07. November 1940

Karte der Wahlergebnisse nach Bundesstaat
Wahl­er­geb­nis­se der Prä­si­dent­schafts­wahl in den USA vom 5. Novem­ber 1940. Kar­te von AndyHogan14. Lizen­ziert unter Gemein­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 11.2015.

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Don­ners­tag, am 7. Novem­ber 1940.

Herz­al­ler­liebs­ter! Mein lie­ber, lie­ber [Roland]! Gelieb­ter Du!

Die ver­gan­ge­ne Nacht war ganz hell und stern[en]klar. Alarm war zu erwar­ten und wenn man sich die­sem Gedan­ken zur Ruhe begibt, schläft man meist ganz unru­hig. Gegen 200 ertön­te dann auch die Sire­ne, aber nicht bei uns, der Wind trug es von weit her. Ich war­te­te nun und lausch­te, bis die uns[e]re anfing. Nichts. Nach 3 [Uhr] ent­warn­te die and[e]re Sire­ne wie­der. Es schien wie­der die Leip­zi­ger Rich­tung zu sein.

Aber mit mei­ner Ruhe war es vor­bei. Du!! Tust mir recht leid, wenn Du so nachts paar­mal raus mußt und an die Wache. Ich den­ke, wenn es dem Win­ter zugeht läßt das Ein­flie­gen ein wenig nach; bis jetzt scheint’s aber noch nicht so.

Ach, wenn doch bald Ruhe wäre. Nun war­tet alles wie­der mit Span­nung auf die Wahl­er­geb­nis­se von ‘drü­ben.’ Die bei­den ‘Erwähl­ten’ waren die­ser Tage mal abge­bil­det in der Zei­tung. Roo­se­velt ist äußer­lich kein absto­ßen­der, unsym­pha­ti­scher [sic] Mensch, aber der and[e]re, sei­nen Namen ver­gaß ich, umso mehr, schät­ze ich. Ers­ter hält’s mit den Juden und der zwei­te?

Ich fürch­te nur, daß sie sich in die­sen Krieg mit ein­mi­schen, und je mehr dazu kom­men, um so mehr zieht es sich in die Län­ge. Wir werden’s erle­ben.

Kennkarte innen.jpg
Innen­an­sicht einer Kenn­kar­te. Ein­ge­stellt von Syn­ofee, Nach­lass von ver­stor­be­ner Schwie­ger­mut­ter. Lizen­ziert unter Bild-frei über Wiki­pe­dia, 11.2015.

Ges­tern war ich nun beim Licht­bild­ner, (man soll ja tun­lichst Fremd­wör­ter meiden!) glaubst, bei die­sem Käpp­ler in L. geht das Geschäft wie beim Zahn­arzt! Alles voll, alles Bil­der für Aus­wei­se oder Kenn­kar­ten. Ich habe reich­lich 1 Stun­de geses­sen, ehe ich dran­kam. Es war dann fins­ter, wie ich her­aus trat. Eine gute Lage hat er für sein Geschäft und aus­ge­zeich­ne­te Räum­lich­kei­ten. Emp­fangs­raum, gleich­zei­tig Ver­kauf von aller­lei Zube­hör sei­ner Kunst, gegen­über ein gro­ßer, hoher Arbeits­raum. Nach hin­ten hin­aus die Räu­me für sein Dienst­per­so­nal. Ich glau­be das Fr[äu]l[ein] Vet­ter­mann ist bei ihm beschäf­tigt. Weißt? Sie ging paar­mal durch, als gehö­re sie hin.

Am 16. Novem­ber kann ich die Bil­der abho­len, wenn’s gut geht! Hof­fent­lich zieh[‘] ich kein dum­mes Gesicht. Beim Pass­bild muß man den Kopf so komisch hal­ten, so hoch.

Die jun­ge Frau Wend­ler, Schwie­ger­toch­ter mei­ner frü­he­ren Che­fin[,] besuch­te ich ges­tern noch. Sie hat ein klei­nes Mädel bekom­men, da muß­te ich unbe­dingt etwas schen­ken. Sie haben mir immer so viel geschenkt und so kann ich mich gleich ein­mal abfin­den. Ein rei­zen­des rosa Jäck­chen kauf­te ich für sie, da war sie ganz ent­zückt. Ach glaubst, wenn ich so die nied­li­chen Sachen ein­kau­fe, möch­te ich alles am liebs­ten sel­ber behal­ten. Das ist zu schön, solch klei­ne Aus­stat­tung zusammen[zu]tragen.

Und einen herr­li­chen Korb­wa­gen hat sie für das Kind.

Man kriegt ordent­lich Lust, sich auch solch klei­nen Erden­bür­ger zu bestel­len.

Herz­al­ler­liebs­ter Du! So besinn­lich wol­len Dich mei­ne Zei­len stim­men, Du! Ach bit­te, mein [Roland], laß das Grü­beln! Wir ver­ste­hen ein­an­der doch!! Wir wis­sen doch wie lieb, wie wert eines dem andern ist!! War­um willst Du denn Schat­ten her­auf­be­schwö­ren aus der Ver­gan­gen­heit, Du! Ich habe Dir nichts zu ver­zei­hen, Gelieb­te!

Wenn ich frü­her ein­mal mein blu­ten­des Herz bezwun­gen habe mit star­kem Wil­len, Du — es ist vor­bei — ich habe aber gefühlt, wie mein gan­zes Leben zu vol­lem Wert erwach­te durch jedemn Schmerz, der mich beschwer­te. Aber gera­de der Schmerz war es mein [Roland], der mich höher hob. Gera­de der Schmerz der mei­ne Lie­be zu Dir von allen Anfang an beglei­te­te, bis zu der Zeit, da wir uns gefun­den, ließ mich nur tie­fer, inni­ger zu Dir hin­stre­ben. Ich hät­te nie mehr auf­hö­ren kön­nen, Dich zu lie­ben. Und wären wir ein­an­der fremd geblie­ben, ich hät­te mich ver­zehrt an die­ser Lie­be. Ich ken­ne ein ganz altes Vers­lein. Ich will Dir’s auf­schrie­ben.

