13. November 1940

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Lucas Cra­nach der Älte­re, Die drei Gra­zi­en, za. 1530, im Pri­vat­be­sitz, Gemein­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 11.2015.

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Mitt­woch, den 13. Novem­ber 1940

Mein lie­bes, teu­res Herz! Herz­al­ler­liebs­te! Mei­ne [Hil­de]! Hol­de mein!

Heut[‘] mit­tag sit­ze ich in der Schreib­stu­be und bewa­che die Tele­fo­ne, ob sich da was rührt. Und so kann ich gleich mal zu Tin­te und Feder grei­fen. Die ver­gan­ge­ne Nacht war so unru­hig, aber nicht wegen Alarm, son­dern wegen etli­cher Zecher, die etli­che Male Licht mach­ten und sich noch um Mit­ter­nacht ein paar dicke Zigar­ren anbrann­ten. Lan­ge[,] [l]ange konn­te ich kei­nen Schlaf fin­den — und dann in der Ermat­tung hab ich ganz süß von Dir geträumt, Du! Du!! — Aber nun muß ich haus­hal­ten, weißt. Und Du darfst mir jetzt nim­mer so süße Brie­fe schrei­ben und ich muß bei mei­nen Ant­wor­ten ganz brav blei­ben, sonst – – !! Das stür­mi­sche Novem­ber­wet­ter hält an. Es ist nicht kalt dabei. Ich sit­ze schö­ne warm. Und wenn nicht zur Wache oder zum Aus­ge­hen, wer­de ich Dei­ne schö­nen, war­men Sachen gar nicht brau­chen. Frierst immer noch so, Herz­lie­bes, daß Du sogar Dei­ne Gum­mi­ne [sic: wohl Wär­me­fla­sche] (Du! Wenn ich eifer­süch­tig wäre, und ich hät­te in die­sem Fal­le allen Grund dazu!!, möch­te ich schon sagen ‚Dei­nen Gum­min’) mit­brin­gen willst. Ich mag Dir das nicht aus­re­den, weil ich Dir einen Ersatz nicht ver­spre­chen kann. Fol­ge nur für die Zwe­cke der Rei­se und für den Umgang am Tage Dei­ner lie­ben Mutsch von wegen der Dicken. Für den Abend halt Du ja ohn[’]hin freie Hand.

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Peter Paul Rubens, Urteil des Paris, Gemäl­de­ga­le­rie Alte Meis­ter, Dres­den, Lizens­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 11.2015.

Von ges­tern ist noch nach­zu­tra­gen: Das Bild heißt also nicht „Paris (griech.[ische] Sagen­ge­stalt) wählt unter den drei Gra­zi­en“, son­dern “Paris hat gewählt.” [Viel­leicht: Peter Paul Rubens, Urteil des Paris, Gemäl­de­ga­le­rie Alte Meis­ter, Dres­den] Die Hand auf Dei­ner Mut­ter hat­te ich nicht bemerkt. Bekom­me ich denn vor Dei­ner Ankunft noch eines von Dei­nem neu­es­ten Bil­de? Bit­te! Teil mir doch bit­te auch die Anschrift Dei­ner Hal­le­schen Ver­wand­ten mit. Will Dich doch über­all­hin ver­fol­gen! Willst nur knapp einen Tag da blei­ben, län­ger wür­dest wohl nicht aus­hal­ten! Du! Ich kann es Dir so gut nach­füh­len. Ver­paß nur früh den Zug nicht. Rich­te es so ein, daß Du nun 7 Uhr auf dem Bahn­hof bist. Ob ich Dich abho­le? Ich gehe mei­nem Haupt­feld­we­bel nicht von den Näh­ten. Er macht schon was mög­lich.

Bundesarchiv Bild 183-1991-0207-505, Berlin, Molotow im Auswärtigen Amt
Aus­sen­kom­mis­sar W.M. Molo­tow, Emp­fang durch den Reichs­mi­nis­ter v. Rib­ben­trop im Aus­wär­ti­gen Amt, Ber­lin, 12.11.1940, All­ge­mei­ner Deut­scher Nach­rich­ten­dienst, DBa, Bild 183‑1991-0207–505 / CC-BY-SA 3.0, über Wiki­me­dia Com­mons, 11.2015.
Abend ist es. Dein lie­ber Bote ist gekom­men. Ganz schnell geht er wie­der. Herz­al­ler­liebs­te! Für Dei­ne lie­ben Wor­te hat vie­len, vie­len Dank! Daß ich mich mit mei­ner Umge­bung aus­ein­an­der­setz­te — Du machst es mir erst bewußt — das lag wohl an Mut­ters Nach­richt von Hell­muths Unzu­frie­den­heit. Herz­lieb! Als wir bei­den Brü­der noch so zu Haus waren, da haben wir gemein­sam mit ganz eige­nen Gedan­ken die­ser Welt gegen­über­ge­stan­den, und kamen so gut zurecht damit und fan­den uns hin­durch durch den Wirr­warr, und waren uns so eins dar­in, es waren beglü­cken­de Stun­den, in der [^]denen es sich in uns zur Persön[lich]keit form­te, das heißt aber, daß wir eine Stel­lung zu die­ser Welt genom­men: frei, selb­stän­dig, und des­halb ihr doch nicht abge­wandt, son­dern nur eigen­sin­nig, stan­den wir ihr gegen­über. Und wir waren dabei, etwas Eige­nes aus uns zu for­men, eine Ori­gi­na­li­tät, und mit die­sem Eige­nen nütz­lich zu wer­den auch für die ande­ren.

