16. November 1940

Fasching, Lie­bes­film, Deutsch­land, 1939. Über Rarefilmsandmore.com, 11.2015

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Sonn­abend, den 16. Novem­ber 1940.

Mein lie­bes, treu­es Herz! Gelieb­te! Hol­de mein!

Heut[’] fang ich mal ganz anders an. Wir sahen schon wie­der einen Film: “Fasching”. Viel­leicht hast schon von ihm gehört. Er hat mich einer Beson­der­heit wegen gefes­selt.

Fasching, Lie­bes­film, Deutsch­land, 1939. Über Cinema.de, 11.2015

Auf der Fahrt nach Mün­chen ler­nen sich zwei ken­nen, scheu und flüch­tig, wie man sich so auf Rei­sen ken­nen lernt. Die bei­den Men­schen fan­den [G]efallen anein­an­der, viel­leicht noch mehr, und ver­ab­re­de­ten, sich zu tref­fen, sie waren bei­de Nord­deut­sche. Sie hat­ten aber in aller Eile nicht ein­mal ihre Namen genannt. Und zur Zeit des Stell­dich­eins war der ver­ab­re­de­te Platz erfüllt von dem Trei­ben des Faschings. Und nun such­ten Sie ein­an­der — wie man dann so sucht, Du! ich [sic] ken­ne das! Und such­ten ein­an­der in den Ver­gnü­gungs­stät­ten des Fasching — und — ob sie woll­ten oder nicht — muß­ten sich nun unter die fasching­stol­len Men­schen bewe­gen — muß­ten sich hän­seln und bespöt­teln las­sen ob ihrer Steif­heit und ihrem Unge­schick, die­ses Trei­ben mit­zu­ma­chen. Hun­dert Gele­gen­hei­ten und Aben­teu­er boten sich an, ihm und ihr — aber sie blie­ben fest und such­ten ein­an­der und fan­den sich dann end­lich auch.

Fasching, Lie­bes­film, Deutsch­land, 1939. Über Cinema.de, 11.2015

Zwei­er­lei Men­schen­ty­pen, die aus die­sem Film deut­lich wer­den! Faschings­men­schen — und ande­re, Leicht­blut und Schwer­blut. Faschings­men­schen, die sich leicht ein­mal ver­ges­sen kön­nen, lau­nisch in ihren Nei­gun­gen — und die ande­ren, die sich treu blei­ben müs­sen, mit einem uner­bitt­li­chen Gedächt­nis und Gewis­sen, die nicht ver­ges­sen kön­nen, auch im Rausch nicht. Du! Herz­lieb! Zu wel­chen gehö­ren wir bei­de? Dein Hubo? Und mei­ne Hol­de? Schwer­blut — ja — Du! Von Dir habe ich es ein­mal nicht geglaubt, als ich Dich noch nicht kann­te. Aber Du bist es auch, ganz sehr, wenn auch in etwas locke­rer Form als Dein Dicker­le. Und das ist gut so. Gut für das Dicker­le. Aber daß Du es auch bist, Du, die­se Ent­de­ckung hat mich glück­lich gemacht!

Nazi-Soviet 1941
Kar­te von Ost­mit­tel­eu­ro­pa mit Gren­zen von 1938 und Stand vom 11.1940. Quel­le: ver­ar­bei­tet von Kar­ten aus der Uni­ver­si­ty of Texas Libra­ries, Mosed­schur­te, 12.02.2009, über Wiki­me­dia Com­mons, 11.2015.
Weißt, als ich raus­ging aus dem Kien­topp [sic], da habe ich so sehn­lich gedacht und gewünscht, daß ich dann mit Dir, Gelieb­te, noch so viel Schö­nes erle­ben, lesen, sehen, hören und erlau­schen will, wenn nur erst Frie­den ist, Du! Dar­auf freue ich mich ganz, ganz sehr. Und wenn wir bei­de dann im Inners­ten auch für uns blei­ben (ich mei­ne für uns bei­de zusam­men), so sind wir doch dann kei­ne Ein­sied­ler. Für alles Hohe, Ech­te, Gute und Schö­ne wol­len wir alle Sin­ne weit offen hal­ten, wol­len dar­in heim­lich und bewun­dert sein! Du! Herz­lieb!

Mit die­sen Glücks­ge­dan­ken lief ich dann schnell, um nach der Post zu sehen. Gezit­tert hat der Hubo und das Herz hat ihm geklopft wie einem Back­fisch, als er in den Brie­fen den sei­ner Liebs­ten gesucht hat. Und dann hat er ihn gefun­den! Und so mager faß­te er sich an. Aber lieb habe ich ihn nun wie alle ande­ren! Er kommt von der Gelieb­te, der gleich lie­ben, guten und treu­en!! Herz­lieb, ich will mir noch wei­ter kei­ne Sor­gen machen, und wenn sie sich zei­gen wol­len, dann vor allem um Dich. Was Du mit den wenig Wor­ten umrei­ße, ist nicht hel­fen kann, wo Du sel­ber der Scho­nung bedarfst. Liebs­te, sie kommt ja zu spät, mei­ne Bit­te für dies­mal, aber sie gilt auch für alle künf­ti­gen Male: Denk auch an Dich, denk an uns, Herz­lie­bes!!!

