29. Oktober 1940

State Flag of Greece (1863-1924 and 1935-1970)
Die Fah­ne Grie­chen­lands. Das faschis­ti­sche Ita­li­en griff Grie­chen­land am 28.10.1940 an, um Spa­zio Vitale/Lebensraum im Mit­tel­meer­raum zu erobern. Abbil­dung: pee­per­man, 20 August 2009, Lizenz­frei über Wiki­me­dia Com­mons, 10.2015.

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Diens­tag, den 29. Okto­ber 1940

Mein lie­bes, teu­res Herz! Gelieb­te! Mei­ne lie­be [Hil­de]! Hol­de!

Heu­te begin­ne ich mit dem Schrei­ben schon zu Mit­tag, wer weiß, was heu­te abend noch alles dazwi­schen kommt. Die Vor­be­sich­ti­gung ist vor­bei. Dein Hubo ist nicht auf­ge­fal­len, das genügt. Es ist ein kal­ter, schö­ner Tag heu­te. Mir haben die Hän­de gefro­ren. Heut[’] nach­mit­tag das letz­te Exer­zie­ren hier. Amt­lich ver­lau­tet heu­te: Frei­tag bis früh 10 Uhr ist alles in Marsch gesetzt nach dem neu­en Kom­man­do. Was wird mei­ner war­ten?

Bottai 37
Giu­sep­pe Bot­tai, 1937, wich­ti­ger Ideo­lo­ge der faschis­ti­schen Poli­tik der Spa­zio Vita­le. Quel­le: lombardiabeniculturali.it, durch Ghit­ta Car­rell, CCA-Sha­re Ali­ke 3.0 Unpor­ted Lizenz, über Wiki­me­dia Com­mons, 10.2015.
Arbeit ist der ers­te Trost, der in jedem Fal­le bleibt. Der zwei­te: als Schrei­ber sind wir in gewis­ser Hin­sicht eine selb­stän­di­ge Per­son, und mehr Frei­heit haben wir nun ohne­hin. Ich bin guten Mutes und gewiß, daß ich mich ein­rich­te und durch­setz­te wie hier. Über allem aber steht die Hoff­nung und stil­le Freu­de auf Dei­nen Besuch und die Vor­be­rei­tun­gen dazu. Daß Du mich hier besuchst, die­se Mög­lich­keit stel­le ich des­halb vor­an, damit ich mei­ne Urlaubs­ta­ge spa­re, das ist ja doch in unser bei­der Sin­ne. Der D‑Zug, der Dich her­aus­brin­gen soll, fährt 728 [Uhr] in Hal­le ab, 644 [Uhr] in Leip­zig. Von O. her erreichst Du den Zug in Leip­zig nicht. Ich möch­te, daß Du am Tage fährt, und daß Du bei Tage hier ankommst. Du schreibst von ¾ Stun­de Weg. Ist das ein wenig zu hoch gegrif­fen? Und wenn es soweit ist, dann müß­test Du bei Dei­nen Ver­wand­ten gegen 6 Uhr auf­bre­chen, das geht doch gera­de noch an, bleibt nur die Schwie­rig­keit mit dem Gepäck. Müß­test Dein gro­ßes Gepäck auf dem Bahn­hof las­sen. Beden­ke das doch bit­te noch ein­mal. Über­haupt, wie kommt Dein Onkel zum Amt? Herz­lie­bes! Die­ses The­ma wer­den wir noch ein paar­mal durch­be­ra­ten. Noch ist es ja nicht so weit.
Mar­schie­ren­de Ita­lie­ni­sche Sol­da­ten beim Angriff auf Frank­reich, Quel­le: Bri­tish News, Nr. 2, eine Wochen­schau, Mit­te-1940, Über timeimage.wikispaces.com, 10.2015.

