02. November 1940

GWG „Eige­ne Schol­le, Hal­le, wohl zwi­schen 1934–39.

[401102–2‑1]

Diens­tag, am 29. Okto­ber 1940.

Herz­al­ler­liebs­ter! Gelieb­ter Du! Mein lie­ber, lie­ber [Roland]!

Mit dem Brief­kas­ten­schlüs­sel bewaff­net ging ich heu­te früh gegen 5 Uhr zum Markt nach L.

Als ich vor die Haus­tür trat, Du! Wahr­haf­tig! Er [sic] war­te­te schon der Liebs­te! Es schim­mer­te weiß durch die Öff­nung des Kas­tens. Du!! Wie ich froh bin, wenn ich ihn fas­sen kann, Dei­nen lie­ben Boten. Du kannst mir’s nach­füh­len, Du freust Dich ja eben­so sehr wie ich. Du! Warst nun heut[’] mit mir auf dem Wochen­markt! Hof­fent­lich hast Du mir nicht auch so gefro­ren wie ich! Eine ganz rote Nase hab[’] ich mit heim­ge­bracht. Und ich konn­te Dich doch heut früh auch nicht an mein Herz drü­cken; der­weil an mei­nem Her­zen ruhen las­sen, wo es schön warm ist, Du wärst mir ja unten durch gerutscht, Du! Ich hat­te die Pum­sel­ja­cke [sic] an und die ist unten so weit und Du! Ganz rich­tig an mein Herz hät­te ich Dich doch drau­ßen vor der Tür auch nicht ste­cken kön­nen! Es ist doch mor­gens immer Begäng­nis vor[’]m Haus. Schon allein die Arbei­ter. Du!! Wenn ich geahnt hät­te, daß ich Dich wahr­haf­tig mit­nahm! Ich hät­te es ja vor Neu­gier nicht den gan­zen la[ng]en Weg aus­ge­hal­ten, ohne mal nach­zu­gu­cken, was mein Lieb für Gesich­tel macht. Du, mein [Roland]! Ich dan­ke Dir aus tiefs­tem Her­zen für die Bil­der und den ander[e]n schö­nen Rah­men! Ich hab[e] schon mei­ne bei­den Bil­der hin­ein­ge­steckt und nun ste­hen sie alle bei­de vor mir—Du und ich. Wie schön läßt sich’s so anschau­en, Du! Man kann sich so lan­ge die Zeit ver­trei­ben nur mit schau­en. 2 gehö­ren immer zusam­men von Dir und mir. 1.) Dein Bild mit der heller[e]m Belich­tung und mein Brust­bild. 2.) Dein Bild mit der dunk­le­ren Belich­tung und mei­ne Halbauf[nah]me. Sich Dir doch mal uns[e]re Augen und uns[e]re Mün­der an auf dem 1.) Paar, sind sie sich nicht ganz ähn­lich? Dei­ne Bil­der gefal­len mir wirk­lich ganz sehr, Du!

Rich­tig männ­lich siehst Du aus (gegen dem gro­ßen Bild von Herrn L.) und dabei nicht zu streng, rich­tig so wie ich michr Dich schon lan­ge ein­mal gewünscht habe auf einem Bild. Ach, am aller­liebs­ten möcht[e] ich Dich doch bald ein­mal rich­tig, leib­haf­tig haben, Du! Wenn ich Dich begrü­ße, Du! Ist mir ganz gleich, wo das ist, Du kriegst aber so einen lan­gen fes­ten Kuß [w]enn Du auch nicht willst, Du!!

Ganz über­mü­tig wer­de ich bei dem Gedan­ken, daß es nun bald wahr sein wird, daß wir uns wiederseh[e]n. Du!! Glaubst wohl ich fürch­te mich vor Dei­nen star­ken Sol­da­ten­ar­men? Drück nur fest zu, und wenn Du mich erdrückst, ich schrei gar­nicht [sic], Du!! Und über­haupt, wo ich jetzt so dick bin, da kannst Du mich schon mal her­um­wurs­teln ohne daß mir alle Rip­pen im Lei­be weh­tun.

