17. November 1940

Deutsches Reichsgesetzblatt 1892 018 0339
Ver­ord­nung, betref­fend das Inkraft­tre­ten der auf die Sonn­tags­ru­he im Han­dels­ge­wer­be bezüg­li­chen Bestim­mun­gen der Gewer­be­ord­nungs­no­vel­le vom 1. Juni 1891. Vom 28. März 1892. Deut­sches Reichs­ge­setz­blatt Band 1892, Nr. 18, S. 339. Lizenz­frei über Wikisour­ce, 11.2015.
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Sonn­tag, den 17. Novem­ber 1940

Herz­al­ler­liebs­te! Gelieb­te mein! Mei­ne lie­be, lie­be [Hil­de], Du!

Es geht jetzt alles bis­sel ver­quer, bei Dir wie bei Dir [^]mir. Siehst, schon wie­der habe ich mich ver­schrie­ben. Ich hat­te heu­te eine Wut im Lei­be, Du! Denk, bis nach 5 Uhr haben wir im Schreib­zim­mer geses­sen! Lau­ter alten Mist (ent­schul­di­ge den dras­ti­schen Aus­druck) muß­te ich erle­di­gen, es wollt kein Ende neh­men. Ab 2 Uhr habe ich aber auch ein Gesicht auf­ge­setzt, das kann ihm nicht ent­gan­gen sein. Weißt, das ging gegen mei­ne eiser­ne Grund­sät­ze des Pri­vat­le­bens: Sonn­tag, und am Sonn­tag­nach­mit­tag, gleich gar, wird nischt [sic] gemacht, und wenn es noch so brennt. Nichts Häß­li­che­res, als wenn der Sonn­tag so zum All­tag ent­wür­digt wird. Na, mit Rück­sicht auf das kom­men­de kam es zum Glück zu kei­ner Ent­la­dung mei­ner­seits.

Also, es war schon dämm­rig, als ich nun ledig aller Pflicht mich nach Frau Hol­le in Marsch setz­te. Sie war zu Haus. In der dämm­ri­gen Stu­be der bekann­te Per­so­nen­kreis. Ich konn­te mich nicht gedul­den und bat, unser Stüb­chen sehen zu dür­fen. Nun war ich mit Groß­mutter allein; denn das Stüb­chen ihr Bereich. Liebs­te! Du! Klein ist alles, noch viel klei­ner [a]ls in L.. Wird es Dir gefal­len? Viel, viel ist Dein im klei­nen Stüb­chen, es fehlt eigent­lich nichts, was zur Ein­rich­tung eines Wohn­zim­mers und Schlaf­zim­mers gehört. Nur das Bett­lein stand noch nicht d[’]rin. Dein Dicker­le muß­te die Frau Hol­le erst ein mal [sic] dahin beru­hi­gen, daß wir, und Du spe­zi­ell, nicht anspruchs­voll sind. Ich habe ihr erzählt, daß wir schon oft mit so bäu­er­li­chen Ver­hält­nis­sen uns abfin­den muß­ten.

Potta under säng - Skoklosters slott - 85970
Nacht­topf unter dem Bett, 19. Jahr­hun­dert, Schloss Sko­k­los­ter. Inven­tar­num­mer SHOE 1995, SKO 10372, LRK 10372. Bild: Jens Mohr — LSH 85970 (sm_dig3202_1995), über Wiki­me­dia Com­mons, Schloss Sko­k­los­ter / Jens Mohr / CC BY-SA 3.0 Unpor­ted-Lizenz, 10.2015.
Und dann hat Dein Hubo Regie geführt und Anwei­sun­gen gege­ben und fra­gen gestellt: hier das Sofa, und hier das Bett­lein, und hier den Spie­gel­tisch, und dort etwas zum Auf­hän­gen der Klei­der und ein Fach für die Wäsche, und Ver­dunk­lung, und Licht, und das Töpf­chen unter[’]s Bett (ja, Du lachst, Frau Hol­le nahm das auf mit der ver­ständ­nis­volls­ten Mie­ne). Und sie ging auf alles freund­lich ein. Was mag sie wohl von mir gedacht haben? Und nun ist das Stüb­chen fest bestellt, bis auf Tag und Stun­de mit Feue­rung. Du!! Ich glau­be, frie­ren wer­den wir im Stüb­chen nicht! Der Ofen ist reich­lich. Dein warms Dicker­le! Der Ker­zen­schein! Du!! Da brauchst kei­ne wol­le­nen Hös­chen! Aber sonst möch­te ich Dir doch auch in aller Mil­de raten, für die Rei­se und für eo [viel­leicht: ex offi­cio] Spa­zier­gän­ge und für Dein Allein­sein etwas War­mes mit­zu­neh­men. Ich glaub, Dei­ne Gum­mi­ne [sic: wohl Wär­me­fla­sche] kannst zu Haus las­sen.

