14. November 1940

Coven­try vor dem Blitz: War­wick Lane, 1931, Quel­le: Coven­try Histo­ry Cen­ter, Her­bert Art Gal­le­ry & Muse­um, über die BBC, 11.2015.

[401114–1‑1]

Don­ners­tag, den 14. Novem­ber 1940

Herz­al­ler­liebs­te! Mei­ne lie­be, lie­be [Hil­de], Du! Hol­de mein!

Siehst auch nach dem Kalen­der, Herz­lie­bes, wie es rückt, Du?! Heut[’] in 8 Tagen willst schon in Hal­le sein, und wann Dich mein Bote erreicht, sind es schon längst nicht mehr 8 Tage. Wie fern lag die­ser Tag zuerst, in wei­ter, nebel­haf­ter Fer­ne, ohne Gestalt. Und nun hat alles ein Gesicht, hat Gestalt gewon­nen —  in sei­nem auße­ren Ablauf. In uns[e]ren Her­zen aber war­ten Jubel und [Fr]eude und noch vie­les ande­re dar­auf, die­sen Tag und die Zeit uns[e]res Bei­sam­men­seins zu erfül­len. Gott wal­te gnä­dig über unse­rem Glück!

Was Du nun noch an Fra­gen hast, mußt Dir nun zurecht­le­gen und bald anbrin­gen, damit Du Ant­wort erhältst. Mit Dei­nen Psst-Psst [^]mich auf die Fol­ter span­nen kannst ja noch ein paar Tage län­ger. Ich wer­de gut Buch füh­ren dar­über!

Coven­try vor dem Blitz: Broad­ga­te 1937. Quel­le: Coven­try Histo­ry Cen­ter, Her­bert Art Gal­le­ry & Muse­um, über die BBC, 11.2015

Heu­te schrieb die K.er Mut­ter. Sie haben sich sehr gefreut über mein Bild. Die Nach­richt von Dei­ner Rei­se hat nicht son­der­lich über­rascht (man traut Dir also sol­che toll[laubisch]e Plä­ne ger­ne zu!). Sie schreibt auch von Äuße­run­gen Dei­ner Mut­ter zu die­ser Rei­se, die wer­de ich ja bald in der Über­ra­schung für den Schwie­ger­sohn im Ori­gi­nal vor mir haben. Ganz warm ver­pa­cken soll sich mein Frau­chen. Ob sie wohl auch dar­an den­ken, [da]ß wir dazu gar nicht lau­ter Män­tel und Woll­sa­chen brau­chen? Du?!! Aber die Haupt­sa­che: die gewünsch­ten Din­ge, also auch Vaters kost­bar Lich­te, gehen bald ab!

Weißt noch den ers­ten Ort an der Stra­ße nach K., viel gro­ße Bäu­me ste­hen da, ein gro­ßes Gut an der Stra­ßen­bie­gung, G. heißt er. Dort ist ein 4 moto­ri­ges Ver­kehrs­flug­zeug mit einer Künst­ler­ge­sell­schaft abge­stürzt. 29 Tote lie­gen in der K.er Kir­che auf­ge­bahrt.

Die Eltern sind wohl­auf, wün­schen Dir eine gute Rei­se und uns bei­den viel[’] fro­he Stun­den! Du!! Wenn es nur recht viel sind, froh — will[’]s Gott — und noch viel mehr als froh sol­len sie uns schon fin­den, Du!!!

Coven­try vor dem Blitz: Cross Chea­ping und das Bur­ges, 1938. Quel­le: Coven­try Histo­ry Cen­ter, Her­bert Art Gal­le­ry & Muse­um, über die BBC, 11.2015.