Bombing of haifa 11
Zer­stö­rung eines isla­mi­schen Fried­ho­fes und der Istik­lal Moschee durch einen ita­lie­ni­schen Luft­an­griff, Hai­fa, 09.1940. Am 02.11.1940 griff das faschis­ti­sche Ita­li­en Thes­sa­lo­ni­ki in Grie­chen­land an, wodurch sie 232 Men­schen töte­ten, 871 ver­wun­de­ten, und 800 Gebäu­de zer­stör­ten. Bild: wohl Aus­tra­li­an Defence Force, Collec­tion Data­ba­se of the Aus­tra­li­an War Memo­ri­al, 003154. Über Wiki­me­dia Com­mons, 10.2015.
Aber, daß Du’s nur weißt. Alles, was Du Dir vor­nimmst beruht natür­lich auf Gegen­sei­tig­keit!! Ich sag Dir’s [a]uch schon jetzt noch ein­mal im Guten: Wehe, wenn Du mich aus­lachst, weil ich auf einer Stel­le dicker bin—Du!! Ich ……!! Aber wenn Du’s doch tust, abfah­ren oder je nach­dem, [’]naus­ste­cken tu ich Dich des­halb nicht. Es wird schon noch einen geben der mich so mag, wie ich nun eben bin. Du! Ich hab[’] mit heim­li­chen Ver­gnü­gen Dei­ne Zei­len heut[’] gele­sen, wo Du mir über Dei­ne Eigen­art berich­test. Ich sehe Euch dabei rich­tig vor mir; möch­te gern Euch ein­mal belau­schen ganz unge­stört. Ich glau­be das wür­de viel Ver­gnü­gen machen. Du! Herz­lieb! Daß Du der alte [Roland] bleibst, mein [Roland] bleibst, das stimmt mich so sehr glück­lich, Herz­lieb! Du[!] Ich dan­ke es Dir!! Und ich bin auch gar­nicht [sic] ban­ge, daß Du Dich schwer ein­ge­wöh­nen wirst in Dei­ner nächs­ten Umge­bung. Du bist und bleibst mein gelieb­ter, guter [Roland]!  Nur mein!! Und wir wol­len unse­re inni­ge Ver­bun­den­heit, unse­re regel­mä­ßi­ge Ver­stän­di­gung immer auf­recht erhal­ten, wie bis­her. Und bei Dir mit der Bedin­gung, wenn es irgend nur Dein neu­er Dienst erlaubt, auch wei­ter täg­lich auf­recht erhal­ten. Wir kön­nen uns so unmög­lich aus­ein­an­der­le­ben, oder gar ver­lie­ren. Du! Das könn­ten wir ja im Leben nie, uns ver­lie­ren Du!!! Und wenn Du ganz weit fort von mir wärst und wenn die Post nicht mehr gin­ge. Ich bin nur ganz Dein, so lan­ge ich Atem in mir füh­le!! Hörst Du mich? Möge der böse Krieg brin­gen, was er will. [Ich] bin Dein! Ich glau­be an Dich! Ich war­te auf Dich! Und Du wirst wie­der kom­men, mein Leben!! Du gehörst zu mir!! Mei­ne See­le ruft ja so sehn­süch­tig nach Dir!! Ich lie­be Dich! Du! Herz­al­ler­liebs­ter! Ich bin immer bei Dir, alle Tage, alle­zeit. Ich kann nicht sein ohne Dich.

Du weißt es.

Mein [Roland]! Ich will war­ten auf Dein Zei­chen, wohin ich nun mei­ne Post sen­den soll. Am Sonn­abend soll vor­aus­sicht­lich die Rei­se los­ge­hen? Da kannst mal an mich den­ken, Du! Da hab ich gro­ße Wäsche! Seit Mit­te August nicht mehr gewa­schen. Wenn’s nur bis­sel [sic: biss­chen] [sc]hön drau­ßen wäre. Ich will an mei­nen treu­en Mann den­ken! Viel­leicht hilft’s! Und alle uns[e]re Dop­pel­fens­ter muß ich waschen und put­zen. Es ist höchs­te Zeit. Eine ste­chen­de, bei­ßen­de Käl­te und wäh­rend ich hier sit­ze und schrei­be, fal­len die Flo­cken ganz dicht von einem dick ver­häng­ten, grau­en Him­mel. Und abends Du!! Hu—wie mich friert!! Die Wärm­fla­sche wärmt doch nur grad das Stü­ckel [sic] an mir, wo ich sie gera­de hin­le­ge. Du!? Dicker­le!? Magst sie nicht erset­zen?!

