15. November 1940

Beethoven Letronne
Der Angriff gegen Coven­try wur­de von der NS-Regie­rung als Ope­ra­ti­on Mond­schein bezeich­net. Bild: Lud­wig van Beet­ho­van, 01.01.1814, Kom­po­nist von der Mond­schein­so­na­te, Por­trait von Lou­is René Let­ron­ne, Bild: Joh­ney, über Wiki­me­dia Com­mons, 11.2015.
[401115–1‑1]

Frei­tag, den 15. Novem­ber 1940

Mein lie­bes, teu­res Herz! Herz­al­ler­liebs­te! Gelieb­te! Hol­de mein!

Du! Wie schön eine Voll­mond­nacht ist im Novem­ber, dazu hat­te ich ver­gan­ge­ne Nacht Gele­gen­heit, es zu bewun­dern. Mußt wis­sen, auf den Win­ter zu und den Win­ter über steht der Mond bedeu­tend höher am Him­mel als im Som­mer, gera­de umge­kehrt, wie sich die Son­ne ver­hält. Man kann dann nachts einen [sic] rich­tig ins nächt­lich mond­lich über­setz­ten Som­mer­tag erle­ben. Von Zeit zu Zeit über­zog sich der Him­mel, der Sturm blies, wenn auch schon etwas schwä­cher, und im Nor­den wet­ter­leuch­te­te es aus dicken Wol­ken­bal­len. So aller 2 Stun­den weck­te uns die Alarm­klin­gel – bis auf ein Mal waren die Leu­te ver­geb­lich an ihren Geschüt­zen. Die Eng­län­der hat­ten es auf Ber­lin abge­se­hen und flo­gen über uns hin­weg nur an. Heu­te brauch­ten wir erst um 9 Uhr uns zu erhe­ben, da warst schon längst aus den Federn.

Kalt ist es hier in S[ch]leswig Hol­stein nicht so sehr, aber es geht viel Wind. Weißt, wenn er es gar arg treibt, dann blei­ben wir eben to hus [Platt­deutsch: zu Hau­se], da ist[’]s auch schön, Du! Dann drü­cken wir zusam­men die Schei­be[^]Nasen an die Schei­be und las­sen ihn sich aus­to­ben.

[Moon­light Sona­ta: Per­so­nal Recollec­tions of the Coven­try Blitz, a Nune­a­ton Moviemakers/Herbert Media pro­duc­tion, affi­lia­ted with the Insti­tu­te of Ama­teur Cine­ma­to­graph­ers, 06.12.1940.]

Ich bin gespannt, ob ich den Brief heut[’] noch fer­tig krie­ge. Eben wur­de ich im Schrei­ben durch den ers­ten Alarm unter­bro­chen, das war um 8 Uhr. Jetzt benut­ze ich die Stun­de Frei­wa­che um wei­ter mit Dir zu plau­dern. Ganz allein bin ich in uns[e]rer gro­ßen Stu­be – Dein Bild steht vor mir – heu­te ist es Dein Bild nur – über 8 Tage will[’]s Gott – steht sie leib­haf­tig vor mir, mei­ne [Hil­de], mein Herz­lieb! 10 Uhr zeigt die Uhr – – Wenn ich da bis um 12 Uhr Urlaub krie­ge, Du! – – ich glaub – um 10 Uhr – Du – da schla­fen wir schon fes­te!!! Weißt, jetzt ist genau neben mir eine Koje frei, und ich darf nachts mal hin­über­lan­gen und den­ken, es gäl­te mei­nem Herz­lieb! [’]S ist auch die rich­ti­ge Sei­te – rich­tig, wie Du es bestimmst, weiß nicht, war­um, nun ja – die Dame zur Rech­ten. Dein Dicker­le hat sich auch schon ganz gut dar­an gewöhnt.

Mar­ga­re­te Tesche­ma­cher als Eva Pogner, Die Meis­ter­sin­ger von Nürn­berg, 1938. Quel­le: Rund­funk­schät­ze: Dresd­ner und Leip­zi­ger Stern­stun­den aus Oper und Kon­zert, 11.2015.

