30. Oktober 1940

Wappen Frankreichs
Per­sön­li­ches Emblem vom fran­zö­si­schen Staats­chef Mar­schall Hen­ry Phil­ip­pe Pétain und infor­mel­les Wap­pen von Vichy Frank­reich, Abbil­dung: Tom Lem­mens. Lizen­ziert unter CC-BY 4.0 über Wiki­me­dia Com­mons, 10.2015.

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Mitt­woch, den 30. Okto­ber 1940

Mein lie­bes, teu­res Herz! Herz­al­ler­liebs­te! Hol­de mein!

Vor­bei. Alles vor­bei. Glück­lich vor­bei. Es war ja ganz harm­los. Der Kom­man­deur war sehr zufrie­den. Und — dar­über habe ich Freu­de emp­fun­den — unser Zug­füh­rer hat ver­dien­tes Lob geern­tet. Ja, und nun — nun war­ten wir. ½ 7 Uhr Uhr [sic] soll die Abschieds­fei­er begin­nen. Es wird war­mes Essen geben aus der Kom­pa­nie­kas­se. Es wird getrun­ken wer­den. Sonst ken­ne ich unser Pro­gramm noch nicht. Lan­ge wird es nicht dau­ern, daß ich mich zurück­zie­hen kann, ohne daß die ander[e]n es mer­ken. Zurück­zie­hen zu mei­nem lie­ben Kame­ra­den, zu Dir!

Bundesarchiv Bild 183-H25217, Henry Philippe Petain und Adolf Hitler
Am 30.10.1940 hielt Pétain sei­ne Bot­schaft zu Kol­la­bo­ra­ti­on. Im Bild begrüß­te ihn Adolf Hit­ler in Mon­toire-sur-le-Loir, 24.10.1940. Foto: Hein­rich Hoff­mann, All­ge­mei­ner Deut­scher Nach­rich­ten­dienst, DBa, Bild 183-H25217 / CC-BY-SA 3.0, über Wiki­me­dia Com­mons, 10.2015.
Hol­de! Wenn ich mich über­haupt freu­en soll heu­te, dann um Dei­net­wil­len, Du! Die 8 Wochen, die uns so oder so getrennt hät­ten, sie sind um! Wonach man heut­zu­ta­ge jeden Mann fragt, wie nach sei­nem Namen, es ist erle­digt, und ich brau­che der Fra­ge nicht aus­zu­wei­chen. Daß die­se Bewäh­rungs­pro­be nichts Beson­de­res ist für einen halb­wegs nor­ma­len Men­schen, das wuß­te ich vor­weg, und kann es nun aus eig­ner Erfah­rung bestä­ti­gen. Daß einer eine gewis­se Mili­tär­zeit ver­büßt hat, sagt noch nichts aus über sei­nen Wert und Gehalt als Mensch. Aber Gott sei gedankt, daß er uns (ja, Herz­lie­bes, auch Dich, Du, ich bete immer für uns bei­de) behü­te­te, daß er uns bei­stand und durch alle Gefahr sicher hin­durch­führ­te, daß wir noch hof­fen und uns freu­en dür­fen. Wir dür­fen nach die­ser Aus­bil­dungs­zeit froh in die Zukunft schau­en, fro­her als vie­le ande­re, die dar­nach ihrem Ein­satz vor dem Feind ent­ge­gen­sa­hen. Wie froh bin ich des­halb für uns, für Dich, Gelieb­te! Du brauchst mich, Du, mei­ne [Hil­de]! mein Schütz­ling! Du bist mir anbe­foh­len, das glau­be ich mit Dir. Weißt Du, wel­ches Glück das für einen Mann bedeu­tet?!! Du ver­stehst mich und weißt, daß ich damit nicht sagen will, daß ich Dich nicht brau­che.

Bundesarchiv Bild 101II-MN-1362-19, Schlachtschiff Bismarck, Indienststellung
Indienst­stel­lung des Schlacht­schiffs Bis­marck, Kapi­tän Ernst Lin­de­mann beim Abschrei­ten einer Ehren­for­ma­ti­on von Matro­sen an Deck, Ham­burg, 24.08.1940. Foto: Augst, Pro­pa­gan­da­kom­pa­ni­en der Wehr­macht — Mari­ne, DBa, Bild 101II-MN-1362–19 / Augst / CC-BY-SA 3.0, über Wiki­me­dia Com­mons, 10.2015.

Ganz, ganz lieb hat­te ich Dich heut[’] nacht [sic] wie­der, Du! Du!! Die Freu­de ges­tern war zu groß! Wer macht denn nun das Bett­lein sau­ber? Du! Ach, über­mor­gen sind wir ja schon fort. Ich hat­te gehofft, daß heu­te ein wenig mehr Andacht sei zum Schrei­ben. Aber es ist sehr unru­hig in der Stu­be. Es sind alle da; denn die Kan­ti­ne ist jetzt geschlos­sen.

