12. November 1940

Earmuff
David Ring, Ohren­schüt­zer, 2014. Mode­Mu­se­um Pro­vin­cie Ant­wer­pen, Europeana Fashion The­sau­rus ID 10198, Teil des Europeana Mode­pro­jekts. Gemein­frei über Wiki­me­dia Com­mons, CC0 1.0 Ver­zicht auf das Copy­right, 11.2015.
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Diens­tag, den 12. Novem­ber 1940.

Gelieb­te! Du! Du!! Mein lie­bes, teu­res Herz! Hol­de mein! Du!!

Wie soll ich Dir dan­ken? Ich kann Dir mit Wor­ten nicht dan­ken! Ein klei­nes Post­amt für mich hät­te ich heu­te haben mögen: 1 Paket und 3 Brie­fe bekam ich heu­te! Wie lieb und flei­ßig hast Du mei­ner gedacht trotz Dei­ner vie­len Arbeit, ich wuß­te es, Du! Ich habe gezit­tert vor Freu­de, als ich sie öff­ne­te. Licht und Son­ne bre­chen mir in das graue Einer­lei und Gleich­gül­ti­ge aus Dei­nen teu­ren Bogen.

Pervitindose
Tablet­ten­röhr­chen Per­vi­tin, 0,003 gramm l‑phe­nyl-2-methyl­ami­no-pro­pan pro Tablet­te, 1939. Foto: Jan Wel­len, 2012. Über Wiki­me­dia Com­mons, CCA-Sha­re Ali­ke 3.0 Unpor­ted Lizenz, 11.2015.
Du! Gelieb­te! Ich dan­ke Dir so sehr!! Und Dein Paket — ich war ganz über­rascht — so groß, immer pfun­diger wer­den die. Und wie­viel [sic] Lie­bes und War­mes erzeigst Du mir wie­der. Du! Das Süße kannst mir ja nicht schi­cken, das mußt mir sel­ber brin­gen, und Du willst es ja so bald, Gelieb­te!! Du hast mir schon frü­her mit Dei­nen Pake­ten soviel Freu­de berei­tet, weißt, ich den­ke an Dein lie­bes Advent­spa­ket! Was hast nun wie­der alles aus­ge­dacht: Ohren­schüt­zer, Puls­wär­mer, und nun auch noch was Che­mi­sches. Du! Wenn es mal not tut, schluck ich von den Pil­len, weil Du sie mir schickst! Wenn Du bei mir bist, kos­ten wir sie erst mal gemein­sam. Nun bin ich mit Wäsche ver­sorgt, bis Du kommst. Heu­te wer­de ich gleich noch die Unterhös­chen wech­seln, und die schö­nen rosa­far­be­nen leb ich mir auf, damit Dei­ne Fär­ber­ar­beit auch mal bewun­dern kannst, und damit ich nicht so auf­fal­le, wenn Du bei mir bist, will Dich doch auch bis­sel rei­zen! Du!!

Und nun etwas Wich­ti­ges: Ich sehe schon kom­men; Du bist bepackt wie ein vier­bei­ni­ger Lang­ohr, wenn Du zu mir kommst: Mei­ne Wäsche, Dei­ne Wäsche, Pho­to, Weih­nachts­ar­bei­ten, selbstgeback[e]ne put­zi­ge Din­ger u.[nd] was sich da noch mehr zusam­men­fin­den wird. Mein Rat: Du gibst einen Teil des weni­ger dring­li­chen Rei­se­ge­päcks auf, viel­leicht einen Tag vor­her. Das holst Dir dann hier ab, wenn es auch 1 oder 2 Tage spä­ter ankommt. Es fährt ein klei­nes Bäh­nel [sic] nach Bar­kels­by, und Du brauchst Dich also gar nicht zu schlep­pen. Bit­te, über­le­ge Dir das! Ich möch­te, daß Du froh und bequem rei­sen sollst.

Auszug aus dem Brief
Aus­zug aus dem Brief

Befehl!! In Hal­le: setzt Du Dich sofort 2. Klas­se, suchst dann erst den Schaff­ner: Ich möch­te 2. Klas­se nach­lö­sen. Das macht mit dem erhöh­ten Zuschlag etwa 12 M, die Du bereit­hal­ten mußt.

Bit­te, Herz­lie­bes, fol­ge mir!! Sollst in die Pols­ter gelehnt schon ganz froh an Dei­nen Hubo den­ken und froh die Fahrt genie­ßen! Fein schau­keln soll mein Herz­lie­bes zu sei­nem Dicker­le! Ist dann auch nicht so müde und gerä­dert!

