31. Oktober 1940

1647 Vrancx Marauding soldiers anagoria
Sebas­ti­an Vrancx, Maro­die­ren­de Sol­da­ten, 1647, Deut­sches His­to­ri­sches Muse­um Ber­lin. Foto: ana­go­ria, über Wiki­me­dia Com­mons, 10.2015.
[401031–1‑1]

Don­ners­tag, den 31. Okto­ber 1940.

Mei­ne lie­be, gelieb­te [Hil­de] Du! Herz­al­ler­liebs­te, Hol­de mein!

Du! Jetzt habe ich ein paar Stun­den frei ganz für Dich! Es ist 3 Uhr am Nach­mit­tag. Eben ist ein Teil der Gesell­schaft abge­rückt zum Nach­fei­ern nach Stran­de. Da hät­te auch ich mit­ge­mußt. Aber in letz­ter Stun­de stell­te sich her­aus, daß uns[e]re Stu­be noch ein­mal Wache ste­hen muß. Ich bin nicht dran. Habe aber mit einem getauscht und eine Wache über­nom­men. Nun kann und muß ich dablei­ben. Die Wache stört mich nicht. Die Nacht­ru­he ist heu­te sowie­so gestört. Zum Über­fluß ist heu­te ab 3 Uhr auch noch Varié­té. Dar­auf ver­zich­te ich gern, weil ich nun mit Dir ein wenig allein sein kann. 5 Mann sind wir jetzt im Zim­mer. Ich sit­ze an der lan­gen Back (Tisch) in der Nähe des Ofens. Es kann mir kei­ner über die Schul­ter blin­zeln. Eben habe ich Dei­nen lie­ben Boten emp­fan­gen. Du! Ja, was fan­gen wir nun gleich mal mit­ein­an­der an? Du!? Dei­ne Bil­der kann ich jetzt nicht auf­stel­len. Viel­leicht heu­te nacht in der Wachstu­be. Wache­s­te­hen müs­sen sie auf alle [F]älle, viel­leicht auch ein bis­sel [sic: biss­chen] mit frie­ren. Der Hubo hat kein so war­mes run­des Her­zel zum Rein­ste­cken, da fällt alles gleich durch bis zum Ach­tern, aber vorn, weißt? Wenn ich dann heut[’] nacht vor unse­ren Bil­dern sit­ze, will ich prü­fen, was Du mir schreibst. Ich habe jetzt so zusam­men­ge­stellt:

Bernhard of Saxe-Weimar
Bern­hard von Sach­sen-Wei­mar, Pro­tes­tan­ti­scher Feld­herr im Drei­ßig­jäh­ri­gen Krieg. Quel­le: Hel­molt, H.F., ed. Histo­ry of the World. New York: Dodd, Mead and Com­pa­ny, 1902, lizenz­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 10.2015.
1, Dein Brust­bild von frü­her (das gefällt mir so sehr) und mein Schei­tel­bild (weißt, auf dem mein Schei­tel zu sehen ist). 2, Dein neu­es Brust­bild mit mei­ner ande­ren Auf­nah­me. 3, Dei­ne bei­den Halb­auf­nah­men. Aus dem 1. Bild­paar spricht mir soviel Ähn­lich­keit und die Eigen­art von Mann und Weib zugleich. Du! Wie ich Dich so sehr lie­be!! Schä­fel, hast Dir wohl gar nicht recht über­legt, womit Du mir drohst? Hast in Dei­nem Eifer ganz ver­ges­sen, daß Du mein Wei­berl bist? „Alles, was Du Dir vor­nimmst beruht natür­lich auf Gegen­sei­tig­keit!!“ Schä­fel, Du! Wenn ich nun Dein lieb[’]s run­des Her­zel, drü­cke, mein Her­zel, Du? Ätsch. — Und wenn Dein Dicker­le mit dem Schlüss­lein droht, Du!! was ist denn dann auf der Gegen­sei­te?? Wenn ich nun auch nicht weiß, was da noch Böses im Hin­ter­halt lau­ert – „Ich .… . . !!“, so scheint mir aus ande­ren Wor­ten her­vor­zu­ge­hen, daß es mit dem Wider­stand gar nicht so ernst gemeint ist. Aber wo auch immer Wider­stand sich bie­ten soll­te, er wird gebro­chen wer­den, und sei es in einem Drei­ßig­jäh­ri­gen Krie­ge, Du!