Es ist Don­ners­tag­mor­gen, daß ich wei­ter­schrei­be, Herz­lie­bes! Sie hat­ten uns alle geschnappt zu den Vor­be­rei­tun­gen des Abends. Mit einem Kame­ra­den habe ich Zwei­ge von den Bäu­men gehau­en. Es gab nur noch bun­te Eichen­zwei­ge da. Kurz vor 6 Uhr wur­de ich noch zum Tafel­de­cken geholt. Na – und dann ging[’]s los. Mit dem Bericht von die­sem Abend bin ich schnell fer­tig. Es war ein ziem­lich ruhi­ger, belang­lo­ser Abend. Eine klei­ne Abschieds­re­de eines [sic] aus unse­rem Zuge. Dem Feld­we­bel, unse­rem Zug­füh­rer, wur­de als Andenken eine schö­ne Arm­band­uhr über­reicht. Der Leut­nant sprach ein paar pas­sen­de Wor­te. Dann wur­de die Bier­zei­tung vor­ge­le­sen und eine Schnit­zel­bank vor­ge­tra­gen. Dabei gab es wirk­lich Spaß und in die­sen bei­den Erzeug­nis­sen sind die bezeich­nends­ten [sic] und humor­volls­ten Situa­tio­nen unse­res Lebens hier fest­ge­hal­ten. Dies und der Dank an unse­ren Zug­füh­rer waren die wah­ren Erleb­nis­in­hal­te die­ses Abends. Und dann wur­de es für die meis­ten erst wirk­lich gemüt­lich. Für mich wird das auch künf­tig­hin ein Gegen­stand von Stu­di­en und Beob­ach­tun­gen sein, was das Wesen die­ser Bier­ge­müt­lich­keit aus­macht. Die Hem­mun­gen und der Abstand von Mann zu Mann wird dabei anschei­nend tat­säch­lich über­wun­den, wenn auch nicht bei allen. Aber die­sen Abstand zu jeder­mann zu ver­wi­schen liegt abso­lut nicht in mei­nem Inter­es­se. Ich brau­che die­se Gemüt­lich­keit nicht. Ob die ander[e]n mich ken­nen, schert mich wenig. Wenn Du, Gelieb­te, mich nur kennst! Ver­lo­re­ne Zeit wären mir die Stun­den, die ich dar­an wen­de­te. Tau­send­mal schö­ner und wich­ti­ger ist mir, neben Dir zu sit­zen. Uns[e]re Bücher, uns[e]re Lie­der, uns[e]re Unter­hal­tung, unser Lie­ben – sie sind uns[e]re, Gemüt­lich­keit! Du! Dein Hubo wird ein Rock­zip­fel, ein ganz haus­ba­cke­ner, ein Schür­zen­jä­ger! Wo die Schür­ze sei­ner [Hil­de] winkt und ihr Pant­öf­fel­chen schlürft — dann kann drau­ßen der Kai­ser vor­bei­fah­ren – er wird nach der Schür­ze und dem Pant­öf­fel­chen sehen, Du! Herz­al­ler­liebs­te! Ach, wenn es nur den Schür­zen­zip­fel fas­sen könn­te jetzt!

Langhammer - Josef Bürckel
Am 30.10.1940 wur­de über die Depor­ta­ti­on deut­scher Juden nach Süd­frank­reich berich­tet. Im Auf­trag von zwei Gau­lei­ter, Robert Wag­ner und Josef Bürckel, hier als Reichs­tags­ab­ge­ord­ne­ter der NSDAP vor oder in 1938 abge­bil­det wur­de. Quel­le: E. Kien­ast (Hg.): Der Groß­deut­sche Reichs­tag 1938, IV. Wahl­pe­ri­ode, R. v. Decker´s Ver­lag, G. Schenck, Ber­lin 1938, Lizenz­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 10.2015.
Gelieb­te! Hol­de! Ich schrei­be wie­der in einer ganz unmög­li­chen Lage. Die Tische sind besetzt. Alle hat das Rei­se­fie­ber gepackt. Heu­te nach­mit­tag soll es noch ein­mal nach Stran­de gehen. Ich will nicht mit, will zu Hau­se, bei Dir blei­ben. Mal sehen, ob ich mei­nen Wil­len durch­set­zen kann. Dann plau­de­re ich heut nach­mit­tag mit Dir wei­ter.

Behü­te Dich Gott! Mei­ne [Hil­de]! Du! Mein Glück! Mein Leben! Mein Ein und Alles! Mein bes­ter Kame­rad! Mei­ne lie­be Frau! Mein teu­res Weib! Du! Du!!

Ich hal­te Dich fest! Ich las­se Dich nicht! Ich lie­be Dich! Du! Du!!

Mit mei­ner gan­zen Treue blei­be ich Dein [Roland]! Nur Dein!!

T&SavatarsmGelieb­te! Hol­de! Und Du bist mein! Ganz mein!! Du! Du!!

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