie umfang­reich sein wür­den, war mir klar. Daß sie nun durch die Pfle­ge der lie­ben Mutsch viel grö­ßer und erschwert wur­den, das leuch­tet mir ganz ein. Und was ich jetzt sage, darfst Du nicht auf­fal­len als ein Zan­ken: die­se Vor­be­rei­tun­gen wer­den ins Uner­träg­li­che erschwert durch Eure unver­nünf­ti­ge Wäsche (ist Mut­ters Krank­heit doch viel­leicht ein Fol­ge davon!) und durch Euer über­spann­tes Haus­we­sen, an dem Ihr frei­lich kei­ne Schuld tragt. Gelieb­te! Ich bin gro­ßer Sor­ge um Dich und bit­te Dich von Her­zen: Den­ke an uns! Den­ke groß­zü­gig und umsich­tig!! Was über Dei­ne nor­ma­len Kräf­te geht, bleibt lie­gen!!! Daß Mut­ter ihre Pfle­ge, Vater sei­ne gewohn­te Ord­nung hat, ist Num­mer 1. Das Du ein Stünd­chen zum Atem­ho­len und Aus­ru­hen hast, ist Num­mer 2. Haus­ord­nung, Put­zen, Flim­mern, Boh­nern ist Num­mer 30, d.[as] h.[eißt] fällt unter den Tisch. Daß Dein [Roland] sei­ne Zeit abtritt, ist so selbst­ver­ständ­lich. Nur will er täg­lich ganz kurz unter­rich­tet sein und ein Zei­chen haben — 10 Minu­ten Herz­lie­bes. Daß er in Dei­nem Her­zen viel Stun­den, alle Stun­den [^]ist, des­sen ist er glück­lich gewiß! Herz­al­ler­liebs­te! Daß Du Dei­ne Lie­be jetzt tei­len mußt, und sie der lie­ben Mut­ter in rei­chem Maße zuwen­dest — das ist ja so natür­lich. Das hat mit dem Miß­ver­ständ­nis von damals nichts zu tun, mei­ne ich. Aber das nur neben­bei. Mut­ter muß wie­der gesund wer­den! Sie muß auf dem Wege sicht­ba­rer Bes­se­rung sein, wenn Du sollst abrei­sen dür­fen! Wir hät­ten ja hier kei­ne ruhi­ge Stun­de, wenn wir es anders hiel­ten. Und Mut­ter müß­te sich zurecht gekränkt und ver­las­sen fül­len.

"Heavy Fighting in Albania," The Argus (18.11.1940): 1, published in Melbourne, Victoria, Source: Australian National Library of Australia, über trove.nla.gov.au, 11.2015.
“Hea­vy Figh­t­ing in Alba­nia,” The Argus (18.11.1940): 1, published in Mel­bourne, Vic­to­ria, Source: Aus­tra­li­an Natio­nal Libra­ry of Aus­tra­lia, über trove.nla.gov.au, 11.2015.

Herz­lie­bes, wun­derst Dich, daß ich das so nüch­tern nie­der­schrei­be?, daß es mir gar nicht leid wäre, wenn Du nicht kom­men könn­test? Ach, Gelieb­te, so nicht!!

Aber dem Geschick, das hier wal­tet und ent­schei­det, müs­sen wir uns beu­gen, müs­sen wir, ja Du!! Und wenn es für den Augen­blick auch schmerzt — wir sol­len ihm uns im Innern uns[e]res Her­zens froh beu­gen — weil, ja weil es eben ein Geschick ist, ein von Gott Geschick­tes! So glau­ben wir doch?!! Du und ich! Ja, Gelieb­te! So erd­fern die Din­ge uns[e]res Glau­bens oft schei­nen, daß wir uns oft scheu­en, mit Wor­ten dar­an zu rüh­ren: Hier wird er auf­ge­ru­fen, unser Glau­be, mit­ten ein beweg­ten und greif­ba­ren Leben, und nun gilt es, ihn zu bewäh­ren! “Wir glau­ben, daß denen, die Gott lie­ben, alle Din­ge zum Bes­ten die­nen!” Unser Wort, Gelieb­te! Du wirst mich nicht einen Schul­meis­ter und Pre­di­ger schel­ten, wenn ich jetzt so schrei­be. Herz­lie­bes! Du selbst hast es schon gesagt: daß ich Dir in die­ser Geduld ein klein wenig über bin. Und Dein Dicker­le bit­tet sich gar nichts ein dar­auf — viel­leicht sind er doch nur die Jah­re, die ich Dir vor­aus habe. Nur eins: daß er gedul­dig und füg­sam

Auszug aus dem Brief, Seitennummer.
Aus­zug aus dem Brief, Sei­ten­num­mer.

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der Stim­me des Schick­sals folg­te, und dem Schick­sal [^]sich an-ver­trau­te, Herz­lie­bes, dem Zuge mei­nes Wesens dan­ken wir es bei­de [^]mit, daß wir für alle Zeit uns fan­den. Du ver­stehst mich recht, Herz­lie­bes! Siehst: Jetzt habe ich nie­der­ge­schrie­ben, was ich Dir auf Dei­nen lie­ben Brief ant­wor­ten möch­te. Und nun erfährst es, ob es noch nötig ist, oder ob wie es glück­lich z.d.A. (zu den Akten) legen kön­nen. Und wenn es nun doch nötig ist: Möch­te es Dir zum ers­ten Trost gerei­chen! Möch­te der Gedan­ke, daß Gott mit die­sem Ein­grei­fen unser Glück nicht stö­ren, viel­leicht aber ein Unglück abwen­den woll­te, Dich gedul­dig und erge­ben machen. Herz­al­ler­liebs­te! Kei­nen [A]ugenblick darfst Du die­sem Gedan­ken Raum geben: Dein [Roland] möch­te dar­an zwei­feln, daß Du nicht alles dar­an­ge­setzt hast, um unser Glück zu war­ten und unser Wie­der­se­hen zu ermög­li­chen; Dein Dicker­le möch­te den­ken, daß Du es hint­an­setzt mit Dei­ner Lie­be. Die­ser Gedan­ke wäre so abwe­gig und unsin­nig!

