03. November 1940

Ikkuna
S/s Ukko­pek­ka ikku­na Lois­o­ka­ril­la, Foto: 6.3.2007, Poro­vu­o­rim. Lizenz CCA-Sha­re Ali­ke 3.0 Unpor­ted, 10.2105.
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Sonn­tag, den 3. Novem­ber 1940

Mein lie­bes, teu­res Herz! Herz­al­ler­liebs­te, Hol­de mein!

Was meinst denn, was Dein Hubo heu­te getan hat? Du! Schwer zu raten — — er hat nach unse­rem Stüb­chen aus­ge­schaut, Du! Ganz anders ist es, als ich mir es geträumt habe und als Du Dir es aus­ma­len magst, Gelieb­te! Mei­ne Ver­hand­lun­gen sind noch nicht abge­schlos­sen. Die ent­schei­den­de Per­son war nicht anwe­send. Die Anschrift habe ich mir von einem Kame­ra­den geben las­sen, des­sen Frau da schon gewohnt hat. Ich erzäh­le Dir davon auch Nähe­res nicht eher, als bis ich eine Zusa­ge habe. Soll­te ich die nicht erhal­ten, ste­hen noch ein paar Mög­lich­kei­ten offen. Nur ein wenig vor­be­rei­ten will ich Dich. Wenn Du das Häus­lein sehen wür­dest, Du wärest ent­täuscht, wie ich zunächst. Es steht auf dem Dor­fe, nicht ganz unähn­lich dem L.es, unweit der Schu­le. Ja, auf dem Dor­fe. Die­ses Dorf liegt uns[e]rer Stel­lung näher als Eckern­för­de. Bis zur Stadt sind es 25, bis zum Dor­fe 8 Minu­ten, das ist natür­lich ent­schei­dend.

Gotland-Bunge Museum Hof 19.Jhdt. 05
Petro­le­um­lam­pe über Ess­tisch, Hof ( 19.Jhdt), Bun­ge Muse­um, Got­land, Schwe­den. Foto: Wolf­gang Sau­ber, 27.08.2007. Lizenz: CCA-Sha­re Ali­ke 3.0 Unpor­ted, über Wiki­me­dia Com­mons, 10.2015.
Ach Du, von außen sieht es ärm­lich aus, wie vie­le Häu­ser hier oben, aber innen ist es sau­ber. ‚Unser Stüb­chen’, wenn es das wer­den soll­te, war ver­schlos­sen, ich habe durch die Fens­ter hin­ein­ge­schaut — Du! Mein Lieb war noch nicht drin­nen! Trau­lich und klein war alles ein­ge­rich­tet. An der Decke hängt die Petro­le­um­lam­pe, Du! And[e]res Licht gibt es nicht. Das Petro­le­um ist rar. Müß­ten wir Ker­zen bren­nen. Müß­test Du Ker­zen mit­brin­gen. Müß­test Du von unse­rem Vater Dir einen Vor­rat schi­cken las­sen. Ja, Du! Ich will ja mein Herz­lieb auch mal sehen, Du, Du!! Sei­ne Augen, das Münd­chen, ich fin­de es doch sonst gar nicht! Weißt, wegen des Süßig­kei­ten, die wir doch zusam­men ver­schna­bu­lie­ren wol­len! Mußt nun schon flei­ßig spa­ren, Du! Ich auch! Und dann die gro­ße, stren­ge Mus­te­rung, Du! Kommst nicht dar­um her­um, mein Dicker­le!

Ach Gelieb­te, Du! Jetzt zit­tert mir schon der Blei­stift — und ich ver­tie­re mich in mei­nem Über­ei­fer doch schon in Ein­zel­hei­ten!

Auszug aus dem Brief
Aus­zug aus dem Brief

Nein, das darf ich [^]nicht. Aber recht­zei­tig hole ich mir den end­gül­ti­gen Bescheid, noch die­se Woche, damit Du, Gelieb­te, recht­zei­tig Dei­ne Vor­be­rei­tun­gen tref­fen kannst. Und nun weißt Du auch schon, wel­cher Art sie sein kön­nen. Du! Schon nimmt der Mond wie­der zu! Und nicht mehr sind ganz 3 Wochen bis zu Zeit, da wir uns, will’s Gott, wie­der­se­hen wol­len. Du! Herz­lieb! Sei recht lieb zu Vater und Mut­ter, wenn Du ihnen erzählst von Dei­nen Vor­ha­ben, zer­streue mit Lie­be ihre Beden­ken! Über­le­ge Dir auch, was Du ihnen erzäh­len willst von allem. Beden­ke auch Du mit mir, daß die­se Rei­se eine ganz schö­ne Unter­neh­mung ist, nicht ganz ohne Schwie­rig­kei­ten, mit allen Gefah­ren, die jede lan­ge Rei­se in sich birgt, daß sie in eine Gefah­ren­zo­ne führt, in der auch Dein Hubo lebt. Herz­lieb, ich weiß jetzt schon, was Du mir dar­auf ent­geg­nen wirst, Du gutes, tap­fe­res Mädel. Und Du weißt, wenn ich nicht selbst im Ver­trau­en auf Gott die­se Gefah­ren gering ach­te­te und sie für nicht grö­ßer hal­te als sie auch das Leben anderwo birgt: ich lie­ße es nicht zu, daß Du mich hier auf­suchst. Und Du weißt, was ich an Schwie­rig­kei­ten aus dem Wege räu­men kann, das tue ich.

