5. November 1940

Otto Ubbelohde Frau Holle.jpg
Frau Hol­le lässt es schnei­en. Frau Hol­le gezeich­net von Otto Ubbe­loh­de, aus Kin­der- und Haus­mär­chen der Brü­der Grimm, zuerst ver­öf­fent­licht 1907–1909, Leip­zi­ger Turm-Ver­lag. Lizen­ziert unter Gemein­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 11.2015.

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Diens­tag am 5. Novem­ber 1940

Herz­lieb, Du! Heu­te ver­ges­se ich gleich die Anre­de. Du! Weißt [Du], wer mir eben begeg­net ist? Du? Frau Hol­le! Ja! Frau Hol­le! Hör zu! Es ist ½ 7 Uhr am Abend. Eben woll­te ich mich an den ver­schwie­ge­nen Ort bege­ben, der am Lager­ein­gang liegt — der Mond steht fei­er­lich und gelas­sen am Him­mel, uns[e]re Ster­ne stei­gen glän­zend im Osten auf — da ist sie mir begeg­net. 2 Frau­en mit Wäsche­pa­ke­ten, von einem Sol­da­ten gelei­tet, streb­ten den Bara­cken zu, eine jun­ge und eine älte­re. Wie ein Blitz durch­schoß mich der Gedan­ke: Frau Hol­le, die älte­re wäscht für die Sol­da­ten — die jün­ge­re erkann­te ich gera­de noch von mei­nem Besuch in Bark­les­by. Na, weißt nun, wer die Frau Hol­le ist? Ich gehe auf die bei­den Frau­en zu und sage: “Das ist doch die Frau Peters­son — — —” Und rich­tig, sie war es, die jun­ge mach­te der Frau Hol­le nur ein paar Andeu­tun­gen, und sie war im Bil­de. Und nun in der etwas sprö­den, tro­cke­nen nor­di­schen Art, hin­ter der sich soviel Tie­fe und Treue ver­ber­gen kann, ein paar Fra­gen und Aus­künf­te und dann: “Na, denn geht das in Ord­nung!” Ja Du! Lie­bes, weißt denn auch, was das bedeu­tet? Ich habe ein Stüb­chen für uns, Du!!! Und Du, mein Herz­lieb, kannst nun kom­men!!! Nun kennst Du auch die Frau Hol­le, soo gut ist sie wie Frau Hol­le, und soo gut sieht sie aus wie Frau Hol­le, Du! Etwas kurz und dick, mit einem strah­len­den Gesicht, weißt, der M.er Groß­mutter nicht ganz unähn­lich. Wenig haben wir ver­han­delt. Weißt, was Dein Hubo gefragt hat? Ob das Bett­lein auch groß genug ist. Ja, Du, gleich so dreist hat er gefragt. (Ob das Bett­lein auch lang genug ist, mei­ne Frau ist sooo lang). Groß ist das Bett, hat sie gesagt. Ja, Herz­lie­bes, das war wich­tig, Du! Es steht näm­lich nur ein Bett­lein drin — und ein Sofa. Wer nicht gut folgt, muß auf dem Sofa schla­fen! Ich weiß schon, wer das ist. Du, wenn Du nicht gut gefolgt hast, mach[‘] ich auch gleich noch eine Dumm­heit, dann ist das Bett­lein frei.

Frau Hol­le hat auch gefragt: Wie sich mein Frau­chen mit dem Essen ein­rich­ten wird. Und ob es denn auch Mar­ken mit­brin­ge. Na, Du kannst Dir den­ken, wie ich geant­wor­tet habe. Mein Frau­chen wird ja gar kei­nen Hun­ger haben hier! Du, Liebs­te! Ist das nicht eine Über­ra­schung, Du! für Dich und für mich nun auch? Herz­lei­bes? Und gleich habe ich mich hin­ge­setzt, die­se Freu­de mit Dir zu tei­len. Wie oft und lan­ge ich dann bei Dir sein kann, weiß ich ja noch nicht. Aber wären es nur Stun­den, Gelieb­te!! Und es ist bestimmt mehr. Nur jetzt mag ich noch nicht fra­gen. 8 Tage vor­her wer­de ich mein Anlie­gen vor­tra­gen und fra­gen, was sich tun läßt. Und es wird sich etwas tun las­sen.

