05. November 1940

HMS Jervis Bay in Dakar, 1940
Die Jer­vis Bay, ein Schiff aus dem Hilfs­kon­voi zur Unter­stüt­zung der bri­ti­schen Trup­pen, sank nach einem Gefecht mt der deut­schen Flot­te am 5. Novem­ber 1940. Foto von JF Ayl­ard — Tre­vor Ree­ve and Joe Mar­riott from HMS Jer­vis Bay Assosia­ti­on. Lizen­ziert unter Gemein­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 11.2015.

[401105–2‑1]

Diens­tag, am 5. Novem­ber, 1940.

Herz­al­ler­liebs­ter Du! Mein lie­ber, gelieb­ter [Roland]! Du!!

Ich habe ges­tern in den Akten gekramt und da fand ich auch das Schreib­pa­pier, das mir mein lie­ber Mann für­sorg­lich auf­hob! Will nur gleich dar­auf schrei­ben – die klei­nen Bogen, die ich bis jetzt benut­ze, gefal­len mir gar­nicht [sic]. Also Dicker­le! Das Geld ist hin! Ich hab[‘] den Möbel­händ­ler bezahlt. Ich habe auf mei­ne 490 R[eichs]M[ark] in Bedarfs­de­ckung schei­nen 10 R[eichs]M[ark] wie­der her­aus­be­kom­men, und die habe ich gleich mit ange­legt für einen Weih­nachts­mann, für Dich! Denk aber nicht, daß ich Dir ‘was ver­ra­te! Du!— schon ist’s!! — Und noch, ‘was und noch ‘was hab[‘] ich ins kriegst Du am 4. Advent!! Genug.

Ich habe nun noch Lino­li­um [sic] über­all drauf außer auf den Stüh­len, sonst ist alles in Ord­nung; der Spie­gel kommt noch aus Chem­nitz, der war doch beschä­digt. Er hat gar kei­ne Schwie­rig­kei­ten gemacht, weil nun uns[e]re Möbel viel­leicht etwas län­ger drü­ben ste­hen, als geplant war. Und so brau­chen wir uns auch kei­ne Gedan­ken zu machen; wenn nicht g[e]rade eine Bom­be drü­ben ein­schlägt, bleibt alles unver­sehrt.

Am kom­men­den Frei­tag soll ich zu Tan­te Mainz nach Chem­nitz kom­men Kin­der­war­ten, sie hat wie­der gro­ße Wäsche.

Ich fah­re nicht – ich hab[‘] ihr eben die Absa­ge geschrie­ben. Ers­tens ist ihr Mann zu Haus und da blei­be ich nicht über Nacht. Zwei­tens hab ich noch genug mit mei­ner Wäsche zu tun. Und in Anbe­tracht mei­ner Rei­se! Du! Ist ja gar­nicht [sic] dar­an zu den­ken. Was ich noch alles vor­ha­be! Wenn es sich mal um 1 Tag han­deln wür­de – ja. Aber so soll ich gleich 3 / 4 Tage blei­ben. Ich hab[‘] das auch der Mutsch klar­ge­legt. Sie kann mich ver­ste­hen. Sie will mal rein­fah­ren zu ihr am Frei­tag­abend, weil sie den Sonn­abend sowie­so frei hat. Ich bin ein­ver­stan­den, Papa auch.

Lie­ber will ich zu Hau­se alles allein rei­ne­ma­chen, aber da bin ich wenigs­tens für mich mit mei­nen Gedan­ken.

Ach, die Mutsch ist nun bei­na­he auch so auf­ge­regt wie ich, wenn ich ihr so der Rei­he noch erzäh­le, wie unser heim­li­cher Plan immer mehr Gestalt annimmt. Das letz­te Mal hat sie mich direkt beein­flußt mit ihrer Ängst­lich­keit und Sor­ge, die sie sich macht, wenn ich fah­re. Als ich mit ihr von Hal­le über­nach­ten rede­te, und ich Schä­fel hab mich auch für einen Tag von ihr ein­schüch­tern las­sen und habe Dir sogar geschrie­ben von mei­nen Beden­ken. Am ander[e]n Tag, wo ich mir alles schön ruhig durch den Kopf gehen ließ, sah es doch viel, viel weni­ger wild aus.

Mei­ne Mutsch macht mich aber auch manch­mal ver­rückt.

Und Du denkst womög­lich nun, ich bin Fei­ge und ich habe Angst, [Roland]? Du!! Das darfst Du nicht!! Hörst’? Ich kom­me zu Dir!! Und ich kom­me auch rich­tig hin!! Mag kom­men was will. Wenn Du schreibst: kom­me! Dann kom­me ich.

Du!! Heu­te bekam ich wie­der 2 Brie­fe von Dir!!

