12. November 1940

Auszug aus dem Brief, Rote Randmarkierung.
Aus­zug aus dem Brief, Rote Rand­mar­kie­rung.

[401112–2‑1]

Diens­tag, am 12. Novem­ber 1940.

Herz­al­ler­liebs­ter!! Mein lie­ber, lie­ber [Roland]!! Gelieb­ter Du!!

Dein lie­ber Bote vom Sonn­abend kam heu­te. Du!!

Ich dan­ke Dir recht sehr dafür.

Er ließ mich füh­len, wie Du recht besinn­lich gestimmt warst an dem Tag. Irgend etwas [sic], ein Erle­ben in Dei­ner Umwelt gab Dir den Anlaß dazu, und ich bin froh, daß Du Dich mir auch hier­in anver­trau­en kannst, mein lie­ber [Roland]. Ich bin dar­um froh, weil Du aus dem Bewußt­sein her­aus Dich mir in allem mit­teilst, daß das was Du mir sagen mußt, nicht auf lee­ren Boden fällt. Und ich ver­ste­he Dich auch, mein [Roland].

Was aber soll ich Dir sagen, als Ent­geg­nung dar­auf?

Reichsparteitag 1935
Über­sicht über den gro­ßen Appell der SA, SS und des NSKK, NSPAD Reichs­par­tei­tag. Nürn­berg, 11.09.1935. Foto: Charles Rus­sell, NARA FILE #: 200-GR-12 WAR & CONFLICT BOOK #: 983, ARC Iden­ti­fier: 558778, über Wiki­me­dia Com­mons, 11.2015.

Was Dir auch fro­hen Mut gibt und neue Zuver­sicht, Dich mit Dei­nem Los jetzt abzu­fin­den? Du, es fällt mir nicht leicht. Es fällt mir auch nicht leicht, mich so ganz und völ­lig in Dein jet­zi­ges Leben und in Dei­ne Umwelt hin­ein­zu­den­ken. Es ist alles so sol­da­tisch-männ­lich; es liegt weni­ger auf mei­nem Gebiet. Ich weiß nur eines und sehe es deut­lich. Du, Dein Wesen, paßt nicht in Dei­ne Umge­bung, in der Du zur Zeit leben und schaf­fen mußt. Eben­so wenig wie Hell­muths’ [sic]. Dein Ide­al, Dein Stre­ben über­haupt liegt ja in ganz ande­rem, als in dem. Du hast eine ganz ande­re Lebens­auf­fas­sung, als die um Dich sind. Dein Wis­sen allein macht es Dir mög­lich, Din­ge zu sehen, die den ande­ren gar­nicht [sic] auf­fal­len; macht es Dir viel­leicht mög­lich, mit Scharf­sinn hin­ter Sachen zu kom­men, die der Mas­se ver­bor­gen blei­ben. Das aber nicht allein.

Du lernst nun jetzt ein­mal das Leben in der Gemein­schaft[,] in der ‚Kame­rad­schaft’ nen­nen sie es, ken­nen. Du warst es so nicht gewöhnt. Gemein­schaft, Kame­rad­schaft hegen u[nd] hal­ten, das kennst Du zwar schon von Dei­nen Kin­dern her.

Titelblatt Kriegsmarine Heft 14-1940
Titel­blatt, Kriegs­ma­ri­ne — Deut­sche Mari­ne-Zei­tung, 14 (1940), einer amt­li­chen Zeit­schrift des Drit­ten Rei­ches. Skan: Orik, über Wiki­me­dia Com­mons, 11.2015.
Aber hier, unter Gleich­alt­ri­gen, bes­ser gesagt, wo Du selbst mit zur Men­ge gehörst, nicht als Leh­rer, son­dern als Ler­nen­der, ist das so anders. Ich habe davon auch eine Pro­be bekom­men, wenn auch nicht in dem Maße wie Du jetzt, als ich im Betrieb unter vie­len sein muß­te. Schon der gan­ze Ton der herrscht, befrem­det einen. Und auch die Din­ge[,] über die sie reden, wie sie dar­über reden, nöti­gen uns nur zu oft ein Kopf­schüt­teln ab. Aber was kann der Ein­zel­ne, der anders ein­ge­stellt ist, dar­an ändern? Nichts. Wenn man doch ein Wort wagt, ein­mal, dann wird man miß­ver­stan­den – wenn nicht gar ver­höhnt hin­term Rücken – macht man sich’s denn so auch dadurch leich­ter? Es ist am bes­ten so, man geht sei­nen Weg unbe­irr­bar, so wie ihn unser Gefühl uns vor­schreibt, tut sei­ne Pflicht und hält sich in allem and[e]ren reser­viert.
NS-Pro­pa­gan­da Kam­pa­gne, Novem­ber 1940, über Cal­vin Col­le­ge Ger­man Pro­pa­gan­da Archi­ve, 11.2015.