Dein lie­ber Bote blieb heu­te aus, er wird auf der Post in Eckern­för­de lie­gen, ist ver­spä­tet ein­ge­trof­fen heu­te, sodaß ihn unser Post­bo­te nicht bekam. Dafür krieg ich mor­gen zwei, Du! Wie ich mich schon freue!! Viel Arbeit gab es heu­te wie­der. Die Woche ist wie ver­flo­gen. Die Tage bis zum lie­ben Besuch wer­den in Win­des­ei­le ver­strei­chen. Und Dein Hubo muß nun mit sei­nen Vor­be­rei­tun­gen genau rech­nen: Das Urlaubs­ge­such Sonn­abend – Sonn­tag pünkt­lich ein­rei­chen – Hose bügeln las­sen – und viel ande­res, psst, psst, psst. Ich kann das auch: [p]sst, psst – bloß daß auch nach Evchen­art [viel­leicht: Eva Pogner aus Richard Wag­ners Die Meis­ter­sin­ger von Nürn­berg, 1868] etwas dahin­ter­steckt; will nicht recht gelin­gen. Wir Män­ner haben doch eigent­lich gar nichts zum Ver­ste­cken, wir spie­len mit offe­nen Kar­ten! Aber ihr: Psst, psst und noch ein­mal psst.

Nun ist wie­der ein Sonn­tag her­an:

1) Gang zu Frau Hol­le – dies­mal wer­de ich sie wohl antref­fen. Daß ich so oft hin­ge­hen muß, hat sein Gutes – weiß ich dann bes­ser, wie weit es bis zur Liebs­ten ist, kenn ich dann auch die Hin­ter­tür­chen, weiß den Rie­gel, und die Tür, Du!! Bist dann kei­nen Augen­blick sicher, Gold­ma­rie – und zurie­geln? – Dein Hubo hat ein Schlüß­lein, ein Zau­ber­schlüß­lein!! — Will mich genau umse­hen und Dir davon schrei­ben.

2) Gang nach Eckern­för­de – bei gutem Wet­ter nur – Kame­rad Hengst hat Geburts­tag und will etwas zum bes­ten [sic] geben. Bei ein­bre­chen­der Dun­kel­heit, muß’ [sic] Dein Dicker­le heim, muß noch schrei­ben an sein [Hilde]lieb. Und das [Hilde]lieb wird sei­nen Drasch haben, wenn die­ser Bote kommt – wird wie­der ganz gesund sein bis dahin, hof­fent­lich – und der gan­ze Drasch gilt zumeist dem Zau­ber­köf­fer­chen – darf Dein Dicker­le aus­pa­cken hel­fen? In wel­chem Klei­del wird[’] ich Dich denn sehen zuerst? Ach weißt! Auf die Fahrt ziehst eins an, was den Schwamm naß hält – und hier ange­kom­men – gehst schnell ins Stü­bel, ziehst Dich um – steckst Dein Dicker­le der­wei­len [’]naus – aber lang darf[’]s nicht dau­ern, Du! – Und dann rufst her­ein – und dann – ist Besche­rung! Du!! Liebs­te, Herz­al­ler­liebs­te!! Gelieb­te!!! Hol­de mein!!! Herz­lieb! Du!

Auszug aus dem Brief, Veränderung in dem Handschrift, vielleicht ins Eil geschrieben.
Aus­zug aus dem Brief, Ver­än­de­rung im Hand­schrift, viel­leicht eilig geschrie­ben.

[Ab hier Schrift­bild unor­dent­lich gewor­den.] – Ach es schläft noch – u[nd] träumt – wovon es wohl träumt? – Einen schö­nen guten Mor­gen! Es war eine im ruhi­ge Nacht wie­der – der böse Mond drau­ßen – Du, der drin­nen ist viel, viel guter! – aber 4 Stun­den hat uns der Tom­my doch schla­fen las­sen.

Nun will auch ich mich noch mal nie­der­le­ge [sic].

Behüt Dich Gott! Blei­be froh u.[nd] gesund!

Mor­gen hörst Du wie­der von m[ir].

Auszug aus dem Brief, Veränderung der Schriftgroße.
Aus­zug aus dem Brief, Ver­än­de­rung der Schrift­gro­ße.

Du! Ich küs­se Dich! – heut[’] nur mit Tin­te – Ich bin immer bei Dir! – heut[’] nur noch im Her­zen – Ich bin Dir ganz ganz ganz [sic] nahe!!! Du!!! Fürch­test Dich? – Aber halt, heut[’] noch nicht, heut[’] noch ganz brav[.] Aber bald, Du! bald! Bald!! Liebs­te! Gelieb­te!! Hol­de mein!!!

Ich bin Dein und gehö­re Dir und hal­te Dich ganz ganz fest und las­se Dich nie und nim­mer­mehr los, Herz­lieb!!!

Ich bin in alter Treue immer­dar Dein Hubo, Dein Dicker­le, Dein [Roland]!

Auszug aus dem Brief, Veränderung der Schriftgroße.
Aus­zug aus dem Brief, Ver­än­de­rung der Schrift­gro­ße.

Und Du bist mein! ganz, ganz, ganz MEIN!!!

Gelieb­te!!!

T&SavatarsmBit­te grü­ße die lie­ben Eltern!

Plea­se fol­low and like us:
error

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.