Hans Ulrich Franck Der geharnischte Reiter
Hans Ulrich Franck, Der gehar­nisch­te Rei­ter, 1643. Lizenz­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 10.2015.
Ja, Du, mein lieb[’]s böses Wei­berl! Je mehr Du drohst oder je mehr Du Dich zur Wehr setzt, des­to hef­ti­ger wird der Angriff. Ja, Du, Dein Dicker­le ist im Angriff, Du! Und schie­ßen kann er auch, 13 schie­ßen kann er, Du! 12 Rin­ge sind auf der Schei­be. Dein Hubo trifft nicht nur ins Schwar­ze, er trifft bis mit­ten ins Her­zel, ins Her­zel sei­ner lie­ben, lie­ben, liebs­ten, aller­liebs­ten [Hil­de]!! Und je mehr sie sich ver­steckt und zusam­men­rollt ins Run­de und Mol­li­ge, des­to eif­ri­ger und wil­der wird der Schüt­ze!! _____ Ja, wo steckst denn jetzt, Herz­lie­bes? Hast Dich gleich ver­kro­chen vor Dei­nem Wild­schüt­zen? __ Weißt doch noch, wie ich[’]s mei­ne? Wie so gut ich es mit Dir mei­ne? Du!! Wie ich mich nach Dir seh­ne?!!! Mußt bald, recht, recht bald ein­mal kom­men, damit Du wie­der lernst, wie es Dein [Roland] meint. Ich glau­be fast, mein Herz­lieb hat sich noch viel mehr vor­ge­nom­men. Ganz, ganz lei­se will Dein Hubo küs­sen. Und Du? – Und womög­lich gleich auf offe­nem Mark­te! Es steht nichts davon in den Mari­ne­be­stim­mun­gen. Muß ich mich nicht recht­zei­tig zur Wehr set­zen und mich kratz­bürs­tig und bär­bei­ßig stel­len? – Gelieb­te! Der letz­te Bote nun, der hier von Bülk abgeht. Wenn er rei­se­fer­tig ist, wird das Schreib­zug mit als letz­tes zum Gepäck getan, und als ers­tes wird es wie­der her­auf­ge­holt. Viel Boten mei­ner Lie­be und Sehn­sucht will ich Dir noch schi­cken, bis – ja bis wir uns wie­der­se­hen, Du! So oder so. Wann wird mich Dein lie­ber Bote wie­der errei­chen? Du!! Wirst erschre­cken über ein Tele­gramm, wenn ich eins schi­cke? Du! Ich will [^] doch recht bald wie­der einen lie­ben Kuß haben!! Wo wer­de ich mor­gen sit­zen, um mit Dir zu plau­dern? Nun will ich erst mal auf Dei­nen lan­gen Brief ein­ge­hen. Herr Hoff­mann ist also bezahlt.

Dem Möbel­händ­ler sollst nun sagen, daß ich ein­ge­zo­gen bin. Er wird sich doch freund­lich stel­len. Ich den­ke, wir bezah­len ihn nun auch.

Von Mut­ter erhielt ich einen lan­gen Brief. Dar­in schrieb sie mir von der mexi­ka­ni­schen Hoch­zeit. Sie fühlt sich nach dem lie­ben Besuch allein. Elfrie­de hat geschrie­ben, daß sie von Dei­nem Besuch in G. alle sehr erfreut waren, daß sie sich glück­lich schät­zen, solch lie­bes Mädel in ihrer Ver­wandt­schaft haben. Soll ich da nicht ein wenig eifer­süch­tig wer­den? Du! Mit Dei­nen lie­ben Wün­schen auf den Weg will ich schon gut ankom­men. Heut[’] abend muß ich also noch ein­mal Wache ste­hen, wie­der die­sel­be Zeit wie damals, über Mit­ter­nacht. Einen Traum will ich Dir schi­cken, Du, einen ganz, ganz süßen! Muß Dein Hubo dann dabei sein? Ach Gelieb­te! Der steht scharf bewaff­net und gepan­zert vor dem Schil­d­er­haus, und muß – er muß, Du! – hier blei­ben, und wach blei­ben. Weißt, den Boten mache ich fer­tig heut mor­gen, zwi­schen ½ 5 und ½ 7 Uhr, da habe ich Läu­fer­dienst. Gut Nacht! Mein lie­bes Herz! Ich bin bei Dir, Du!!