Abends ist es, da ich zu schrei­ben fort­fah­re. Mein Köpf­chen raucht. ½8 Uhr war erst Fei­er­abend. Zur gewohn­ten Stun­de, ½6 Uhr, kamen die lie­ben Boten. Kannst Dir den­ken: da war es aus mit mei­ner Ruhe und Auf­merk­sam­keit. Soviel Zeit und Frei­heit sind nun, daß ich die Brie­fe lesen darf. Aber nach dem war es ja nicht bes­ser, son­dern viel schlim­mer, Du!! Wie erwar­tet, traf Mut­ters lie­be Note ein. Hast sie wohl gele­sen? Daß ich nicht erst eine Abschrift fer­ti­gen muß? Es steckt in der lie­ben Mutsch viel von mei­ner [Hil­de]. (Umge­kehrt ist es wohl rich­ti­ger). Wie ich das mei­ne: Nun der Schalk — und —  — der Spaß­vo­gel —  — und — wei­ter weiß ich jetzt nicht. Ob auch der Wild­fang? Das kann ich nicht erken­nen, viel­leicht frü­her mal. Also sie sagt ja, Du bekommst Urlaub, der Hubo (sie bedient sich auch die­ses Namens) ein tüch­ti­ges Lob für sei­ne Für­sorg­lich­keit — und die lie­be, treue Mutsch kriegt ihr Tele­gramm, wenn sie auch abwinkt. Du! Nie­mand soll sich um uns sor­gen, wenn wir uns freu­en! „Schreibs [sic] der [Hil­de]: Den wol­le­nen Rock, die wol­le­nen Schlüp­fer, die wol­le­nen Strümp­fe!“ Du, lau­ter Fach­aus­drü­cke, lau­ter Din­ge, nach de[ne]n Dein wohl­erzo­ge­nes Dicker­le gar nicht fragt, geschwei­ge dann nach­schaut!! „Ich glau­be, ich könn­te ihr sonst­was [sic] abver­lan­gen, sie tät[’]s machen — - — “. Du! Daß Dein Hubo nicht eifer­süch­tig wird!!

Coven­try vor dem Blitz: Broad­ga­te. Quel­le: Coven­try Histo­ry Cen­ter, Her­bert Art Gal­le­ry & Muse­um, über die BBC, 11.2015

Nun aber zu Dir! Sonst kommt Alarm, und ich bin noch nicht fer­tig. Der vol­le Mond und uns[e]re lie­ben Ster­ne sind auf­ge­zo­gen, hell und strah­lend. Und in 8 Tagen ist — will[’]s Gott — wie­der Voll­mond, auch wenn’s nicht im Kalen­der steht. „Wann ist Voll­mond? [Lau­be]!!! — Du merkst Dir aber auch gar nichts! Set­zen!!“ „Kommst nach der Schu­le mal zu mir, damit ich[’]s Dir noch­mal erklä­re!“ Du!!! Ver­läßt den Hubo nicht schla­fen? — Na! — Nun willst Du den Spieß auch noch [’]rum­dre­hen. Hast ja gar kei­nen!! Genau um die Stun­de war es wohl.

So, nun will ich fein der Rei­se nach gehen. Wegen der Rück­fahr­kar­te hast also nun siche­ren Bescheid. — Ob mein Fahr­plan rich­ti­ges ist oder der des Bahn­hof O., das wirst ja erle­ben. Dein D‑Zug hält jeden­falls auch in Wit­ten­ber­ge — Soo so [sic] zei­tig willst schon abfah­ren nach Hal­le! Also ich bit­te noch ein­mal um die Anschrift der Hal­ler Ver­wand­ten. — Bar­kels­by, Bark­les­by, Bar­gels­by — ich weiß auch nicht genau — Geheim­nis, alles Geheim­nis — Sonn­tag will ich mal auf die amt­li­che Orts­ta­fel gucken. Bei Dir gefällt mir[’]s aber, kom­me ich doch schnell zu einem Titel: Frau Pro­fes­sor! Ich gra­tu­lie­re! — In Punk­te Kof­fer brin­ge ich noch ein­mal mei­nen Vor­schlag von ges­tern in Erin­ne­rung, dazu mei­nen Wunsch u.[nd] Befehl! Das von dem Geburts­tags­mann habe ich ein paar mal lesen müs­sen, eh[’] ich es ver­stand. Geburts­tags­mann? Ostern? Pfings­ten? Weih­nach­ten? — Ach Du, dar­an zu den­ken liegt so ab. Mei­ne [Hil­de] kommt, mein Hol­de!!! Das ist mehr als alles das zusam­men. Was Lie­bes willst mir schon wie­der schen­ken? Weißt, wie ich erst las? Soll ich den Geburts­tags­mann schi­cken oder sel­ber brin­gen? Na, und da war mei­ne Ant­wort gleich fer­tig.