Kaserne Pinkafeld 1939
Ange­lo­bung der Rekru­ten des Ersatz­ba­tail­lons des Gebirgs­jä­ger-Regi­ments 138 (3. Gebirgs-Divi­si­on), Kaser­ne Pin­ka­feld, 31.05.1939, Bild: Hans Kar­ner, Samm­lung Wal­ter Bruck­ner, über Wiki­me­dia Com­mons, CCA-SA 3.0 Unpor­ted Lizenz, 11.2015.
In die­ser Ent­wick­lung wur­den wir gestört durch das neue Prin­zip, das Gunst vor Kunst gehen läßt. Mit hel­lem, wachem Bewußt­sein gese­hen ist das etwas Furcht­ba­res. Und Du weißt, daß ganz beson­ders Hell­muth dar­un­ter lei­det, daß es aber auch mich bedrückt zu sehen, wie eine Leis­tung über­haupt nicht mehr aner­kannt wird, wie man alles mit dem­sel­ben Maße mißt und abstem­pelt, und wie man alles unter den Tisch fal­len läßt, was nicht in den Kram paßt. Das hat uns nur noch mehr ins Abseits ver­drängt und in eine Abwehr­stel­lung gegen die­ses neue Prin­zip. Das lähmt die Arbeits­freu­dig­keit und die Lust zu eige­ner Arbeit. Man zieht sich auf sich selbst zurück und auf die weni­gen Men­schen, die das alles ver­ste­hen und mit­emp­fin­den.

Dolina smierci Bydgoszcz
Pol­ni­sche Leh­rer aus Brom­berg geführt von Mit­glie­dern des Volks­deut­schen Selbst­schut­zes zur Hin­rich­tung im „Todes­tal“ bei Frdon, 01.11.1939. Quel­le: Włod­zi­mierz Jastrzębski: Ter­ror i zbrod­nia, Inter­press : Wars­za­wa 1974. Über Wiki­me­dia Com­mons, 11.2015.
Das hat mit den Sol­da­ten nun wei­ter gar nichts zu tun, und Du weißt, Gelieb­te, daß ich zu Sol­da­tens [sic] mit genau der rich­ti­gen Ein­stel­lung ging, sodaß ich auch kei­ne Ent­täu­schung erleb­te. Was ich Dir schrieb, war auch kei­nes­wegs eine Kla­ge, nur eine Betrach­tung wie frü­her mit Hell­muth zusam­men. Und wenn sich mei­ner Brust wirk­lich mal ein Seuf­zer ent­ringt, dann nur dar­über, daß die­se Zeit bald vor­bei­ge­hen möge. Eine bes­se­re Welt in jedem Fal­le, wenn auch eine Kämp­fe­ri­sche, erwar­tet uns dann. Herz­lieb, Gelieb­te! Dann wer­den die­se beglü­cken­den Stun­den von einst, die Stun­den der Schau, wie­der­keh­ren mit Dir, Gelieb­te, mei­ne [Hil­de]! Ja, ganz gewiß! Und wenn Du auch manch­mal mit hel­len Augen nur zuhö­ren kannst, dann ist ihr Leuch­ten und Auf­mer­ken eben­so­viel [sic], als ob Du mit­sprächst, eine Medi­um, durch das ich die Wahr­heit sehe und erken­ne für Dich und mich, für unse­ren gemein­sa­men Weg. Uner­setz­lich bist mir auch hier, Gelieb­te, Hol­de!! Du, mein gan­zes Glück!!