Wie ich mich gefreut habe, Herz­lieb!! Ich dank’ Dir so sehr! Ich schen­ke Dir einen ganz lie­ben, lan­gen, „lei­sen“ Kuß! Du!! Weil Du nur das Gute, das Bes­te Dir abge­winnst, mein [Roland] von allem, was nun eine Wei­le Dein Reich sein soll. So kann es Dir nicht so schwer fal­len. Ich habe gewußt, daß Du Dich zurecht fin­den wirst, daß Du auch nicht trüb­sin­nig drein­schaust, wenn nicht alles nach Dei­nem Wunsch und nach Dei­ner Vor­stel­lung sich schick­te. Ich den­ke bei mir, es ist ganz gut so, wo Du jetzt steckst. Ers­tens bist Du nicht unmit­tel­bar in der Stadt – und wenn Mann­schaf­ten mit da lie­gen, ist auch sicher die Ver­pfle­gung in Ord­nung. Ich glau­be nicht, daß die, die bei der Abtei­lung sind, immer das bes­se­re Los sie­hen. Es wird Dir gewiß mit der Zeit auch Spaß machen, wenn Du Dich nun ein­ar­bei­ten kannst in den neu­en Pflich­ten­kreis. Es ist mei­ner Ansicht nach gar nicht so ganz unin­ter­es­sant, Eurer Schaf­fen. Ihr bekommt doch auch mal einen tie­fe­ren Ein­blick in das gan­ze Gesche­hen rings um uns, in der jetz­ti­gen Zeit. Und es ist eben die Arbeit, die Beschäf­ti­gung nicht so schreck­lich ein­sei­tig wie das fort­wäh­ren­de Exer­zie­ren und Dril­len. Wer nun bei­spiel­wei­se zur Infan­te­rie aus­ge­ho­ben ist, der muß doch eine gan­ze Zeit Fuß­dienst und Schie­ßen und was weiß ich noch üben.

Du sitzt aber auch jetzt sozu­sa­gen zu der Quel­le – vie­les Wich­ti­gen! Hal­te mir brav Dein Riech­or­gan auf Pos­ten, damit Du weißt, wie die Akti­en lie­gen!

Du! Ich freu mich, daß Du so [ein] bis­sel [biss­chen] weißt, was los ist!! Herz­lieb!! Was Du da doch schon alles aus­ge­kund­schaf­tet hast! Ich kann gar­nicht [sic] schnell genug lesen, was Du mir wie­der Neu­es zu sagen hast über unse­ren Feld­zugs­plan!

Auf dem Lan­de ist[‘]s, das freut mich eigent­lich Du! Damit ich nicht auf dum­me Gedan­ken kom­me, wenn mein Hubo nicht bei mir ist, neh­me ich mir schon Beschäf­ti­gung mit!

Ach, wenn ich Dich nur jeden Tag ein­mal sehen darf, dann bin ich schon ganz froh, Herz­lieb! Und Sonn­abend – Sonn­tag gibt[‘]s ja [ein] bis­sel [biss­chen] mehr frei! Viel­leicht, wenn ich ein­mal mit zu Dei­nem gestren­gen Herrn Vor­ge­setetzten kom­me, emp­fin­det er ein mensch­lich Rüh­ren und läßt Dich 3 Tage lau­fen!!

Na, das ist dann der gerings­te Kum­mer, weißt? Wenn ich mir ein­mal erst dort bin, dann fin­den wir schon Rat!

Stell’ Dich mit dem ‚Kam­mer­fit­zer’ gut; es ist mög­lich, daß wir eine Uni­form brau­chen! Wenn’s gar­nicht [sic] anders geht, Du!! Lernst mich eben an bei Dir in der Schreib­stu­be.

Du!! Du!! Ich bin ganz aus dem Häu­sel, daß ich nun weiß, an wel­chen Ort ich nun ‚viel­leicht’ kom­me, in was für ein Häu­sel! Wenn’s nur sau­ber ist, dann ist alles gut. Es ist nun der fest­ge­leg­te Ter­min schon so nahe, Du!! gebe [sic] Gott, daß es sich so erfüllt, wie wir uns erseh­nen.

Herz­lieb!! Wie scha­de, eben, kommt die Oma aus M.. Ich soll mit ihr noch L. gehen, einen Hut ein­kau­fen, da ist nun mei­ne Ruhe hin, Du!! Du!! Ich plau­de­re mor­gen wei­ter mit Dir mein Herz­lieb! Also für heut[e] auf Wie­der­se­hen!

Behü­te Dich Gott! Blei­be ganz froh und gesund! Ich will zu Dir kom­men, Liebs­ter! Bald! bald! [sic]

Es küßt Dich innig, ganz innig in münd­li­cher Lie­be

in ewi­ger Treue

Dei­ne Hol­de.

Einen recht schö­nen Grüß von Oma!T&Savatarsm

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