Frei­lich ein beglü­cken­der Zustand ist das nicht, es erleich­tert einem auch das Zusam­men­ar­bei­ten und ‑leben mit den ande­ren nicht. Aber man braucht so nicht sich selbst zu ver­leug­nen, man braucht so sei­ne See­le und sein Gewis­sen nicht zu belas­ten. Und die Hoff­nung, daß die Zeit ja ver­gäng­lich ist, sie läßt bestimmt viel über­win­den.

Und noch eines, mein Herz: ver­giß nicht, daß ich auf Dich war­te, am Ende die­ses Weges, daß ich Dir doch ein bes­se­res Dasein berei­ten hel­fen will, wenn es in mei­ner Kraft steht. Du, kann dich das ein wenig nur trös­ten, Herz­lieb?

Auch, wenn ich Dir nun jetzt mit mei­nen Wor­ten nicht das schen­ken konn­te, was Du erhoff­test? Wenn ich Dir auch nicht das Licht in die Fins­ter­nis u[nd] Lee­re brin­gen konn­te, daß Du ersehn­test?

Du! Ich wäre so froh, wenn Du trotz­dem füh­len könn­test: Sie ist doch mein lie­ber Kame­rad. Mein [Roland]! Sieh, ich bin nun die Zeit daher so von aller Welt abge­schlos­sen. Nichts von Gemein­schaft dringt bis zu mir her­auf in mein Dorn­rös­chen­schloß. Ich kom­me mir manch­mal vor wie die ver­wun­sche­ne Prin­zes­sin.

Tarantoharb1921
In der Nacht von 12.11.1940 führ­te der Ver­ei­nig­te König­reich eine Luft­an­griff gegen die könig­li­che Mari­ne Ita­li­ens in Taran­to aus. Foto: der ers­te ita­lie­ni­sche Mari­ne­ka­der, Taran­to Hafen, 1930er Jah­ren, von Admi­ral Ernes­to Burzag­li, Pri­vat­ar­chi­ve der Burz­aghi Fami­lie, Ita­li­en. Lizenz­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 11.2015.
Ich lebe nur in mei­ner Gedan­ken­welt, und die gehört nur, nur dem Einen. Ich lebe außer den täg­li­chen Not­wen­dig­kei­ten für den Leib nichts sonst, als nur Dir.

Und ein­mal in der Woche tra­gen mir die ‚Hof­da­men’ den unver­meind­li­chen Klatsch an Neu­ig­kei­ten vor – in der Sing­stun­de ist das – das ist alles, was ich so von ‚drau­ßen’ höre. Was mich am Welt­ge­sche­hen inter­es­siert, lese ich in der Zei­tung. Kannst Du glau­ben, das ich jetzt rich­tig ein bis­sel zur Ein­sied­le­rin gewor­den bin, die gar­nicht [sic] so leicht oft in der Welt mit ihren Din­gen zurecht­kommt?

Das soll aber kei­ne Ent­schul­di­gung sein, dafür, daß ich Dich nicht ver­stün­de, Du!

NS Pro­pa­gan­da. Kam­pa­gne, 11.1940, über Cal­vin Col­le­ge Ger­man Pro­pa­gan­da Archi­ve, 11.2015.

Es soll Dir nur ein Bei­spiel sein, wie schnell sich der Mensch doch wie­der in sei­ne [^]neue­ren Ver­hält­nis­se, in sei­ne and[e]re Umge­bung ein­lebt. Und dar­an magst Du, Herz­lieb, auch immer den­ken, wenn es Dir ein­mal wie­der schwer wird, Dich mit ein­zu­rei­hen in Dei­ne Umge­bung. Du bist nicht für ein Leben ver­dammt, Sol­dat zu sein. Das dan­ken wir Gott. Und Du wirst Dich um so [sic] schnel­ler, freu­di­ger und auch wil­li­ger dann unter mei­nem Regi­ment fügen!! Du!!! Stimmt’s?