Wolf Traut Einsiedler 1513 001
Wolf Traut, Ein­sied­ler, 1513. Quel­le: Zen­o­dot Ver­lags­ge­sell­schaft mbH, Samm­lung: Uni­ver­si­täts­bi­blio­thek Erlan­gen, Lizenz­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 11.2015.
Ein Ein­sied­ler wird mein [Hilde]lieb. Möch­test Dich dar­über bekla­gen? Ein Ein­sied­ler ist auch Dein [Roland]. Und Du glaubst gar nicht wie alle mei­ne Gedan­ken immer­fort zu Dir eilen und ent­wi­schen. Die­se Tage ist es ganz schlimm. Ich habe nicht die min­des­te Lust zu die­ser Arbeit, bin oft ganz abwe­send dabei, ver­tip­pe mich dau­ernd. Schlimm ist es. Und in Wahr­heit kann ich den flüch­ti­gen Gedan­ken gar nicht böse sein: sie ent­ei­len in eine schö­ne­re, bes­se­re, sinn­vol­le­re Welt. Liebs­te, Herz­lie­bes! Es kann uns in Wahr­heit jetzt kein bes­se­res als die­ses Ein­sied­ler­le­ben über die­se Tage hel­fen, kein ande­res und bes­ser ver­bin­den über die tren­nen­de Fer­ne. Wenn es uns auch nicht nach allen Sei­ten befrie­di­gen kann. Gott der Herr gebe, daß es sich recht bald ein­mal wen­de! Daß uns bei­de die­ser Wunsch ver­bin­det, daß Du mit allen Fasern Dei­nes Her­zens das Bes­te für unse­ren gemein­sa­men Weg wünschst und ersehnst, Gelieb­te, das weiß ich und das spü­re ich und das gibt mir viel, viel Kraft. Gelieb­te, mei­ne [Hil­de]! Wenn ich Dich nicht hät­te in die­sen Tagen! Ich habe es erlebt, wie es ist, wenn man ver­geb­lich sei­ne Hän­de nach etwas unend­lich Lie­bens­wer­tem aus­streckt, das einen auf die­ser Erde hält. Ich wer­de die­se Stun­de nie ver­ges­sen, wo ich bereit war und gefaßt, dem Herr­gott mein Leben in die Hän­de zurück­ge­ben — bis der Gedan­ke an das Herz­leid mei­ner lie­ben Mut­ter mich in Trä­nen aus­bre­chen ließ und in den Wunsch, die­ses Leben doch noch ein­mal lieb zu haben. Und heu­te, Herz­lie­bes? Gott im Him­mel weiß und sieht es, er muß es sehen: Wie ich Dei­ne Hän­de hal­te, wie ich ihn um die­ses Leben bit­te, es mit Dir zu bestehen, es mit Dir zu beschlie­ßen. Gelieb­te!!

Dei­ne Pake­te sind nun alle da, weißt es wohl schon nun? Dank, vie­len Dank! Wie Du Dein Dicker­le umsorgst, Du! — Auf der Giro­kas­se gibt es weder Herz noch Scham, nur Gut­ha­ben und Schul­den. Das ist nichts für mein Herz­lieb, ich kann es ver­ste­hen. Also die Por­zel­lang­e­schich­te hast ja nun nach Dei­nem Geschick abge­wi­ckelt. — Einen Anzug hast für mich? Den Farb­ton kann ich mir nicht recht vor­stel­len. Was soll ich hier raten? Packst ihn mal mit in das auf­zu­ge­ben­de Paket. — Kraut ist mein Lie­bes! So zei­tig. Möcht Dein Hubo schon gern ein wenig zärt­lich zu Dir sein! Du!! Ein wenig über das böse Bäu­chel [sic] strei­chen, über den tie­fen, gehei­men Mut­ter­schoß, Du! Wird[’] recht bald wie­der gesund, Herz­lie­bes! Möch­ten die Schmer­zen recht schnell vor­über­ge­hen! Dein [Roland] ist immer um Dich! Bald, will[’]s Gott, darf er immer um Dich sein, in guten und bösen Tagen, darf mit Dir den R[h]ythmus die­ser Lebens spü­ren, Lust und Leid, Sturm und Stil­le, Seh­nen, tie­fes Seh­nen und abge­klär­te Ruhe. Dann erst, Lie­bes, wer­den wir uns ganz zusam­men­le­ben — dann erst, Lie­bes, glau­be ich, dür­fen wir an unser Kind­lein den­ken?? Darfst und sollst mir alle Her­zens­wün­sche sagen, wenn ich an Dei­nem Her­zen lie­ge, Du! Du!! wenn wir uns ganz nahe sind, Gelieb­te!!!

Gott behü­te Dich! Er schaue gnä­dig auf unser Glück!

Dein [Roland] ist ganz wohl­auf und voll Glück und heim­li­cher Freu­de. Seine Herz­lieb hat sie ihm ange­zün­det. Sein Herz­lieb nährt die­se Flam­me. Bald wird[’] ich es bei mir haben, bald wer­de ich es schau­en, bald wer­de ich sei­nen Herz­schlag spü­ren und die Won­ne sei­ner Umar­mung — bald wer­de ich es auch schau­en in sei­ner Pracht — mein Weib! Mein!!! Gelieb­te! Dein [Roland] bin ich; Dein Lebens­ge­fähr­te, der nicht mehr von Dei­ner Sei­te weicht, der Dich nim­mer­mehr läßt!!

Komm Liebs­te, komm bald! Daß wir uns[e]re Schul­den lösen, daß ich Dei­ne vie­len Geheim­nis­se schaue, daß ich Dich ganz lieb haben darf und mich von der beschen­ken las­sen! T&SavatarsmIn unwan­del­ba­rer treue Dein [Roland]!

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