17. November 1940

Ope­ra­ti­on Mond­schein­so­na­te, Über­res­te des Coven­try Doms nach dem gros­sen deut­schen Bom­ben­an­griff, Coven­try, 11.1940. Quel­le: Tay­lor, E A (Lt.), War Office, Impe­ri­al War Muse­ums, H 5604, über media.iwm.org.uk, 11.2015.

[401117–2‑1]

Sonn­tag, am 17. Novem­ber 1940.

Herz­al­ler­liebs­ter!! Mein lie­ber, guter [Roland] Du!! Gelieb­ter mein!!

Sonn­tag­abend ist, das Haus ist still — die Eltern schla­fen, die ande­ren sind aus. Und ich bin nun allein mit mei­nem Aller­liebs­ten!! War heut[’] früh noch ein­mal im Got­tes­dienst, das letz­te Mal im O. vor der Rei­se. Wir haben ein Lied vor­ge­tra­gen, das konn­te ich noch von frü­her her. Denk nur: in G.s (Fabrik) Fest­raum hiel­ten wir Got­tes­dienst! Die Hei­zung ist wie­der mal kaputt; es kom­men die Hand­wer­ker ganz schlecht her­an zur Repa­ra­tur. Sonst hielt der Pfar­rer im Pfarr­hau­se, aber heu­te zur Abend­mahls­fei­er reich­te es nicht aus. Wun­der­lich genug kam mir’s ja vor, aber sei­ne Wor­te waren nicht übel. Und so war vor allem schön war d[’]rin, daß kei­ner durch die Käl­te abge­lenkt wer­den konn­te. Rauh und trü­be ist es heut den gan­zen Tag gewe­sen und jetzt ein fei­ner Regen ein­ge­setzt.

Chernabog, aus dem Seg­ment “Die Nacht auf dem Ber­ge Tri­g­law,” der Film Fan­ta­sia, Walt Dis­ney, USA, Novem­ber 1940. Musik von Niko­lai Rim­ski-Kor­sa­kow, 1892.

Rich­ti­ges Toten­sonn­tagwet­ter setzt ein. Aber bei mir im Her­zen scheint trotz­dem hell und warm die lie­be Son­ne! Du! Das bist ja Du!!

Die Mut­ter liegt nicht mehr, sie sagt da wären die Schmer­zen ärger und so kramt sie nun so umher. Frei­lich viel machen kann sie nicht, sie ist ganz steif im Hal­se, im Genick und den Rücken lang. Durch das Dampf­bad sei es noch schlim­mer gewor­den, meint sie. Wir wis­sen auch nicht, was wir den­ken sol­len. So ist aber auch kein Hexen­schuß, oder ähn­li­ches.

Hit­ler beim NSDAP Par­tei­tag, Nürn­berg, ca. 1928, Natio­nal Archi­ves Collec­tion of For­eign Records Sei­zed, Hein­rich Hoff­mann collec­tion, über Wiki­me­dia Com­mons, 11.2015

Mor­gen früh muß sie noch­mal den Arzt auf­su­chen, mal sehen, was der meint. Also unbe­ding­te Ruhe ist hier Haupt­sa­che, ich traf heut auf dem Heim­weg aus der Kir­che ihren Chef, er kam auf mich zu und begrüß­te mich, frag­te nach Mutsch und dem hab[’] ich’s gleich rich­tig klar gelegt, daß sie jetzt auf kei­nen Fall arbei­ten darf. Er war sehr nett und ver­nünf­tig und mein­te, daß sie sich nur mal eine Wei­le gut hal­ten soll, und ich möch­te sie nur recht gut betreu­en, er wür­de glau­ben, daß es schön sein müs­se, sich von mir betreu­en zu las­sen. Da wußt ich kei­ne Ant­wort auf solch dum­me Rede, und ich ließ ihn auch ganz kurz grü­ßend ste­hen dar­auf. Er schau­te mich ganz betrof­fen an, als habe er eine Dumm­heit gemacht.

Tür­schild mit der Auf­for­de­rung zum “Hit­ler-Gruß” nach 1933 Eisen 10 x 7,5 cm © Deut­sches His­to­ri­sches Muse­um, Ber­lin Inv.-Nr.: 1988/666, über Leben­di­ges Muse­um Online, 11.2015.

