02. November 1940

Carl von Clausewitz
Carl von Clau­se­witz, klas­si­scher deut­scher Rea­list in Fra­gen des Krie­ges, Male­rei von Karl Wil­helm Wach, Quel­le: Hohum, von www.nodulo.org, lizenz­frei über Wiki­me­dia Com­mons. 10.2015.
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Sonn­abend, den 2. Novem­ber 1940

Mein lie­bes, teu­res Herz, mei­ne lie­be, gelieb­te [Hil­de] Du!!

Ich habe schon manch­mal es erlebt und emp­fun­den, daß ich mich auf die Wirk­lich­keit ein­stel­len kann, daß ich ein Rea­list bin. Herz­lieb, die­ses Ver­mö­gen bewahr­te mich ges­tern abend wie­der vor Trüb­sinn und erleich­tert es mir, mich in eine neue Situa­ti­on ein­zu­le­ben. Und heu­te habe ich ihr schon ein paar Licht­bli­cke abge­won­nen. Was hät­te mich denn leicht trüb­sin­nig stim­men kön­nen? Die­se etwas tris­te Umge­bung die­se Feld­la­gers, dazu mein Allein­ste­hen hier, dazu der zunächst völ­lig grund­lo­se Gedan­ke, ich möch­te ein schlech­te­res Los gezo­gen haben als die Kame­ra­den. Und wel­ches sind die ers­ten Licht­bli­cke? Ich bin nicht allein hier. Es sind hier Men­schen, denen wie ich [^]mir die­se Umge­bung so fremd und trü­be erschei­nen muβ — die Leut­nants, die Feld­we­bel, die Kame­ra­den vom Schrei­ber­dienst. Sie pas­sen so wenig wie ich in die­se Umge­bung — und, die Haupt­sa­che — mit die­sen Men­schen arbei­te ich zusam­men jetzt, sehe sie oft und lese von ihren Gesich­tern die Hoff­nung auf Befrei­ung von die­sem Leben, das Vor­über­ge­hen­de die­ses Zustan­des. Herz­lieb, ich bin jetzt nicht mehr so unter der namen­lo­sen Men­ge — bin mehr für mich — brau­che nicht jeden Dienst mit­zu­tun — mei­ne Dienst­stel­le ist die Schreib­stu­be, ich bin jetzt, wenn auch nur ein Räd­chen, in der Lei­tung des Getrie­bes — gehö­re jetzt mit zum Gehirn die­ser Stel­lung. Die­ses Bewußt­sein läßt sich mich in die­ser Enge frei­er atmen. Für man­cher­lei ent­schei­den­de und begeh­rens­wer­te Din­ge sit­ze ich jetzt an der Quel­le. Nicht, daß ich die­se Quel­le miß­brau­chen will. Aber ich kann ein wenig rech­nen im vor­aus und ken­ne bes­ser Stel­len und Wege zu die­sen Din­gen: Urlaubs­schei­ne, Wehr­macht­fahr­schei­ne, Dienst­plä­ne, Urlaubs­lis­ten usw.  Herz­lie­bes, das sind wirk­lich ein paar Licht­bli­cke. Du! Ich konn­te auch schon etwas über die Mög­lich­keit Dei­nes Besu­ches erkun­den. Ich wäre nicht der ers­te, der sei­ne Frau hier her­aus­kom­men läßt. Die Mög­lich­keit besteht vor­aus­sicht­lich durch­aus. Ich sehe nur etwas düs­ter über mei­ne Frei­zeit. Mög­lich, daß ich im Lau­fe der Woche Dir nur wenig Tages­stun­den und nachts meist gar nicht gehö­ren kann — aber das ist zunächst nur mei­ne Ver­mu­tung. Ganz flei­ßig und gewandt will ich jetzt die paar Wochen arbei­ten, damit, wenn ich dann um Dei­nen Besuch hier mit eini­gen Wün­schen kom­me, schon das Gewicht mei­ner Leis­tung ein wenig ins Gewicht fal­len kann.

The British Army in the United Kingdom 1939-45 H18619.jpg
Bri­ti­scher Sol­dat mit so genann­tem Tom­my-Gun vor einer Wehr­macht-Aus­bil­dungs­schu­le, South Eas­tern Com­mand, 12.04.1942. Quel­le: Impe­ri­al War Muse­ums, H 18619, lizenz­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 10.2015.