Ein paar Wor­te zu der Post. Die­sen Brief schrei­be ich am Diens­tag­abend. Der geht mor­gen Mitt­woch am Vor­mit­tag hier weg und ist Don­ners­tag­nach­mit­tag erst bei Dir, wenn er gut geht, sonst erst Frei­tag­mor­gen. Ein­mal muß ich doch noch fra­gen (nicht etwa Dich mah­nen): Ist denn der Kusselhubo [ver­wand­te Form: Kuschel] nach Maß (8 ½ x 13 ½) ange­kom­men? Ich weiß jetzt nicht, wann ich ihn abge­schickt habe. Und nun zu dem, was Du schreibst: Ich habe Dir geschrie­ben, daß Du Dich erkun­di­gen sollst, ob Du Rück­fahr­kar­te lösen kannst. Nor­ma­ler­wei­se muß dann die Rück­fahrt am 4. Tage ange­tre­ten wer­den. Das Lösen der Rück­fahrt zie­he ich nur in Erwä­gung der Bequem­lich­keit wegen. Für Dei­ne Rück­rei­se (aber davon wol­len wir jetzt noch gar nicht spre­chen) habe ich einen D‑Zug gesucht, der schon früh­zei­tig fährt, mit dem Du schon 1244 wie­der in Leip­zig bist (die Hal­len­ser Ver­wand­ten brauchst dann also gar nicht mehr zu inkom­mo­die­ren), und da wäre es gut – – – und dann brauch­ten wir doch wäh­rend Dei­nes Hier­seins für so[’]n Kram kei­ne kost­ba­re Minu­te zu ver­schwen­den. Aber wenn es eben nicht geht – – wirst ja sehen.

Wie lieb Du mir von Dei­nem Sonn­tag berich­test. Du! Lie­bes!! Wenn wir allein gewe­sen wären — zuge­schlos­sen hät­ten wir die Tür — Geschos­se­ne Gesell­schaft — Herr­schaft ver­reist — und dann, Du?!! Dann war mein Lieb gefan­gen, in der Stu­be, — und dann hät­te ich mir[’]s gefan­gen, in die Arme, in[’]s Käm­mer­lein, in[’]s Bett­lein — und dann hät­te ich mir[’]s gefan­gen, mein Her­zel – – – –!!! Du Liebs­te! Jetzt nicht so dar­an den­ken! Fein brav und still. Du! Wenn es mich auch soviel Über­win­dung kos­tet. — Radau? wenn wir zusam­men sind? Du, womit denn, sag?? Mit dem Wün­d­chen? Geht doch nicht! — Ich weiß wei­ter nichts als die Kano­ne vom Hubo — und die Matrat­zen­fe­dern, Du!! Weißt doch, wie ver­rä­te­risch die sein kön­nen!!! Ganz heim­lich und still sind wir dann wie die Kin­der, wenn sie etwas ganz Süßes schle­cken, Du! Du!! Herz­lieb, daß auch Du Dich so seh­nen mußt! Aber gelt, Herz­lieb, Herz­al­ler­liebs­te! Und wenn sie noch so brennt und schmerzt, die Lie­be und Sehn­sucht, wir blei­ben uns treu des­halb, dann erst recht!!! Es sind wohl [die] schlech­tes­ten Men­schen, die die schwa­che Stun­de eines Wei­bes aus­nut­zen und in Abwe­sen­heit des Man­nes miß­brau­chen.

D-BW-Heidelberg - Deutsches Apothekenmuseum - Aspirin 1
Aspi­rin, 1939. Deut­sches Apo­the­ken­mu­se­um, Hei­del­berg. Foto: ANKAWÜ, 01.10.2013, über Wiki­me­dia Com­mons, CCA-SA 3.0 Unpor­ted Lizenz.
Ja, nun hat­test also einen hart­nä­cki­gen Sonn­tag­nach­mittag­gast.

Und mit einem bösen Alarm wur­de es beschlos­sen, der Sonn­tag, wie bei Dei­nem Hubo. Der muß­te um die Zeit gera­de Alarm­wa­che ste­hen, und als er dann die Moto­ren hör­te, hat er sei­ne Hän­de gefal­tet, es möch­te doch für alle gnä­dig vorübergeh[’]n. Eine reich­lich dunk­le Geschich­te ist mir Euer Alarm, ich wer­de nicht klug: erst Übung, dann Ernst. Herz­lie­bes! Sollst nicht ängst­lich sein des­halb. Die Alar­me las­sen jetzt nach. Seit ich hier bin, hat uns[e]re Bat­te­rie erst ein­mal ganz kurz geschos­sen.

Ges­tern und heu­te tobt hier ein wil­der Sturm mit Regen­schau­ern. Des­halb war auch die ver­gan­ge­ne Nacht ruhig, und von der heu­ti­gen erwar­ten wir es auch.