Greek soldier Kalpaki 1940
Grie­chi­scher Sol­dat sitzt auf einem beschlag­nahm­ten ita­lie­ni­schen Pan­zer CV-33 wäh­rend des Kampfs von Ela­ia-Kala­mas, 2.–8.11.1940. Athens War Muse­um, über Wiki­me­dia Com­mons, 10.2015.
War­um ich Dich Dicker­le nen­ne? Na—weißt—das ist mir der Inbe­griff etwas recht Lie­ben, Schö­nen, etwas Guten, Mol­li­gen, etwas Gebor­ge­nen. Es ist eben etwas, was ich ganz sehr ger­ne habe, das Dicker­le. War­um? Wo, es ist eben auch eine Lei­den­schaft, oder eine Schwä­che, (wie man bei Frau­en lie­ber sagt) die ich habe. Ich will Dich halt mein Dicker­le nen­nen, wenn mir das ‘[Roland]’ zu respekt­voll in den Ohren klingt. Du mußt Dir’s auch anhö­ren, Du!! Ob Du willst, oder nicht. Bei einem Mann ist es nähm­lich näm­lich schwer einen—sagen wir Kosenamen—zu fin­den.

Aber Du darfst nicht den­ken, daß ich hier auf Dei­nen Ach­tern anspie­le! I[’] bewah­re, ich mein das Dicker­le vorn, wei­ter oben. Eben Dein lieb[‘]s Gesich­tel [sic]. Nu ist’s aber genug.

Kalamas1939
Fes­tungs­bau, Ela­ia-Kala­mas, Epi­rus, Grie­chen­land, 03.1939, vor der ita­ni­en­i­schen Angriff. Quel­le: Διεύθυνση Ιστορίας Στρατού/Γενικό Επιτελείο Στρατού-Geschich­te/Grie­chi­sche Gene­ral­stab, lizenz­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 10.2015.
Jetzt muß ich noch stri­cken Du! Damit ich Dir end­lich mal Dei­ne Müff­chen mit­schi­cken kann. Sag, Dicker­le! Wür­dest Du Dich freu­en, wenn ich Dir 1 Paar Ohren­schüt­zer mit­schi­cke? Will sehen wo ich wel­che krie­ge. Bei Euch ist’s doch nun auch sehr kalt, nicht?

Mein gelieb­ter, guter Roland! Noch­mal: alles, alles Gute für die Besich­ti­gung und für die Fahrt! Behü­te Dich Gott auf allen Wegen! Bleib gesund! Ich will immer Dei­ner den­ken, voll gro­ßer Lie­be, voll gro­ßer Sehn­sucht, Du! Ich hab[e] Dich so von gan­zem Her­zen lieb! Ich küs­se Dich, Du!! Ich bin nur Dein!

In unver­gäng­li­cher Treue bin ich Dei­ne Hol­de.

Und Du bist mein!!  [Eine ande­re Tin­te]

Auszug aus dem Brief, zwei verschiedene Tinten
Aus­zug aus dem Brief, zwei ver­schie­de­ne Tin­ten

Nun ist Frei­tag. Der vor­letz­te Monat vom lan­gen und doch auch kur­zen Jahr beginnt. Das Geschäft­li­che ist gere­gelt. Mit Dir will ich nun noch Plau­der­stünd­chen hal­ten, ehe das gro­ße Ren­nen beginnt. Wäsche! Ist das Viel!!! Ich sor­tier­te sie über Mit­tag mit Mutsch, um 5 [Uhr], wenn sie [hei]mkommt, wei­chen wir ein. Mor­gen und sicher auch am Sonn­tag heißt’s dann: Ran an den Feind! Da kommt mein[’] Dicker­le nun mal [ein] bis­sel [biss­chen] kür­zer weg an die­sen bei­den Tagen. Es ist mir aber dar­um nicht gram!? Ich kann’s ja sowie­so noch nicht weg­schi­cken. Rei­ne gemacht habe ich schon seit Mitt­woch, immer schön der Rei­he nach. Daß wir im Win­ter waschen müß­ten, hät­te ich nicht gedacht, als ich von K. zurück­fuhr. Die Zei­ten ändern sich.