Es ist jetzt der Zeit­punkt, noch ein­mal alle glück­li­chen Umstän­de zu beden­ken, die uns hier zuteil wur­den. Der ers­te Ein­druck war auf uns Nicht­sol­da­ten ziem­lich nie­der­drü­ckend: Wir sahen Exer­zie­ren mit Hin­le­gen, wur­den gleich bös[‘] ange­fah­ren, es gab kein Was­ser, weil der elek­tri­sche Strom aus­blieb. Immer­zu ertön­te eine Tril­ler­pfei­fe, auf deren Pfiff wir wie eine geängs­te­te Her­de durch­ein­an­der­lie­fen. Damals trös­te­ten wir uns: in 4 Wochen ist alles vor­bei. Der dunk­le Him­mel klär­te sich von Tag zu Tag mehr auf. 1) Wir fan­den ein ordent­li­ches, sau­be­res Lager vor. 2) Die Ver­pfle­gung war gut und reich­lich, es wird gere­det: Ver­pfle­gung Num­mer 2, das ist nach der Ver­pfle­gung an der Front die nächst­bes­se­re. 3) Ich befand mich unter anstän­di­gen Kame­ra­den, wenigs­tens das anstän­di­ge Ele­ment domi­nier­te, die auf Ord­nung und auf eine gewis­se Lebens­art hiel­ten. 4) Der Dienst war leicht. 5) Uns[e]re Vor­ge­setz­ten mach­ten ihn uns noch leicht dazu. Der 3. Zug hat bedeu­tend mehr d[’]rangemußt, die haben den Erd­bo­den wenigs­tens fünf­mal mehr gero­chen als wir. Sel­ten ein Tag, in den letz­ten Wochen über­haupt kei­ner, an dem wir ver­drieß­lich und unlus­tig vom Dienst kamen.

Italian Invasion 1940 in Pindus Epirus
Ita­lie­ni­scher Angriff auf Grie­chen­land, 28.10.1940. Kar­te: von Ale­xi­k­oua aus ande­ren Quel­len über­ar­bei­tet, CCA-Sha­re Ali­ke 4.0 Intln Lizenz, über Wiki­me­dia Com­mons, 10.2015.
Alles in allem ist das ein güns­ti­ger Abschluß, zumal gemes­sen an dem, was man sonst aus der Rekru­ten­zeit erzäh­len hört. Ich könn­te nicht von einer Schi­ka­ne erzäh­len. Alle Freu­de aber und aller Son­nen­schein, soviel Freu­de und Kraft zum Durch­hal­ten, die kam von Dir, Gelieb­te, mein lie­be [Hil­de], von mei­nem lie­ben, treu­en Weib! Dein lie­bes, sor­gen­des Wesen, Dein treu­es Auge stand immer vor mir. Du warst mein unsicht­ba­rer, aber bes­ter Kame­rad auch hier, dem ich mich mit­tei­len durf­te, sagen, wie mir[’]s um[’]s Herz war; dem ich es ver­dan­ke, daß mir der Dienst noch viel leich­ter wur­de. So kam bei allem frem­den, kal­ten, mili­tä­ri­schen Leben das Herz nicht zu kurz, Du! Es ist nicht erkal­tet, Gelieb­te, o nein, es schlägt hei­ßer und unge­dul­di­ger unter dem grau­en Rock, es schlägt zu Dir, Gelieb­te, Hol­de!