War ein arbeits­rei­cher Tag heu­te. Was Dein Hubo lan­ge nicht mehr gespürt hat: ein bis­sel Ner­vo­si­tät, von dem Geklap­per der Schreib­ma­schi­nen, von dem Geklin­gel des Tele­fons dazwi­schen, von dem leb­haf­ten Kom­men und Gehen den gan­zen Tag hier, von dem durch­ein­an­der der Anlie­gen, von der Ner­vo­si­tät des Haupt­feld­we­bels, von der Klein­li­chen Umsicht, die die ver­schie­de­nen Auf­ga­ben erfor­dern. Heu­te war ich auch mal spür­bar nütz­lich, das ist mir recht, weißt, Hol­de?! Du, wie schnell Leu­te abkom­man­diert wer­den, gro­ße und klei­ne, das habe ich heu­te gese­hen! Das macht uns viel, Arbeit die nächs­ten Tage. Des­to schnel­ler ver­ge­hen sie bis zu Dei­nem Kom­men, Gelieb­te!!

Will mich nach­her gleich noch rasie­ren, abends um 10 Uhr! Ich kom­me sonst nicht dazu. Heut[’] mit­tag ließ ich mir die Haa­re abschnei­den. Ist Dein Dicker­le heut[’] abend rich­tig besuchs­fä­hig — oder emp­fangs­fä­hig! Blin­der Alarm. Du!

Herz­lie­bes, Du! Spannst Dei­nen Hubo noch so auf die Fol­ter!: „Ich habe, ich ganz allein!, aller­hand noch vor!“ Du! Du!! Was soll ich mir dabei den­ken? Ach Du, da kann sich Dein Dicker­le soviel dabei den­ken, soviel Süßes auch! Mei­ne Lieb­lings­wün­sche erfüllst mir ja doch, Du Lie­be! Und die Über­ra­schung wird ja kei­ne Ent­täu­schung sein, das weiß ich ja heu­te! Und daß [s]ie nur mich bestimmt ist, Du!! Aber für Dein pfif­fi­ges Hm! Kriegst doch eins auf[’]s Popo­chen, ob Du’s nun dick oder dünn ein­packst, ich such[’] mir[’]s schon, Du, und find[’]s auch ohne Kompaß!! Hät­te bei­na­he auch geschrie­ben ‚ohne Lich­ter’. Aber dann bringst kei­ne mit, und das wäre ganz scha­de! Du!! Liebs­te!! In man­chen Mär­chen begeg­net man die­sem Motiv: „Und wenn Du nur ein Wort sprichst — Und wenn Du Dich nur ein­mal nun siehst — Und wenn Du nur den Mund ver­ziehst zum Lachen — dann ist alles dahin, der Zau­ber, das Wun­der, die Pracht!“ Du Liebs­te! Kennst Dei­nen Hubo? Hast ihn schon ein­mal mehr zum Lachen ermun­tern [^]oder als ihm das Lachen ver­weh­ren müs­sen?

Liebs­te! Gelieb­te!! Der Augen­blick, da wir ein­an­der gegenübersteh[e]n — - — Du! Du!! O Du!!!

Behü­te Dich Gott! Er wal­te gnä­dig über unse­rem Glück!

Liebs­te Du! Magst aus die­sen Zei­len mei­ne gro­ße Freu­de, mei­nen tie­fen Dank, mei­ne Lie­be und Sehn­sucht zu Dir!, nur zu Dir!! erken­nen, die Du mit Dei­nen lie­ben Zei­len zu neu­er Glut ange­facht hast. Du! Ich muß jetzt auf­hö­ren, Du! Ich bin schon ganz unru­hig. Fein brav und still! Ich darf es nicht ver­ges­sen. [klei­ner, viel­leicht nach­träg­lich hin­zu­ge­fugt:] Du! Weißt! Viel­leicht kaufst noch bis­sel Kaf­fee ein, damit ich nicht immer das Soda­zeug trin­ken muß.

Auszug aus dem Brief. Vielleicht von Roland nachträglich hinzugefügt.
Aus­zug aus dem Brief. Viel­leicht von Roland nach­träg­lich hin­zu­ge­fügt.

Herz­al­ler­liebs­te! Dein [Roland] bin ich, Dein Hubo, Dein Dicker­le! War­tet auf sei­ne Hubo, auf sei­ne lie­be Frau, auf sein Weib, sei­ne [Hil­de]!!

In unwan­del­ba­rer Treue und mit mei­ner gan­zen Lie­be hän­ge ich an Dir, und hal­te Dich fest und las­se Dich nie und nim­mer!!!

T&Savatarsm

Auszug aus dem Brief.
Aus­zug aus dem Brief.

Du, mei­ne Hol­de!!!

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