Weiß nicht was der hat, wenn er es irgend ein­rich­ten kann, hält er mich auf der Stra­ße an zum Grü­ßen. Ob er denkt, ich kom­me zu ihm in’s Geschäft? Na, ist ja auch egal.

Du!! Mein [Roland]!! Heu­te glau­be ich ganz fest dar­an, daß wir uns doch am Frei­tag wie­der­se­hen, nach Mut­ters Befin­den! Ich ver­sor­ge sie auch so gut, hab[’] sie elektris[ier]t, ein­ge­rie­ben, neh­me ihr alle Arbeit ab, daß sie sich gar­nicht anstren­gen muß. Und sie meint schon, ich soll mich nur auch noch bis­sel aus­ru­hen, ehe ich fah­re, daß ich nicht gar so abge­spannt ankom­me. Soll wenigs­tens zei­tig schla­fen geh[’]n, wenn ich den gan­zen Tag ’rum­ren­ne. Aber Du!! Ich muß doch auch noch bis­sel mit Dir plau­dern, kann doch bis zum Frei­tag nicht alles nur den­ken für mich allein! So muß ich halt den Abend benut­zen, tags­über ist wirk­lich jetzt kei­ne ½ Stun­de Zeit. Ich mache das nicht über­trie­ben Dir vor, Du! Glaubst mir das? Es ist eben noch zu v[iel] zu tun. Mein Stun­den, die ich bis zum Mitt­woch­abend noch hab[’], sind aus­ge­füllt bis zur letz­ten Minu­te.

Fan­ta­sia, Regie: Walt Dis­ney, Diri­gent: Leo­pold Antho­ny Sto­kow­ski Novem­ber 1940, USA.

Aber ich kann ja dann aus­ru­hen von der Hatz! Meinst? Du?!! Ich glau­be, das ‚k.er Fett’ ist längst wie­der ’run­ter, mir kommt’s wenigs­ten so vor, Du!! Wir haben aber auch zu vie­le Trep­pen­stu­fen und soo [sic] viel [sic] Wege noch.

Herz­al­ler­liebs­ter!! Du! Ges­tern habe ich erst Dei­nen Mon­tag­brief bekom­men, er muß irgend­wo lie­gen geblie­ben sein. Ich hat­te mich schon gewun­dert, daß nach dem Sonn­tags­brief am Don­ners­tag­nach­mit­tag der Diens­tag­brief kam. Nahm aber an, Du hät­test am Mon­tag viel­leicht kei­ne Zeit gehabt. Wun­der­te mich nur, daß Du mir den Grund nicht schriebst. Auf­ge­fal­len is mir[’]s sofort, weil wir uns ja täg­lich schrei­ben. Ich dach­te aber dann über mei­nem Drasch und dann über der Sor­ge um Mutsch nicht wei­ter dar­über nach. Am Frei­tag, als ich die Haus­ord­nung scheu­er­te klin­gel­te es, es war Post­zeit, als ich nach­sah, war der Kas­ten leer und nie­mand zu sehn. So hoff­te ich auf den Sonn­abend. Früh dann — wie­der nichts, Nach­mit­tag wie­der nichts. Aber das war denn doch undenk­bar und als ich mal den Kas­ten auf­schloß, sie­he da! Der vom Mon­tag klemm­te schief d[’]rin u.[nd] hat­te den Mitt­wochs boten nicht fal­len las­sen, daß ich ihn unten sehen könn­te, an den Löchern. Aber Dein Diens­tag­bo­te ist ord­nungs­ge­mäß ange­kom­men, da hab ich doch Don­ners­tag­nach­mit­tag auf­ge­schlos­sen. Der vom Mon­tag ist am Frei­tag­nach­mit­tag erst gekom­men, ste­cken geblie­ben u.[nd] Sonn­abends ist der vom Mitt­woch drauf­ge­fal­len. Hoch! War das in lan­ge Geschicht’!!

[“Der Zau­ber­lehr­ling”, aus Fan­ta­sia, dem Film von Walt Dis­ney, Novem­ber 1940, nach einem 1798 Bal­la­de von Johann Wolf­gang von Goe­the und 1897 Orches­ter­werk L’Apprenti sor­cier von Paul Dukas.]