Herz­al­ler­liebs­ter Du!! Nun noch Geschäft­li­ches. Ich hab[’] die Eltern in mei­nem Brie­fe gebe­ten, die Rech­nung dem Por­zel­lan­mann zu beglei­chen, damit er sein Geld gleich kriegt. Und schrieb ihnen wei­ter, daß ich ihnen das Geld am nächs­ten 1., aber wenn ich zurück bin schi­cke. Aus dem Grun­de: Weil ich nicht soviel [sic] Geld auf ein­mal abhe­ben mag. Mir wird’s schon Angst bei 150 M[ark]! Ich weiß nun nicht[,] ob sie mich aus­la­chen, oder was sie über­haupt dazu sagen. Ich mag ein­fach nicht! Kann mir denn das kei­ner nach­füh­len?

Hin­tra­gen mei­net­we­gen jeden Tag — aber nur nicht abho­len. Und zu den Pake­ten. Das mit dem Pfef­fer­ku­chen hast erst bekom­men? Und das and[e]re, das dazu gehört, nicht? Wenn es nur noch ankommt! Wäre ja das ers­te Mal, daß eins ver­lo­ren gin­ge. Mel­de mir nur sein[’] Ankunft, ich hab[’] sonst kei­ne Ruhe!

Du!! Der Herr Q. brach­te mir einen Anzug­stoff für Dich. Mir gefällt er. Den Eltern nicht rich­tig. Er ist im Farb­ton bräun­lich — beige mit einem ganz schma­len Strei­fen in Rot-Hell­grau, aber nur ganz wenig sind die­se Far­ben zu sehen. Weißt so im Ton wie der Schlips ^unge­fähr![,] den wir mit­ein­an­der in L. kauf­ten! Er fällt sehr gut. Rein Kamm­garn ist’s aber nicht mehr, aber sein Bes­ter. Preis 22.50 pro Meter.

Also ich stel­le Dich mir schön vor d[’]rin! Die Mutsch hat­te sich was in so Dun­kel­grau ein­ge­bil­det wie Papas letz­ter. Soll ich den Stoff gleich mal mit­brin­gen? Oder wie machen wir’s denn, damit Du ihn mal siehst? Abschnei­den kann ich nichts, das fällt auf und fehlt auch. Bit­te sag doch Du, wie soll ich’s machen? Du es ist kein Braun, was Du nicht lei­den magst.

Heu­te bin ich krank gewor­den, Du! Und jetzt kön­nen wir nun auch genau fest­stel­len, wie­so es das letz­te Mal so lan­ge dau­er­te.

In K. hat­te ich soviel Ruhe, kei­ne Auf­re­gung. Hier zu Haus, muß ich immer fes­te ‚auf Draht’ sein! Und nun bin ich auch auf­ge­regt, weil ich doch zu Dir kom­me, Du!!! Also wenn ich immer so fau­len­zen könn­te, da wür­de ich bestimmt nicht blut­arm. Aber das ist wohl nicht gesagt. Schmer­zen hab ich eini­ge, aber das geht vor­bei, Du! Heut[e] abend wär­me ich mir schön den Bauch, Du!! M[i]t mei­ner Gum­mi­ne [sic: wohl Wär­me­fla­sche]. Und wenn ich komm’, wenn ich komm’[,] bin ich ganz gesund!! Mein lie­ber, liebs­ter [Roland]!!

Nun will ich noch ..[.] ach, jetzt hätt’ ich’s ja bald ver­ra­ten!!

Schla­fen will ich, Du! Glaubst das? Psst!!

NS Pro­pa­gan­da. Kam­pa­gne, 11.1940, über Cal­vin Col­le­ge Ger­man Pro­pa­gan­da Archi­ve, 11.2015.

Mein liebs’ Dicker­le! Möge Dich mein Bote froh und gesund begrü­ßen! Behüt’ Dich Gott! Herz­lieb!! Mein Gelieb­ter!! Du! Ich bin immer bei Dir in mei­nen Gedan­ken! Ich lie­be Dich so, so sehr!! Du!! Ich las­se Dich nie mehr los!  Mein [Roland]!! Ich bin ganz, ganz Dein!! Und Du bist mein!!!
In inni­ger Lie­be, in unver­brüch­li­cher Treue

T&Savatarsmimmer dei­ne Hol­de.

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