Auszug aus dem Brief
Aus­zug aus dem Brief

Und wenn ich das schrei­be, sie ändern sich, so denk[’] auch ich, wie Du in Dei­nem lie­ben Mon­tags­brief, an die Zeit zurück, [da] wir das ers­te Mal heim­gin­gen, heim zu uns.

RAn an dem Feind! Kampfberichte von unserer Kriegsmarine, Kleine Kriegshefte Nr. 7 (1940-41), Bild: Amazon.com, 10.2015.
Ran an dem Feind! Kampf­be­rich­te von unse­rer Kriegs­ma­ri­ne, Klei­ne Kriegs­hef­te Nr. 7 (1940), Bild: Amazon.com, 10.2015.

So stand­haft waren wir, so scheu vor­ein­an­der — und dabei hät­te ich doch zu ger­ne mei­nem lie­ben, eigen­sin­ni­gen [Roland] gezeigt, wie so lieb ich ihn habe, wie zärt­lich und gut ich mit ihm sein möch­te.

Nach wie vor wahr­ten wir unse­ren Abstand, bei aller Herz­lich­keit in Wort und Blick. Gut war es. Wir schät­zen so viel mehr den Wert um den Besitz des ande­ren, wir fühl­ten unser Seh­nen nur noch tie­fer und inni­ger her­an­rei­fen, bis wir ein­an­der ganz gewiß waren eines Tages.

Von dem Tag in L. sagst Du mir in Dei­nem Brief[.] Ich weiß alles noch ganz genau, Du! Es ist eigent­lich heu­te vor­bei, zweck­los dar­über noch ein Wort zu ver­lie­ren.

Aber ich will doch das klä­ren hel­fen, was Dir unklar blieb damals — will ergän­zen, was Du begannst.

Auszug aus dem Brief
Aus­zug aus dem Brief

Bach Matthäuspassion O Haupt voll Blut und Wunden
Johann Sebas­ti­an Bach, O Haupt voll Blut und Wun­den, vier­stim­mi­ger Chor­satz aus der Mat­thä­us­pas­si­on, BWV 244, 1729, Druck, ca. 1900, über Wiki­me­dia Com­mons, 10.2015.
Ich habe geweint über Dei­nem Lie­de [sic]. Ich habe es gehört, ich habe es gefühlt, was bis jetzt Dein Inne­res, Dein Seh­nen erfüll­te. Es war die Welt, die Welt die ich zu ahnen begann nach der mich ver­lang­te, weil ich spür­te, hier ist Erfül­lung hier ist Frie­den und Selig­keit, die auf Erden, indie­ser [sic] ande­ren Welt nicht zu fin­den sind; weil der Mensch [noc]h fern ist, der mir die­se Erfül­lung brin­gen könn­te. Mit Dei­nem Lie­de [sic] tat sich mir ein Tür zum Licht auf, ich sah hin­ein in den hel­len schö­nen Baum der Kunst, der Musik, der all die Zeit vor­her Dei­ne ver­trau­tes­te Umge­bung war. Ich sah, wie Du, gefan­gen von den Tönen, von ihrer Zau­ber­macht mit fort­ge­ris­sen wur­dest, wie Du ent­rückt, selbst­ver­ges­sen, mit allem Sin­nen bei ihr war’s, bei der Frau Musi­ker. — Und ich? — So klein, so schwach, so arm. Was war denn mei­ne Lie­be gegen die­se Macht von Schön­heit, [g]egen die­se bezwin­gen­de, gro­ße Sie­ge­rin Musik?

[J. S. Bach, Mat­thä­us-Pas­si­on BWV 244, Con­cen­tus Musi­cus Wien, King’s Col­le­ge Choir, Cam­bridge, Niko­laus Har­non­court & Regens­burg, Stan­dard You­tube Lizenz, 10.2015.]
Weh und Trau­rig­keit erfaß­ten mich so unge­stüm, ich muß­te wei­nen, wei­nen. Ich fühl­te mich so unend­lich trau­rig, ver­las­sen; zu schwach auch, mei­ne Erre­gung, das, was in mir vor­ging vor Dir zu ver­ber­gen. Hin­ter Här­te zu begra­ben, ohne daß Du etwas siehst davon, wie es in mei­nem Her­zen schmerz­te und daß ich lei­se, ganz lei­se begann, mei­nen hei­ßes­ten Wunsch, Dich mit mei­ner Lie­be zu errin­gen, Dich zu besie­gen, zu begra­ben. O, daß ich allein mit mei­nem Weh war, daß ich so ganz allein mich wie­der fas­sen muß­te, um den Tag mit Dir zu voll­enden. [W]ie konn­test Du mich auch nur ein wenig lieb haben, wenn Du nicht ein ein­zi­ges, noch so klei­nes Wort fan­dest, das mir Trost sein konn­te?