Am Sonn­tag, Du! wer­de ich wie­der zu Frau Hol­le gehen und unser Stüb­chen besich­ti­gen. Siehst, Hol­de, was ich nun schon schreib davon, das darfst wie­der her­vor­su­chen und Dir aus­ma­len. Sau­ber ist’s in dem äußer­lich ärm­li­chen Häus­chen. Gute Men­schen woh­nen dar­an. Soviel ich bis jetzt sah, lau­ter Frau­en, davon 2 jun­ge. Eine davon ist bestimmt ver­hei­ra­tet, ihr Mann steht in Bel­gi­en, sie hat zwei nied­li­che Kin­der, Bub und Mädel von 2 und 3 Jah­ren. Du wirst also nie ganz allein sein, wenn Du nur willst. Du! Kein Licht im Haus. So viel Dun­kel im Stüb­chen. Da müs­sen wir schon für ein bis­sel [sic: biss­chen] Licht sor­gen — ich find mich ja gut im Dun­kel [sic], das weißt [Du] doch — aber Du, Du, siehst doch schon bei Tage kurz, was Du nicht sehen willst! Viel­leicht willst [Du] gar nichts sehen! Dein Dicker­le ist jeden­falls für das Licht und hat dafür auch schon vor­ge­sorgt! Du! Advent wird es doch wie­der! Viel­leicht bringst [D]u in Dei­nem Gepäck einen Lich­ten­gel unter. Du! Die sind treu und ver­schwie­gen, die ken­nen uns schon!! Und einen klei­nen Vor­rat an Lich­tern brau­chen wir — mußt viel­leicht den K.er Vater dar­um ange­hen. Falls Du das tust, möch­test bit­te für mich ein halb Dut­zend Taschen­tü­cher mit­be­stel­len, ich hal­te zu knapp damit. Ja, Herz­lieb, 8 Minu­ten liegt Frau Hol­les Haus etwa ent­fernt von unse­rem Lager, wenn ich ren­ne, sind es nur 5 Minu­ten, Du! Und [m]anchmal, Du, viel­leicht, geht es dann nachts bumm-bumm, daß die Schei­ben klir­ren. 300 m davon in Luft­li­nie ste­hen die Flakgeschüt­ze — dann mußt [Du] Dich schön fest­hal­ten am Bett­lein — oder an Dei­nem Hubo. Aber Mut hast Du ja — der Mond ist dann im Schwin­den, käl­ter wird es, die Angrif­fe wer­den bestimmt sel­te­ner. Nur Vater und Mut­ter darfst [Du] das nicht erzäh­len, hörst? Essen? Essen sollst Du gleich mit dort, ist das nicht fein? Und wenn es geht, kommt Dein Hubo zum Abend­brot! Und Du hast schon alles fein gedeckt und ein biß­chen ein­ge­heizt in unse­rem Stüb­chen — ja, Du, damit unser Eng­lein nicht friert. Und dann haben wir uns ja so viel zu erzäh­len, und zu schrei­ben — und ich mei­ne, Du bist mit Weih­nachts­ar­bei­ten voll­auf beschäf­tigt, und Dein Hubo wird Dir auf sei­ner Schreib­ma­schi­ne alle über­stän­di­ge Arbeit vor­klap­pern. Also, an Lan­ge­wei­le wer­den wir Man­gel haben, und uns mit Anstand schnells­tens in uns[e]re Gemä­cher zurück­zie­hen kön­nen.

Ach Du, Gelieb­te! Viel wol­len wir uns davon noch erzäh­len. Und Du sollst mich fra­gen dür­fen.