"Border Battle Reported: Thailand-Indochina," The Argus (18.11.1940): 1, published in Melbourne, Victoria, Source: Australian National Library of Australia, über trove.nla.gov.au, 11.2015.
“Bor­der Batt­le Repor­ted: Thai­land-Indo­chi­na,” The Argus (18.11.1940): 1, published in Mel­bourne, Vic­to­ria, Source: Aus­tra­li­an Natio­nal Libra­ry of Aus­tra­lia, über trove.nla.gov.au, 11.2015.

Ich bit­te Dich ganz fle­hent­lich, Gelieb­te!: Um Dei­net­wil­len! Um mei­net­wil­len, daßs ist ja all das­sel­be, mein und Dein, Du!: Bezwin­ge Dich! Fas­se Dich und gedul­de Dich! Ein ganz böses, schlim­mes Wort hast Du geschrie­ben, das mir Sor­ge machen muß, vom Herz­zer­rei­ßen! Du! Das darf nicht sein! Dein Herz ist auch mein Herz!! Hörst Du? Gelieb­te!!

Ich will beten für Mut­ter und für Dich, daß Euch die Kraft wach­te, in Geduld zu tra­gen, was Gott Euch und uns schickt.

Ach Herz­lie­bes! Magst aus mei­nen Zei­len erken­nen, daß ich es gut mei­ne, und daß ich Sor­ge tra­ge für unse­re Zukunft, wie es mir zukommt. Für uns[e]re Zukunft, Gelieb­te, die uns bleibt! Es bleibt das gro­ße Glück uns­rer Lie­be, auch wenn unser Wie­der­se­hen ver­scho­ben wer­den muß!! Liebs­te! Es bleibt uns[e]re Zukunft, von der wir im fes­ten Ver­trau­en auf Gott den Herrn so viel Glück und Reich­tum erwar­ten dür­fen! Du!! Mein lie­be, lie­be [Hil­de]!!

Laß Dich trös­ten von Dei­nem [Roland]! Er hat Dich so lieb!! Er behält Dich genau so lieb, auch wenn Du nicht kom­men kannst.

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Kar­te, Japa­ni­sches König­reich, Erwei­te­run­gen in 1940 in Lila, CCA-SA 3.0 Unpor­ted Lizenz, über Wiki­me­dia Com­mons, 11.2015.

Ja, nun muß ich ja wohl noch dem glück­li­chen Fall gerecht wer­den auf der 4. Sei­te. Gelieb­te! Braucht es da noch der Wor­te? Mor­gen, geb[’]s Gott, schau­en wir uns glück­lich Aug in Auge!! Und dann will ich erst mal zan­ken, und die Stir­ne Kraus zie­hen. Und [^]Du darfst sie weg küs­sen, die bösen Fal­ten. Und dann wird der Hubo, der Dir jetzt väter­lich Trost zusprach, jung wer­den, so jung wie sei­ne Liebs­te. Und wenn sie etwas feu­ri­ger ist als er, so kann ihm das ja auch nicht scha­den. Gleich und gleich gesellt sich gern — aber auch: Gegen­sät­ze zie­hen sich an. Und alles, was von gesel­len und anzie­hen (nicht miß­zu­ver­ste­hen!) spricht, ich glau­be, das wird dann auf uns schon pas­sen. Gelieb­te! Hol­de!! [I]ch wün­sche Dir eine glück­li­che und fröh­li­che Rei­se. Daß Du an mei­nem rot unter­stri­che­nen Befehl noch zu deu­teln wagst, das neh­me ich Dir bit­ter­bös, Du!! Dafür bekommst bestimmt eine Stra­fe, damit Du für die Zukunft folg­sam wirst! Herz­al­ler­liebs­te! Ich erwar­te Dich an der Post, oder spä­ter am Bahn­hof.

Nun behü­te Dich Gott! Er sei mit Dir auf allen Wegen und auf der lan­gen Rei­se! Er schen­ke Dir ein fro­hes, gedul­di­ges Herz! Er schen­ke der lie­ben Mut­ter bal­di­ge Gene­sung.

Herz­al­ler­liebs­te! So einen zwei­spal­ti­gen Brief habe ich wohl noch nicht geschrie­ben. Ich lie­be Dich, Du! Ich bin Dein [Roland]! Und [D]u gehörst mir Herz­lie­bes!! Dein Herz ist auch mein Herz! Du darfst es nicht zer­rei­ßen, wenn Du mich lieb­ha­ben willst.

Komm, Gelieb­te, daß ich es umfan­ge, die­ses Herz, daß uns[e]re Her­zen heiß zusam­men­schla­gen, Herz­lie­bes, daß wir Herz an Her­zen ruhen und sei­nem Schla­ge lau­schen: Du bist mein, ich bin Dein! Du liebst mich, ich lie­be Dich! Alle­zeit — alle­zeit! Lieb und treu — lieb und trau! Lieb um Lieb, treu um treu! Ewig Dein — ewig mein!

T&SavatarsmDein [Roland].

 

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