Die heu­ti­ge Nacht läßt sich gera­de so an wie die ver­flos­se­ne: der ers­te Alarm um 8 Uhr, und jetzt, ½ 12 Uhr, noch immer Bereit­schaft, die Leu­te sind alle oben und ich habe eben wie­der eine Stun­de Frei­wa­che. Ver­gan­ge­ne Nacht war dann von 12 — bis gegen 5 Uhr Ruhe, wenigs­tens Zeit zu einem klei­nen zusam­men­hän­gen­den Schläf­chen, gegen mor­gen brach­ten uns die heim­keh­ren­den Tom­mys dann wie­der in Trab.

Fasching, Lie­bes­film, Deutsch­land, 1939. Über Cinema.de, 11.2015.

Du! Das ist nun bald einer der letz­ten Brie­fe, die Dich zu Hau­se errei­chen, wenn alles noch Wunsch geht. Du schreibst an mich bit­te bis zum letz­ten Tage, und wenn es nur ein Küß­chen ist und ein Grüß­chen, damit ich auch weiß, daß Du auf dem Wege bist. Na, da wer­den wir ja ein­an­der nicht viel neh­men! Du wirst abge­spannt sein von dem Drasch, von der Arbeit, der lan­gen Rei­se — und ich von den gestör­ten Näch­ten. Du! Das wird uns[e]re gro­ße Freu­de und unser Glück wenig stö­ren! Daß wir ein­an­der gehö­ren sol­len für vie­le Stun­den, Du! Gelieb­te!! Die wir nun eigent­lich immer um ein­an­der sein soll­ten!, der böse Krieg macht die­se Stun­den sel­ten und kost­bar.

Mor­gen ich will ich wie­der nach Frau Hol­le sehen — hof­fent­lich ist sie da — und dann — sieht Dein Dicker­le den Schau­platz des ersehn­ten Glü­ckes, unser Stüb­chen. Aber des­halb nimmt er die Freu­de nicht vor­weg — die es füllt, das Stüb­chen, mit ihrem Zau­ber, mit dem Glanz und allem Glück, die fehlt ja noch, der Glück­brin­ger. Will doch auch ein klei­nes Geheim­nis haben, Dein Dicker­le, ist ja nur der Quar­tier­ma­cher uns[e]res Glü­ckes. Du, ist es denn auch Dein Glück, wor­um Du die lan­ge Rei­se wagst? Manch­mal kann ich es mir gar nicht den­ken. Ist ja auch nicht von Wich­tig­keit: Ich bin ganz glück­lich — Du bist es: dann sind wir’s ja bei­de, [u]nd eines vom andern, dann sind wir es ja bei­de ganz eng ver­bun­den, Du! Herz­lie­bes!! Aber ist mein Glücks­teil nicht grö­ßer? Manch­mal den­ke ich es. Du hast mehr zu schen­ken, scheint mir. Ach, aber zan­ken und erei­fern wol­len wir uns dar­um nicht. Wäre Dei­ne Sehn­sucht nicht so groß, dann kämest Du nicht; und wäre Dein Glück klei­ner, dann [w]äre es auch Dei­ne Sehn­sucht. Und sie ist nicht klei­ner — das weiß ich geweiß! Ach Du! Das Glück des Schen­kens und Sich­ver­schen­kens und Sich­hin­ge­bens — das ver­ste­hen wir Män­ner eben gar nicht.

Auf der ande­ren Sei­te ist das gro­ße und erns­te Emp­fan­gen auf Sei­ten des Wei­bes. Ach Liebs­te, Herz­al­ler­liebs­te! Wir sind noch Schü­ler in der Schu­le der Lie­be! Und die genie­ßen das Vor­recht, den hohen Gegen­stand vor­wie­gend noch von sei­ner ange­neh­men u.[nd] lust­vol­len Sei­te anse­hen zu dür­fen. Willst Du auch noch mit zur Schu­le gehen, Du!, mit Dei­nem Hubo, und flei­ßig ler­nen?!! oder dünkst Dich schon erha­ben und rech­nest Dich schon unter die Gro­ßen, Ein­ge­weih­ten, Du?!!! Aber jetzt Schluß. Fein brav! Sonst muß ich allein auf dem Sofa schla­fen.

Fasching, Lie­bes­film, Deutsch­land, 1939. Über Rarefilmsandmore.com, 11.2015

Herz­al­ler­liebs­te! Behü­te Dich Gott! Er schen­ke Dir bald wie­der vol­le Gesund­heit! Und der lie­ben Mutsch auch!

Bit­te, Herz­lie­bes, über­nimm Dich nicht! Spa­re auch ein Stünd­chen an der Schrei­be­zeit für Dein Dicker­le!

Gut Nacht für heu­te. Schlaf schön und laß Dir etwas Süßes träu­men! Dein [Roland] war­tet. Er wird immer war­ten, wenn er sich tren­nen muß von Dir, auf die Stun­de des Wie­der­se­hens, weil er Dich so lieb hat, weil er ohne Dich nicht mehr sein kann und nicht mehr leben mag. Du, mei­ne lie­be [Hil­de], ich lie­be Dich mit mei­ner gan­zen Kraft und Treue und blei­be alle­zeit

Dein [Roland]! Dein [Roland]!

T&SavatarsmUnd Du bist mein lie­bes, teu­res Herz! Mei­ne Hol­de[!!!]

 

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