Ach Du, Gelieb­te! So schnell ist der Bote! In einem Tag bis Eckern­för­de! Ich dan­ke Dir so sehr für Dei­ne lie­ben Zei­len. Du! Weist?? Platt ist Dein Hubo — platt vor so viel Schlag­fer­tig­keit — ein Feld­zugs­plan? — Gegen­fer­tig­keit geschrie­ben mit vol­lem Vor­be­dacht? — Platt ist Dein Hubo — Du! Dumm ist Dein Hubo — ein Klotz — und Du bist ein Evchen, ein lie­bes, böses, zucker­sü­ßes Evchen — woher es nur so klug ist, das Evchen? — Aus Büchern? — O, das Dicker­le hat schon gelernt von die­sem Evchen! Und ich glau­be, ich glau­be, es wird noch mehr ler­nen von ihm! Du! Ist Dein Dicker­le nicht geleh­rig? — Bücher mag es sich nicht kau­fen — es kommt viel lie­ber in die Schu­le zur Tan­te [Hil­de].

Herz­al­ler­liebs­te! Unser Plau­der­stünd­chen geht zu Ende. Stern­klar ist die Nacht. Ver­gan­ge­ne Nacht ver­lief ohne Stö­rung — aber heu­te wird der Tom­my wohl kom­men.

Behü­te Dich Gott! mei­ne lie­be [Hil­de]! Bit­te grü­ße die lie­ben Eltern, sie bekom­men bald ein Brief­lein, ein Bitt­brief­lein, es ist nach sei­nem Inhalt nicht das ers­te, ver­stehst mich? Ach Du, ich habe auch Schreib­schul­den und so wenig Licht sie abzu­sto­ßen. Wenn ich jetzt Dein Brief­lein schlie­ßen soll­te und noch an ande­ren schrei­ben, das bräch­te ich nicht über mich. Sieg­fried schrieb mir heu­te. Hell­muth muß einen Geburts­tags­gruß bekom­men: 11. Novem­ber, dann sind die Eltern wie­der dran, die Kan­to­rei. Ach, weißt, sie müs­sen alle, alle war­ten, erst kommt mein Lieb! Heu­te lege ich Dir mei­ne Bil­der bei — die drit­ten — fast, als woll­te ich mich Dir auf­drän­gen. Hubo 8 ½ x 13 ½, genau nach Maß, damit es in den Rah­men paßt. Der läßt sich so gedul­dig zurecht­stut­zen. Ja, wel­cher Hubo ist das nun? [W]enn ich mich recht erin­ne­re: der das Bus­sel kriegt. Dann hast noch einen zum Mit­neh­men beim Aus­ge­hen — aber nicht frie­ren las­sen. Du! — und dann den Ori­gi­nal­hu­bo II. Und der Ori­gi­nal­hu­bo I sitzt hier und war­tet auf sei­ne Orginal[hilde] — auf den — - — - Wech­selb [sic] — - -, mal dick, mal dumm — Du! Bit­te, schreib auch was dum­mes! Damit ich nicht allein auf dem Sofa sit­zen muß. Ich tät ja gern radie­ren, aber das ist bei der Wehr­macht ver­bo­ten! Herz­al­ler­liebs­te! Mag Dich mein Bote froh und gesund antref­fen, möch­te es Dir recht viel Freu­de berei­ten!
Du! Hol­de! Ich lie­be Dich! Ich lie­be Dich ganz sehr!! Ich lie­be Dich viel­leicht ein biß­chen schwer­fäl­lig — wie eben ein Dicker­le! Du! Herz­lieb! Ich lie­be Dich aber auch mit gro­ßer Zärt­lich­keit! Du! Komm! Komm bald!! Damit ich es noch bes­ser ler­ne — so wie Du!! Ich will mir schon Mühe geben — und, davon gibt es Bei­spie­le genug‑,[^]viel­leicht über­trifft der Schü­ler einst den Meis­ter. Mei­ne lie­be, lie­be [Hil­de]! Mein! Ganz mei­ne!! Du, Dein Hubo ist so glück­lich, so reich mit Dir! Er ist so stolz auf Dich! Auf sei­ne lie­be Frau, auf sein Weib! das er nim­mer­mehr läßt und liebt in alle Zeit mit sei­ner gan­zen Treue!

Dein [Roland]!T&Savatarsm

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