Ja, Herz­lie­bes! Über die­sen Vor­be­rei­tun­gen und Vor­keh­run­gen ver­gaß ich alles Träu­men. Und das ist doch auch recht so; denn es soll doch alles Wirk­lich­keit wer­den, Du!! Ich glaub[’], am Ende wird es Dir und uns recht gut gefal­len! Nicht [n]ur das Stüb­chen, son­dern auch die Men­schen. Sie sind für die­se Gegend ziem­lich auf­ge­schlos­sen. Ich mag davon nicht erzäh­len, das wirst Du erle­ben. Wir haben über ein Stünd­chen geplau­dert bei Ker­zen­schein, aller­lei Pho­tos habe ich bewun­dern müs­sen. Du! Eine Ker­ze genügt, um unser Stüb­chen mit Licht zu fül­len. Das kannst Dich nicht ver­ste­cken, höchs­tens unters Sofa oder unters Bett­chen — und da find ich Dich, Du!

Lage
Die NS-Behör­den rie­gel­ten das jüdi­sche Quar­tier am 16.11.1940 voll­stän­dig ab. Die jüdi­sche Bewoh­ner des neu­en War­schau­er Ghet­to dürf­ten es nur mit Son­der­ge­neh­mi­gung ver­las­sen. [John Steegh/Harrie Teunis­sen, “Topo­gra­phy of Ter­ror: Maps of the War­saw Ghet­to”] Kar­te: Jkan997, sharemap.org, Open Street Map Data, und War­saw City Admi­nis­tra­ti­on. Lizen­ziert unter CC BY-SA 3.0 über Wiki­me­dia Com­mons, 11.2015.

Ach Liebs­te! Du!! Nun komm! Komm zu Dei­nem [Roland]! Er ist ja doch nur halb ohne Dich! Alle Kost­bar­kei­ten sei­nes Lebens hast Du in Dei­nem Besitz!!! Heu­te ist Sonn­tag. Kein Bote kam. Die vom Frei­tag und Sonn­abend ste­hen noch aus. Du! Wenn mal schnell etwas zu sagen ist: [I]ch bin zu errei­chen durch Fern­spre­cher Eckern­för­de … . /

Hof­fent­lich geht es der lie­ben Mutsch wie­der bes­ser, und Du kannst in aller Ruhe Dei­ne Vor­be­rei­tun­gen tref­fen, ich wün­sche es so sehr! Ja, das ist alles, was ich am Sonn­ta­ge aus­rich­ten konn­te, und das allein Wich­ti­ge [^]ist besorgt. Daß aus der Geburts­tags­fei­er nichts wur­de, ist mir gleich recht.

Grie­chi­sche Gegen­an­griff gegen den ita­lie­ni­schen Erobe­rer, unda­tiert. Über warfarehistorian.blogspot.tw, 11.2015.

Ach Liebs­te! Was soll ich noch sagen heu­te?

Ein wenig wird unser Bei­sam­men­sein die Spur des Flüch­ti­gen, des Unzu­läng­li­chen, ^des Krie­ges tra­gen. Wir wer­den es ver­ges­sen in den glück­lichs­ten Stun­den. Wann ich auf Urlaub kom­me, Du, dann gelingt es uns viel­leicht, für Tage sie ganz aus­zu­lö­schen. Und immer wei­ter müs­sen wir u[ns]ere Hoff­nun­gen span­nen: Möch­te es doch bald Frie­den wer­den, daß wir für immer bei­sam­men sein kön­nen! Gott wal­te es! Nun müs­sen wir ein paar Tage noch ganz brav sein! Die Sor­ge um Dei­ne Rei­se, die Sor­ge um die lie­be Mutsch machen mir es leich­ter. Frei­lich, die Unge­duld wird von Tag zu Tag zuneh­men. Und mor­gen wird Dein lie­ber Bote kom­men! Herz­lie­bes! Ich über­le­ge eben, ob ich Dir noch etwas Wich­ti­ges zu sagen habe. Mir fällt gera­de nichts ein. Hof­fent­lich fragst mich noch zei­tig genug. Hast etwas zu lesen auf die Rei­se? Ich den­ke schon lan­ge dar­an. Bin aber wochen­tags nicht in die Stadt gekom­men. — Du! Ich rech­ne eben: das ist mein letz­ter Bote nach O.! Einen will ich noch nach Hal­le schi­cken.