Aber nun sind sie alle, alle bei mir!! Du!! Und heut[’] früh kam auch Dein Don­ners­tag­brief an! Nichts ver­lo­ren gegan­gen!! Du!! Mein Dicker­le, mein lie­bes, gutes, treu­es!!! Ich dan­ke Dir ja aus gan­zem Her­zen für all Dei­ne so lie­ben Wor­te!! Ach Du!! Ich wäre so unglück­lich, wenn nur einer von Dei­nen Boten ver­lo­ren gin­ge! Glaubst mir? Ich wür­de alle Post­stel­len aus den Lum­pen schüt­teln und ver­ant­wort­lich machen Du!! So, wie ich’s letzt hin in O. tat! Ja, das will ich Dir erzäh­len!!

Ich darf Dir jetzt nim­mer so süße Brie­fe schrei­ben?

Du, den Wunsch will ich Dir gern erfül­len.

Aber weißt, da wür­de ich ja doch mal mit einem kräf­ti­gen Don­ner­wet­ter d[’]rinfahren, wenn Ihr so paar Säu­fer habt, die nicht mal die weni­ge Nacht­ru­he unge­stört vor­bei geh[’]n las­sen! Macht Ihr da nichts gegen, eine Radi­kal­kur? Einen Pott eis­kal­tes Was­ser bekä­men die von mir über ihr bedu­sel­tes Haupt, das könnt ich sagen. Und wenn ich dafür [’]ne dicke Zigar­re bekä­me; aber ich hät­te sie wenigs­tens nüch­tern gemacht. Das ist gemein, auch noch rau­chen! Und Ihr habt das Ver­gnü­gen, in der Luft zu schla­fen!

O das wär[’] was für mich, da könn­ten sie aber Lie­be spü­ren. Einen Ersatz für mei­ne Gum­mi­ne [sic: wohl Wär­me­fla­sche]  kannst mir nicht ver­spro­chen? Scha­de. Ich hät­te sie sonst zu Haus gelas­sen, es wird sowie­so knapp mit dem Platz im Kof­fer. Aber viel­leicht hän­ge ich sie mir gleich hin­ter ins Man­tel­fut­ter, schön mit hei­ßem Was­ser gefüllt. Am Abend habe ich freie Hand von wegen des ‚Dicken’?

Du!! Mer­ke Dir, was Du da gesagt hast!! Daß mir kei­ne Kla­gen kom­men!! Mehr will ich hier nicht sagen.

Die Anschrift von Hal­le hät­test gern? Ei gewiß, herz­lich ger­ne! Bei Herrn Karl [Lau­be], Halle/Saale, S.weg … [.] Sieh nur zu, daß Du mir auch nach­kommst, Du grau­sa­mer Ver­fol­ger und Schür­zen­jä­ger!! Ich wer­de Dir fol­gen ‚–aber nur weil ich ein­se­he, daß Du recht hast — bild’ Dir nischt [sic] ein! — und um 17 Uhr auf dem Bahn­hof in Hal­le sein.

Heu­te haben mir auch Mut­ter und Vater geschrie­ben. Habe mich gefreut und mich auch gefreut, daß ich jetzt in den Tagen vor der Rei­se nicht in Vaters Nähe bin, der wür­de mich ja noch was Ehr­li­ches necken und ärgern! Ein Ori­gi­nal­zeug­nis davon will ich Dir nur gleich bei­le­gen, ich glau­be, daß ich auch bloß mit mei­nem Post­aus­weis hin­kom­me!

Von dem frucht­ba­ren Unglück schrei­ben auch sie mir.

Wird ja wie­der eine Sen­sa­ti­on für K. gewe­sen sein, eine Auf­re­gung.

Mut­ter schreibt, sie hät­te wohl noch eine Fahr­kar­te 2. Klas­se, aber wenn sie mit mir füh­re, da wär[’] sie doch wohl über­lei, wir hät­ten ja soo [sic] viel nach­zu­ho­len mit­ein­an­der! Wenn Som­mer wär und schö­nes Wet­ter ja, da tät sie sich der­weil an’s Meer set­zen! Ich hat­te sie näm­lich ein­ge­la­den zum Mit­fah­ren.

Mut­ters Brief an ihren Soh­ne­mann hab ich selbst­ver­ständ­lich nicht ohne Kon­trol­le mit auf die Post gewon­nen! Ich weiß alles! Ich wer­de fol­gen, jawoll!!! Solan­ge sie dabei ist. Was dann wird, weiß ich noch nicht! Psst, nicht sagen!!! [sic: klei­ner geschrie­ben].