Barkelsby Wappen
Wap­pen der Gemein­de Bar­kels­by im Kreis Rends­burg-Eckern­för­de, Schles­wig-Hol­stein. Abbil­dung: Ali­ce Thom­sen, Ehe­paar Kohrt, Ulrich Wie­ber, 13.08.1996.
Herz­al­ler­liebs­te! Ohne jede Stö­rung ver­lief die ver­flos­se­ne Nacht. Es war sehr stür­misch. Um 8 Uhr Wecken. Dann am Vor­mit­tag in der Schreib[^]stu­bemaschi­ne gestan­den und mich umge­se­hen, mich ein wenig geübt im Maschi­ne­schrei­ben. Dann mir noch 4 Stun­den Nach­mit­tags­ur­laub erwirkt, 2–6 Uhr. Mein ers­ter Gang nach dem Dörf­chen, ‚unse­rem Dörf­chen’ mit dem sel­te­nen Namen Bargles­by [sic: Bar­kels­by], nur um mir ein­mal die Häu­ser anzu­se­hen. Er war die Stun­de nicht, irgend­wo vor­zu­spre­chen. Mit dem Ent­schluß, auf dem Rück­weg da noch ein­mal durch­zu­ge­hen, beweg­te ich mich nun in ganz ent­ge­gen­ge­setz­ter Rich­tung nach Eckern­för­de. Die­ses Städt­chen bie­tet bau­lich wenig Reiz­vol­les. Ich brauch­te nicht lan­ge zu gehen, bis ich auf mei­ne Kame­ra­den stieß. Dar­ob gro­ße Freu­de. Wir teil­ten uns[e]re Sor­gen, uns[e]re Erfah­run­gen, uns[e]re Ent­täu­schun­gen — ein jeder hat­te für[‘]s ers­te ein Haar in der Sup­pe gefun­den. Er besteht die Aus­sicht, daß wir auf die­se Wei­he uns jeden Sonn­tag auf ein paar Stun­den tref­fen. Das wäre fein. Nach­dem wir das Städt­chen ein wenig durch­streift hat­ten, setz­ten wir uns in ein Kaf­fee­haus. 2 gro­ße schö­ne Kaf­fee­häu­ser gibt es hier. Brot­mar­ken haben wir kürz­lich von uns[e]rer Kom­pa­nie erhal­ten, sodaß uns alle Genüs­se offen stan­den, mit ihren kriegs­mä­ßi­gen Beschrän­kun­gen. Die Kame­ra­den beglei­te­ten mich in mei­ne Stel­lung, um mei­nen Bericht an Ort und Stel­le nach­zu­prü­fen.
Auszug aus dem Brief
Aus­zug aus dem Brief

Dann trenn­ten wir uns — und Dein Hubo mar­schier­te noch ein­mal am Lager­ein­gang vor­über nach unse­rem Dörf­chen — Du! — so! voll inne­rer Span­nung! Er hat alles auch mit Dei­nen Augen ange­se­hen, Gelieb­te! Und voll inne­rer Unru­he kehr­te er zurück — und nun schreibt er sich ein wenig davon von sei­nem Her­zen — die ande­re bewegt ihn nun all die Tage — bis, ja bis — Du! Du!! Und Du, Gelieb­te, es ist in die­ser Unru­he auch uns[e]re heim­li­che Freu­de, Herz­lieb! Es ist dar­in die gan­ze gro­ße Hoff­nung und Sehn­sucht zu Dir, Hol­de! Gott, behü­te Dich! Er behü­te uns! Er erhal­te uns demü­tig im Glü­cke!

Mor­gen, Du! rech­ne ich, daß ich Dei­nen lie­ben Boten wie­der emp­fan­gen kann. Alles Post geht durch die Schreib­stu­be, ich bekom­me sie aus ers­ter Hand, darf sogar den Stem­pel sel­ber drauf­drü­cken. Ja, Du, was Dein Dicker­ler jetzt nicht alles kann! Aber was wird aus sei­nen star­ken Sol­da­ten­ar­men wer­den? Die Kraut — Du! — man hat sie uns weg­ge­nom­men — das Sei­ten­ge­wehr auch dazu — ganz ent­waff­net hat man uns — Dein Hubo kann nicht mehr schie­ßen — Du! Was sagst dazu? Nun kann er nur wie­der mit dem Feder­hal­ter sei­ne Pfei­le ver­schie­ßen — Du, er wür­de schon ger­ne ein­mal sehen, ob sei­ne Pfei­le auch tref­fen, ob sie in Dein Her­zel tref­fen, rich­tig in die Mit­ten, Du! — Ja, nun muß sich Dein Hubo wie­der an sein Frau­chen hal­ten — wenn er es nur gleich hier hät­te! “Gewehr umhän­gen!” Ja, Du, wie machen wir denn das? “Ehren­be­zei­gun­gen mit um den Hals gehäng­tem Gewehr!”: Du, ich glau­be, so wird das Kom­man­do zu uns[e]rer Begrü­ßung hei­ßen müs­sen. Aber das ist ja Unsinn. Bist doch nicht mein Gewehr.

Herz­al­ler­liebs­te! Mor­gen will ich wie­der mit Dir plau­dern. Gott behü­te Dich! Er schen­ke Dir ein fröh­li­ches, star­kes Herz! Du! Ich freue mich so. Ich möch­te Dich ganz lieb haben — Dich drü­cken, Dich küs­sen — Dich auf mal her­um­wurs­teln (Du, das ist aber nicht mein Ansin­nen, das stammt von Dir) — Ach Gelieb­te! Komm zu mir! Komm bald! Ich bin Dein [Roland]! Dein Hubo! Dein Dicker­le! Und Du bist mei­ne lie­be gute [Hil­de]! Mei­ne lie­be Frau! Mein schö­nes, gelieb­tes Weib! T&SavatarsmMein! Ganz ganz mein!! Hol­de! Du! Du!!

 

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