Damit Du das ver­stehst: Ich befin­de mich also hier in einer Feld­stel­lung, einer Flak­bat­te­rie, etwas 20 Min. von Erkern­för­de, und bin Kom­pa­nie­schrei­ber. Das bedeu­tet: daß unser Dienst, der Dienst der Sol­da­ten hier zumal, erst nachts recht beginnt, wenn der Tom­my ein­fliegt. Eine klei­ne Kost­pro­be letz­te Nacht: 4 mal auf­ge­s­taenden wegen Alarm — die Sol­da­ten müs­sen dann an die Geschüt­ze, ich muß dann in die Schreib­stu­be zur „Alarm­wa­che.” Nur in einem Fal­le über­flog uns ein Flug­zeug, das auch beschos­sen wur­de. Für die­se gestör­te Nacht­ru­he brauch­ten wir heu­te erst um 8 Uhr auf­zu­ste­hen. Der Tages­lauf wird dadurch unre­gel­mä­ßig. So, das mag für heu­te als Bericht über mei­ne neue Lage genü­gen. Will erst wie­der ein wenig zuse­hen. Du, eine Pro­be von mei­nen neu­en Mög­lich­kei­ten hast nun heu­te bekom­men: das Tele­gramm — Du warst doch vor­be­rei­tet dar­auf durch mei­nen Brief — es ging von mei­ner Schreib­stu­be ab. Du! Sonst hät­te ich mir nicht gewagt, einen gan­zen Appa­rat die­ses per­sön­li­chen Wun­sches wegen in Bewe­gung zu set­zen — jetzt ist es mög­lich. Freu Dich ein wenig mit mir, Herz­lieb, Hol­de!

Ach Du! Ein paar Tage wer­den nun doch ver­ge­hen, ehe ich in die­sem neu­en Betrieb hei­misch wer­de, so, daß Du, mein Lieb, Dei­nen Platz sowohl der Zeit nach als auch der Tie­fe mei­nes Gedan­kens nach, wirst voll und ganz behaup­ten kön­nen. Etwas ner­vös und ange­strengt wach­sam fühlt man vor mit allen Sin­nen. Du! Es geht auf Weih­nach­ten zu, auf mei­nen Urlaub, und dazwi­schen, so Gott will, wirst Du mich besu­chen. Und wenn ich an den meis­ten Tagen Dich nur ein paar Stun­den sehe, 3 vol­le Tage — hof­fe ich — dür­fen wir uns ganz gehö­ren, und schon um die­ser Tage — mei­ne ich — ‚lohnt’ Dein Besuch. Ach Du, es ist auch von Dir viel ver­langt und ein gro­ßes Opfer!

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Eckern­för­de-Bor­by, Pan­ora­ma, 1915, Post­kar­te. Lizenz­frei, über Wiki­me­dia Com­mons, 10.2015.

Herz­al­ler­liebs­te! Gelieb­te mein! Den­ke an Dei­nen [Roland]! Ich lie­be Dich so sehr! Gott behü­te Dich! Er wird uns nicht ver­las­sen und alles zum bes­ten Keh­ren! Du! Bald wer­de ich wie­der Dei­nen lie­ben Boten emp­fan­gen. Jetzt aus ers­ter Hand! Alle Post geht durch die Schreib­stu­be. Ob ich mor­gen die Mög­lich­keit habe, mich mor­gen hier oder im nahen Städt­chen ein wenig umzu­se­hen, steht noch in Fra­ge. Es ist schwe­rer, hier auch nur die­sen klei­nen Urlaub zu erlan­gen als in Bülk. Wo wirst Du mor­gen ste­cken? Nun im Hemd­chen und Hös­chen und Kleid­chen — das woll­te ich doch gar nicht wis­sen. Wäsche hast Du heu­te? Ges­tern, zu unse­rem Umzug war es stür­misch. Heu­te ist es wech­sel­haft, es hat auch schon gereg­net.

Herz­al­ler­liebs­te! Mach Dir kei­ne unnö­ti­gen Sor­gen um mich. Dein Hubo sitzt eben jetzt, am Sonn­abend­nach­mit­tag in der Schreib­stu­be und schreibt Dir die­se Zei­ten. Das ist mög­lich, und das nächs­te mal sogar mit Tin­te.

Fal­te mit mir Dei­ne Händ­lein zu Gott, daß wir nicht auf­hö­ren, ihn zu bit­ten und ihm zu dan­ken. Gelieb­te! Du! Ich den­ke Dein so warm und dank­bar und sehn­süch­tig. Ich lie­be Dich, Du! Ich blei­be Dir ganz, ganz treu, immer­dar, immer Dein [Roland], Dein Hubo, Dein Dicker­le!

Und Du bist mei­ne lie­be [Hil­de]. Ganz mein! Du!!

Wirk­lich ganz? Gewiß, gewiß!! Ganz, ganz mei­ne Hol­de!!

Du! Du!!

T&SavatarsmBit­te grü­ße die lie­ben Eltern!

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