Auszug aus dem Brief, kleiner geschrieben.
Aus­zug aus dem Brief, klei­ner geschrie­ben.

Wenn Voll­mond ist?

Ei Herr Leh­rer, wann die Son­ne am neu­gie­rigs­ten ist, und dem lie­ben Mond ganz genau gegen­über in’s Gesicht scheint!” Aber wenn Ihnen mei­ne Ant­wort unge­nü­gend ist, dann kön­nen sie mich getrost nach dem Unter­richt mal mit zu sich neh­men und es mir erklä­ren, viel­leicht kön­nen Sie es mir mal rich­tig vor­ma­chen, daß ich’s nicht mehr ver­ges­se?” [sic]

Ich hät­te kei­nen Spieß? Hast Du ’ne Ahnung!!

Und wenn Du denkst, Du hast alles und ich hät­te gar­nicht, so hast Du aber gera­de wie­der falsch getippt!!

Und Dei­ne Frau Pro­fes­sor bin ich schon gra­de nicht. Und ich bin doch 1.72 m lang, ich hab[’] mich ja heu­te extra mes­sen las­sen von der Mutsch!! Du!! Du!! Du bist ein alles .… ach, es hat ja kei­nen Zweck, wenn ich kom­me, krieg ich bloß noch einen mehr auf mei­nen Aller­wer­tes­ten. Und die Freu­de mach[’] ich Dir nun schon gra­de nicht, Du! Du!!!

Auszug aus dem Brief
Aus­zug aus dem Brief, Aus­ruf­zei­chen im Fett­druck.

Es ist mir eigent­lich immer noch nicht rup­pig genug, was ich Dir nun eben schreib. Weiß­te, ich wer­de doch das zurück­neh­men mit dem Ver­spre­chen: daß Dir kei­ne zärt­li­chen Brie­fe mehr schrei­ben will. Es ist aber bloß dar­um: (bil­de Dir ja nichts ein Du!! [sic]) Weil ich vor mei­ner Rei­se ganz wenig Zeit hab[’] Dir zu schrei­ben, und das Weni­ge auch noch ganz rup­pig schrei­ben; na, das mag ich Dir nicht gera­de antun. Heim­zah­len will ich Dir alle Schlech­tig­kei­ten, wenn ich kom­me! Da kanns­te [sic] aber was erle­ben Du!!!!!

Hier auf der andern Sei­te sehen’s die ande­ren Buch­sta­ben nicht was ich schrei­be, da brau­che ich mich nicht zu schä­men. Du dach­ten [sic] so aber bestimmt ich hät­te kei­nen Cha­rak­ter.

Coventry devastation H 5601.jpg
Hei­li­ge Drei­fal­tig­keits Kir­che, Coven­try, 16.11.1940. Quel­le: Impe­ri­al War Muse­ums, H 5601. Lizen­ziert unter Gemein­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 11.2015.

Herz­al­ler­liebs­ter!! Du!! Mein liebs­ter, bes­ter [Roland]!!

Ich bin heut[’] so froh, Du!! Ich dach­te bei all mei­ner Arbeit, die ja nur für Dich, um Dei­net­wil­len geschieht, so sehn­süch­tig, so zärt­lich Dein!! Du mußt es ja gefühlt haben, mein Lieb!! Und ich bin so froh, weil Mut­ter nicht mehr liegt! Ich bin voll Hoff­nung, Du!!

Der letz­te Sonn­tag allein!! [Roland]!! Mein Liebs­ter!! Wel­che Freu­de in mir wogt, wenn ich an den nächs­ten den­ke!! Du!!! Wir wol­len Gott immer wie­der bit­ten um sei­ne Gna­de, um sei­nen Segen für unser Wie­der­se­hen für unse­ren Bund! Ach, ich bin so voll Erwar­tung und Unge­duld wie vorm Hei­lig­abend — ach, noch viel mehr! Du!!

Wenn ich nur erst bei Dir bin!

Ich lie­be Dich, Du!!! Ich lie­be Dich!

Mein gelieb­ter [Roland]! Behü­te Dich mir Gott auf allen Wegen! Bleib froh und gesund Du!! Du!!!

Ich bin in uner­schüt­ter­li­cher Lie­be und Treue

T&Savatarsmganz, ganz Dei­ne Hol­de.

Plea­se fol­low and like us:
error

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.