Auszug aus dem Brief, Antiquaschrift.
Aus­zug aus dem Brief, Anti­qua Hand­schrift.

Weißt, Du hast ja schon soviel zu schlep­pen, den Kof­fer, die 1,70 m (bit­te!), und die xx kg, das vie­le war­me Zeug — laß den Geburts­tags­mann zu Haus. Dein Hubo will dann auch wie­der was zu freu­en haben, er wür­de über der gro­ßen Freu­de Dein Geschenk [g]ar nicht recht schät­zen viel­leicht — und wäre doch der Mühe eines Dan­kes ent­ho­ben, eines schrift­li­chen, ver­steht sich. Ist’s so rich­tig? — Du! Heu­te habe ich beim Spieß ganz lei­se ange­fragt von wegen Urlaub und Besuch! Im April, Mai hat er gesagt — und ich habe ihn dann ganz bös hin­ter mei­ner Arbeit ange­guckt — — und das mag ihn doch getrof­fen haben; denn als ich dann ½ 8 Uhr ging, frag­te er, was denn das Ziel mei­nes Urlau­bes sein wer­de: ‚K., O.’ „Ich bin aus Alten­burg“. Na, und dann hab ich ganz beschei­den und doch nicht ohne Nach­druck eini­ges Per­sön­li­che erzählt, der dienst­lich streng kor­rek­te Hubo, und hab[’] ihm auch erzählt, daß Du mich besu­chen willst. Und da hat er gar nicht gestaunt, Du! Er ist gut! Ich stel­le Dich ihn auch mal vor. Liebs­te!!! Und brauchst nicht ban­ge sein von­we­gen [sic] Urlaub im April, das war bloß Spaß, glaubst? Du! Da wür­de ich ja auch ganz bös[’]!

So, ich möch­te ja noch lan­ge, lan­ge mit Dir plau­dern — aber ich muß, ich will nun auf­hö­ren: Gleich wird das Licht aus­ge­löscht — die Fin­ger und Augen schmer­zen von Schrei­ben — und fein brav will ich Dich doch auch blei­ben, und das wür­de mir auf dem 4. Bogen immer­hin schwer fal­len, ein biß­chen Über­mut steckt Heu­te auch in mir. Hast[’]s schon gemerkt!

Herz­al­ler­liebs­te! Behü­te Dich Gott! Er wal­te gnä­dig über unse­rem Glück! Werd[’] bald, recht bald gesund (häk­le nicht so viel)! Grü­ße die lie­ben Eltern! Der Mut­ter einen lie­ben Kuß, dem Pappsch einen lie­ben Klaps, er kriegt bald wie­der was zu rau­chen. Ach, was zu trin­ken was zu rau­chen — damit ist Dein Dicker­le nicht zu befrie­di­gen — die­ser Schür­zen­jä­ger, die­ser Casa­no­va — er will zu sei­nem lie­ben Weib, zu sei­ner [Hil­de], sei­nem Herz­lieb!! Du!!! Daß Du zu mir kommst, Gelieb­te!!!

Ja, was hab ich denn nun noch für Dich? Kuß ver­ge­ben, Klaps ver­ge­ben — — Küs­se, Klap­se (wie ein­fach)! — — bist noch nicht zufrie­den? Bist so eigen­sin­nig und wäh­le­risch wie Dein Hubo? Du?! Du!!!

Da pas­sen wir ja wie­der mal zusam­men, Gelieb­te!!! Brav, fein brav. Du! Ich lie­be Dich ganz sehr, Dein [Roland], Dein Dicker­le!

Liebs­te, Geliebs­te, Hol­de mein! Ich bin Dein [Roland]!!

T&SavatarsmUnd Du bist mei­ne lie­be, gute, treue [Hil­de]!! Ganz, ganz, ganz mein!!!

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