Wie habe ich die Zäh­ne zusam­men­ge­bis­sen, um kei­nen Laut ver­neh­men zu las­sen vor Dir, als wir die Kir­che ver­lie­ßen. Ich wäre so ger­ne wei­ter gelau­fen, wei­ter, ganz gleich wohin. Nur nicht mit Dir allein sein im Zim­mer, die Qual immer mehr ver­län­gern, durch Dei­nen Anblick. Ich habe mich noch nie im Leben so sehr bezwun­gen wie einst. So lieb hat­te ich Dich, so sehr lieb. Und Du fühl­test nicht mein hei­ßes Seh­nen. Fühl­test nicht, daß ich so ger­ne mich an Dei­ne Brust gelehnt hät­te, um gebor­gen zu [s]ein bei Dir, der Du mein gan­zes Glück ver­kör­per­test.

Nicht genug des Schmer­zes.

Du brauch­test mei­nen Trost, brauch­test ja sel­ber Halt. Und ich habe blu­ten­den Her­zens ver­sucht Dir Halt zu sein. In mei­ner gren­zen­lo­sen Lie­be zu Dir, trotz mei­ner See­len­qual wuchs mir die Kraft, Dich zu trös­ten. Es war mir wie ein Wun­der. Wie ich damals von Dir ging, Du! Es schien mir alles wie in einem Nebel; Du. Der Abschied. Als mein Zug sich in Bewe­gung setz­te, da war mir, als sei eine Tür zuge­fal­len, für immer.

Mei­ne Lie­be zu Dir war grö­ßer, grö­ßer als alles and[e]re, was auch geschah. Ich blieb Dir treu, blieb Dir ganz ver­bun­den, wenn Du mich auch über­se­hen hat­test.

Ich muß­te Dich lie­ben und wäre es um mich selbst gegan­gen. Ich konn­te nicht anders.

Mein [Roland]. Ver­ges­sen die Qual, ver­ges­sen der Schmerz; die Zeit der Prü­fung. Ich habe mich selbst besiegt, weil Gott mir die Kraft schenk­te, zu lie­ben, lie­ben — end­los zu lie­ben. Und all mei­ne Lie­be, unge­teilt, gehört dem Men­schen allein, dem sie in mei­nem Leben zuerst ent­ge­gen­schlug, hell und groß und rein, wie sie nur bei einem Mäd­chen sein kann, das zum ers­ten Mal die Lie­be fühlt. Moch­te mich die­ser Eine erken­nen, moch­te er mich ver­sto­ßen, mei­ne Lie­be blie­be sein, solan­ge Leben in mir ist.

Und er hat mich erkannt, hat mich erkannt!!

Dar­über ist soviel Jubel und Dank­bar­keit in mei­nem Her­zen, daß ich alles Weh, allen Schmerz ver­ges­sen kann, der vor­dem mein Herz zer­rei­ßen woll­te.

[M]ein [Roland]! Weißt Du, daß ich Dei­ne [Hil­de] bin, immer­dar? Daß ich Dei­ne [Hil­de] war, ehe Du mich kann­test, ehe Du mich sahst?