Auszug aus dem Brief, mit zwei verschiedenen Tinten.
Aus­zug aus dem Brief, mit zwei ver­schie­de­nen Tin­ten.

Gelieb­te! Hol­de! Du mein lie­bes, teu­res Herz!

In der Wachstu­be sit­ze ich jetzt zwi­schen 5 + 7 Uhr. Vor Tin­te und Feder. Gleich grei­fe ich zu, um mich wie­der ein­mal in die­ser Kunst zu üben. Von Dei­nem Schrei­ber­sol­dat bekommst nun viel­leicht alle Brie­fe in Tin­te. Es hat mir ohne­hin leid getan, daß ich alles mit dem ver­gäng­li­chen Blei­stift schrei­ben muß­te. Darfst mir alle Feld­post­brie­fe zurück­schi­cken, ich schrei­be sie Dir in Tin­te um. Einen geschei­te­ren und wich­ti­ge­ren Dienst kann ich als Schrei­ber gar nicht leis­ten.

Herz­lie­bes! Was schrei­be ich denn nun gleich mal?

Du! Liebs­te! Gelieb­te! Herz­al­ler­liebs­te! Hol­de! Mei­ne lie­be, lie­be Frau! Mein lie­bes, schö­nes, süßes Weib!

Mein bes­ter Kame­rad! Mei­ne lie­be, lie­be, liebs­te [Hil­de]! Du! Du!! Ich küs­se Dich, Du! Das lie­be Köpf­chen in mei­nen Hän­den. Du! Jetzt! Ganz, ganz leis[‘]. Und jetzt nimmt Dein Hubo das Münd­chen wie­der weg – halt ihn nur fest! – jetzt kommt er wie­der – leis[‘], ganz leis[‘] – und nun zit­tert und bebt es vor Freu­de – und nun wirst unge­dul­dig und unru­hig, – und der Hubo zieht das Münd­chen wie­der weg – und kommt wie­der, kommt wie­der, o Du, wie gern er kommt, wie gern, wie gern, viel­vie­le­mal! [sic] – Du! bis die bei­den Münd­chen ganz zusam­men­pas­sen, bis sie nicht mehr von­ein­an­der­mö­gen [sic], bis sie in eins mün­den, Gelieb­te! So fest, so tief, so süß! O Du! Gelieb­te!

Behü­te Dich Gott! Auf allen Wegen! Er seg­ne unse­ren Bund und füh­re uns recht bald wie­der zusam­men! Er erhal­te Dich mir froh und gesund! Und wir bei­de wol­len nicht auf­hö­ren, ihn zu bit­ten, zu loben und zu dan­ken.

Auf Wie­der­se­hen, Gelieb­te!

Ich bin Dein [Roland], Dein Hubo, Dein Dicker­le!

Ich kom­me zu Dir mit aller Lie­be, deren ich fähig bin, zu Dir!

Nimm sie an, Herz­lie­bes!

Ich bin Dein [Roland]! Ich kann nicht anders. Ich mag nie­mals anders als Dir gehö­ren, Dir allein für alle Zeit!

Ich bin so sehr glück­lich mit Dir, Gelieb­te!

Du weißt es. Du weißt, wie ich an Dir hän­ge, wie fest ich Dich hal­te, wie ich Dir ganz ver­traue, wie ich Dir mein gan­zes Sein und Wesen wei­hen will, wie Du mich ganz erfüllst!

Du, Liebs­te! Herz­al­ler­liebs­te! Wir wis­sen es bei­de: Wir gehö­ren zusam­men unzer­trenn­lich. Wir kön­nen nicht mehr von­ein­an­der. Uns[e]re See­len und Lei­ber sind unlös­bar in ein­an­der­ver­schlun­gen [sic]. Nie­mand kann uns aus­ein­an­der­rei­ßen. Gott sei uns gnä­dig!

Du! Du!! ich küs­se Dich! Ich bin immer bei Dir! Und manch­mal ganz nahe, Du! Hol­de! Ich lie­be Dich, Du!

Ich lie­be Dich ganz sehr!! Mei­ne lie­be, gute [Hil­de]!

Ich bleib Dir treu für alle Zeit, blei­be treu nur

Dein [Roland]!

Und Du bist mein! Ganz, ganz, ganz mein!!

T&SavatarsmBit­te grü­ße die lie­ben Eltern.

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