Wem nie durch Lie­be Leid geschieht,

Denn ward auch Lieb’ durch Lie­be nicht;

Leid kommt wohl ohne Lieb’ allein,

Lieb’ kann nicht ohne Lei­den sein. [W.H. von RiehlDer Stadt­pfei­fer, Kap. 2, 1847]

Du! Erkennst Du auch die Wahr­heit, die drin­nen steht? Herz­al­ler­liebs­ter! Mein [Roland]! Wir wol­len ein­an­der lie­ben, das heißt auch: wir wol­len ein­an­der hel­fen, geben, schen­ken, wol­len ein­an­der ergän­zen — es soll eins vom andern erfüllt sein. Und was das eine aus über­vol­len Her­zen schöpft und ver­schenkt aus lau­ter Lie­be, Du!, das soll das and[e]re anneh­men ohne Zögern, ohne einen inne­ren läs­ti­gen — das ist viel­leicht zu derb gesagt — bedrü­cken­den Zwang zu emp­fin­den dabei, daß es im glei­chen Maße, im glei­chen Wer­te zurück­gibt. Das Beschen­ken, es kommt von ganz allein. Bei einem braucht es mehr Zeit zur Rei­fe, beim ander[e]n weni­ger. Du!! Du schätzt das, was Du mir dar­bringst immer so gering ein, Herz­lieb!! Das sollst Du nicht!! Wenn ich nicht erfüllt und beglückt wäre durch Dein Geschenk, Dei­ne treue gro­ße Lie­be, Du!! Wenn ich dies Wun­der, dies herr­li­che Wun­der des Geliebt­wer­dens nicht emp­fin­den könn­te, glaubst Du denn, ich wür­de so immer nur Dich glück­lich machen kön­nen? Nein. Du! Erst die fro­he Gewiß­heit Dei­ner gro­ßen treu­en Lie­be zu mir gibt, daß der Brun­nen mei­ner Lie­be nicht ver­siegt, daß er viel­mehr immer hel­ler, kla­rer strömt zu Dir hin, nur zu Dir! Du!!

Bit­te Herz­liebs­ter! Mache Dir doch kei­ne Gedan­ken mehr nun! Wenn es nun über uns gekom­men wäre wie ein Früh­lings gewit­ter [sic] so rasch, und so schnell vor­bei? Glaubst Du, daß wir ein­an­der so tief noch lieb­ten wie jetzt, daß wir eines von des andern Treue und Wert über­zeugt wären ganz ohne Zwei­fel? Ich kann es nicht glau­ben! Die Welt lie­fert zu vie­le Bei­spie­le hier­für.

Wie sich unser Weg wand­te, wir spü­ren dar­in wun­der­bar Got­tes Hand, die alles mensch­li­che Den­ken, Hof­fen und Wün­schen regiert. Wir sol­len nicht dar­über nach­grü­beln, Du!! Wie es war, war­um es so und nicht anders kam. Sind wir denn nicht so uner­meß­lich reich beschenkt wor­den durch Got­tes Güte? Wir sind ein­an­der gewiß gewor­den, über allem Miß­ver­ste­hen und Schmerz der Prü­fungs­zeit. Mehr Glück kann uns nicht wer­den, Du!!

Ich weiß froh und glück­lich, daß ich Dir Erfül­lung sein kann, mein Gelieb­ter!!! Erfül­lung Dei­ner Sehn­sucht und hohen Mei­nung von der gemein­sa­men Lebens­fahrt! Sag! Du!! Was kann wohl ein Weib mehr beglü­cken als die­ses? Und ich will unsern Herr­gott immer wie­der bit­ten, daß er mir die Kraft schen­ke, Dir alles zu sein, Dir das Leben so lieb und gut wie nur mög­lich zu berei­ten. Herz­lieb!! Dei­ne Lie­be, Dei­ne Ver­eh­rung, Dein gan­zes gelieb­tes Wesen macht es mir ja so leicht, ganz allein nur für Dich zu leben, ganz in Dir auf­zu­ge­hen.

Möge uns der Vater oben gnä­dig sein in unse­rem Glück. Mögen er uns ein gemein­sa­mes Leben in Frie­den schen­ken.

Herz­al­ler­liebs­ter! Mein lie­ber, liebs­ter [Roland]! Ich will Dir mit all dem sagen, daß ich Dich ganz, ganz sehr lieb­ha­be! Daß ich Dir gar­nichts [sic] zu ver­zei­hen habe! Daß Du ganz froh, ganz leich­ten Her­zens, ganz glück­lich sein sollst mit mir und auch von Her­zen dank­bar dafür, wie es Gott uns schenk­te!

Ach, ich will, ich möch­te doch soo ger­ne kom­men, zu Dir, daß wir ein­an­der uns[e]re gro­ße Lie­be und das Glück aus den Augen lesen kön­nen! Ob ich kom­men darf?? Dein Bote blieb heut aus Du! Er wird mor­gen kom­men. Herz­al­ler­liebs­ter! Mein innigst­ge­lieb­ter guter [Roland]! Du!! Behüt[‘] Dich Gott auf allen Wegen! Bleib gesund!

Ich bin in unend­li­cher Lie­be und Treue ganz Dei­ne Hol­de.

Und Du bist mein Dicker­le! Mein Hubo! Mein!!!T&Savatarsm

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