Nach gro­ßem Schmerz kam gro­ßes Glück. Kannst Du nun ein wenig bes­ser ver­ste­hen, wenn mir ban­ge wur­de vor soviel Glück? Wenn ich schwarz in die Zukunft sah, so oft? Du hast es nie so ganz gewußt, was ich im Innern durch­ge­kämpft habe um unser Glück. Ich bin eine Natur, die nicht so leicht ver­gißt, ver­schmerzt. Ich habe auch erst lang­sam, lang­sam mich an das gro­ße Glück gewöh­nen müs­sen, das mir beschie­den ward. Ich konn­te es lan­ge Zeit nicht fas­sen, daß es Wahr­heit ist, was mir geschah. Der köst­lichs­te Schatz auf Erden ist, wor­an unser Herz­blut hängt. Men­schen­hän­de kön­nen ihn uns nie ent­rei­ßen. Und nun, da unser Bund vor Got­tes Ange­sicht geschlos­sen ist, dür­fen wir nicht mehr zwei­feln und wan­ken. Ver­trau­en, die unent­behr­lichs­te Stüt­ze uns[’]rer Lie­be, wir hal­ten sie hoch über allen Schmutz, der uns begeg­net. Ich bin Dein und Du bist mein.

Ganz klar und deut­lich ste­hen die­se Wor­te in unse­rem Her­zen ein­ge­brannt.

Es bedarf kei­ner Bit­te, es bedarf kei­ner Mah­nung, daß wir uns ein­an­der die­se Wor­te ins Gedächt­nis rufen. Sie sind uns Zeit und Weg, sie sind unser Herz­schlag, unser Leben.

Auszug aus dem Brief
Aus­zug aus dem Brief

Herz­al­ler­liebs­ter, Du!! Sollst nicht Dich arm füh­len in Dei­ner Lie­be zu mir. Du!! Ich weiß, aus wes­sen Herz sie mir ent­ge­gen­strömt! Aus einem Her­zen, das lang-o-lang [sic, sie­he Bild] mit einem Eis­pan­zer umge­ben war. Der nun geschmol­zen ist für immer. Und ein gutes Geschick füg­te es gnä­dig, daß dies arme, oft so frie­ren­de Herz in zwei ganz hei­ße, jun­ge Hän­de gelegt wur­de, die es hegen und hüten, innig und zart. Und die Hüte­rin des Her­zens ist so unsäg­lich glück­lich, wenn sie spürt. Dein Herz erblüht immer mehr, immer schö­ner, es wird bald Zeit, daß du dich eige­nes auf den Weg machst, damit du selbst siehst, wie groß und schön es erblüh­te, nur für dich, damit du viel Freu­de erle­ben kannst [um] ihm, viel Glück, und daß du voll inni­gen Wun­sches und Wil­lens bist. Dies Herz mit dei­ner gan­zen Kraft wei­ter zu hegen, bis es für ganz und immer um dich sein wird.

Herz­lieb?! Nicht bit­ten dar­um, daß ich Dei­ne Lie­be anneh­me! Ich sage Dir: Ich weiß, aus wes­sen Herz sie mir ent­ge­gen strömt! Du!! Du!!

Mein [Roland]! Nun bist Du schon an dem neu­en Ort, an dem Ort, den ich so Gott will auch ken­nen­ler­nen soll. Es hat mich geschluckt heu­te z[wisc]hen 10 und 12 [Uhr]! Ges­tern den gan­zen Tag.

Viel­leicht hast gar die bei­den Wäsche­pa­ke­te noch bekom­men. Und mei­nen Brief vom Diens­tag, gewiß?

Arbeit war­tet nun auf Dich, viel Arbeit viel­leicht. Aber auch ein freie­res Leben, und das ist schön. Wenn Du mir zufrie­den bist mit dem Neu­en.