Bundesarchiv Bild 183-L09218, Berlin, Japanische Botschaft
Fah­nen der Ach­sen­mäch­te auf dem Japa­ni­sche Bot­schaft, Tier­gar­ten­stra­ße, Ber­lin, 09.1940, DBa, Bild 183-L09218 / CC-BY-SA 3.0, über Wiki­me­dia Com­mons, 10.2015.
Wie­viel [sic] Freu­de berei­test Du mir heu­te wie­der, Gelieb­te! Zwei Boten emp­fing ich heu­te, den vom Sonn­tag und Mon­tag. Für den lie­ben, lie­ben lan­gen, Du! Wie soll ich Dir dan­ken? Ich kann es nicht mit Wor­ten. Ich mag Dir [^]aber auch die Aner­ken­nung mei­ner Kame­ra­den nicht vor­ent­hal­ten: „6 Se Blät­ter, 12 Sei­ten, was für Unsinn mag da drin ste­hen?“ Wenn Du den Ton­fall gehört hät­test, dann wäre auch Dir die Neu­gier deut­lich gewor­den, die in die­sen Wor­ten [^]lag. Wenn sie nur ahn­ten, was uns die­se Blät­ter, die­se Sei­ten bedeu­ten! Wenn sier ahn­ten, wie glück­lich wir bei­de sind, Du und ich! Du, wir zwei, wir zwei!! Nun bin ich so froh und möch­te am liebs­ten noch lan­ge, lan­ge mit Dir plau­dern heut[’] abend, auch ein wenig scher­zen und Dich necken, und dann Dich in mei­ne Arme schlie­ßen und küs­sen und – und ganz lieb haben, Du! Du!! Aber es geht heut[’] so und so nicht. Mußt mir schon ein wenig Zeit las­sen, vor allem muß ich alle Scher­ze zurück­stel­len, Du weißt, die gehen mir nicht so leicht ab, da brau­che ich Zeit zu. Hast mir nun alles so lieb berich­tet, daß ich ganz beru­higt bin. Hast es alles so emp­fun­den, wie ich es Dir ges­tern schrieb – und hast es alles so genom­men, wie ich es auch getan hät­te. Du! Lie­be! Und hast über der vie­len Arbeit Dei­nen Hubo nicht ver­ges­sen, hast ihm sei­nen Platz erkämpft, hast ihn selbst­be­wußt behaup­tet! Du! Wie dan­ke ich Dir dafür!! Weißt, ich hät­te Dich über­ra­schen mögen. Als Kir­mes­gast wäre ich in Omas Gast­stu­be gekom­men, oder hät­te bes­ser noch ans Küchen­fens­ter geklopft: „Hol­de!“ Und Du wärest gekom­men – und wir bei­de hät­ten Kir­mes Kir­mes sein las­sen, und der Sol­dat wäre mit der Kalt­mam­sell los­ge­zo­gen – fort – fort, bis nie­mand uns mit Rufen mehr hät­te errei­chen kön­nen. Ach Du! Gelieb­te! Rech­te Kin­der sind wir bei­de doch, Lie­bes­leu­te, so när­risch und ver­liebt inein­an­der! Ist es nicht spa­ßig? Den Hubo macht die Lie­be (dünn), nein falsch! dick, die [Hil­de] dünn – und nun ist es ganz rich­tig umge­kehrt. Ach was Du mir da sagst von dick, das glau­be ich ja nicht eher, als bis ich es fühl­te und sehe – und mich dar­über freue! [Du]! Herz­al­ler­liebs­te! Behü­te Dich Gott! Er erhal­te Dich froh und gesund! Bit­te, grü­ße mir die lie­ben Eltern! Mor­gen, Herz­lie­bes, hof­fe ich Dir län­ger und lie­ber schrei­ben zu kön­nen. Ja, Du, das Schrei­ben fällt ein­mal bes­ser und ein­mal schlech­ter aus. Aber die Lie­be zu Dir, mei­ne Dank­bar­keit, mei­ne Ach­tung und Ver­eh­rung sind unwan­del­bar und unaus­lösch­lich. Du, mei­ne lie­be [Hil­de]! Ich hal­te Dich ganz fest! Ich las­se Dich nim­mer! Nie­mals! Nie­mals!! Dein bin ich! Ganz Dein! Nur Dein! Gelieb­te! T&SavatarsmIn ste­ter Treue Dein [Roland], Dein Hubo, Dein Dicker­le! Und Du bist mein! Ganz mein! Hol­de, Du! Du!!
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