400.000 Men­schen wur­den ein­ge­schlos­sen und über­wacht. Die Deut­schen ver­folg­ten gegen­über den Men­schen im Ghet­to eine Poli­tik der Unter­ver­sor­gung, Dis­kri­mi­nie­rung und Gewalt. Der Foto­graf Lud­wig Kno­bloch war Mit­glied einer Pro­pa­gan­da­kom­pa­nie der Wehr­macht, das Foto ent­stand ver­mut­lich im Mai 1941. (© Bun­des­ar­chiv, Bild 101I-134‑0782-24 Foto: Kno­bloch, Lud­wig / Mai 1941 ca.), über “Das Film­frag­ment “Ghet­to” – erzwun­ge­ne Rea­li­tät und vor­ge­form­te Bil­der,” Bun­des­an­stalt für poli­ti­sche Bil­dung (8.5.2013), ver­bun­den 11.2015.

Gelieb­te! Herz­lie­bes! Hol­de mein! Dein [Roland] war­tet auf Dich! Er war­tet [a]uf Dich sein gan­zes Leben, sooft Du ihm fern bist. Er war­tet auf Dich mit der gan­zen Sehn­sucht sei­nes Lebens. Er sehnt sich eins zu sein mit Dir, und Dich erfüllt das näm­li­che Seh­nen. Du! Wir bei­de gehö­ren zusam­men! Wir sind ein­an­der ange­traut vor Got­tes Ange­sicht! Du bist mein, ich bin Dein! Dem gilt unser gan­zes Trach­ten und Wol­len und Seh­nen! Liebs­te, Du! Ich glau­be fest, daß Gott es so in uns[e]re Her­zen leg­te! Ich glau­be, daß er über unse­ren Wegen wacht, daß ich Dein Beschüt­zer wer­den soll­te, und daß Du mir Dei­ne Lie­be schen­ken soll­test! Ihm wol­len wir uns anbe­feh­len in allen Stun­den. Er ist die ein­zi­ge Gewiß­heit, die ein­zi­ge Gerech­tig­keit, Güte und Lie­be in die­ser Welt, der ein­zi­ge Halt. Liebs­te! Ihm will ich Dich befeh­len [f]ür Dei­ne Rei­se, ihm wol­len wir befeh­len alle Stun­den uns­res Bei­sam­men­seins. Wir wol­len ihn bit­ten, bei uns zu blei­ben auch in den Stun­den mensch­li­cher Schwach­heit.

Behü­te Dich Gott! Her­zens­kind! Hol­de mein! Ich bin Dein [Roland] ­— in den Stun­den des Glü­ckes (wie­vie­le [sic] möch­ten dann nicht Dein sein, süßes Weib!) — ich bin Dein [Roland] in allen Stun­den, mit dem Blick auch auf alle erns­ten Stun­den, mit dem Blick auf den gan­zen Ernst die­ses Lebens — Gelieb­te, mit mei­ner gan­zen Treue! Köni­gen mei­nes Her­zens, Du! Heiß und dank­bar schlägt mein Herz Dir zu, weil Du mir allein Dich schenk­test, Dein gro­ßes Herz und Dei­ne uner­meß­li­che Lie­be mir weih­test. Dank! Gelieb­te! Dank! Du!! Ich lie­be Dich! Ich las­se Dich nie und nim­mer­mehr! Ich bin Dein [Roland]. Gelieb­te! In Treue und mit mei­ner gan­zen Lie­be Dein [Roland]!

T&SavatarsmUnd Du bist mein! Du!! Mein! Bald bist es wie­der! Du!! Komm, Liebs­te, Hol­de mein!!!

 

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