Aus Dei­nem lie­ben Brief vom Diens­tag erse­he ich, daß bis heut mor­gen 10 Uhr alles in Marsch gesetzt sein soll. Du!! Ich dan­ke Dir recht sehr für Dei­ne lie­ben Wor­te, Hubo! Ich wüß­te ja gar­nicht [sic] wie mir geschä­he, wenn ich nun mal eines Tages leer aus­gin­ge beim Post­ver­tei­len! Ich rech­ne so selbst­ver­ständ­lich, so sicher mit Dei­nem Boten täg­lich. Wenn nicht mor­gens, so nach­mit­tags bestimmt. Und Du kannst Dir das auch den­ken, mein Lieb. Du bist so gut, Du opferst so man­che Stun­de, ja Minu­te von Dei­ner wohl­ver­dien­ten Frei­zeit. Alles für mich. Du! Mein Roland, ich dan­ke Dir recht von Her­zen dar­um! Wie reden ande­re davon, wenn fest­ge­stellt wird, wie oft ihre Sol­da­ten schrei­ben. Ich bin ja so sehr stolz auf mei­nen Sol­da­ten, wenn ich sehe, wie treu er mir ist, wie v[ie]l er mei­ner denkt—und noch dazu so lieb!! Ich glau­be nicht, daß noch jemand neben mir so lie­be Brie­fe erhält. Ich kann es nicht glau­ben, Du! Und es ergeht mir ja eben­so wie Dir!: man ist außer sich, man ist direkt ent­rüs­tet wenn man hört, täg­lich bekommt sie Post—täglich schreibt sie! Ich sage das so nie­man­den. Nur, gera­de wie in der Kan­to­rei, wenn es in der Gesell­schaft die Rede gibt—ich hab immer bloß drauf­ge­hört, wie’s bei den and[e]ren ist—“na und bei Dir, [Hil­de], wie ist’s da?” Da kann ich dann nicht aus­wei­chen und ich sag­te auch die Wahrheit—und im Gehei­men nicht ohne Stolz—da waren [sie] natür­lich platt, Du! Was sie hin­ter mei­nem Rücken sagen, ist mir voll­kom­men schnup­pe, glaubst? Auf­re­gen tun sie sich bestimmt, das liest man ja schon aus ihrer Mie­ne. Wenn wir nur immer genug Papier haben zum schrei­ben, nicht wahr? Das and[e]re kann ihnen egal sein.

Ein gut[’] Teil Papier geht ja nun wie­der d[’]rauf, bis wir in’s Rei­ne sind mit mei­nem geplan­ten Besuch und mit dem damit ver­bun­de­nen Drum und Dran!

Bahn­hof Halle/Saale Hbf, Blick durch die Emp­fangs­hal­le durch die Bahn­steig­sper­ren in Rich­tung Stra­ßen­sei­te (07.06.1939), His­to­ri­sche Samm­lung der Deut­schen Bahn AG, HF-06-Hal­le-E1489-A10b-73, über „125 Jah­re Bahn­hof Hal­le“: Aus­stel­lung im Haupt­bahn­hof, Hal­le Spek­trum (6.10.2015), 10.2015.

Es ist wirk­lich sehr umständ­lich, wenn ich in Hal­le über­nach­ten wür­de. Es ist doch auch fins­ter so früh­zei­tig und ich wür­de mich allein nicht von da drau­ßen her­ein nach [der] Stadt fin­den, zum Bahn­hof. Ich müß­te direkt Onkel Karl bit­ten, daß er mit mir läuft, bis ich mich dann wei­ter allein aus­ken­ne. Er fährt sonst mit dem Rade [sic] in[’]s Büro.

Ich hab[’] aber einen ande­ren Gedan­ken. Papas Cou­si­ne wohnt in Leip­zig, nicht so sehr weit vom Haupt­bahn­hof. Bei der könn­te ich auch über­nach­ten. Ich war mit den Eltern dort, als ich 3 Jah­re alt war. Sie ken­nen mich viel­leicht gar­nicht [sic] mehr. Aber geschrie­ben haben wir uns dann und wann. Auch zur Hoch­zeit gra­tu­lier­ten sie uns. A. R. Leip­zig, D.Straße 3.

Ich wer­de ihnen mal schrei­ben und das ‘Even­tu­ell’ mit bemer­ken damit sie ein bis­sel [sic: biss­chen] vor­be­rei­tet sind. Wenn ich kom­me, dann ist es doch auch nicht mehr so lang hin! Du! Am 22. Novem­ber.

Aber da ist nun wie­der das zu beden­ken: Leip­zig ist jetzt sehr in Gefahr durch die Eng­län­der. Da bin ich in Hal­le bes­ser auf­ge­ho­ben; denn die woh­nen eben weit außer­halb der Stadt, ist eine Beam­ten­sied­lung, nennt sich ‘Eige­ne Schol­le’.

Na weißt, irgend­wo blei­be ich schon, [We]nn ich nun wirk­lich kom­me, zu Dir! Ich wer­de mal den Hal­len­ser [Laube]s klar­ma­chen, was ich vorhab—im Brie­fe. Wer­de mal vor­füh­len, ob Onkel Karl sei­ner lie­ben Nich­te [Hil­de] zulieb mit zei­tig auf­bricht, damit sie auch sicher und zur Zeit am Zuge ist, der sie zu ihrem lie­ben Man­ne bringt. Er fängt erst um 8 mor­gens an.

Lieb ist mir’s schon, wenn ich in Hal­le blei­ben kann, sie sind mir ver­trau­ter, als R’s. Ich hab[’ ]nur Angst, daß ich nicht zur Zeit am Zuge [sic] bin.

Über­haupt, das Hoch­zeits­ge­schenk aus Hal­le ist schon lan­ge da. [Ein]e läng­li­che, hohe Scha­le auf Füß­chen ste­hend, Meiß­ner Por­zel­lan äußerst kunst­voll ver­ziert mit erho­be­nen Blu­men dran. Vor­züg­li­che Sache, beim Abstauben—Brrrr!!!

Meissen Bukett
Meis­sen-Por­zel­lan, Bukett-Male­rei, 06.01.2008. Bild: Goldi64. CCA-Sha­re Ali­ke 3.0 Unpor­ted Lizenz, über Wiki­me­dia Com­mons, 10.2015.
Also von mir aus—weg—eine Eta­ge höher, wo’s fins­ter ist und das Dach näher! Es ist ein Stück, das bes­te aus Tan­te Gre­thes Vitri­ne. Bestimmt ist es wert­voll. Aber ich kann sol­chen Krem­pel nicht ver­put­zen.

Sie hat es Mama schon lan­ge gezeigt und mir zuge­dacht, es hät­te 90 M[ark] gekos­tet. Lie­ber wär mir[’]s Geld gewe­sen. Welch undank­ba­res Balg!! Aber wenn sie uns besu­chen kom­men, kriegt das Schiff—so sieht[’]s nähm­lich [sic] aus—einen Ehren­platz, bestimmt.

Also, in den nächs­ten Tagen, nach der Wäsche, schreib ich nach Hal­le, dan­ke ihnen und wer­de anfü­gen, daß ich sie viel­leicht bald per­sön­lich über­ra­sche und auch gleich mal ihnen imei­nen lie­ben Mann vor­stel­le auf unse­ren Hoch­zeits­bil­dern. Sie freu­en sich ganz bestimmt.

Herz­al­ler­liebs­ter!! Hier habe ich ges­tern abend Frei­tag auf­ge­hört, ich mußt in’s Bett, weil wir heu­te früh, (am Sonn­abend) um 600 im Wasch­haus antre­ten w[o]llten. Ja, ich habe ekel­haft geschuf­tet mit Mutsch zusam­men. Wir sind bald, bald am Ende, aber ganz fer­tig wer­den wir heu­te nicht mehr. Mor­gen gibt’s bloß einen hal­ben Sonn­tag. Aber das ist nicht so schlimm. ½ 4 nach­mit­tags ist’s, Du!! Du!!

Du hast mich doch gleich vom Wasch­faß ver­jagt mit Dei­nem Tele­gramm!! Die Mutsch u[nd]. Papa haben mit dem Kop[f] geschüt­telt! Und ich — Du!! Na, ich hab mich ganz toll gefreut!!! Und wenn der Kes­sel über­kocht, ist mir ja jetzt soo schnuppe—jetzt kriegt mein lieb’s Dicker­le erst sei­nen Brief. Sei­nen lan­gen Brief, auf das es schon lan­ge gewar­tet hat. Stimmt’s?

Mein gelieb­ter [Roland]!! Herz­lich will­kom­men denn, im neu­en Stand­ort! Ich fol­ge Dir auch über­all­hin nalh [sic]. Bald viel­leicht wirk­lich — leib­haf­tig! O, nur jetzt nicht so sehr dar­an den­ken, mir schmeckt dann die Arbeit gleich nicht mehr, Du!!

Mor­gen hörst ein wenig mehr noch von mir!

Mein gelieb­ter, guter [Roland]!! Hab Dank! Du!!

Ich bin ganz fest bei Dir mit allen Gedan­ken, mit all mei­nen guten Wün­schen!! Auch von den Eltern tau­send Grü­ße! Roland! Mein Roland!! Ich bin so sehr glück­lich!! Du!! Ich lie­be Dich!!

In ewi­ger Treue immer Dei­ne Hol­de.

T&SavatarsmBehüt’ Dich Gott! Liebs­ter!

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